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Blick zurück im Zorn: SpVgg-Trainer Gerd Ritzer vor 30 Jahren. 

Starnberger Sportgeschichte(n)

Nach fünf Pleiten am Stück: SpVgg feuert Trainer Ritzer

Genau heute vor 30 Jahren musste der vormals als Aufstiegsheld gefeierte Trainer der SpVgg Starnberg, Gerd Ritzer, seinen Hut nehmen.

Starnberg – Gerd Ritzer (70), der ehemalige Spieler (1975 bis 1979) und spätere Trainer der SpVgg Starnberg kuriert zurzeit daheim in Garmisch-Partenkirchen eine Sprunggelenks-OP aus. „Das war ein Problem, das noch aus meiner aktiven Zeit stammte“, verrät er. Und wie geht’s ihm so, in dieser Zeit des sportlichen Stillstands? „Na ja, langweilig ist’s halt“, sagt er. Es ist die Antwort, die in der Corona-Krise immer wieder zu hören ist.

Vor 30 Jahren war’s Ritzer alles andere als langweilig. Der Coach, der Starnberg im Juni 1989 in die Fußball-Bayernliga, damals immerhin die dritthöchste deutsche Spielklasse, geführt hatte und damals als „Aufstiegsheld“ gefeiert wurde, wurde am 29. April 1990 gefeuert – zwei Spieltage vor Saisonende. „Das war damals die Starnberger Lösung“, blickt er heute zurück.

Es war eine Lösung, die natürlich alles andere als überraschend kam. Denn das 1:3 beim MTV Ingolstadt am 28. April war bereits die fünfte Niederlage in Folge. Nach 0:10 Punkten rutschte der Aufsteiger auf Relegationsplatz 13 ab. Höchste Abstiegsgefahr! Im Bus zurück nach Starnberg herrschte Totenstille. Und nicht nur dem Autor dieser Zeilen, der auf der Fahrt mit dabei war, war klar: Das war’s dann für den Aufstiegshelden, den Manager Frank Fleschenberg drei Wochen zuvor ohnehin schon öffentlich angezählt, ihm „taktische Fehler“ und „Konzeptlosigkeit“ vorgeworfen hatte.

Den größten Fehler machte er wohl noch in Ingolstadt, als er Ex-Profi und Kapitän Jürgen Täuber, den „Kopf“ des Starnberger Spiels, in der 70. Minute auswechselte und für ihn „Nobody“ Dirk Marschall brachte. Damit machte sich Ritzer angreifbar. „Das war für mich völlig unverständlich, das hat seine absolute Hilflosigkeit gezeigt“, kommentierte Stürmer Horst Schlerf diese Aktion. Es war Ritzers letzte in dieser Saison. Noch am Abend zog Präsident Ingo Lang wie erwartet die Konsequenzen aus der „schwarzen Serie“ und beurlaubte den Trainer mit sofortiger Wirkung.

Damals war’s für den Coach ein brutaler Nackenschlag. Der war so schlimm, dass er am nächsten Vormittag mit einer Blinddarmreizung ins Krankenhaus eingeliefert werden musste und danach erst mal für niemand mehr zu sprechen war. Mit drei Jahrzehnten Abstand nimmt er’s heute locker: „Das ist halt das Los eines Trainers. Und es war eh ein Wunder, dass wir unter diesen Umständen überhaupt Bayernliga gespielt haben. Co- oder Torwarttrainer gab’s damals nicht. Wir haben auf einem Hartplatz trainiert und mussten letztlich froh sein, dass wir überhaupt Trikots hatten“, sagt er im Gespräch mit dem Starnberger Merkur.

Auf Ritzer folgte Helmut Richert, der aktuell noch in Vaduz (Liechtenstein) unter Vertrag stand, und die SpVgg in den letzten beiden Saisonspielen gegen Memmingen und Augsburg vor dem Abstieg retten sollte. Was allerdings gründlich in die Hosen gehen sollte. Richert wurde einer der zahlreichen Starnberger Erfolglos-Kurzzeit-Trainer.

Und was sagt Ritzer zur traurigen Entwicklung des Starnberger Fußballs? „Das kann man vielleicht mit Helios oder Wacker München vergleichen. Wacker war einmal die dritte Kraft im Münchner Fußball, dann kam der totale Absturz. Und Starnberg spielt jetzt mit einer Spielgemeinschaft mit Söcking. Auch das wäre damals unvorstellbar gewesen. Da hießen unsere Gegner unter anderem 1860 München, Augsburg, Schweinfurt, Ingolstadt, Fürth, Memmingen, Bayern Amateure oder Türk Gücü“ – alles Vereine, die auch heute noch eine gute Rolle zumindest im bayerischen Fußball spielen.

Thomas Ernstberger

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