Aua, das tut weh: Im Fußball geht es bisweilen hart zur Sache – bisweilen werden die Schmerzen mit Medikamenten wie Ibuprofen oder Diclofenac behandelt.
+
Aua, das tut weh: Im Fußball geht es bisweilen hart zur Sache – bisweilen werden die Schmerzen mit Medikamenten wie Ibuprofen oder Diclofenac behandelt.

Schmaler Grat zwischen Therapie und Missbrauch

Schmerzmittel: Vereine fordern mehr Infos für Trainer

  • vonSimon Hüsgen
    schließen

Schmerzmittel spielen auch im Amateurfußball eine Rolle. Es ist ein schmaler Grat zwischen Therapie und Missbrauch. Meinungen von Trainer aus dem Münchner Süden.

Landkreis„Was ich in den letzten 14 Jahren mitbekommen habe, ist, dass Ibuprofen wie Smarties verteilt wird.“ Dieser Satz stammt nicht von einem Apotheker – nein, gesagt hat ihn der Bundesliga-Profi, Neven Subotic in einer Dokumentation von ARD und der Rechercheplattform Correctiv zum Schmerzmittelmissbrauch im Fußball. Über ein Jahr haben die Journalisten für die sogenannte #Pillenkick-Recherche den Ge- und Missbrauch von Schmerzmittel im deutschen Fußball von der Bundesliga bis hinab in die Amateurligen untersucht. Und zum Teil alarmierende zutage Tage gefördert.

Heidrich (TSV Hohenbrunn): Ibuprofen zur Schmerzlinderung „kommt durchaus vor“

Über die Hälfte der 1142 Befragten gab dabei an, im Kontext des Fußballs mindestens mehrmals pro Saison Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Diclofenac einzunehmen, nur 56,2 Prozent sagten, sie nehmen die Mittel zu ihrem eigentlichen Zweck: Schmerzen zu lindern. Dass die Einnahme gravierende folgen haben kann, zeigen Beispiele von Spielern, die auf dem Feld zusammensacken, Blut erbrechen oder der Fall des ehemaligen Bremer Stürmers Ivan Klasnic, der auch aufgrund übermäßigen Schmerzmittelkonsums mittlerweile die dritte Niere hat und derzeit gegen seinen früheren Mannschaftsarzt klagt.

Dabei ist das Problem des Schmerzmittelmissbrauchs mitnichten eines der oberen Spielklassen. Zwar sei ihm aus seiner Mannschaft kein Fall von konstanter Einnahme über einen längeren Zeitraum bekannt, berichtet Sebastian Heidrich, der Trainer des TSV Hohenbrunn; dass Spieler ihre Beschwerden mit Mitteln wie Ibuprofen lindern, „kommt aber durchaus vor“. Dass die Grenze zwischen Therapie und Missbrauch hierbei schnell verwischen, zeigt der Fall eines Spielers außerhalb von Heidrichs Mannschaft. „Der ist total fußballverrückt und will immer über 90 Minuten ran, auch wenn der Körper das manchmal nicht mitmacht. Dann pumpt er sich halt mit Schmerzmitteln voll“, berichtet der TSV-Coach. Auch zwischen ihm und seinen Trainerkollegen sei der Fall schon zum Thema geworden.

Weishäupl: Schmerzmittel kein Thema bei Trainerausbildung

Wie geht man als Trainer damit um, wenn ein Spieler es mit der Einnahme von Schmerzmitteln übertreibt? „Das ist eine schwierige Situation“, weiß Stefan Weishäupl von der SpVgg Höhenkirchen. Auch er kennt einen solchen Fall aus seiner Zeit als Jugendtrainer. Als einer seiner damaligen Spieler seine Kniebeschwerden versucht mit Schmerzmitteln zu kaschieren, statt einen Arzt aufzusuchen, greift Weishäupl ein. „Ich habe ihm gesagt, dass mir das nicht gefällt und dass er erst wieder regelmäßig spielt, wenn er wegen seiner Knieprobleme beim Arzt war“, berichtet der 32-Jährige. „Gespielt hat er dann nicht mehr so oft.“

Vorbereitet war er auf die Auseinandersetzung mit dem Problem des Schmerzmittelkonsums indes nicht. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass das in der Trainerausbildung mal Thema war“, so Weishäupl, „obwohl das durchaus sinnvoll wäre.“

Fortuna Unterhaching: Florian Darchinger setzt auf Eigenverantwortung

Das sieht auch Michael Scherer von der SG Aying/Helfendorf so. Schließlich sei gerade in den unteren Klassen ja nicht immer ein Arzt oder Physio beim Spiel, weshalb die Verantwortlichen oft auch als erste Ansprechpartner für medizinische Fragen in die Bresche springen müssten. „Da wäre es schon gut, die Trainer ein wenig zu informieren“, glaubt Scherer, der auch selbst bei Blessuren schon zur Tablettenpackung gegriffen hat. „Solange man es nicht übertreibt, muss jeder selbst wissen, ob er das macht. Es reagieren ja auch nicht alle gleich auf die Einnahme“, findet Scherer.

Die Eigenverantwortung der Spieler betont auch der Co-Trainer von Fortuna Unterhaching, Florian Darchinger. Ein generelles Problem mit Schmerzmitteln habe der Amateurfußball seines Erachtens nicht, auch wenn es natürlich problematische Einzelfälle gäbe. „Ich würde sagen, dass bei uns von elf Spielern auf dem Platz vielleicht zwei oder drei etwas eingenommen haben“, schätzt der stellvertretende Vorsitzende der Fortuna: „Wie Smarties werden sie aber definitiv nicht verteilt.“ Wichtig sei, so Darchinger, dass auf die Spieler kein Druck ausgeübt werde, Schmerzmittel zu nehmen. 

SG Aying/Helfendorf: Weishäupl macht Schmerzmittel zum Thema

Zudem betont er, dass der Gebrauch im Jugendbereich deutlich kritischer zu sehen sei. Dennoch ist auch Darchinger ein Fall bekannt, in dem ein Spieler infolge der Einnahme mit Magenproblemen zu kämpfen hatte. „Es ist gut, dass drüber gesprochen wird, aber ich halte die Diskussion um Schmerzmittelmissbrauch im Fußball für etwas überspitzt.“

Neben Trikot und Schienbeinschoner gehört also bei so manchem Spieler auch die Tablettenpackung zur Spielausrüstung. Den richtigen Grad zwischen Schmerzlinderung und Missbrauch scheint dabei allerdings nicht jeder Sportler zu finden. Ob nun problematische Einzelfälle oder ein systemisches Problem – für einen verantwortungsvollen Umgang braucht es kompetente Ansprechpartner im Team und vor allem aufgeklärte Spieler. Für Stefan Weishäupl zumindest steht fest: „Ich werde das Thema Schmerzmittel bei uns auf jeden Fall mal ansprechen.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare