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Neue Nummer eins: Seit dem sechsten Spieltag hütete Franco Flückiger das Tor bei Türkgücü München. 

Wenn der Fußball zur Nebensache wird

Nach der Krebserkrankung seiner Frau: Wie erträgt Franco Flückiger die Anfeindungen?

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Für Franco Flückiger war der Fußball immer das Wichtigste im Leben. Bis zum 13. Februar 2019. Bei einer Routineoperation entdecken die Ärzte bei seiner Frau Jessica ein bösartiges Krebsgewebe an der Schilddrüse.

 Eine Diagnose, die alles verändert hat. „Ich wusste nicht, was ich sagen oder wie ich reagieren soll. Mir hat es für sie so unendlich leidgetan. Damit rechnet keiner. Erst recht nicht in unserem Alter“, sagt Flückiger. Bereits zwei Tage nach der Untersuchung entnehmen die Ärzte seiner Frau Schilddrüsen- sowie Lymphknotengewebe. Beim Eingriff erleidet Jessica eine Stimmbandlähmung. Sie wird ihr ganzes Leben damit kämpfen müssen. Und Franco Flückiger? Der steht während der Operation seiner Frau im Tor. Für seinen Verein Wacker Burghausen. Eine Grenzsituation. „Ich habe das Spiel wie in Trance erlebt. Meine Gedanken waren bei Jessica. Keiner im Verein hat mir vorgeschlagen, auf das Spiel zu verzichten.“

Hetze im Internet und in der Presse

Jessica und Franco lernen sich im November 2013 kennen. Bis zur Erkrankung führt das Paar eine Fernbeziehung. 600 km liegen zwischen Burghausen und Zittau in Sachsen. Nach der OP steht für Flückiger fest: Der Fußball ist Nebensache. Er möchte nur noch für Jessica da sein. Doch der Torwart hat noch ein Jahr Vertrag in Burghausen. Flückiger will mit seiner Frau zurück nach Cottbus. Er bittet den Vorstand von Wacker Burghausen um die Auflösung seines Vertrags. Die Verhandlungen ziehen sich über vier Wochen. Er hat Pläne mit Jessica. Der 28-Jährige möchte die Fußballschuhe an den Nagel hängen und ein Fitnessstudio in Cottbus übernehmen.

Drei Tage, nachdem die Vertragsauflösung öffentlich wird, klingelt sein Handy. Robert Hettich, Kaderplaner vom Regionalliga-Aufsteiger Türkgücü München, spricht am Telefon von großen Zielen. Der Verein möchte nach oben. Für Flückiger war das uninteressant. Für ihn zählt nur noch seine Frau. Doch Hettich lässt nicht locker. Türkgücü bietet Flückiger mehr als eine sportliche Perspektive und Geld: Jessica erhält in München die ideale Behandlung für ihre Krankheit. „Kein anderes Argument hätte mich überzeugen können“, betont Flückiger. Er unterschreibt einen Zwei-Jahres-Vertrag. Eine Unterschrift, die zu Anfeindungen in der Presse und zu Hetze im Internet führt.

Die Verantwortlichen von Wacker kennen die Hintergründe über Flückigers Vertragsauflösung. Und wenden sich dennoch im Sommer an die Presse: „Es gibt gewisse Werte im Leben. Diese Werte hat Franco mit Füßen getreten“, sagte Burghausens Teammanager Karl-Heinz Fenk gegenüber der Passauer Neuen Presse. Für Fenk war die Art und Weise des Wechsels ein Unding: „So etwas habe ich in 30 Jahren Fußball noch nicht erlebt. Eine Vertragsauflösung auf den Rücken seiner erkrankten Frau herbeizuführen, um drei Wochen später zu einem anderen Verein zu wechseln und dort sehr wahrscheinlich mehr Gehalt zu bekommen, macht mich sprachlos.“

Im Internet gehen Fans noch weiter. Sie werfen Flückiger vor, die Krankheit seiner Frau nur vorzuschieben. Der wahre Grund für den Wechsel sei das Gehalt in München.

