Der Sportplatz ist menschenleer: Peter Kramer, Präsident des TSV Gilching-Argelsried, hofft, dass seine Mitglieder zurückkommen.
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Der Sportplatz ist menschenleer: Peter Kramer, Präsident des TSV Gilching-Argelsried, hofft, dass seine Mitglieder zurückkommen.

TSV verliert rund 500 Mitglieder

Vereinen laufen die Mitglieder weg - TSV Gilching mit 75 000€ Verlust

  • Kathrin Braun
    vonKathrin Braun
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Viele Vereine stehen seit Monaten still. Ihre Sorgen: immer mehr Austritte, Streit über Jahresbeiträge – und bei den Mitgliedern in Vergessenheit zu geraten. Wie die Corona-Krise das Vereinsleben in Oberbayern belastet.

München – Peter Kramer muss sich in letzter Zeit oft erklären. „Viele Mitglieder haben uns angerufen oder Briefe geschrieben“, sagt der Präsident des TSV Gilching-Argelsried. „Oft heißt es, es sei eine Unverschämtheit, dass wir die Jahresbeiträge eingezogen haben.“ Leere Turnhallen, geschlossene Sportanlagen, unterbrochener Spielbetrieb. Der Sportverein im Landkreis Starnberg konnte wegen der Pandemie monatelang kein Training anbieten.

Mehr als 500 Mitglieder hat der Verein seit Beginn der Krise deshalb verloren. Die meisten haben im Frühjahr und im Spätsommer letztens Jahres gekündigt, erzählt Kramer. Knapp 2800 Mitglieder sind noch dabei. Aber auch von ihnen sind einige unzufrieden. „Viele denken: Wenn ich keine Leistung beziehe, muss ich auch nicht zahlen“, sagt Kramer. „So funktioniert das aber nicht. Ein Verein ist eine Solidargemeinschaft.“

Das unterscheidet einen Sportverein von einem Fitness- oder Yogastudio: Der Mitgliedsbeitrag ist in einem Verein rechtlich nicht an eine Gegenleistung gekoppelt. „Unser Verein ist auf die Jahresbeiträge angewiesen. Vor allem, da wir auch weiterhin laufende Kosten haben: Wir müssen die Sportanlagen pflegen, Bürokräfte bezahlen und Online-Trainings organisieren.“ Dazu sind viele Einnahmen weggebrochen, weil Wettkämpfe ausgefallen sind. „Und uns sind einige Sponsoren abgesprungen.“

TSV Gilching-Argelsried rechnet mit hohen Verlusten

Seit dem 8. März durfte der TSV Gilching-Argelsried wieder eingeschränkt öffnen – bis zu zehn Personen durften kontaktfreien Sport treiben. Die Lockerungen waren aber bereits am Donnerstag wieder Geschichte, weil die Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis Starnberg drei Tage lang über 50 lag.

Normalerweise bietet der Verein 18 verschiedene Sportarten an – von Badminton über Judo bis Tischtennis. Der Jahresbeitrag für den Verein kostet, je nach Alter, 35 bis 80 Euro. „Ich weiß nicht, ob die Menschen das Interesse am Verein verloren haben oder ob ihnen in der Krise das Geld fehlt“, sagt Kramer. „Vielleicht werden ja ein paar Mitglieder zurückkommen.“ Er rechnet mit einem Verlust von 75 000 Euro im vergangenen Jahr für den Verein. „Das sind gigantische Summen“, sagt er. „Aber wir überleben das schon. Weil wir 125 Trainer haben, die zwischenzeitlich auf ihr Geld verzichtet haben.“ Auch ohne die Unterstützung der Gemeinde würde es eng werden.

Der Schwimmverein sitzt auf dem Trockenen

Seit dem zweiten Lockdown ist auch der Schwimmverein in Dachau trockengelegt. „Das Hallenbad war im vergangenen Jahr nur zwei Monate geöffnet“, sagt Stefan Hefele vom SV Dachau 1925. Seit November herrscht wieder kompletter Stillstand in dem Verein. „Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich in dieser Saison noch groß etwas ändern wird.“

Seit Beginn der Pandemie versucht der Schwimmverein immer wieder, auf alternative Trainingsmöglichkeiten auszuweichen. Ohne Wasser ist das schwierig. Im Sommer konnten immerhin bis zu zehn Personen pro Gruppe im Freibad trainieren. „Aber das war nur was für die Wettkampfmannschaften. Für Schwimmkurse – vor allem für kleine Kinder – ist das Wasser viel zu kalt gewesen.“ Nur von September bis November konnten Mitglieder im Hallenbad trainieren. „Aber auch da waren sicherlich einige unzufrieden“, sagt Hefele. „Wir waren auf sechs Personen pro Bahn beschränkt. Die Kurse waren in ein paar Minuten ausgebucht.“ Einige Mitglieder seien vier bis fünf Wochen lang gar nicht zum Zug gekommen.

