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Mittelfeldspieler türkisch, Torwart deutsch: Emre Anuk (l.) und Fabian Grüner stehen gemeinsam auf dem Platz.

Fußball-Chef Öztürk: „Sind vor allem ein Münchner Verein“

FC Anadolu Bayern: Türkisch-bayerisch kickt gut

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Mesut Özils Rücktritt steckt dem Land in den Knochen. Ist die Integration gescheitert? Oder hat Özil Deutschland hängen lassen? Bei den Fragen, die gestellt werden, geht es immer ums Ganze. Der Alltag sieht anders aus.

Vor Kurzem hatte der FC Anadolu Bayern Sommerfest. Eine große Sache für den Verein. Es gab Folklor, Tombala, Mangal und Canli Müzik, so stand es auf dem Plakat. Treffpunkt Bezirksportanlage, Agnes-Bernauer-Straße in München. Klar, der FC Anadolu ist ein türkischer Verein in München. Die erste Mannschaft spielt in der Bezirksliga Oberbayern Süd, drei Spiele, fünf Punkte. Aber dieser Verein ist genauso gut ein bayerischer Klub, verwurzelt in der Landeshauptstadt. Deswegen gab es beim Sommerfest auch gleich noch ein zweites Plakat auf Deutsch: Folklore, Tombola, Grill und Live-Musik, stand darauf.

So läuft das hier immer: Doppelt genäht hält am besten. Denn: In einer guten Welt und zum Glück auch im Alltag verbindet Fußball – er trennt nicht. Das ist in der Özil-Debatte zuletzt oft untergegangen. Die Wahrheit liegt auf dem Sportplatz von Vereinen wie dem FC Anadolu.

Mittelfeldspieler Emre Anuk, 30, steht neben dem Rasen: „Viele Politiker bauschen das Thema gerade ganz schön auf“, sagt der Amateurfußballer, der sogar mal in der Regionalliga gespielt hat. Jeder, findet er, versucht sich gerade durch besonders scharfe Aussagen in Richtung des zurückgetretenen Nationalspielers zu profilieren. Für Emre Anuk ist aber klar: „Wir dürfen die deutsch-türkische Freundschaft auf keinen Fall kaputtmachen.“

„Ich bin bestens integriert“ sagt Wolfgang Kleindienst

Wie gut sich die Kulturen beider Länder verbinden lassen, beweist seit Jahrzehnten der FC Anadolu. Der Bezirksligist ist einerseits auf der Führungsebene fest in türkischer Hand und die meisten Spieler – wie auch Emre Anuk – stammen aus der Türkei oder haben dort ihre Wurzeln. Andererseits spielen auch eine Handvoll Deutsche im Verein. Trainer ist Andreas Koch, der davor schon den TSV Grünwald und den VfB Forstinning betreut hat.

Wer wo herkommt, ist laut Samet Kaya, 31, letztlich jedoch egal. Grüppchenbildung gibt es keine, sagt der Abteilungsleiter, der beruflich Fotovoltaikanlagen verkauft. „Unsere Türen sind für jeden geöffnet.“

Worte, bei denen Wolfgang Kleindienst, 28, zustimmend nickt. Der Münchner Taxifahrer muss es wissen. Seit viereinhalb Jahren spielt der Verteidiger für Anadolu. Er sagt: „Ich bin bestens integriert.“ Pudelwohl fühlt er sich in seinem türkischen Umfeld. Vieles laufe, sagt er, anders ab als bei herkömmlichen „deutschen“ Vereinen. „Der Zusammenhalt innerhalb des Vereins ist enorm“, sagt Kleindienst. „Es geht sehr herzlich und familiär zu.“ Funktionäre und Trainer kümmern sich auch um private Angelegenheiten der Spieler und haben stets ein offenes Ohr und ein gutes Gespür für die Stimmung des anderen. „Da könnten wir kühlen Deutschen uns schon einiges abschauen“, sagt Kleindienst.

Beim FC Anadolu kommt es schon mal vor, dass sich ein älterer Spieler intensiv um einen bestimmten jüngeren Kicker kümmert. Er holt ihn daheim zum Training ab und bringt ihn wieder zurück. Der Ältere schaut auch, dass in der Arbeit alles passt. Er spielt, wenn man so will, den großen Bruder, der aufpasst, dass kein Quatsch passiert.

„Wer Schweinefleisch essen will, soll Schweinefleisch essen“

Neben Kleindienst steht sein Mitspieler Emre Anuk. Der muss lachen, als er hört, dass sich die Deutschen viel von den Türken abschauen. Anuk sagt: „Aber wenn wir nicht eure Disziplin in der Mannschaft hätten, würde auch nichts weitergehen.“ So lernt jeder von jedem. Klingt wie ein Integrationsmärchen. Ist aber harte Arbeit.

