Ernst Tanner
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Ernst Tanner

Ernst Tanner im Interview

"Wir sind besser als Bayern und 1860"

München - Red Bull rüstet auf: In Salzburg entsteht ein grandioses Nachwuchszentrum für Fußball und Eishockey. Vor gut einem halben Jahr hat man sich auch noch das Knowhow des Ex-Löwen Ernst Tanner geholt: das Interview.

Ernst Tanner, Sie haben lange Jahre den Ruf der hervorragenden Nachwuchsarbeit beim TSV 1860 München aufgebaut und gefestigt, nach einer Zwischenstation bei 1899 Hoffenheim sind Sie nun Nachwuchsleiter bei Red Bull Salzburg. Ist Salzburg für Fußball-Talente aus dem südostbayerischen Raum eine echte Alternative zum FC Bayern und zu 1860 geworden?

Ernst Tanner: Alternative? Wir sind besser. Bei uns wird auf höchstem Standard ausgebildet, wir bieten hochqualifiziertes Training und haben Rahmenbedingungen, die es nicht allzu oft gibt.

Und damit treten Sie nun mit Bayern und 1860 in den Wettstreit um die Top-Talente?

Tanner: Beim Holen von Spielern verfolgen wir ein klares Konzept: Bis zur Akademie, die beginnt mit der U15, holen wir nur Spieler aus dem Salzburger Umland, vielleicht mal aus Tirol und Oberösterreich sowie aus dem bayerischen Raum. Da aber ist die Konkurrenz groß. Ein kleiner Bayern-Fan aus Anger entscheidet sich häufig für München, statt ins deutlich näher gelegene Salzburg zu wechseln.

Trotz der Möglichkeiten und der Tatsache, dass in Österreich hervorragend ausgebildet wird? Das wird ja auch beim FC Bayern anerkannt, der hinter Alaba noch weitere große Talente aus Österreich in seinen Reihen hat. Was macht Österreich besser als andere?

Tanner: Es fällt ja auf, dass kleinere Länder, die, wie auch die Schweiz, zentralisiert arbeiten, gute Erfolge im Nachwuchs haben können. In Österreich bekommen talentierte Kinder dank der LAZ (Landesverbandsausbildungszentren, d. Red.) schon früh ein hohes Maß an Training, eine breit angelegte Förderung, die vielleicht inhaltlich noch verbessert werden kann. Darauf aufbauend folgen die Akademien der Bundesligaklubs, die in einer Meisterschaft ohne Abstieg gegeneinander antreten. Das ist sehr förderlich, weil der große Druck wegfällt und nicht, wie oft in Deutschland, bevorzugt auf akzellerierte Spieler gesetzt wird. Gerade in der C-Jugend differieren die Jungs im biologischen Alter ja bis zu sieben Jahre. Wir können trotzdem die Kleinen spielen lassen und damit fördern.

Das Problem ist, dass die höheren Ligen nicht dem internationalen Anspruch gerecht werden.

Tanner: Deshalb gehen wir vermehrt zu großen Turnieren, um uns international zu messen. Und da schneiden wir sehr gut ab. Vorteil hier ist, dass man einen fließenden Übergang vom Jugend- zum Herrenfußball schaffen kann, wir können Talente in der Regionalliga bei Anif spielen lassen, beim FC Liefering, der in die 2. Liga aufsteigen soll. Die Besten kommen aus der U18 gleich in die Bundesliga, auch RB Leipzig wird eine Option werden. Wir wollen möglichst in allen höheren Spielklassen Einsatzmöglichkeiten für unsere Nachwuchskräfte haben.

Die aber auf Dauer in der österreichischen Bundesliga unterfordert sind.

Tanner: Die Liga ist vom Niveau her zu wenig homogen. Da spielt man häufig als Goliath gegen den David. Nun haben wir unsere Ausbildungsstruktur weiter forciert, der Verein baut auf den eigenen Nachwuchs. Und soll damit mittelfristig auch international eine bessere Rolle spielen können. Der FC Basel hat in der Schweizer Liga ein solches Problem, spielt trotzdem in Europa gut mit. Die sind aber 25 Jahre weiter als wir.

Sie sind vor gut einem halben Jahr in Salzburg eingestiegen, haben Sie die Ausbildungsphilosophie verändert?

