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DFB-Pokal: Viertelfinale abgesagt! Corona-Fälle bei Überraschungs-Team verhindern historisches Spiel

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Extreme Herausforderung: Marhaba Heider Islamyar während seiner Tour auf den K2. Der Fußballer des FC Aschheim musste allerdings kurz vor dem Erreichen des Gipfels abbrechen.

„Respekt und Toleranz sind das Wichtigste“

  • vonGuido Verstegen
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Noch kein Pflichtspiel-Einsatz in dieser Saison – und doch so wichtig für den Mikrokosmos Fußball-Mannschaft beim Bezirksligisten FC Aschheim: Marhaba Heider Islamyar über die sportlichen Aussichten des Teams, seine Rolle im Kader und die Erfahrungen beim Aufstieg zum K2. Ein Interview.

Aschheim – Als Marhaba Heider Islamyar der Anruf unserer Zeitung erreicht, muss er sich erst einmal von der Ernsthaftigkeit der Angelegenheit überzeugen lassen: „Ich habe gedacht, einer der anderen Spieler ist dran, verstellt seine Stimme und will mich reinlegen. Das machen die Jungs immer wieder mal.“ Bis dato hat sich der 34-Jährige nach eigenen Angaben noch nicht revanchiert, „weil aber jeder mal drankommt, ändert sich das unter Umständen bald“. „Mappa“, wie ihn viele rufen, ist einer, der im Kader des FC Aschheim nicht besonders herausragt und doch so wichtig ist für den Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft. Als „sportlich ehrgeizig, immer freundlich, ehrlich und hilfsbereit“, charakterisiert FCA-Teammanager Steffen Tripke den „immer korrekten“ Fußballer. Trainer Thomas Seethaler ist froh darüber, Islamyar in seinem Team zu haben: „Solche Typen sind rar gesät – und du brauchst sie einfach. Er sorgt für gute Stimmung in der Kabine, im Miteinander mit den Jungs blüht er auf. Auch von der Bank aus feuert er die anderen an, ist nicht sauer, wenn er außen vor bleibt.“

Als Neunjähriger und eines von insgesamt zehn Kindern flüchtete Marhaba Heider Islamyar ganz allein aus dem Kriegsgebiet Afghanistan zu seinem Onkel nach Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz. „Das vergesse ich nie. Es war eine schwierige Zeit damals für mich – aber das Leben ist hart, was soll man machen? Immerhin waren damals noch die Grenzen offen“, erinnert sich Islamyar. In Idar-Oberstein spielte er bis zur A-Jugend Fußball und landete 2006 im Anschluss an seinen Umzug nach Feldkirchen beim FC Aschheim. Von November 2008 bis Sommer 2011 war er für den SV Dornach aktiv, pausierte dann ein Jahr, kehrte zu den Dornen zurück und trägt seit 2018 wieder das Trikot des FC Aschheim. Seit 2016 – er übernahm das Geschäft seines Bruders – ist Islamyar als Selbstständiger im Schmuck- und Edelstein-Großhandel tätig. Wir sprachen mit ihm.

Herr Islamyar, vor 15 Jahren trainierte Thomas Seethaler beim FC Aschheim die zweite Mannschaft, und Steffen Tripke war dort Sportlicher Leiter. Waren die beiden der Grund, dass es Sie 2018 vom SV Dornach erneut nach Aschheim gezogen hat?

Ja, das hat sicher eine Rolle gespielt – ich habe mir gedacht, wenn die beiden da wieder gemeinsam arbeiten, dann passt das hundertprozentig für mich. Also ging es zurück zu meinem alten Kumpel Thomas Seethaler, dem ich sehr viel zu verdanken habe und der mir damals, als ich 18, 19 Jahre alt war, sehr viel beigebracht hat. Außerdem stand in Dornach damals ein Umbruch an: Toni Plattner hatte während der Bezirksliga-Saison Michael Wagner als Trainer abgelöst und nach dem Abstieg haben dann viele Spieler den Verein verlassen.

