„Anfeindungen habe ich schon länger nicht mehr erleben müssen“: Fußballer Marley Amanquah (re.) mit seinem Waldramer Teamkollegen Wolfgang Wenus
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„Anfeindungen habe ich schon länger nicht mehr erleben müssen“: Fußballer Marley Amanquah (re.) mit seinem Waldramer Teamkollegen Wolfgang Wenus

Rassismus: Vier Landkreisbürger mit afrikanischen Wurzeln sprechen von ihren Erfahrungen

Amanquah über Rassismus: „Das N-Wort ist oft gefallen“

„Black lives matter“ – zu Deutsch: „Schwarze Leben zählen“: Unter diesem Motto protestierten kürzlich allein in München über 25 000 Menschen gegen Rassismus.

VON DOMINIK STALLEIN
UND PATRICK STAAR

Bad Tölz-Wolfratshausen „Black lives matter“ – zu Deutsch: „Schwarze Leben zählen“: Unter diesem Motto protestierten kürzlich allein in München über 25 000 Menschen gegen Rassismus, Polizeigewalt und jedwede Form der ethnischen Ausgrenzung. An den Protesten – eine Reaktion auf den Tod des Afro-Amerikaners George Floyd im US-Bundesstaat Minnesota bei einem Polizeieinsatz – nahmen auch einige vor allem junge Menschen aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen teil und machten sich damit stark für mehr Toleranz und Gleichberechtigung. Im Gespräch mit unserer Zeitung berichten vier Landkreisbürger mit afrikanischen Wurzeln von ihren Erfahrungen mit Rassismus.

Marley Amanquah

Marley Amanquah ist Sohn einer Deutschen und eines Ghanaers. Der 32-Jährige hat sein ganzes Leben in Wolfratshausen verbracht und fühlt sich hier heimisch. Bekannt ist er vor allem auf den Fußballplätzen der Umgebung. Der Stürmer der DJK Waldram war zuvor für die FT Starnberg und den BCF Wolfratshausen aktiv: „Ich habe das Gefühl, dass das Problem ein bisschen weniger geworden ist. Inzwischen merke ich nämlich im Alltag wenig Rassismus. Anfeindungen habe ich schon länger nicht mehr erleben müssen. Das soll aber nicht heißen, dass ich damit nie Probleme hatte. Sowohl auf dem Fußballplatz als auch im Alltag musste ich mir Beschimpfungen anhören.

Ich erinnere mich besonders an einen Fall aus meiner Jugend. Da hatte ich bei einem Spiel meiner Jugendmannschaft einen Gegenspieler, der mich vom Anpfiff an wegen meiner Hautfarbe beleidigt hat. Das N-Wort ist oft gefallen und ein paar andere Beschimpfungen. Damals habe ich mich – ich war ja noch ziemlich jung – davon auch provozieren lassen, habe sogar die Rote Karte gesehen deshalb. Auch im Herrenbereich habe ich so einen Gegenspieler erlebt, da hatte ich mich allerdings besser im Griff als bei dem anderen Fall.

Auch im Alltag habe ich Rassismus erlebt. Es gab in Wolfratshausen sogar mal eine kleine Gruppe von Rechten, mit denen es in Bars oder Clubs regelmäßig Auseinandersetzungen gab. Einmal ist das sogar in einer Handgreiflichkeit geendet. Schockierend fand ich Anfeindungen im Alltag, wo ich überhaupt keinen Anlass geboten habe. Vor diversen Kneipen standen hin und wieder ein paar Leute, die mir im Vorbeigehen ein ,Bimbo‘ und andere Bemerkungen hinterhergerufen haben.

Gerade in den letzten Jahren hat das aber zum Glück deutlich nachgelassen. Ich fühle mich hier heimisch, lebe seit über 30 Jahren in Wolfratshausen und habe einen großen Bekanntenkreis. Das habe ich mir auch von den Erfahrungen nicht nehmen lassen, die ich leider machen musste. Manchmal höre ich heute noch von einem Spezl mal einen blöden Spruch, aber das ist dann Spaß – und das verstehe ich auch so. Er kriegt dann halt einen blöden Spruch zurück, und dann passt das. Auch wenn ich aktuell am eigenen Leib keinen Rassismus erlebe – dass sich momentan so viele Menschen auf Demonstrationen für Toleranz und gegen Ausgrenzung einsetzen, finde ich wichtig und gut. Das ist ein großartiges Zeichen.“

