Schiedsrichter Obmann Wind redet Klartext

Das Schweigen hat ein Ende: Schiedsrichter-Obmann Wind redet Klartext nach Skandalspiel

Landkreis – Er ist ein streitbarer Zeitgenosse und deshalb bei manchen Fußball-Vereinen im Oberland gefürchtet. Klemens Wind nahm auch beim Interview mit Christian Heinrich kein Blatt vor den Mund.

LandkreisEr ist ein streitbarer Zeitgenosse und deshalb bei manchen Fußball-Vereinen im Oberland gefürchtet. Klemens Wind nahm auch beim Interview mit Christian Heinrich kein Blatt vor den Mund. Der Schiedsrichter-Obmann der Gruppe Weilheim bezog nach dem Spiel zwischen dem FSV Höhenrain und dem ASV Antdorf Stellung zu seiner neuen Offensive und zur Lage der Schiedsrichter in der Region und im allgemeinen.

Sie haben sich unter der Überschrift „Wir können uns das nicht mehr gefallen lassen, was da ständig mit uns veranstaltet wird“ in einem offenen Brief an ihre Schiedsrichterkollegen gewandt. Weht jetzt ein anderer Wind in der Gruppe Weilheim?

Es geht einfach nicht mehr so weiter. Seit 30 Jahren kämpfe ich schon für das Schiedsrichterwesen und renne nur gegen Wände. Bisher hielt ich mich mit öffentlicher Kritik vollkommen zurück, weil ich der Auffassung war, dass dies überhaupt nichts bringt und uns im Gegenteil nur schadet. Mittlerweile ist aber eine Stufe in der Behandlung der Schiedsrichter erreicht, wo ich einfach nicht länger schweigen kann.


Was war der Auslöser dafür?

Die Vorfälle beim Spiel FSV Höhenrain gegen den ASV Antdorf brachten das Fass endgültig zum Überlaufen. Es ist doch Wahnsinn, wenn Schiedsrichter Vitus Waibel von Antdorfs Trainer HansPeter Oswald erst total runtergemacht und dann auch noch zum Schuldigen für die Vorfälle nach dem Spiel erklärt wird. Wohlgemerkt, hier geht es um Krawalle auf dem Platz und einen Spieler, der krankenhausreif geschlagen wurde. Und der Täter war mit absoluter Sicherheit nicht Vitus Waibel.


Haben sich die Verantwortlichen des ASV Antdorf oder Hans-Peter Oswald im Nachhinein bei Ihnen gemeldet?

Nein, bis zum heutigen Tag nicht. Ich bin deshalb auch absolut enttäuscht, dass keiner aus dem Verein den Schneid hat, mir gegenüber etwas zu der ganzen Angelegenheit zu sagen.

Sie selber zeigen Zivilcourage. Bisher bevorzugten Sie gegenüber der Öffentlichkeit eher eine defensive Strategie. Wie kommt der Kurswechsel bei ihren Schiedsrichtern an?

Ich habe bisher viel Lob und Unterstützung dafür erfahren, dass ich mich öffentlich vor meine Leute stelle und sie gegen ungerechtfertigte Angriffe verteidige. Nicht nur von meinen Schiedsrichtern, auch ein paar Vereine haben sich bei mir gemeldet und mir ihre Solidarität zugesagt.

Aber wie reagieren die Schiedsrichter?

Ich habe eine riesige Resonanz bekommen. Von gut 100 meiner 170 Schiedsrichter gab es eine Rückmeldung. Auch im Internet wird das Thema häufig kommentiert. Ungezählte Daumen weisen nach oben. Viele User bedanken sich bei mir. Es gibt aber auch viele positive Anregungen, was das Schiedsrichterwesen betrifft. Das ist gut so, und wir werden uns darüber sicherlich Gedanken machen, wie sich das umsetzen lässt. Es ist einiges in Bewegung geraten.

