Nicht nur dem Weihnachtsbaum soll ein Licht aufgehen: Eglfings Co-Trainer Christoph Geißlinger hätte sich von den Verantwortlichen im Verband in Sachen „Ligapokal“ ein durchdachteres Vorgehen gewünscht.
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Nicht nur dem Weihnachtsbaum soll ein Licht aufgehen: Eglfings Co-Trainer Christoph Geißlinger hätte sich von den Verantwortlichen im Verband in Sachen „Ligapokal“ ein durchdachteres Vorgehen gewünscht.

Eglfings Co-Trainer Christoph Geißlinger im Interview

Geißlinger: „Es wäre aktuell sinnvoll, den Ligapokal abzusagen“

Der Co-Trainer des ASV Eglfing steht dem Re-Start skeptisch gegenüber und hofft auf verantwortungsvolle Entscheidungen des Verbands.

Eglfing – Er liebt den Fußball und seinen Job als Co-Trainer des Kreisklassisten ASV Eglfing. Aber irgendwie ist Christoph Geißlinger skeptisch, ob es sinnvoll ist, unter den Umständen, wie sie derzeit herrschen, Anfang März kommenden Jahres mit der K.o.-Runde des Ligapokals im Kreis „Zugspitze“ zu beginnen, für die sich der ASV qualifiziert hat. Der 31-jährige Elektriker, der schon von Berufs wegen immer die richtigen Kabel verbinden muss, prognostiziert diesem Vorhaben einen Kurzschluss. Christian Heinrich sprach mit dem Coach über die Tücken einer Vorbereitung auf einen beinahe grotesk wirkenden Wettbewerb im Corona-Winter, die Erkenntnisse aus dem Re-Start im Herbst und das Schweigen der Funktionäre.

Herr Geißlinger, am 6. und 7. März ist das Achtelfinale im Ligapokal angesetzt. Inwieweit beeinflusst dieser Termin die Vorbereitung beim ASV Eglfing?

Wir haben uns im Trainerstab eingehend darüber Gedanken gemacht und kalkulieren damit, dass wir im Januar mit dem Lauftraining beginnen und im Februar ins Mannschaftstraining einsteigen. Das gilt aber nur unter Vorbehalt. Niemand weiß, wie schnell wir nach dem Ende des Lockdowns (dieser wird wohl bis Ende Januar verlängert; Anm. d. Red.) wieder mit einer geschlossenen Gruppe trainieren dürfen. Es stellt sich deshalb die Frage, ob der Verband die erste Finalrunde Anfang März tatsächlich durchzieht.

Gehen wir mal davon aus, dass wider Erwarten im Januar und Februar alles optimal läuft.

Dann wäre immer noch zu klären, was wir machen sollen, wenn wir im Viertelfinale ausscheiden. Wir hätten dann sieben Wochen Vorbereitung in den Knochen für ein Spiel und müssten danach für vier Wochen wieder in den Vorbereitungsmodus zurückschalten, bis die reguläre Saison Anfang April fortgesetzt wird. Das wären insgesamt elf Wochen. Wie soll das von der Belastungssteuerung her funktionieren?

Welche Lösung schlagen Sie vor?

Es wäre unter den aktuellen Bedingungen erst einmal sinnvoll, den Ligapokal abzusagen. Wenn es Probleme mit der Witterung gibt, von Corona mal ganz zu schweigen, und wir bis in den Februar nicht trainieren können, müssen wir uns beim ASV Eglfing überlegen, ob wir das Achtelfinale wie ein Freundschaftsspiel bestreiten.

Das wird die Konkurrenz freuen. In nur vier Spielen kann man den Aufstieg in die Kreisliga schaffen. Es gibt sogar Mannschaften, denen einschließlich der Vorrunde nur fünf Siege dazu reichen würden.

Man muss sich fragen, warum man das überhaupt gemacht hat. In einer normalen Saison muss ich je nach Gruppengröße mindestens 26 Spiele erfolgreich bestreiten, um aufzusteigen. Hier sind es einschließlich der Vorrunde für manche Vereine nur fünf. Der Ansporn von allen wird deshalb groß sein. Aber ich kann doch nicht nach einer vollkommen unzureichenden Vorbereitung auf Biegen und Brechen Spiele gewinnen wollen.

Ob das alle so sehen?