Tanner: Das System war zuvor holländisch geprägt, technisch-individuell, auf viel Ballbesitz ausgelegt. Wir orientieren uns jetzt mehr an Deutschland und Spanien, schnelles Umschalten, ballorientiert, vor allem vertikal spielen und das Risiko suchen. Die Möglichkeiten hier sind besser als bei zwei Dritteln der deutschen Vereine.

Sie hatten bei 1860 große Erfolge, die Liste derer ist lang, die es unter Ihrer Ägide ganz nach oben geschafft haben. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Tanner: Bei Sechzig haben wir über starke Mannschaften Top-Talente ausgebildet. Mein Credo ist: Wir brauchen Mannschaftsspieler, keine Jungstars. Sie müssen gut erzogen, sozial verträglich sein. Der Charakter ist das A und O. Was bei 1860 gefehlt hat, war die strategische, konzeptionelle Ausrichtung, also die Fortsetzung und Vollendung der Ausbildung im Profibereich.

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Sie haben viele Talente kommen und gehen sehen. Die Benders waren Musterschüler, was aber war Ihre größte Enttäuschung?

Tanner: Ganz klar Savio Nsereko. Der ist schon früh dem Lockruf des Geldes erlegen und hat sein Talent damit weggeschmissen. Das ist ein gefährlicher Trend, wenn Jugendspieler schon mehr als ihre Lehrer verdienen. Geld kann die Mentalität zerstören.

Das sagen Sie als Nachwuchschef eines Vereins, dem nachgesagt wird, er wolle mit Geld die Welt kaufen?

Tanner: Also, wer glaubt, hier Reichtümer verdienen zu können, ist fehl am Platz. Wenn wir überdotierte Verträge machen, machen wir doch unsere Philosophie kaputt. Unsere Spieler verdienen angemessen, das Besondere hier ist das Umfeld, das wir bieten, die ausgezeichneten Möglichkeiten.

Wie das neue Trainingszentrum in Liefering, das gerade entsteht?

Tanner: Das ist ein groß angelegtes Nachwuchsprojekt für Fußball und Eishockey. Eine umfassende Infrastruktur mit modernsten Trainingsstätten, wie es sie in Europa nicht oft gibt. Bis zu 150 junge Sportler können hier untergebracht, fußballerisch, schulisch und persönlich ausgebildet und auf höchstem wissenschaftlichen und medizinischen Standard versorgt werden.

In Deutschland stellt sich oft die Schule, gerade durch das G8, als Problem dar. Ist das in Österreich besser?

Tanner: Die Schulkooperation in München ist schon auch sehr gut, in Österreich aber ist das ganze Schulsystem lockerer, flexibler. Schulzeitstreckung ist hier kein Problem, wir haben eine Privatschule mit im Boot, die uns maximale Flexibilität lässt.

Auf einen Abschluss legen Sie auch in Salzburg größten Wert?

Tanner: Ja, auf einen möglichst hochwertigen. Es ist ja nicht förderlich, wenn einer mit 16 die Realschule abschließt und sich nur noch auf Fußball konzentriert. Damit produzieren wir doch Sozialfälle. Wer im modernen Fußball taktische Vorgaben umsetzen will, muss schon auch was in der Birne haben. In meiner Zeit in Hoffenheim haben sich gerade die Jungs durchgesetzt, die sich auch mit Dingen abseits des Fußballs beschäftigt, die ihr Hirn trainiert haben.

Das erfordert aber ein gutes Zeitmanagement, wie oft trainiert ein 16-, 17-Jähriger in Salzburg?

Tanner: Sechsmal pro Woche, am Wochenende ist dann ein Spiel.

Das Werben um die Talente setzt ja inzwischen immer früher an. Ab wann sollte ein Kind zu einem Großverein wechseln?

Tanner: Da muss man die Situation des Jungen betrachten. Hat er daheim einen Supertrainer, wird er gut gefördert, dann ist er in seinem gewohnten sozialen Umfeld besser aufgehoben. Aber sobald er unterfordert ist, muss er zum nächsthöheren Verein gehen, er soll sich ja durchsetzen müssen, den Biss bekommen. Spätester Zeitpunkt für den Wechsel zu einem Top-Klub ist dann die U15. U16 ist schon zu spät.

Red Bull unterhält ja auch Nachwuchsakademien in Ghana, Brasilien, New York und Leipzig. Gibt es da regen Austausch, auch Wechsel?

Tanner: Es gibt enge Kontakte, gegenseitige Besuche und Vergleichsspiele. Aber erst ab 18 kommen auch mal Spieler aus anderen Erdteilen zu uns.

mm

Quelle: fussball-vorort.de

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