Bewegt sich auch der Bayerische Fußball-Verband? In Ihrem offenen Brief äußern Sie indirekt Kritik an den Verantwortlichen des BFV, die versprechen, alles zu regeln, ohne dass wirklich etwas geschieht

Ich denke, dass die Kluft zwischen der Verbandsspitze und der Basis immer größer wird. Was bei uns auf den Plätzen los ist, wird dort seit Jahren zwar registriert, aber echte Konsequenzen bleiben aus. Beschlüsse von oben dringen nicht mehr nach unten durch. Es muss beim Verband langsam ankommen, dass es mit hohlen Floskeln und Sonntagsreden nicht mehr getan ist. Schiedsrichter werden beschimpft, beleidigt und sogar tätlich angegriffen. Da verfestigt sich bei mir der Eindruck, dass wir Schiedsrichter nichts wert sind.

Woran machen Sie das fest?

Auf jedem Fußballplatz steht das Schild „Wer den Schiedsrichter beschimpft oder beleidigt, muss mit der Verweisung vom Sportplatz rechnen. Der Vorstand“. Aber es geschieht rein gar nichts. Was nutzt so ein Schild, wenn es nicht beachtet wird? Warum gibt es keinen Vorstand, der seinen Worten auch Geltung verleiht? Man kann einen Schiedsrichter mit sämtlichen Kraft- und Saftausdrücken von A bis Z bombardieren, ohne dass es Konsequenzen nach sich zieht. Auch die Fußballer brauchen sich nicht wirklich zu fürchten. Mehr als ein Spiel Sperre springt vor dem Sportgericht für eine Schiedsrichterbeleidigung nicht heraus.

Was schlagen Sie vor?

Um den Aggressionen gegenüber dem Schiedsrichter Einhalt zu gebieten, wäre es sinnvoll, höhere Strafen einzuführen. Es ist doch ein Witz, wenn ich sehe, wie entsprechende Beleidigungen vor einem normalen Gericht geahndet werden. Da können ein Schimpfwort oder eine obszöne Geste ziemlich teuer werden. Vor dem Sportgericht gelten solche Dinge eher als Kavaliersdelikt.


Welche Auswirkungen hat der fehlende Respekt und Schutz konkret auf die Schiedsrichter der Gruppe Weilheim?

Zu unserem Neulingskurs am 7. Februar 2020 hat sich noch kein einziger Interessent angemeldet. Es ist nicht so, dass es an jugendlichen Kandidaten in den Vereinen mangelt. Aber die Eltern lassen es nicht mehr zu, dass ihre Kinder Schiedsrichter werden. Sie wollen nicht, dass ihre Kinder von irgendwelchen Krakeelern und Grattlern fertig gemacht oder gar verprügelt werden.

Was erleben ihre Nachwuchsschiedsrichter?

Die ganze Palette von Beleidigungen über Beschimpfungen bis zu Bedrohungen für nichts und wieder nichts. Ich bin einmal dazugekommen, wie ein 14-Jähriger von einem Mob aus Jugendspielern und Zuschauern bis in die Kabine verfolgt und dort belagert wurde. Die wütende Menge warf ihm vor, ein Tor gegeben zu haben, obwohl der Ball nicht über der Linie war.

Was passierte dann?

Ich drohte dem Verein, sofort die Polizei zu rufen, wenn der Schiedsrichter nicht augenblicklich in Ruhe gelassen und unter Geleitschutz zum Auto seiner Eltern begleitet würde, was auch befolgt wurde.

Haben Sie danach noch einmal mit den Leuten geredet?

Natürlich. Ich stand ganz ungezwungen mit den Jugendlichen zusammen und wir redeten offen über die umstrittene Entscheidung des jungen Schiedsrichters. Die jungen Burschen gaben mir gegenüber sogar freimütig zu, dass der Ball einen halben Meter hinter der Torlinie lag. Auf meine Frage, warum sie dann das ganze Theater veranstaltet hätten, sagten sie nur: Von dort, wo der Schiri stand, konnte er das ja nicht feststellen.

Wie gestaltet sich die Stimmungslage bei den älteren Schiedsrichtern?