Der Preis, den die Vereine zu zahlen haben, steht in keinem Verhältnis zum nötigen Einsatz. Wir müssen von zahlreichen Verletzten ausgehen, weil die Vorbereitung nicht der Situation entsprochen hat, aus der viele unserer Kicker kamen. Wer kann in dieser Jahreszeit so trainieren, dass die Spieler nach einem Vierteljahr Pause sofort wieder richtig fit sind? Ich denke an den Sommer. Kurz vor dem Re-Start mussten wir wegen zwei Corona-Verdachtsfällen sogar für 14 Tage in Quarantäne. Wir hatten schon im Sommer zwei Spieler, die sich schwer verletzt hatten, andere Vereine hatten drei oder vier, bei einigen war es sogar ein ganzes Dutzend. Aufgrund dieser allgemeinen Erfahrung bin ich skeptisch. Was bringt es uns, wenn wir uns im Ligapokal bis ins Finale durchkämpfen, dann verlieren, und danach so viele Verletzte haben, dass wir die normale Saison mit einem völlig dezimierten Kader zu Ende spielen müssen und womöglich absteigen?

Könnten Sie überhaupt auf einen kompletten Kader zurückgreifen, wenn es im Januar oder Februar weitergeht und Corona noch nicht besiegt ist?

Wir hatten doch schon im Sommer oder Herbst einige Spieler, denen von ihren Arbeitgebern nahegelegt wurde, keinen Mannschaftssport zu betreiben, so lange die Lage noch so riskant ist. Das ist absolut nachvollziehbar. Mancher von uns arbeitet in einem Großbetrieb und würde zum Risikofaktor für viele seiner Kollegen werden. Aber auch diejenigen, die in einem Kleinunternehmen wie einer Schreinerei oder einer Zimmerei beschäftigt sind, riskieren, ihre Firma in große existenzielle Probleme zu stürzen, wenn sie sich mit Corona anstecken.

Der Bayerische Fußball-Verband hat sich immer auf sein Hygienekonzept berufen, das eine Ansteckungsgefahr so gut wie ausschließt.

Ich bin mir nicht sicher, ob der Verband seiner Fürsorgepflicht für die Gesellschaft überhaupt richtig nachgekommen ist. Während im Profibereich Spieler fast täglich getestet werden, waren bei den Amateuren keine Tests vorgeschrieben, obwohl die wesentlich mehr Kontakte zu ihrer Umwelt besitzen als die Stars. Glaubt der Verband etwa, dass Amateure immun gegen das Virus sind?

Trug das Risiko allein nur die Gesellschaft?

Ich sehe da noch eine zweite Gruppe: die Vereine. Wer übernimmt die Haftung, wenn etwas passiert und dann vor Gericht geklagt wird? Die Spieler, die Trainer, die Abteilungsleitung? Der Verband jedenfalls, der unbedingt die Saison fortsetzen wollte, hat nie erklärt, dass er die Verantwortung übernimmt, wenn durch einen Corona-Fall beim Fußball später andere Menschen zu Schaden kommen oder eine Firma pleite geht.

Wenn man den Verband so von sich reden hört, inszeniert er sich gerne als starke gesellschaftliche Kraft. Wie schätzen sie dieses Selbstverständnis ein?

Ich frage mich, wie das alles überhaupt zusammenpassen soll. Auf der einen Seite steht dieser ambitionierte Anspruch des Verbandes. Auf der anderen Seite drückte sich der BFV ganz im Gegensatz zu anderen Sportverbänden um eine Entscheidung, die Saison auszusetzen, als im Herbst die Infektionszahlen sprunghaft anstiegen. Selbst als der Inzidenzwert in vielen Landkreisen den kritischen Wert von 50 überschritt, war er zu keiner konsequenten Entscheidung fähig und stellte es den Vereinen frei, ob sie spielen wollten oder nicht.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus angesichts einer Pandemie, die für den Moment nicht in den Griff zu bekommen ist?

Man muss sich schon fragen, wie es zu rechtfertigen ist, dass wir Fußball spielen wollen, während sich gleichzeitig Tausende von Menschen pro Tag mit Covid-19 infizieren und Hunderte täglich daran sterben. Was passiert angesichts dieser Tragödien schon viel, wenn die Fußball-Spiele nicht stattfinden?

Die Fußballer würden zuhause sitzen und mit ihrer Zeit nichts anzufangen wissen.

Wer sagt denn, dass es so weit kommen muss? Man muss da unterscheiden. Wir sollten uns schon ernsthaft fragen, ob es unter all diesen Umständen tatsächlich möglich ist, eine Saison regulär und wettkampfkonform zu Ende zu spielen. Sollte das nicht der Fall sein, könnte jeder, der will, ganz ungezwungen Freundschaftsspiele bestreiten oder Pokalturniere austragen. Voraussetzung ist aber, dass die Situation das überhaupt zulässt. Das wäre eine Option.

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