„Der kognitive Bereich ist uns mehr wert als individuelle Qualität.“SpVgg-Teamchef Manuel Baum
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„Der kognitive Bereich ist uns mehr wert als individuelle Qualität.“SpVgg-Teamchef Manuel Baum

Für jeden Spielzug gibt es einen Namen

SpVgg Unterhaching - Am sportlichen Konzept von SpVgg-Teamchef Manuel Baum wird in Unterhaching seit knapp zwei Jahren mit viel Kreativität immer weiter gebastelt. Es soll bis zur Jugend hinunter durchgezogen werden.

Von Robert M. Frank

Maximilian Welzmüller jongliert einen hellgrünen Ball. Abwechselnd mit seinem rechten und mit seinem linken Fuß. Gleichzeitig berührt der defensive Mittelfeldspieler der SpVgg Unterhaching bei jedem Ballkontakt mit dem Gegenarm den Oberschenkel des Standbeines, der andere Arm geht zur Brust. Später laufen Welzmüller und sechs weitere Mitspieler in einer Halle des Speedclub München in Obersendling über eine rechteckige Fläche mit zwölf kleinen Feldern. Es gilt, das auf Fernsehbildschirm an der Wand angezeigte Feld möglichst schnell zu erreichen. Ein Trainer korrigiert die richtige Bewegungsausführung beim Laufen.

Einheiten wie „Life-Kinetik“ gehören zur Tagesordnung

Was auf den ersten Blick für manch einen Betrachter als ungewöhnliche Trainingsmethode für Fußballer aussieht, ist für die Profis der SpVgg Unterhaching inzwischen zur Normalität geworden. Einheiten wie „Life-Kinetik“ und Schnelligkeitstraining in diesem Kellerraum gehören zur Tagesordnung.

Mitverantwortlich für die neuen Trainingsmethoden ist Teamchef Manuel Baum , der das Konzept im Unterhachinger Sportpark zusammen mit Heiko Herrlich zur Saison 2011/2012 angestoßen hat (vgl. Interview unten). Der 33-Jährige sitzt vor einem Laptop und versucht, den Zuhörern sein Konzept zu erklären. „Der kognitive Bereich ist uns mehr wert als individuelle Qualität“, sagt Baum, der an der Seitenlinie stets mit einem Tablet-PC ausgerüstet ist.

Das Trainerteam des Drittligisten um Baum und Cheftrainer Claus Schromm legt vor allem auf eine taktische Linie viel wert. „Wir arbeiten sehr taktiklastig“, sagt Baum, der aktuell die Ausbildung zum Fußballlehrer absolviert. Für jeden einzelnen Spielzug gibt es einen speziellen Namen, auch Standardsituationen werden in verschiedenen Varianten penibel trainiert. Neue Ideen, die teilweise von Jugendtrainern der SpVgg stammen, werden entworfen wie in einem Betrieb der Kreativbranche. Gehen sie im Training auf, werden sie weiterentwickelt. Wenn nicht, werden sie wieder verworfen.

Die Spiele werden hinunter bis zur U 12 allesamt mit einer Videokamera aufgezeichnet. Baum analysiert die Spiele seines Teams nach jedem Spiel akribisch. Einen Tag nach dem Spiel gibt es dann meist eine Videoanalyse mit der Mannschaft. Zudem verfügen auch alle Cheftrainer bis runter zur U 12 über einen Laptop mit einem installierten Schneideprogramm. „Die Spielphilosophie soll übergreifend sein“, so Baums Vorstellung. Die Cheftrainer der Jugendteams stehen mit dem Profibereich in Kontakt und reisen zu den Trainingslagern der Profis mit, um dort fortgebildet zu werden.

Hachinger wollen eine duale Karriereplanung fördern

Die interne Trainerausbildung ist eine der drei Säulen in dem Hachinger Konzept. Daneben wollen die Hachinger eine duale Karriereplanung fördern. Den Spielern, wie aktuell bei Andreas Voglsammer aus der Drittliga-Mannschaft zu sehen, soll es ermöglicht werden, nebenher eine Ausbildung zu machen. Im unteren Jugendbereich sollen die Kinder in sogenannten DFB-Eliteschulen unterkommen, um Schule und Fußball zu verbinden. Bereits in der Jugend anzusetzen, macht aus Sicht von Schromm Sinn. „Wir wollen die Kinder emotional an den Verein binden, sodass sie dann gegenüber Angeboten stabiler sind.“ Die dritte Säule, der wirtschaftliche Bereich, sieht einen Gewinn bei Verkäufen von ausgebildeten Spielern sowie als langfristiges Ziel den Aufstieg vor.

Doch genau in dieser dritten Säule liegt der Knackpunkt. Wegen der finanziell angespannten Lage ist die SpVgg darauf angewiesen, gute Spieler gewinnbringend zu verkaufen. Läuft es ganz blöd, müssen Spieler mit auslaufenden Verträgen ohne Ablösesumme abgegeben werden. Die Trainer fangen mit den neuen Spielern zwar nicht ganz von vorne an, müssen aber mit den Nachwuchskräften und Neuzugängen eine Menge Geduld mitbringen. Eine Geduld, die sich wie in dieser Rückrunde andeutete, auch auf dem Punktekonto des Drittligisten deutlich bemerkbar macht.

Auf den Zuschauerrängen macht sich dann die Erfolglosigkeit bemerkbar, was das Trainerteam ärgert. Wie beim 0:0 gegen Saarbrücken, als einige Zuschauer auf den Rängen pfiffen. Laut Baum und Schromm eine unangebrachte Kritik. Ihr Team habe die taktischen Vorgaben mit Bravour umgesetzt. Was Baum viel mehr ärgert: wenn einer aus dem taktischen Schema ausbricht. Da sieht man den 33-Jährigen schon mal wutentbrannt und laut schreiend an der Seitenlinie entlang hüpfen. Oftmals bei Szenen, die für den äußeren Betrachter keinen ersichtlichen Grund zur Aufregung geben.

Es soll nichts dem Zufall überlassen werden. Standardsituationen wie Freistöße werden ebenso penibel am Reißbrett entworfen wie Spielzüge. Die Umsetzung im Spiel ist gelegentlich ohne Erfolg. Nicht so schlimm für das Trainerteam. Aktuell kämen die entscheidenden Pässe einfach oft nicht an. Das allerdings sorgt oft zu Unmut auf der Tribüne. Ebenso wie bei dem einen oder anderen Spieler dürfte es auch bei den Zuschauern noch eine Weile dauern, bis sie das Konzept genau verstehen. „Jetzt habe ich es gefressen“, soll Stürmer Voglsammer laut Schromm vor einiger Zeit gesagt haben. Für den Cheftrainer gibt es wohl nichts Schöneres. Beim Erzählen der Anekdote strahlen seine Augen.

Quelle: fussball-vorort.de

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