Viele haben keine Lust mehr, die Spiele zu pfeifen und hören auf. Ich kann das verstehen. Am meisten setzt ihnen zu, dass sie selber aus den Vereinen kommen, aber oft wie Fremde, ja fast schon wie Aussätzige behandelt werden. In der Wertigkeit des Fußballs steht der Schiedsrichter auf der untersten Stufe. Das bekommt er Jahr für Jahr demonstriert. Warum sollen sie also den Job noch machen, wenn sie auf den Plätzen oft wie ein Fußabstreifer behandelt werden und nicht selten keinerlei Wertschätzung erfahren.

Ist es allein nur fehlender Respekt für ihre Person?

Die meisten von ihnen müssen im Beruf ihren Mann oder ihre Frau stehen. Auf dem Platz werden sie von den Zuschauern jedoch auf das Schlimmste beleidigt und danach in der Presse noch als völlig Ahnungslose hingestellt. Das nimmt nicht jeder Arbeitgeber kommentarlos hin, denn das Image, das dem Referee angedichtet wird, ist schlecht für das Renommee der Firma. Das trifft umso mehr zu, wenn der Schiedsrichter in seinem Beruf mit Kunden oder Klienten zu tun hat. Dem Schiedsrichter-Bashing kann leicht der Verlust des Arbeitsplatzes und der soziale Abstieg folgen.

Welche Konsequenzen hat es für den Fußball in unserer Region, wenn immer mehr Schiedsrichter das Handtuch werfen?

Wir sind schon lange nicht mehr in der Lage, alle Spiele zu besetzen. In der Rückrunde werden wir alle Spiele zurückgeben, die wir von anderen Schiedsrichtergruppen übernommen haben. Das ist aber erst der Anfang. Die demoskopische Entwicklung der Schiedsrichtergruppe bringt es mit sich, dass wir uns demnächst wohl öfter auf dem Friedhof treffen, um verstorbene Kollegen zu beerdigen. Weil nicht nur wir aus den genannten Gründen keinen Nachwuchs haben, werden ganze Schiedsrichtergruppen zusammenbrechen. Verband und Vereine müssen sich dann fragen, wer ihre Spiele leitet.

Sie haben es in der Vergangenheit nicht an Vorschlägen fehlen lassen, die Kommunikation zwischen den Vereinen und den Schiedsrichtern zu verbessern. Was ist daraus geworden?

Meine Pläne, einen Vereins-Schiedsrichter-Beauftragten verpflichtend einzuführen, wurden leider wie viele andere Anregungen, um Schiedsrichter zu gewinnen oder zu unterstützen, ad acta gelegt. Dabei wäre eine solche Person als Vermittler und Kommunikator zwischen den Vereinen und den Schiedsrichtern ungeheuer wichtig.

Wie stellen Sie sich dieses Amt vor?

Es geht vor allem darum, die Schiedsrichter auf Anliegen und Probleme hinzuweisen, die sich während einer Saison ergeben. Das können zum Beispiel Besetzungen von Spielen sein. Auf der anderen Seite haben aber auch wir einen Ansprechpartner vor Ort, mit dem wir unsere Anliegen besprechen können.

Sie können diese Form von Konfliktmanagement ohne das Einverständnis der Verbandsspitze aber nicht verwirklichen.

Wer sagt denn, dass es das überhaupt braucht? Wir Menschen im Oberland sind ein eigener Schlag. Was hindert uns daran, dass wir in unserem nächsten Umfeld unsere Angelegenheit selber regeln und Dinge einführen, die das Miteinander von Vereinen und Schiedsrichtern stärken und dazu beitragen, präventiv gegen Missverständnisse, Aggressionen und Gewalt vorzugehen? Ich werde jedenfalls nicht mehr als Einzelkämpfer allein gegen Windmühlen anrennen. Die Situation ist inzwischen so sehr aus dem Ruder gelaufen, dass es das Umdenken und die Solidarität von allen braucht, damit Fußballer, Schiedsrichter und Zuschauer auf dem Platz wieder Spaß haben und nicht um ihr persönliches Wohlergehen fürchten müssen.

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