Am Montagabend musste er an den Ort zurück, wo er zwei Jahre zwischen den Pfosten stand. Türkgücü schlägt Wacker mit 2:1. Der Sieg katapultiert die Mannschaft an die Tabellenspitze. Franco Flückiger bleibt fehlerfrei. Die Reaktionen der Wacker-Fans hört er, aber sie lassen ihn kalt. „Die Sprechchöre und Rufe gegen meine Frau waren unter der Gürtellinie“, sagt Franco Flückiger.

Bis heute hat der 28-Jährige nicht öffentlich über die Vorwürfe gesprochen. „Meine Stimme wurde nie gehört. Man sollte vorsichtig sein, über das Privatleben eines Spielers zu berichten, ohne die Hintergründe zu kennen“, sagt Flückiger. Der Keeper betont, dass er in seiner Zeit für Wacker immer alles gegeben hat: „Ich bin am Tag der Operation meiner Frau im Tor gestanden. Das ist grenzwertig.“ Jessica drückte ihrem Mann zu Hause die Daumen. „Ich war froh, dass man im Fernsehen außer den Pfiffen nichts verstanden hat. Was gesagt worden ist, möchte ich nicht mehr widergeben. Aber es bezog sich immer auf den Gesundheitszustand meiner Frau“, sagt Flückiger.

Der 28-Jährige kann über die Reaktionen seines Ex-Vereins und der Fans nur den Kopf schütteln: „Jeder, der weitere Information haben möchte, soll sich die Narben meiner Frau von ihren OPs anschauen. Die sind nicht zu übersehen.“ Flückiger hat das Kapitel Burghausen abgeschlossen. „Ich hätte mir aber einen anderen Weg gewünscht.“

Dass er gegen seinen Ex-Verein überhaupt zwischen den Pfosten stand, überrascht viele. Vor der Saison verpflichtete Türkgücü auch Maxi Engl. Flückigers Konkurrent ist erst 21 und konnte bereits Profiminuten in Erfurt sammeln. Daniel Bierofka wollte Engl 2017 zur Nummer eins im Löwen-Tor machen. Vor dem Saisonstart verletzte sich Flückiger an der Hüfte. Das Duell um den Platz im Türkgücü-Tor endete kampflos. Doch nach fünf Spieltagen entschied sich Trainer Reiner Maurer für den genesenen Flückiger: „Wir hatten ganz einfach zu viele Gegentore. Ich wollte auf der Torhüter-Position eine Veränderung.“ Flückiger schätzt seinen Kollegen und Rivalen. Beide haben ein gutes Verhältnis zueinander: „Maxi ist ein junger Torhüter. Er wird seinen Weg gehen. Ihm hat in der einen oder anderen Situation das Spielglück gefehlt.“ Das war Flückigers Chance.

Flückiger war U19-Nationaltorhüter

In jungen Jahren hatte der Keeper eine Profi-Karriere vor sich. Flückiger war Teil der deutschen U19-Nationalmannschaft. Er stand beim 1. FC Magdeburg unter Vertrag. RB Leipzig – damals noch viertklassig – wollte das Torwart-Talent. Doch Magdeburg ließ ihn nicht ziehen.

Die Träume von der großen Karriere sind mittlerweile Geschichte. Auch der Fußball hat nicht mehr dieselbe Bedeutung. Sieg oder Niederlage sind nicht mehr so wichtig. Flückiger will eine Zukunft mit seiner Frau. Vor zwei Wochen hat Jessica ihre Diplomarbeit abgegeben. Ob sie wieder vollständig gesund wird, wissen beide erst 2024. Franco Flückiger möchte noch ein paar Jahre Fußball spielen, bevor er ein Fitnesscenter übernimmt. Doch das spielt im Moment keine Rolle. Seit dem 13. Februar 2019 weiß er, dass es im Leben Wichtigeres gibt als den Job oder Fußball: Jessica muss wieder gesund werden.

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