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Die Pullacher bejubeln am Saisonende maximal die Meisterschaft.

Kolumne "Zwischentöne" von Reinhard Hübner

Vernünftige Verweigerer sagen Nein zum Aufstieg

SV Pullach - Die Raben sind nicht alleine. Auch andere Vereine verweigern den Aufstieg. Die Merkur-Kolumne "Zwischentöne" von Reinhard Hübner.

Wer Sport treibt, will gewinnen. Und wer viel gewinnt, wird irgendwann Deutscher Meister. Oder steigt auf. Immer weiter, bis er oben angekommen ist. So kannten wir das mal. Ist aber länger her. Gerade häufen sich wieder Meldungen von Vereinen, die gar nicht aufsteigen wollen. Oder einfach nicht können. Obwohl sie die sportlichen Kriterien erfüllen. Warum? Weil ihnen schlicht die Rahmenbedingungen fehlen, die in höheren und höchsten Ligen vorausgesetzt werden müssen.

Das kann man bedauern. Muss man aber nicht. Wer nur ein bisschen hinter die Kulissen schaut, freut sich mehr über Vernunft und Verantwortungsbewusstsein der „Aufstiegsverweigerer“. Im heimischen Fußball verzichtet der SV Pullach zum dritten Mal in Folge auf einen Regionalliga-Aufstieg, der eigene Platz taugt einfach nicht für diese Spielklasse, man will aber auch den Verein nicht entwurzeln, indem man ihn in eine weit entfernte Spielstätte verpflanzt. Aufstieg um jeden Preis? Pullach sagt nein.

Und steht damit nicht allein. Die Volleyball-Damen von Nawaro Straubing zum Beispiel haben aus Fehlern der Vergangenheit gelernt. Im Vorjahr wurde ihnen der finanziellen Nöte wegen die Bundesliga-Lizenz entzogen, sie mussten runter, zwangsweise. Nun könnten sie, wollen aber nicht wieder rauf. Zumindest nicht sofort. Man will erst die Voraussetzungen schaffen, um dann auch mal dauerhaft oben bleiben zu können. Und das braucht halt seine Zeit.

Oft ist die Kluft einfach zu groß geworden zwischen der einen und der nächsthöheren Liga. Gerade in den höchsten Spielklassen wird der Sport mehr und mehr, welch schreckliches Wort, „eventisiert“. Dafür braucht man möglichst hauptamtliche Strukturen, die passenden Arenen, die gerade Vereine aus kleineren Städten nicht haben. Auch die Fußball-Regionalliga stellt, obwohl mit der Neuordnung 2012 schon vieles einfacher wurde, Anforderungen an die Infrastruktur, die nicht überall schnell und kostengünstig (und dann vielleicht nur für ein Jahr) zu erfüllen sind.

Natürlich will, wer sportlich erfolgreich ist, auch den Lohn ernten. Nicht mehr alle aber sind bereit, dafür ein unkalkulierbares Risiko einzugehen. Und dieser durchaus erfreuliche Trend ist nicht nur hier zu beobachten. Der aktuelle Tabellenführer der Oberliga Hessen, der SC Dreieich, hat gerade seinen Verzicht auf einen Regionalliga-Aufstieg kundgetan. Das ist umso bemerkenswerter, da der Verein recht prominent besetzt ist: Vizepräsident ist die Eintracht-Legende Charly Körbel, Trainer der frühere Löwen-Coach Rudi Bommer, sein Co der einstige Nationalspieler Ralf Weber. Diese Troika schien auf einen schnellen Durchmarsch hinzudeuten.

Die Begründung für den Verzicht aber ist ebenso erstaunlich wie respektabel: Man wolle in der kommenden Saison einen Betrag von einer Million Euro nicht dem Budget für den bezahlten Fußball zuweisen, sondern mit Blick in die Zukunft gezielt für die Verbesserung der Nachwuchs-Infrastruktur einsetzen, so Körbel. Der Zustand der Sportanlagen nämlich, die für Breitensport und Nachwuchs zur Verfügung stehen, sei noch zu unbefriedigend. Der Trainer übrigens trägt die Entscheidung mit: Für dauerhaften Erfolg, so Bommer, muss das komplette Umfeld stimmen.

Pullach, Straubing, Dreieich, nur drei Beispiele, dass ein rasanter Aufstieg nicht das allein seligmachende Ziel im Sport sein muss. Was auch Traditionsvereinen passieren kann, die sportlichen Erfolg um jeden Preis, ohne ein wirklich nachhaltiges Fundament, anstreben, sieht man aktuell gerade in Aachen. Dort stolpert die einst ruhmreiche Alemannia von einer Insolvenz in die nächste, trotz moderner Arena.

Text: Reinhard Hübner

Quelle: fussball-vorort.de

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