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Der Griff zum Oberschenkel: An dieser Stelle verletzen sich Fußballer (hier Kingsley Coman vom FC Bayern) am häufigsten; Fußballerinnen haben im Vergleich zu den Männern eher mit Kreuzbandverletzungen zu kämpfen.

Sportwissenschaftler Philipp Baumert erklärt, auf was Freizeitkicker nach der langen Pause achten müssen

„Die größte Verletzungsgefahr droht bei Sprints“

  • Patrik Stäbler
    vonPatrik Stäbler
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Der Saisonabbruch im bayerischen Amateurfußball ist so gut wie besiegelt. Bedeutet für die Freizeitkicker im Freistaat: Sollten sie im Spätsommer in die neue Saison starten, wird hinter ihnen eine fast einjährige Wettkampfpause liegen. Entsprechend groß dürfte die Verletzungsgefahr sein. Im Interview rät Sportwissenschaftler Philipp Baumert den Freizeitkickern zu einer gezielten Vorbereitung, die über regelmäßiges Joggen hinausgeht. Und er erklärt, wieso Liverpools Mohamed Salah in dieser Beziehung als Vorbild dient.

Landkreis–  Den Amateurfußballern in Bayern droht wegen der Pandemie eine fast einjährige Wettkampfpause, ehe vermutlich im Spätsommer wieder Ligaspiele anstehen. Wie groß wird dann die Verletzungsgefahr sein?

Das ist individuell unterschiedlich und hängt natürlich davon ab, wie sich der Fußballer fit gehalten hat. Ich gehe davon aus, dass viele etwas für ihre Ausdauer tun und beispielsweise regelmäßig zum Joggen gehen. Was dabei aber zu kurz kommt und generell zu wenig beachtet wird, sind Sprints mit maximaler Geschwindigkeit.

Wie sie im Spiel dutzendfach vorkommen…

Und genau hier lauert eine große Verletzungsgefahr, weil der Körper auf diese Belastung nicht vorbereitet ist. Schließlich sprinten wir im Alltag so gut wie nie, und auch beim Joggen laufen nur die wenigsten mit maximaler Geschwindigkeit.

Welche Art von Verletzungen drohen dann im Spiel?

Die häufigste Verletzung bei männlichen Fußballern betrifft die Muskulatur an der Oberschenkelrückseite. Sie tritt typischerweise im Spiel auf – nach wiederholten Sprints. Auch Frauen verletzen sich oft an der Oberschenkelrückseite, jedoch haben sie, relativ zu den Männern gesehen, häufiger mit Kreuzbandverletzungen zu kämpfen.

Wie können Fußballer ihren Körper auf diese Belastung im Spiel vorbereiten?

Meine Empfehlung ist ein regelmäßiges Sprint-Training. Dafür sucht man sich einmal die Woche eine 30 Meter lange Strecke und läuft sie drei-, viermal sehr schnell – mit etwa 90 Prozent der maximalen Geschwindigkeit. Mit der Zeit steigert man dann sowohl die Zahl der Wiederholungen als auch das Tempo, bis man bei 100 Prozent angekommen ist.

Ein solches Sprinttraining kann für Gefahr von Oberschenkelverletzungen mindern. Wie sieht es mit dem Kreuzband aus?

Hier handelt es sich meist um deutlich kompliziertere Verletzungen, bei denen die Wissenschaft die Hintergründe noch nicht genau kennt. Der typische Bewegungsablauf ist jedoch, wenn ein Sportler kurzfristig stoppt und das Knie nach innen dreht - ob mit oder ohne Körperkontakt. Bei Fußballern kommen dabei als zusätzlicher Risikofaktor die Stollenschuhe dazu, da sie die Gefahr von Kreuzbandverletzungen erhöhen. Zur Prävention empfehle ich Kräftigungsübungen für die Beine. Studien zufolge kann die Gefahr von Kreuzbandverletzungen dadurch um bis zu 50 Prozent verringert werden. Und das gleiche gilt auch für Muskelverletzungen.

Philipp Baumert (35) ist Postdoktorand am Lehrstuhl für Sport- und Gesundheitswissenschaften der Technischen Universität München. Er ist Experte zum Thema Sportverletzungen und hat seine Doktorarbeit in Liverpool über Muskelschäden am hinteren Oberschenkel im Profifußball geschrieben. Aktuell forscht Baumert über die Mechanismen des Muskelwachstums. Außerdem untersucht er im Rahmen eines von der EU geförderten Projekts die Rolle von Genetik und des Menstruationszyklus bei Verletzungen im Frauenfußball.

Das heißt, allein Ausdauertraining reicht nicht zur Vorbereitung auf den Wiedereinstieg in den Spielbetrieb?

Natürlich ist Ausdauer wichtig. Aber wenn der Körper im Spiel einer plötzlichen Belastung ausgesetzt wird, dann hält er das eher aus, wenn auch die Muskulatur sowie die Sehnen und Bänder gestärkt sind.

Und wie schafft man das?

Es gibt vom DFB ein 20-minütiges Trainingsprogramm namens „FIFA 11+“. Das findet man schnell im Internet, und die Übungen kann ich allen Breitensportlern nur empfehlen – vor und nach dem Training. Als Trainer würde ich meinen Spielern das gar nicht als Programm zur Verletzungsprävention, sondern zur Leistungsverbesserung ans Herz legen. Denn wer diese Übungen regelmäßig macht, der wird mit der Zeit schneller und hält auf dem Platz länger durch. Und wenn die Spieler zusätzlich noch Krafttraining für die Beine machen, dann umso besser.

Mit Blick auf die kommende Saison im Amateurfußball: Wie viel Zeit sollte man nach einer so langen Wettkampfpause für die Vorbereitung veranschlagen?

Eine allgemeingültige Antwort gibt es hier nicht, auch weil die Ausgangslage je nach Fitnesslevel des Spielers ganz unterschiedlich ist. Zu Beginn der Pandemie hat Professor Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule zu einer Vorbereitungszeit von vier bis fünf Wochen geraten, und diese Angabe ist sicher ein guter Anhaltspunkt. Allerdings zeigen Studien sehr deutlich: Je länger Fußballer ihre Beinmuskulatur trainieren, desto besser ist es für sie – und desto geringer wird die Verletzungsgefahr.

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