Philipp Goodluck

Philipp Goodluck aus Geretsried trägt seine Heimatverbundenheit im wahrsten Sinne des Wortes unter der Haut: Der 24-Jährige ließ sich die Postleitzahl 82538 knapp unter seinem Bauchnabel tätowieren. Als passionierter DJ und Partyveranstalter organisiert der Sohn eines Nigerianers Techno-Events in der Region: „Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das Thema Rassismus vor Ort nicht so stark ausgeprägt ist. Wir haben hier im Landkreis keine große, aktive rechte Szene oder rassistische Zusammenschlüsse. Das Problem existiert aber trotzdem, gerade in Ostdeutschland zum Beispiel gibt es solche rechten Verbünde häufiger. Und wenn man mitbekommt, wie ausgeprägt Rassismus in Teilen der USA ist, wird doch klar, dass es immer noch großen Aufholbedarf in Sachen Gleichberechtigung gibt und das Thema leider noch nicht erledigt ist.

Deshalb finde ich es gut, dass so viele Leute mit unterschiedlicher Hautfarbe für mehr Toleranz protestieren und sich viele Weiße, die das Problem aus ihrem eigenen Alltag nicht kennen, mit den Schwarzen und der schwarzen Kultur solidarisieren. Die Relevanz, die das Thema im Moment erhält, ist, glaube ich, sehr wichtig. Das Problem muss in den Köpfen der Menschen ankommen, und dafür sorgen die Demonstrationen und die mediale Aufmerksamkeit. Der Meinung bin ich, obwohl ich selbst zum Glück nie mit rassistischen Anfeindungen zu kämpfen hatte. Ich bin froh, dass ich für mich sagen kann, dass ich mich nirgendwo ausgeschlossen fühle. Ganz im Gegenteil: Ich habe das Gefühl, dass ich überall dazugehöre, so wie jeder andere auch. Höchstens bei Polizeikontrollen habe ich das Gefühl, dass ich häufiger als meine Freunde danach gefragt werde, ob ich Drogen dabei habe und öfter danach abgesucht werde. Aber Benachteiligungen in irgendeiner Form musste ich wegen meiner Hautfarbe noch nie erleben.“

Ousman Darbo

Ousman Darbo stammt aus Gambia in Westafrika und lebt seit zehn Jahren in Deutschland. Gemeinsam mit Heike Welker führt er seit einem guten halben Jahr den „Schützenwirt“ in Ellbach: „Rassismus gibt es, klar. Es gibt Leute, die wollen keine Menschen mit schwarzer Hautfarbe sehen. Rassismus habe ich hier in Deutschland aber noch nicht oft erlebt. Die Leute hier sind nett, und die Leute davor in München waren auch nett.

Eine unangenehme Erfahrung habe ich im Grunde nur einmal gemacht. Da bin ich mit der Bayerischen Oberlandbahn von der Arbeit heim nach Gmund gefahren. Während der Oktoberfestzeit kommt ein sturzbetrunkener junger Kerl auf mich zu und sagt: ,Was machst du hier in unserem Land? Du musst zurück in dein Land.‘ Wenn er nicht so betrunken gewesen wäre, hätte ich versuchen können, mit ihm zu reden. Aber so war das nicht möglich. Ich habe nur gesagt: ,Wir sind alle Menschen.‘ Er hat geantwortet: ,Nein!‘

Verletzt hat mich dieses Erlebnis nicht, eher verwundert. Meine Einstellung ist immer positiv. Der Kerl war 21 Jahre alt. Ich bin 43 und habe mehr Lebenserfahrung. Welche Einstellungen jemand hat, hängt mit der Erziehung zusammen und welchen Freundeskreis er hat. Die Welt ist multikulturell, sie gehört uns allen. Jeder kann entscheiden, wo er hingeht und was er von der Welt sehen will. In Afrika kann man andere Erfahrungen sammeln. Hier im Restaurant machen wir bayerisches und zugleich afrikanisches Essen. Die Leute sind neugierig und finden das interessant. Meine Frau kommt aus Österreich, sie ist auch Ausländerin. Unser Traum ist, hier Leute zusammenzubringen und Verständnis aufzubauen. Wenn einer Rassist ist, soll er halt seine Meinung haben. Hier ist jeder willkommen, wir versuchen, zu allen Leuten nett zu sein. Wenn er weiße Hautfarbe hat, ist er unser Gast. Wenn er gelbe Hautfarbe hat, ist er unser Gast. Wenn er schwarze Hautfarbe hat, ist er unser Gast. Und wenn er eine blaue Hautfarbe hätte, wäre er auch unser Gast. Wir kämpfen nicht gegen Rassisten. Ich würde eher sagen, wir helfen ihnen. Wir können die Welt nur besser machen, wenn wir vernünftig miteinander reden.“

