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Von der Schwierigkeit, ein guter Verlierer zu sein

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Wissen Sie, was ein Weltuntergang ist? Wir wissen es auch nicht und hoffen inständig, es nie zu erfahren. Doch was den Bayern an diesem Abend vor gut 20 Jahren widerfahren ist, dürfte für sie so etwas Ähnliches gewesen sein.

Vom Himmel in die Hölle innerhalb von Sekunden, zwei Gegentreffer in der Nachspielzeit. Vorbei der schöne, lang gehegte Traum vom Sieg in der Champions League. Den großen Triumph feiert nun Manchester United, das eigentlich schon besiegt war. Es muss ein schreckliches Gefühl sein. In diesen Momenten Haltung zu bewahren, das erfordert fast übermenschliche Kräfte. Doch genau in diesen Minuten ist aus einem Verlierer ein ganz großer Sieger geworden. Der Trainer Ottmar Hitzfeld hätte allen Grund gehabt, mit seinen Spielern und dem Schicksal zu hadern, in Tonnen zu treten, mit Gegenständen zu werfen oder bösen Worten. Doch er ist losmarschiert, von einem seiner Männer zum anderen, zu jedem einzelnen, der da weinend, fassungslos auf dem Rasen lag oder kauerte. Er hat sie getröstet, jeden von ihnen. Für ihn waren es nicht die Sündenböcke, die den nahen, auch seinen Triumph leichtfertig verschenkt hatten

Es waren Menschen, die Trost brauchten. Auch Ottmar Hitzfeld hätte ihn wohl gebraucht, aber hat sich den Fragen der Reporter gestellt, sanft lächelnd, nüchtern analysierend, ohne Anklagen und ohne Bitterkeit in der Stimme. Es war ein großer Moment – für den FC Bayern, für den Fußball, für den Sport. Ein Mann hat sich zum Vorbild aufgeschwungen für viele andere, die ähnlich bittere Niederlagen nie erlebt haben, die aber in weit weniger dramatischen Situationen weit weniger Haltung bewiesen haben. 

Wir haben uns erinnert an unsägliche Auftritte einiger Herren, an absurde Schuldzuweisungen, fern jeder Sportlichkeit. Und wir haben an viele Jugendtrainer gedacht, die eigentlich noch viel mehr in der Pflicht sind, als Vorbild zu wirken. Erst kürzlich haben wir ein F-Jugendturnier erlebt, bei dem im Finale die Mannschaft eines ruhmreichen Vereins ziemlich chancenlos gewesen ist gegen einen groß aufspielenden Kontrahenten. Der Trainer, sichtlich überrascht und von der Situation überfordert, ist wild fuchtelnd an der Linie gestanden, hat erst seine Spieler, dann den Schiedsrichter angebrüllt. Und schließlich – weil  ein angebliches Foul nicht gepfiffen worden war – seine Buben, bebend vor Wut, vom Spielfeld geholt. Der Mann konnte einfach nicht verlieren, nie hat er es gelernt. Wie sollen es dann die Kinder lernen? Manche Jugendtrainer sind sich ihrer Vorbildwirkung offensichtlich nicht bewusst, ahnen nicht, wie viel Kinder gerade von ihrem Verhalten übernehmen. Beginnt der Trainer auf den Schiedsrichter zu schimpfen, tun dies auch die Kinder; nicht mehr sie verlieren das Spiel, sondern der Unparteiische klaut ihnen den Sieg. Steht der Trainer rauchend am Spielfeldrand, sinkt bei den Jugendlichen die Hemmschwelle, es auch einmal mit Zigaretten zu versuchen. Trinkt der Trainer in Gegenwart seiner Mannschaft regelmäßig einen über den Durst, werden auch seine Spieler kaum den Alkohol meiden. 

Trainer sind auch Sportlehrer, die im Jugendbereich eine große pädagogische Aufgabe haben. Nein, sie müssen nicht mit Heiligenschein auftreten. Sie müssen sich nur immer wieder bewusst machen, dass der Sport auch eine bedeutende soziale Funktion hat, dass man im Sport lernt, seinen Gegner zu achten, Regeln einzuhalten, mit Niederlagen umzugehen. Gerade mit letzterem haben viele Sportler, haben viele Trainer Probleme. Deshalb war der Auftritt des Ottmar Hitzfeld damals in Barcelona eine Sternstunde für den Sport. Denn es ist weit schwieriger, ein guter Verlierer zu sein als ein großer Sieger.

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