Stehen für die neue Spielgemeinschaft (SG) im Jugendfußball in Penzberg: (von links) Jens Hoffmann vom ESV Penzberg sowie Susanne und Gerhard Michels von der DJK Penzberg.
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Stehen für die neue Spielgemeinschaft (SG) im Jugendfußball in Penzberg: (von links) Jens Hoffmann vom ESV Penzberg sowie Susanne und Gerhard Michels von der DJK Penzberg.

„Jeder soll in Penzberg Fußball spielen“

1. FC, ESV und DJK Penzberg beschließen Nachwuchs-Kooperation

  • Andreas Mayr
    vonAndreas Mayr
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Die Penzberger Vereine machen künftig in der Jugendarbeit gemeinsame Sache. Nach langen Verhandlungen konnten sich die Vereine endlich einigen.

Penzberg – Die E-Mail, die die Reform ankündigt, trägt die Priorität „hoch“. Und angesichts dessen, was dort gerade in Penzberg umgewälzt wird, mag das noch nicht einmal übertrieben sein. Im Ort der vier Fußballvereine schließen sich drei in der Jugendarbeit auf dem Großfeld (A- bis C-Jugend) zusammen. Der vierte, die SpVgg Penzberg-Maxkron, macht nur nicht mit, weil er derzeit gar keine Fußball-Ausbildung für Kinder anbietet.

DJK Penzberg: Treffen im DJK-Heim - „Da hat alles anfangen“

Susanne Michels ist eine freundliche, wie bestimmte Frau. Auf die Anfrage, wo denn das Treffen stattfinden solle, um diesen historischen Moment festzuhalten, antwortet sie am Telefon ohne zu überlegen: „Na, am DJK-Heim. Da hat alles angefangen.“ Das Sportheim hat weiße Wände und tief-braune Bierbänke, die dem Motto des Vereins „Dahoam bei Freunden“ gerecht werden. Das fühlt sich wie Biergarten an. Geselligkeit hat auch immer schon zum Fußball gehört und macht den Sport, vor allem unten in der C-Klasse, wo die DJK antritt, aus. Einen geeigneteren Ort, um die neue Geschlossenheit auch symbolisch darzustellen, hätte man in Penzberg nicht gefunden. Das DJK-Heim, welcher Biertisch genau ist nicht überliefert, war Kreißsaal für die Geburt des Babys, das sich „Jugendspielgemeinschaft“ nennt.

Michels: Aus Kindern wurden „richtige Rivalen“

Die Idee, erzählt Susanne Michels, strawanzt schon lange durch Penzberg, war aber nie besonders willkommen, weil stets die falschen Leute die wichtigen Stellen belegten. So seien die Differenzen einmal vorsichtig angedeutet. Seit fünf Jahren leitet Michels nun die Jugendarbeit der DJK, mittlerweile auch den Kleinfeldbereich des 1. FC. Sie hat mit angesehen, wie aus Kindern „richtige Rivalen“ wurden. Dieser Kampf begann im Grundschulalter. „Mich hat das geärgert.“ In so einer heiklen Sache ist Geduld der wichtigste Verbündete. Michels wartete bis zum Januar 2019, bis die richtigen Menschen, die mit einer progressiven Ader, an den wichtigen Stellen und dann recht bald auch im DJK-Heim saßen. Die Richtigen heißen in dem Fall Jürgen Seifert (FCP), Jens Hoffmann, Ronny Kloseck (beide ESV) und Michels. „Alle haben das Identische gesagt“, betont sie. Also, dass es endlich eine gemeinschaftliche Lösung für die Jugend braucht.