Dr. Hamed Coulibaly

Dr. Hamed Coulibaly wurde an der Elfenbeinküste geboren, kam 1998 nach Deutschland und studierte in München Tiermedizin. Er lebt mit seiner Lebensgefährtin Dr. Jutta Kopp, ebenfalls eine Tierärztin, zusammen und wohnt seit 2013 in Bad Tölz: „Alltags-Rassismus: Dieser Begriff ist schwer abzugrenzen. Was ich für Alltags-Rassismus halte, ist für andere Leute normales Verhalten. Ein Beispiel: 2005 war mein Personalausweis abgelaufen, ich musste im Tölzer Rathaus einen neuen beantragen. Ich wollte, dass auf dem neuen Ausweis mein Doktortitel draufsteht. Ich habe eine Urkunde der Ludwig-Maximilians-Universität in München vorgelegt. Da musste ich viele Fragen beantworten. Und ich sollte auch die lateinischen Begriffe auf der Urkunde übersetzen. Meine Frau wollte auch ihren Doktortitel auf dem Ausweis stehen haben. Sie geht ins Rathaus rein, muss keine Fragen beantworten und nichts übersetzen. Ich war enttäuscht, dass mir unterstellt wird, dass mit dieser Urkunde irgendwas nicht passen könnte.

Als ich dann meine Praxis gekauft habe, hat mich mein Vorgänger schon gewarnt, dass er einige Kunden hat, die ausländerfeindlich seien. Das war mir aber egal. Die Leute, die mit mir arbeiten wollen, mit denen arbeite ich. Und diejenigen, die mit meiner Hautfarbe nicht zurechtkommen, sollen sich halt einen anderen Tierarzt suchen. Im Kontakt mit den Landwirten bemerke ich keinen Rassismus. Es gibt nur ab und zu so lustige Situationen. Ich komme zu einem Landwirt mit zwei kleinen Töchtern, beide im Kindergartenalter. Da ruft eines der beiden Kinder: ,Mama, der Neger ist gekommen!‘ Der Mama war das peinlich, aber irgendwo müssen die Kinder den Begriff ja aufgeschnappt haben. Ich will da kein großes Drama draus machen.

Vor zwei Jahren war ich mit meiner Frau, Freunden und den Kindern bei der Leonhardifahrt. Auf einmal kollabiert eines der Pferde. Wir sind beide aufgestanden und wollten zu dem Tier hingehen. Meine Frau wurde von der Security durchgelassen, ich nicht. Obwohl meine Frau – im Gegensatz zu mir – gar keine Erfahrung mit Pferden hat. Dann kommt ein Polizist zu mir und fragt mich, warum ich nicht zu dem Pferd hingehe, obwohl ich Tierarzt bin. Ich antworte: ,Weil mich die Security nicht zu dem Pferd lässt. Ich habe einfach die falsche Hautfarbe.‘ Da hat mich der Polizist an der Security vorbeigeführt. Ich schau’ mir also das Pferd an, renne zu meinem Auto, um Medikamente zu holen, komme zurück – und die Security lässt mich wieder nicht zum Pferd.

Ich bin jetzt seit über 20 Jahren in Deutschland, nehme meine Hautfarbe überhaupt nicht wahr und habe gemeint, dass ich dazugehöre. In solchen Momenten werde ich aber an meine Hautfarbe erinnert. Da hab ich gemerkt: ,Das ist Leonhardi, das ist bayerisches Kulturgut, als Schwarzer gehörst du nicht dazu, ganz gleich, wie viel Mühe du dir gibst.‘ Das war schlimm für mich, ein krasses Erlebnis, schockierend. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich hier nur schlechte Erfahrungen mache. Mit Polizisten habe ich zum Beispiel noch nie schlechte Erfahrungen gemacht, ganz im Gegenteil. Und die Rottacher haben mich angerufen und gefragt, ob ich mich beim Rosstag um die Tiere kümmern kann – das war toll.“

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