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Öffentlichkeit ist willkommen – zu seinen Bedingungen: Mehmet Scholl als Bayern-Trainer und ARD-Experte.

Zwei Jobs sind einer zu viel

Scholl: War ihm die ARD wichtiger?

München - Die Meldung war ein Paukenschlag: Scholl verlässt die Bayern. Dem Münchner Publikumsliebling ist die ARD wichtiger als der Trainerposten beim FC Bayern – das überrascht nur auf den ersten Blick

von Marc Beyer

München – 20 Sekunden sind nicht viel Zeit. Ein Fußballspiel in 20 Sekunden erschöpfend zu analysieren, schafft kein Trainer. Mehmet Scholl hat es gar nicht erst versucht, nachdem die von ihm trainierte Reserve des FC Bayern im September 2012 gegen den VfL Frohnlach mit 0:1 verloren hatte. Er sei nicht zufrieden, hob er an, ihm sei vieles unangenehm aufgestoßen. „Und das muss ich erst mal mit mir selbst ausmachen.“ Dann nahm Scholl noch eine Knabberei vom Teller, steckte sie in den Mund und verschwand. Nach 20 Sekunden war die Pressekonferenz beendet.

Das sind die Chef-Kritiker des FC Bayern

Das sind die Chef-Kritiker des FC Bayern

Viele Akzente hat der langjährige Bayern-Profi, der Europameister, achtmal Deutscher Meister und Champions League-Sieger wurde, als Trainer der Regionalliga-Mannschaft noch nicht gesetzt. Sein Auftritt vor viereinhalb Monaten im Sportpark Heimstetten war der wohl prägnanteste. Und viel wird nun auch nicht mehr hinzukommen. Am Saisonende gibt er das Amt auf, beim Abwägen zwischen dem Bayern-Job und seiner Tätigkeit als ARD-Experte hat er sich fürs Fernsehen entschieden.

So überraschend kommt das nicht. Die eingangs erwähnte Szene steht sinnbildlich für die Weigerung, eines der Grundgesetze des Fußballs anzuerkennen. Scholl (42) ist seit über zwei Jahrzehnten in der Branche tätig, doch einen wesentlichen Bestandteil hat er für sich bis heute nicht akzeptiert. Schon als Spieler entzog er sich den Erwartungen der Medien-Öffentlichkeit weitgehend.

Legendär: Scholls 13 Sekunden-PK

Während die Fernsehzuschauer in seinen gelegentlichen Interviews nach Spielen einen witzigen, schlagfertigen, sympathischen Profi zu sehen bekamen, kannten ihn Printjournalisten als durchaus schroff, zu Gesprächen kam es selten, fast nie. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Als Trainer eine Stellungnahme zum Spiel zu verweigern und die Pressekonferenz eigenmächtig zu verlassen, ist ein Affront, den sich nicht viele trauen In der Regel zieht so ein Verhalten scharfe Kritik nach sich. Nicht bei Scholl. Ihm verzeihen die Leute viel. Im Internet steht zu dem Video aus Heimstetten der Kommentar „Schon jetzt Kult“.

Lieber bei der ARD- Nur auf den ersten Blick ist das ein Widerspruch 

Nur auf den ersten Blick ist es ein Widerspruch, dass der Mann, der die Medien auch jetzt noch (bis auf sehr wenige Ausnahmen) konsequent auf Distanz hält, lieber beim Fernsehen arbeitet als beim großen FC Bayern. Es ist ein Unterschied, ob jemand zu seiner täglichen Arbeit befragt wird, im Misserfolgsfall Rede und Antwort stehen muss und sich der Frage zu stellen hat, ob die Bayern mit einem üppig besetzten Kader in der Regionalliga als Vierter hinter Illertissen, Buchbach und dem vom Ex-Löwen Karsten Wettberg trainierten SV Seligenporten angemessen notiert sind. Oder ob er als TV-Experte umgarnt wird und ein Millionenpublikum hat.

Scholl akzeptiert die Öffentlichkeit - aber nur zu seinen Bedingungen

Scholl akzeptiert die Öffentlichkeit durchaus. Aber nur zu seinen Bedingungen. Er hat kein Problem gehabt, eine Radiosendung im Bayerischen Rundfunk zu moderieren und seine Lieblingssongs zu spielen. Um für sein 2011 gegründetes Plattenlabel zu werben, hat er ebenfalls die Öffentlichkeit gesucht. Als Trainer ein überraschendes 0:1 gegen einen Abstiegskandidaten zu kommentieren, fällt ihm schwerer.

Für einen Mann mit seiner Vita war es verblüffend naiv, wie Scholl, der Bayern-Trainer, während der EM 2012 am ARD-Mikrofon Mario Gomez, den Bayern-Stürmer, vernichtete („Ich hatte Angst, dass er sich wundliegt“). Danach war klar, dass zwei Jobs auf Dauer einer zu viel sein würden. Was Scholl neben der ARD bleibt, sind seine Werbeverträge. Er wirbt für Krombacher, Dacia, C&A. Dort profitiert er von seiner erfolgreichen Karriere, seiner witzigen Art und der TV-Popularität. Als Trainer der Regionalliga-Mannschaft des FC Bayern hat die Öffentlichkeit den Werbeträger Mehmet Scholl dagegen nie gesehen.

Quelle: fussball-vorort.de

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