Hoffmann: „Irgendwann kracht’s, und dann ist niemand mehr da“ 

Die harte Wahrheit verrät nämlich: Trotz steigender Mitgliederzahlen im Deutschen Fußballverband nehmen die Probleme im Kleinen, in der Region, langsam ein besorgliches Ausmaß an. Selbst in einer Stadt wie Penzberg, 16 808 Einwohner, vier Fußballklubs, laufen einem die Kinder nicht mehr von alleine zu. Tatsächlich laufen viele sogar weg, weil sie aus Murnau oder Geretsried gelockt werden. „Irgendwann kracht’s, und dann ist niemand mehr da“, betont Jens Hoffmann vom ESV. Diesem Bild des Schreckens beugen sie mit einem Konzept vor, das – in aller Kürze formuliert – zwei Leitsätze umfasst: „Jeder soll in Penzberg Fußball spielen. Jeder soll einen Platz im Team haben“, streicht Hoffmann heraus. Dieser Ansatz schließt einen leistungsorientierten Pfad nicht aus, doch er fördert vor allem den Gemeinschaftsgedanken. Es geht hier ums Überleben – auch wenn die Lage so bedrohlich noch nicht ist.

Michels: „Die Jungs fanden’s spitze, die Eltern mega“

Im Winter 2019 einigten sich die Klubs zunächst auf einen Prototypen, den sie zum Test beim BFV anmeldeten. Eine B-Jugend sollte die Grenzen der Einigkeit überprüfen und ausloten. Was soll man sagen: „Die Jungs fanden’s spitze, die Eltern mega“, sagt Michels. Teilweise war das witzig zu beobachten, wie Mamas und Papas sich nun nicht mehr gegenseitig anschreien, sondern gemeinsam anfeuerten. Natürlich habe ihnen auch Gegenwind entgegengeblasen, sagt Michels. Wie zu erwarten. „Das waren die Alt-Eingesessenen.“ Wer mit der ESV- oder der FC-Identität sozialisiert wurde, der legt diese Denke auch im Alter nicht ab. Man darf das niemandem übel nehmen, es hat den Fußball, vor allem den lokalen, zu dem gemacht, was er ist. Aber neue Zeiten verlangen neue Wege. Mit dem erfolgreichen Start des U17-Projekts im Rücken sprachen sie bei den Vorständen der Vereine vor, bei der kritischen Instanz oder auch „den Granden“, wie Hoffmann sie nennt. Überzeugungsarbeit habe es gebraucht, aber die „ultimative Karte“, eine Abspaltung, behielten die Macher auf der Hand. „Gut so“, findet Hoffmann vom ESV. Ansonsten wäre das Projekt womöglich von Tag eins in Schieflage gestartet.

Hoffmann: „Das ist schon ein gigantisch gutes Gefühl“

Jetzt arbeiten alle dem Projekt zu. Jeder, wie er kann. Die Kosten teilen sie am Ende auf. Fünf Mannschaften (von der A- bis zu C-Jugend) hat das neue Konstrukt gemeldet. Sie trainieren auf den Plätzen der drei Vereine, die Trainer kommen von allen dreien. „Die Kommunikation ist bemerkenswert“, lobt Gerhard Michels von der DJK, selbst einer der Coaches. Für den Einstieg haben die Organisatoren ihre ersten Mannschaften in der Kreisklasse gemeldet. „Um den Druck von den Jungs zu nehmen“, sagt Gerhard Michels. Die Trikots leuchten in blau-weiß, zufälligerweise die Vereinsfarben der DJK, womit man immerhin einen Clinch zwischen ESV und 1. FC umging. Alle waren einverstanden. Auf dem Logo sollte ursprünglich das Penzberger Schaf Platz finden. Klappte nicht. Wegen der Urheberrechte. Man belässt es nun bei den Wappen der drei Vereine. Zumindest für ein Jahr. Über diesen Zeitraum erstreckt sich die zweite Testphase. Die neue Koalition ist nicht bindend, sie lässt sich leicht wieder lösen ohne Nachteile für die Beteiligten. Ein K.o.-Kriterium könnten Abwerbe-Versuche der Vereine sein, die die Talente in ihr Seniorenteam locken. „Dann fällt der Hammer. Hintenrum führt zum Exodus“, sagt Hoffmann. Zu diesem Fall soll es nie kommen. Die Macher genießen gerade die Vorzüge des Einklangs. Sponsorenakquise läuft leichter als früher, weil nur noch ein Verein anfragt. Jens Hoffmann sagt: „Eigentlich war es noch nie so leicht wie jetzt. Das ist schon ein gigantisch gutes Gefühl.“ (ANDREAS MAYR)

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