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Wieder vereint bei Türkgücü München: Reiner Maurer und Robert Hettich arbeiteten bereits beim TSV 1860 München zusammen.

Der sportliche Abstand zwischen dem TSV 1860 und dem „Projekt Türkgücü“ schmilzt

Kaderschmied Robert Hettich plant den Löwen-Angriff

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Für Türkgücü München sind Duelle gegen die Löwen kein Traum mehr. Robert Hettich hat einen Kader zusammen gestellt, der den Durchmarsch in die 3. Liga packen kann. 

von Niklas Sagner

In der jüngeren 1860-Geschichte gibt es zwei Momente, in denen bei den Löwen alles hätte gut werden können. Im August 2000 hören 56.000 Zuschauer im Olympia-Stadion, wie ein Häßler-Freistoß gegen den Außenpfosten kracht. Robert Hettich kommentiert das Rückspiel gegen Leeds United für das Web-Radio der Löwen. Zu einer Zeit, als in den meisten Haushalten noch ein Modem hängt. „1860 stand vor dem größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Das wäre das Tor zur Champions League gewesen“, erinnert sich der 44-Jährige. Danach ging es mit dem TSV 1860 bergab. Den Kioyo-Moment kommentiert Hettich ebenfalls live aus dem Olympia-Stadion. „Da haben einem die Worte gefehlt. Am Ende der Saison konnte keiner glauben, dass der TSV 1860 wirklich abgestiegen ist.“

Die Zeit als Pressesprecher und Teammanager bei den Löwen ist für Hettich unendlich weit weg. Nach elf Jahren kündigte ihm der damalige Geschäftsführer Robert Schäfer. Begründung: Personalabbau aufgrund der drohenden Insolvenz. „Ich erinnere mich mehr an die positiven Erlebnisse“, betont Hettich und hakt damit in einem Satz seine Löwen-Vergangenheit ab.

Der Abstand zum TSV 1860 schmilzt

Hettich hat Wichtigeres zu tun, als über den TSV 1860 zu sprechen. Seit einem Jahr plant er den Aufstieg von Türkgücü München. Und damit den Angriff auf die Löwen. Der sportliche Abstand zwischen dem Münchner Traditionsverein und dem „Projekt Türkgücü“ schmilzt. 22 neue Spieler haben sich vor der Saison „für das spannende Projekt“ entschieden“. Ein Satz, der bei jeder Pressemitteilung fiel. Ist Erfolg planbar, wenn die richtigen Leute mit den entsprechenden finanziellen Mitteln in Ruhe arbeiten können?

Bis jetzt scheint der Plan von Präsident Hasan Kivran aufzugehen. Der Türkgücü-Investor wollte einen Kaderplaner, der die Regionalliga und den Profi-Fußball kennt. Kivran holte Hettich. Hettich holte Ex-Löwen Trainer Reiner Maurer. Zusammen tauschten sie den Kader aus. Nach 15 Spieltagen ist Türkgücü Erster der Regionalliga Bayern. Der Meister steigt in dieser Saison direkt in die 3. Liga auf.

Wer den Arbeitsplatz von Robert Hettich an der Heinrich-Wieland-Straße sieht, glaubt an einen schlechten Scherz, wenn es um die Ziele des Vereins geht. Die Kabinen haben Kreisliga-Charme. Wer Robert Hettich treffen möchte, muss über eine Treppe zu seinem Büro. Ein Holz-Container, von dem Hettich einen perfekten Blick auf die Spieler hat, die Trainer Reiner Maurer bei einem Abschlussspiel schwitzen lässt. Ein Kader, in dem selbst der ehemalige Zweitliga-Stürmer Karl-Heinz Lappe nur Reservist ist. „Für keinen einzigen Spieler mussten wir eine Ablöse bezahlen“, sagt Hettich stolz.

Schlüsselspieler Marco Holz

Hettich spielte als Fußballer nie höher als in der Landesliga. Ein Karriere-Highlight war ein Eins-gegen-Eins-Duell im Training des TSV Eching. Trainer Willi Bierofka hatte seinen 16-jährigen Sohn mitgebracht. „Biero war ein riesen Kicker. Er war viel zu schnell für mich mit seinen quirligen Dribblings.“ Woher nimmt er das Know-how, den Kader für das Profi-Projekt Türkgücü zusammenzustellen? Robert Hettich schaut regelmäßig Fußball. Für Sky erstellt er Videoanalysen und virtuelle Grafiken. „Ich schaue mir mit Erik Meijer die Champions League an. Es ist wie Fußball schauen unter Freunden.“ Nur dass Meijer und Hettich kein Bier trinken, sondern Analysen erarbeiten. Der Job bei Sky ist längst eine Nebentätigkeit. Doch das Know-how hilft ihm bei der Kaderplanung bei Türkgücü.

Der Schlüsselspieler im Sommer war Marco Holz, der für Cottbus und Burghausen in der 3. Liga gespielt hat. „Nach seiner Verpflichtung haben viele interessante Spieler gemerkt, dass bei uns wirklich etwas zusammen wächst“, verrät Hettich sein Vorgehen bei der Kaderplanung. Er verbrachte Stunden auf der Autobahn. Im Gepäck hatte er Reiner Maurer. „Die persönlichen Gespräche vor Ort waren wahnsinnig wichtig“, betont Hettich. Reiner Maurer erstellte für jeden Wunschspieler eine individuelle Analyse. Bei den persönlichen Gesprächen zeigte er ihnen ihre Stärken. Und einen Plan, wie er die Schwächen im Training verbessern will. „Das hat alle Spieler sofort beeindruckt“, schwärmt Hettich über seinen wichtigsten Transfer: den Trainer.

Derby-Held Thomas Riedl im Löwen-Büro: Momente für die Ewigkeit erlebte Robert Hettich bei 1860. 

„Reiner Maurer ist der perfekte Mann für unser Projekt. Er war der beste Trainer, den der TSV 1860 in der 2. Bundesliga hatte“, sagt Hettich. Genau diesen Trainer wollte Hettich für den Türkgücü-Durchmarsch. Maurer war schon ein Laptop-Trainer, als in den Büros der Bundesligisten noch Röhrenbildschirme standen. „Er ist eine Koryphäe in Sachen Videoanalyse. Auf diesem Gebiet gehört er zu den Top-Leuten in Deutschland“, schwärmt der 44-Jährige.

Analyse bei Lorant mit VHS-Kassette

Robert Hettich kennt Reiner Maurer noch aus einer Zeit, in der es keine Video-Analysen mit Lupen, Pfeilen oder Slow-Motion gab: „Bei Werner Lorant wurde quasi eine VHS-Kassette eingelegt. Dann wurde mit der Mannschaft über das Spiel gequatscht“, erzählt Hettich. Reiner Maurer und Robert Hettich haben sich weiterentwickelt. Und einen neuen Verein für ihre Ziele gefunden. „Wenn du bei einem Profiverein bist, hast du laufende Verträge. Bei Türkgücü hatte kein einziger Spieler einen Vertrag für die nächste Saison. Wir konnten die Mannschaft von null auf planen und entwickeln.“ Eine Mannschaft, die mit einem ehemaligen Löwen-Gespann nicht mehr weit weg ist vom TSV 1860 München. Zumindest sportlich.

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