Neben den Türken und Deutschen gibt es bei Anadolu noch Spieler aus Italien, Rumänien oder Somalia. Für Abteilungsleiter Orhan Öztürk, 41, lautet das Zauberwort und der Kitt, der den Klub zusammenhält: Akzeptanz. Der Fußballer-Chef legt großen Wert darauf, dass sich niemand eingeschränkt fühlt. „Wer Schweinefleisch essen will, soll Schweinefleisch essen, und wer Alkohol trinken will, soll Alkohol trinken – da muss sich keiner irgendwelchen muslimischen Regeln unterordnen“, sagt er. Leben und leben lassen. So einfach ist das. So schwer ist das.

Es wird Deutsch gesprochen

Nur eines gibt Öztürk sowohl den Spielern als auch Trainern vor: gesprochen wird Deutsch. „Türkische Wurzeln hin oder her – wir sind am Ende vor allem ein Münchner Verein und da gehört sich das so.“ Auch gejubelt wird klassisch-bayerisch – nach Siegen bilden die Spieler einen Kreis und brüllen: „Zicke-Zacke-Zicke-Zacke-Hey-Hey-Hey!“ Beim TSV Oberammergau machen sie es nicht anders.

Lediglich bei der Musik in der Kabine heißt es für manche, Abstriche zu machen. Mit amerikanischen Hip-Hop-Songs und türkischen Liedern stimmen sich die Fußballer auf ihre Spiele ein. „Das gefällt einfach den meisten“, sagt Samet Kaya. Für deutsche Musik ist da kein Platz. Doch der Protest hält sich bei Wolfgang Kleindienst in Grenzen. Er nimmt’s lässig: „So laufen wenigstens keine Helene Fischer-Songs.“ Noch so ein Vorteil, wenn man bei einem deutsch-türkischen Team kickt.

„Mit seinem Rassismusvorwurf hat Özil übertrieben“

Wenn man mit den Kickern des FC Anadolu spricht, wird es sofort ernster, wenn der Name Mesut Özil fällt. Den Aufschrei nach dem Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan kann Abteilungsleiter Samet Kaya nicht nachvollziehen. „Erdogan ist doch kein Terrorist“, sagt er. „Wenn Matthäus sich mit Putin trifft, beschwert sich auch niemand.“

Auch Orhan Öztürk hat Verständnis für Özil. „Wenn dich der Präsident des Landes deiner Eltern einlädt, ist es eine Frage des Respekts, dieses Treffen wahrzunehmen“, sagt er. Anders wäre die Lage in seinen Augen gewesen, wenn Özil aktiv auf Erdogan zugegangen wäre. „Dann wäre es Propaganda gewesen – und so etwas geht natürlich nicht.“ Der DFB, findet er, hätte sich schützend vor seinen Spieler stellen müssen. Freisprechen von Fehlern will er den Mittelfeld-Star jedoch nicht. „Er hätte sich viel früher zu dem Thema äußern müssen. Da hätte er sich einiges an Ärger erspart.“

Für Emre Anuk ist zudem Özils Rassismus-Vorwurf gegenüber dem DFB nicht haltbar. „Da hat er schon ordentlich übertrieben.“

Beleidigungen gibt es immer wieder

Dass auf den bayerischen Fußballplätzen aber durchaus Probleme existieren, wissen sie bei Anadolu zu gut. Immer wieder werden Spieler oder der ganze Verein beleidigt. Bei einem Spiel in München, erzählt Samet Kaya, hätte eine Gruppe älterer Männer lautstark gefordert, dass ein Verein mit dem Namen „Anadolu“ in Deutschland gar nicht erst existieren dürfe.

Kaya möchte einen Vorfall wie diesen nicht zu hoch hängen. „Bei den meisten Leuten – vor allem den Jüngeren – gibt es solche Gedanken zum Glück nicht“, sagt er. „Und ein paar Deppen gibt’s halt immer und überall.“

Als sich Samet Kaya an diesem Abend vom Trainingsgelände des FC Anadolu verabschiedet, bleibt sein Blick plötzlich an der Hose von Wolfgang Kleindienst hängen. „Sag mal, die is ja vom FC Bayern“, raunzt er. Kleindienst nickt und lächelt schelmisch. Kaya sagt: „Mei o mei. Du weißt doch, dass bei mir nur 1860 erlaubt ist.“

Bei manchen Dingen stößt selbst beim FC Anadolu Bayern die Toleranz an ihre Grenzen.

Von Simon Nutzinger

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