Nachdem Thomas Seethaler dort nicht mehr Trainer war, haben Sie dem FC Aschheim den Rücken gekehrt und sind beim SV Dornach gelandet.

Ich bin noch ein Jahr in Aschheim geblieben, kam dort aber nicht mit dem neuen Coach zurecht und habe dann für den SV Dornach gespielt. 2011 habe ich dort aufgehört – nach dem Aufstieg in die Bezirksliga habe ich eine knapp einjährige Fußball-Pause eingelegt. Der neue Trainer Philipp Obloch plante nicht mit mir.

Das war die Zeit, als Sie sich aufs Bergsteigen konzentriert haben und 2013 den K2 bestiegen haben. Wie war das oben auf dem Gipfel? Der K2 ist mit 8611 Metern nach dem Mount Everest der zweithöchste Berg der Welt.

Bei 6500 Metern bin ich gescheitert – weil der Bergführer gemeint hat, es ist zu gefährlich. Wir waren schon sieben Tage unterwegs gewesen, da kam aus meiner Nase auf einmal Blut raus. Da musste ich dann abbrechen – in dieser Höhe war das eine wichtige Vorsichtsmaßnahme.

Was wird Ihnen von diesem Abenteuer ewig in Erinnerung bleiben?

Neben dem Aufstieg als solches vor allem der Weg dorthin. Die meisten fliegen ja, aber ich bin das letzte Stück mit dem Auto von Islamabad in Pakistan über den Karakorum Highway gefahren. Zwei Tage lang, ein tolles Erlebnis, quer durch die Berge. Das müssen Sie unbedingt mal machen!

Nach Ihrer Rückkehr haben Sie wieder mit dem Fußballspielen angefangen und sind beim SV Dornach eingestiegen. Von dort hört man nur Gutes über Sie. Und als Malcom Olwa-Luta im Sommer 2020 vom VfB Hallbergmoos zum FC Aschheim stieß, da schwärmte er davon, wie gut er im Team aufgenommen worden sei. Er war beeindruckt davon, dass vor allem Sie für eine wahnsinnig positive Stimmung sorgen – wo Sie doch noch nicht einmal Stammspieler sind. Was sagen Sie dazu?

(lacht und wird dann ernst) Ich sehe das Menschliche in einem, es geht nicht ums Sportliche allein. Ich verstehe mich mit jedem gut, gegenseitiger Respekt und Toleranz sind das Wichtigste. Dann kommt man auch im Leben voran und mit jedem Menschen klar.

Sie haben in dieser Saison noch kein einziges Punktspiel bestritten, sind nur in der Vorbereitung zweimal eingewechselt worden. Ärgert Sie es nicht, dass Sie keine Chance bekommen?

Das bringt doch nichts, wozu? Ich habe mit Thomas gesprochen – er hat mir klar gesagt, dass die anderen eben besser sind, viele schon höherklassig gespielt oder eine Top-Ausbildung haben und ich mich eben hinten anstellen muss. Das ist kein Problem für mich, ich gebe im Training weiter Gas. Ich bin Thomas und Steffen (FCA-Teammanager Tripke, d. Red.) dankbar, dass sie mich trotz der großen Konkurrenz wieder in Aschheim aufgenommen haben.

Vermutlich, weil Sie im Mikrokosmos Mannschaft eben auf andere Weise unersetzbar sind. Als Selbständiger können Sie allerdings auch nicht so regelmäßig trainieren.

Normalerweise bin ich mindestens einmal im Monat länger beruflich unterwegs. Wenn ich da bin, dann trainiere ich natürlich und habe mit den Jungs einfach viel Spaß! Das fällt bei den Spielen vielleicht nicht so auf, aber rund ums Training schon – da ist deutlich spürbar, dass wir uns alle super miteinander verstehen, dass das eine echte Gemeinschaft ist.

