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Transfercoup des Kirchheimer SC: Zweitligaspieler zu Landesliga-Schlusslicht

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Von: Guido Verstegen

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„Den hat er nicht bekommen“: Korbinian Vollmann (links) im Zweikampf mit Steven Toy (damals beim SV Heimstetten, jetzt sein Trainer beim KSC). Das Bild stammt vom Regionalligaspiel TSV 1860 II gegen den SV Heimstetten aus dem Jahr 2014 .
„Den hat er nicht bekommen“: Korbinian Vollmann (links) im Zweikampf mit Steven Toy (damals beim SV Heimstetten, jetzt sein Trainer beim KSC). Das Bild stammt vom Regionalligaspiel TSV 1860 II gegen den SV Heimstetten aus dem Jahr 2014 . © Sven Leifer

Landesliga-Schlusslicht Kirchheimer SC ist ein echter Transfer-Coup gelungen: Korbinian Vollmann läuft für jenen Klub auf, bei dem er einst mit dem Fußballspielen begann

Kirchheim - Danach wechselte er 2004 zur U12 des TSV 1860 München, durchlief dort alle weiteren Jugend-Stationen und startete schließlich als Profi durch. Ab wann der 27-Jährige für den KSC spielberechtigt ist und ob er womöglich bereits am Freitag im so wichtigen Heimspiel gegen den TV Aiglsbach auflaufen kann, steht noch nicht fest. Im Interview mit dem Münchner Merkur spricht Korbinian Vollmann über die Gründe für den überraschenden Schritt und seine weiteren beruflichen Pläne.

Herr Vollmann, Sie haben für den TSV 1860 München, die SpVgg Unterhaching, den SV Sandhausen und Hansa Rostock gespielt und laufen nun für den Kirchheimer SC in der Landesliga Südost auf. Mit 27 Jahren sind Sie im besten Fußballalter - wie passt das zusammen?

Ich habe mich dazu entschieden, einen neuen Weg einzuschlagen und den Fußball an das andere Leben anzupassen. Gemeinsam mit meiner Frau habe ich geschaut, welche Möglichkeiten wir haben, und dann ist relativ schnell klar geworden, dass Kirchheim eine sehr gute Option ist.

Vertrag per Handschlag besiegelt: Korbinian Vollmann (links) mit Fußball-Abteilungsleiter Christian Boche.
Vertrag per Handschlag besiegelt: Korbinian Vollmann (links) mit Fußball-Abteilungsleiter Christian Boche. © Kirchheimer SC

Das bedeutet also, dass Sie Ihre Profi-Laufbahn definitiv beenden?

Ja, das ist so. Ich fange eine Ausbildung an zum geprüften Fachmann für Versicherungen – mein Vater betreut in Kirchheim die Bezirksdirektion einer großen Versicherung und da werde ich quasi die Ausbildung machen und dann in das Geschäft einsteigen.

Nachdem Ihr Vertrag bei Zweitliga-Aufsteiger Hansa Rostock nicht verlängert worden war, gab es doch sicher andere Angebote im Profi-Bereich…

…ich bin ja letztes Jahr Vater geworden. Wir haben uns zwar sehr wohl gefühlt in Rostock, aber es sind halt 800 Kilometer von der Familie weg – meine Frau kommt aus der Nähe von Dachau, meine Eltern leben in Kirchheim. Seit der Kleine auf der Welt ist, spüre ich halt deutlich das Verlangen, dass auch der Rest der Familie an Nelios Leben teilhaben sollte. Ich lege sehr viel Wert auf Familie, und deshalb haben wir geschaut, dass es wieder mehr in Richtung Heimat geht.

Unter diesen Voraussetzungen haben Sie dann die sportlichen Offerten geprüft…

Es kamen – warum auch immer – nicht die Angebote, die ich mir erhofft und erwünscht habe. Aber ich hatte den Gedanken an einen kompletten Abschied bereits im Hinterkopf und habe im Sommer bereits ein sechswöchiges Praktikum im Versicherungsbüro meines Vaters gemacht, um vorbereitet zu sein. Die Arbeit macht mir großen Spaß, und Ende Oktober steht bei der IHK der erste Schultag meiner Ausbildung an.

Wie schwer ist Ihnen der Abschied von der Profi-Karriere gefallen?

Natürlich war das keine leichte Entscheidung – seit ich sechs Jahre bin, habe ich immer davon geträumt, Fußballprofi zu werden und habe alles diesem Ziel untergeordnet. Ich durfte viel erleben mit coolen Spielen und wirklich geilen Siegen, daher bin ich einfach nur dankbar und stolz darauf, dass ich das geschafft habe.

Für Sie beginnt ein neues Leben.

Definitiv – das habe ich schon während des Praktikums gemerkt. Aber mir war schon immer wichtig, dass ich in der Früh aufstehe und dann was mache, woran ich Spaß habe. Und ich bin noch nicht einen Tag ins Büro gefahren und hab’ gedacht ‚Ach nee, heute gar keinen Bock’. (lacht)

Das wäre jetzt auch eher kontraproduktiv…

…stimmt…aber mit dem Kleinen gestaltet sich das Aufstehen ja ohnehin etwas früher…

Es hat sich alles für Sie gefügt in den letzten Monaten. Und Sie sind offensichtlich nicht in Gefahr geraten, nach dem Ende ihrer Laufbahn psychisch in ein Loch zu fallen.