SV Dachau fehlen Neuanmeldungen

Trotzdem: Die große Austrittswelle blieb bislang aus. Der SV Dachau zählt etwa 600 bis 650 Mitglieder, die zwischen 31 und 54 Euro Jahresbeitrag zahlen. „Die Mitglieder haben zum Ende des Jahres die Möglichkeit, auszutreten. Zum Glück haben wir davon nicht viel gemerkt“, sagt Hefele. Die zusätzlichen Beiträge, die für die Abteilungen Schwimmen, Triathlon und Aquaball fällig werden, hat der Verein für seine Mitglieder in der Corona-Krise ausgesetzt.

„Wir haben zwar kein Problem mit Mitgliederverlusten. Aber ein großes wegen der fehlenden Neuanmeldungen“, sagt Stefan Hefele. „Die sind uns komplett weggebrochen.“ Er befürchtet, dass der Schwimmsport generell an Bedeutung verliere – und dass der Schwimmverein in Vergessenheit gerate. „Ich merke das sogar bei mir selbst. Wenn man ein Jahr nicht mehr schwimmen war, dann fällt das aus dem Leben raus.“ So könnte es auch den Mitgliedern gehen, denkt er – vor allem, da man sich während der Schließung an einen anderen Sport gewöhnt haben könnte. „Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Mitglieder nicht mehr zurückkommen werden. Vielleicht steht uns die Austrittswelle noch bevor.“

Handballverein: Der Fußball hat es leichter

Eine ähnliche Sorge hat auch Florian Besel vom HSG B-One, der Handballspielgemeinschaft aus Ottobrunn, Neubiberg und Brunnthal. „Die Auswirkungen im gesamten Vereinsbereich wird man wohl erst dann voll und ganz erfassen können, wenn wir zu einem Vor-Corona-Modus zurückgekehrt sind“, sagt er. Vereinsaustritte seien nur eine von vielen Herausforderungen, mit denen der Verein konfrontiert wird. „Ein anderer, noch nicht absehbarer, ist der, dass viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene wohl nach den Lockerungen nicht unbedingt zum Handball zurückkehren“, meint Besel. Viele würden auf Sportangebote der Vereine ausweichen, die früher wieder möglich sind. „Da müssen wir uns nichts vormachen, das ist ein großer Vorteil, den zum Beispiel der Fußball uns gegenüber hat.“

Dem Tierschutzverein fehlen Einnahmen

Auch der Tierschutzverein München hat einige Mitglieder verloren. Der Grund liegt aber – im Gegensatz zu den Verlusten in Sportvereinen – nicht an fehlenden Angeboten des Vereins. „Für die meisten Mitglieder ist der Jahresbeitrag in erster Linie eine Dauerspende“, sagt Kristina Berchthold vom Tierschutzverein. „Je länger die Krise dauert, desto mehr merken das die Menschen im Geldbeutel.“

Von den rund 10 000 Vereinsmitgliedern zahle jedes einen Jahresbeitrag von 60 Euro. Noch komme der Verein finanziell zwar glimpflich durch die Krise, sagt Berchthold. „Aber uns fehlen viele Einnahmen. Es ist kaum möglich, neue Spender zu gewinnen.“ Sonst habe man mit Tierheimfesten regelmäßig Geld eingenommen. „Das ist uns alles weggebrochen.“

Dabei ist die Arbeit im Tierschutzverein nicht weniger geworden. Im Gegenteil: Auf dem Gelände des Tierheims klingelt das Telefon im Akkord. „Die Nachfrage nach Haustieren hat enorm zugenommen“, erzählt Berchthold. „Allerdings nur nach den jungen, unkomplizierten. Und die haben wir schon vor der Krise ohne Probleme vermittelt.“ Sie befürchtet, dass demnächst eine große Rückgabewelle auf das Tierheim zukommen wird. „Wir gehen davon aus, dass viele Tiere abgegeben oder sogar ausgesetzt werden“, sagt sie. Viele, die sich im Lockdown für ein Haustier entschieden haben, könnten die langfristige Verantwortung unterschätzt haben.

(Kathrin Braun)

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