Es mag auch Teams geben, in denen die Spieler nach dem Training schnell ihre Tasche packen und verschwinden. Haben Sie das auch mal erlebt?

In Dornach gab’s da mal eine Phase, da kamen dann ein paar Spieler, haben vielleicht zweimal gekickt, waren dann wieder weg und sind nie mehr aufgetaucht. Die waren halt im Kopf nicht ganz klar…

Sie sind mit Ihrem Unternehmen selbstständig. Inwiefern haben Sie die Auswirkungen der Corona-Krise gespürt?

Weil eben keine Messen stattfinden, geht seit acht Monaten geschäftlich nichts mehr, wir dürfen nicht ausstellen. Haben Sie mit Online-Verkäufen ein bisschen was auffangen können? Ich komme einigermaßen zurecht, es gab hier und da ein paar Bestellungen.

Man hat das Gefühl, es gibt kaum noch ein Gespräch, ohne dass es sich irgendwann ums Thema Corona dreht. Wie erleben Sie das?

In den ersten Monaten war das sicher so. Jetzt geht es vielen Leuten finanziell so schlecht, da sind andere Sachen wichtig. Viele sind arbeitslos geworden oder in Kurzarbeit, müssen irgendwie sehen, dass sie über die Runden kommen.

In dieser verrückten Saison 2019/2021 belegt Ihr Team aktuell Platz zwölf und müsste theoretisch in die Abstiegsrelegation. Warum tut sich die Mannschaft so schwer?

Im Training sind wir alle tatsächlich bei hundert Prozent, in den Spielen hatten wir dann oft großes Pech – beim 2:2 beim SV Bruckmühl und beim 2:2 gegen den SVN München haben wir echt gut gespielt, haben aber einfach die Tore nicht gemacht. Und dann kam auch schon die nächste Zwangspause, kurz bevor wir im Ligapokal gegen Dornach spielen sollten…

Ausgerechnet…

Ja, ich habe noch den Dominik Goßner (Kapitän des SV Dornach, d. Red.) angerufen und gemeint „Zieh‘ dich warm an!“, dann ist das Spiel ausgefallen. Sch… Corona!

Schafft der FC Aschheim den Klassenerhalt?

Selbstverständlich! Wenn ich sehe, was wir im Training leisten, bin ich sicher, dass wir nicht absteigen. Zumal Thomas einen super Job macht.

Zuletzt sind gleich fünf Spieler vom SV Dornach zum FC Aschheim gewechselt – wie war das für Sie?

Ich habe mich tatsächlich ziemlich gewundert, weil ich gedacht habe, dass die in Dornach eigentlich glücklich sind. Dann habe ich mich gefragt, ob die Dornacher mit dem Wechsel ärgern wollten. Aber ich bin nicht so richtig dahintergekommen.

Was glauben Sie, wann es weitergeht, wann der Ball wieder rollt?

Ich glaube, dass wir erst im Mai wieder trainieren und dann im Juni oder Juli wieder spielen – es wird dauern, bis sich die Leute wieder treffen können, unsere Messen sind ja auch bis April alle abgesagt. Ich bin echt gespannt, wann die laufende Saison aufhört und die neue anfängt.

Was sind denn Ihre Ziele für 2021? Sportlich vielleicht, einen Bezirksliga-Einsatz zu verzeichnen?

(lacht) Das muss Thomas entscheiden! Ich trainiere weiter fleißig, und dann werden wir ja sehen. Grundsätzlich wünsche ich mir, dass wir alle gesund bleiben, dass wir bald wieder auf dem Platz stehen und dass sich die Lage bald wieder beruhigt.

Sie sind 34 Jahre alt und nicht zuletzt wegen Ihrer vielen sportlichen Hobbys – Bergsteigen, Radfahren, Laufen – immer noch topfit. Wie lange wollen Sie noch Fußball spielen?

Als aktiver Fußballer höre ich auf, wenn Thomas in Aschheim als Trainer aufhört (lacht).

Das Gespräch führte Guido Verstegen.

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