Ich habe das Glück, dass ich eine wundervolle Frau und einen wundervollen Sohn an meiner Seite habe. Ich fühle eine große Verantwortung meiner Familie gegenüber, und ich habe immer gesagt, ich will mich nicht über den Fußball definieren – ich bin Mensch, Vater, Ehemann. Es ist alles so ineinander übergegangen, dass ich nichts bereue oder irgendetwas nachtrauere.

Und jetzt wieder der KSC - wie kam es dazu?

Anfang Juli habe ich Steven auf der Sportanlage am Merowinger Hof getroffen, als ich mich dort fitgehalten und meine Runden gedreht habe. Danach waren wir immer wieder mal in Kontakt, und dann ging es in der vergangenen Woche eigentlich alles ziemlich schnell.

Sie reisen zurück in die Vergangenheit: Mit ihrem zukünftigen Spielertrainer Steven Toy haben Sie in Kindertagen schon auf der Bolzwiese beim Bauern gekickt, obwohl er sechs Jahre älter ist, sie waren beide mit einem Kirchheimer Brüderpaar befreundet.

Ja! Und wir haben uns eigentlich immer wieder mal gesehen, weil Steven eben auch lange Zeit auf hohem Niveau gespielt hat.

Drei Mal haben Sie sich in Pflichtspielen gegenübergestanden: Am 13. September 2014 gewannen Sie mit dem TSV 1860 II die Regionalliga-Partie bei Toys Team SV Heimstetten mit 4:0 und erzielten als Kapitän zwei Tore – an der Seite von anderen Löwen-Größen wie Richard Neudecker, Felix Weber oder Marius Wolf. Sie kennen aber auch andere Spieler aus dem aktuellen KSC-Kader…

…ja, natürlich. Marco Wilms zum Beispiel, Thomas Branco De Brito … oder auch Denis Zabolotnyi. Mit Denis war ich auf dem Theodolinden-Gymnasium in Harlaching in der gleichen Klasse.

Stimmen

„Der verlorene Sohn kehrt zurück“, freut sich Kirchheims Fußball-Abteilungsleiter Christian Boche über die unerwartete Top-Personalie, die am Montagabend perfekt gemacht wurde. „Er hat den Kontakt zu seinem Heimatverein nie ganz abreißen lassen und uns auch schon beim Sommercamp geholfen.“

„Korbi ist für den KSC in allen Belangen ein Glücksgriff - von seiner fußballerischen Qualität mal abgesehen wird er den Jungs seine ganze Erfahrung weitergeben“, sagt Spielertrainer Steven Toy. „Er ist in Kirchheim aufgewachsen, super bodenständig, kennt das Umfeld und einen Großteil der Spieler. Er will den Jungs helfen, und die ganze Mannschaft freut sich, dass er dabei ist.“

Wie lange bleiben Sie dem KSC erhalten?

Geplant ist jetzt erst einmal für den Rest der Saison, meine Ausbildung dauert sechs Monate, und dann setzen wir uns im Sommer wieder zusammen. So wie es aussieht, wohne ich mit meiner Familie bald wieder in Kirchheim, und dann habe ich kurze Wege. Aber erst einmal will ich schauen, wieviel Zeit mir für Fußball bleibt – neben Familie und Beruf. Ich kann mir durchaus vorstellen, länger für den KSC zu spielen.

Die Mannschaft ist mit der schwächsten Abwehr und dem schwächsten Angriff der Liga Landesliga-Schlusslicht…

…ich habe nicht auf den Tabellenplatz geschaut – ich will einfach Spaß am Fußball haben und der Mannschaft helfen. Und natürlich wollen wir die Klasse halten!

Dass es bei der Integration ins Team Probleme geben könnte, weil Sie eben Profi waren, glauben Sie nicht?

Nein, ich weiß, wie es ist, in eine neue Mannschaft reinzukommen, und ich stehe ja auch nicht über den anderen Spielern, nur weil ich mal Zweite und Dritte Liga gespielt habe. Ich bin wie jeder andere auch und habe Steven klipp und klar gesagt, dass ich auch so behandelt werden will.

(Das Gespräch führte Guido Verstegen.)

Zur Person

Der Kirchheimer Korbinian Vollmann (27) begann beim KSC mit dem Fußballspielen. Über die Stationen SpVgg Unterhaching und SV Pullach landete er beim TSV 1860 München, wo er 2004 ins Nachwuchsleistungszentrum eintrat, ab der U12 alle Jugendteams durchlief und 2011 in den Förderkader für Jungprofis aufgenommen wurde. Für die Löwen, die SpVgg Unterhaching, den SV Sandhausen und Hansa Rostock bestritt der offensive Mittelfeldspieler 88 Zweitliga-Spiele (acht Tore), 67 Drittliga-Spiele (fünf Tore) und 71 Regionalliga-Spiele (25 Tore), „transfermarkt.de“ taxiert seinen Marktwert auf 250 000 Euro. Derzeit lebt er mit seiner Frau Anna und Sohn Nelio in der Nähe von Dachau, ein Umzug nach Kirchheim ist geplant. Vollmann lässt sich zum geprüften Fachmann für Versicherungen ausbilden und steigt dann in das Versicherungsbüro seines Vaters Herbert ein, der ihm wie Mutter Dagmar und Schwester Daniela stets wichtiger Rückhalt war. Am 22. November 2014 erlebte Vollmann beim 4:1-Sieg des damaligen Zweitligisten TSV 1860 bei Union Berlin sein Debüt als Profi, Ende Mai dieses Jahres wurde sein Vertrag bei Zweitliga-Aufsteiger Hansa Rostock nicht verlängert - jetzt stellt er sich in Kirchheim beruflich neu auf und konzentriert sich aufs Familienleben. (guv)

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