Die Schiedsrichter in der Gruppe Weilheim halten das Hygienekonzept des BFV für sehr lückenhaft.
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Bloß nicht zu nahe kommen: Die Schiedsrichter in der Gruppe Weilheim halten das Hygienekonzept des BFV für sehr lückenhaft.  

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BFV: Schiedsrichter zweifeln am Hygienekonzept

  • vonChristian Heinrich
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ie Schiedsrichter in der Gruppe Weilheim haben Bedenken, dass das Hygienekonzept des BFV bei Fortsetzung der Saison funktionieren kann.

Landkreis Nico Weis geriet ins Schwärmen. „Endlich redet jemand Klartext“, schrieb er Stefan Rießenberger in einer Textmitteilung. Bisher hatte sich der Frauen-Trainer des MTV Dießen mit den mehr oder weniger substanzlosen Verlautbarungen des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) abfinden müssen. Das Interview, das der Schiedsrichter und Präsident des TSV Peißenberg Mitte März der Heimatzeitung gegeben hatte, zeigte zahlreiche Schwachstellen des Hygienekonzepts auf, für das sich die Fußball-Oberen brüsten. Rießenbergers ungeschminkte Worte waren Balsam auf Weis’ Seele, der sich viel zu lange nach solcher Klarheit gesehnt hat. „Ich habe noch nie einen Artikel so oft verbreitet wie diesen“, sagte er. Daher brachte er den Beitrag eifrig unters Volk.


Unter den Unparteiischen der Gruppe Weilheim war die Resonanz positiv



Auch im Internet erfuhren die Aussagen der Schiedsrichter große Aufmerksamkeit und erreichten hohe Klickzahlen und zahlreiche Kommentare. Auch unter den Unparteiischen der Gruppe Weilheim war die Resonanz überwältigend. Von seinen 190 Referees erhielt Obmann Klemens Wind 70 Botschaften in schriftlicher oder mündlicher Form. Das Schiedsrichter-Oberhaupt der Gruppe Weilheim hatte ebenso wie Rießenberger die Zustände auf den Fußballplätzen während der Spielphase im vergangenen Herbst angeprangert und einen wirksameren Schutz sowohl für seine Klientel als auch für die Spieler gefordert. Winds und Rießenbergers Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. „Die Gruppe befürwortet voll und ganz unsere Aussagen“, stellt er nach der Meinungsumfrage fest. „Ich stehe zu hundert Prozent hinter den Ausführungen“, lautete nur einer von zahlreichen gleichklingenden Kommentaren, der wie alle anderen hier nur anonym wiedergegeben wird. Zu groß ist die Angst der Schiedsrichter vor Repressalien.


Klemens Wind: „Die neue Corona-Mutante ist viel gefährlicher und ansteckender als alles andere zuvor“



Dass Wind das allgemeine Schweigen brach und sowohl in der Presse als auch auf der Homepage der Weilheimer Schiedsrichter-Gruppe die Situation unverblümt beim Namen nannte, erachtet er als notwendig, zumal sich die Situation in den vergangenen Wochen noch weiter verschärft hat. „Die neue Corona-Mutante ist viel gefährlicher und ansteckender als alles andere zuvor“, mahnt Wind. Er kann nicht verstehen, warum der BFV nicht auf die völlig veränderte Lage reagiert. Die Informationen, die er sowohl aus den Medien als auch von Betroffenen erhält, lassen ihn das Schlimmste befürchten. „Inzwischen liegen kleine Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene auf den Intensivstationen.“

Vor allem der Verband gerät in Kritik


Für Winds Schirikollegen ist es daher angebracht, dass nun öffentlich mit Nachdruck gewarnt wird. „Nur so erkennen Nicht-Schiedsrichter, was uns auferlegt wurde“, stellte ein Referee fest. „Das Interview von Stefan Rießenberger war Weltklasse“, geriet ein anderer in Verzückung. Der Peißenberger hatte selbst um die 30 Textmeldungen erhalten, die ihm ebenfalls voll und ganz zustimmten. „Du sprichst so vielen aus der Seele, mir übrigens auch“, stand in einer SMS.

Mit ihren Aussagen haben Wind und Rießenberger bei ihren Kameraden den Nerv getroffen. Ihre Antworten belegen ein riesiges Ausmaß an Frustration, Verunsicherung und Unmut. Vor allem der Verband gerät mit seinem Beschluss, unbedingt an der Fortsetzung der Saison festhalten zu wollen, in die Kritik. „Ich finde, dass die Herren nicht mehr weit weg von unseren Politikern sind, die anscheinend nicht wissen, was sie machen“, zieht ein Referee den Vergleich zwischen der Verbandsspitze zu manch’ irrlichterndem Regierungschef. Während einige Schiedsrichter klare Kante zeigen, lassen andere aus Angst und Verzweiflung ihr Amt ruhen, weil sie sich viel zu wenig durch die Maßnahmen des BFV geschützt sehen. „Es ist leider immer das Gleiche, dass an Schiedsrichter, wenn überhaupt, dann zuletzt gedacht wird“, lautet eine Stimme. „Ich kann es nicht verstehen, dass niemand uns Schiedsrichter auf der Rechnung hat“, beklagt sich ein anderer. „In der Praxis werden wir behandelt wie das fünfte Rad am Wagen.“


„Das Problem ist, dass bei uns irgendwelche Obrigkeiten für uns entscheiden“



Aber es wird noch deutlicher: „Dass Schiedsrichter nicht in die Ausarbeitung von Hygienekonzepten des BFV miteinbezogen werden, empfinde ich als intransparent, unverantwortlich und respektlos.“ Für einen seiner Kollegen liegt das an den defizitären demokratischen Strukturen des Verbandes. „Das Problem ist, dass bei uns irgendwelche Obrigkeiten für uns entscheiden, was sie wollen, und uns nicht mal fragen.“

Während die Kicker vor allem über den Sinn und Unsinn diskutieren, unter Biegen und Brechen die Saison bis zum 30. Juni zu beenden, äußern viele Referees Fundamentalkritik an der Politik des Verbandes. „Geradezu zynisch finde ich Aussagen, dass das Ansteckungsrisiko nahezu null sei“, beschwert sich ein Unparteiischer über Meldungen aus der Verbandszentrale. Denn fast schon gebetsmühlenartig wiederholt der BFV bei jeder Gelegenheit, dass der Fußball Teil der Lösung bei der Bekämpfung von Covid-19 sei. Über den Status von Sonntagsreden kämen diese Pressemitteilungen für ihn nicht hinaus, echauffiert sich ein Schiedsrichter. „Folglich kann ich derartige Aussagen der Verantwortlichen nur als völligen Dilettantismus auffassen.“


Besonders das Verhalten von Spielern, Trainern und Zuschauern lasse zu oft die nötige Rücksicht auf andere vermissen



Die Schiedsrichter klagen vor allem darüber, dass sie in ihrem Alltag durch die Beschlüsse der Regierung streng reglementiert werden, auf den Fußballplätzen aber vergleichbar einschneidende Rahmenbedingungen fehlen. Besonders das Verhalten von Spielern, Trainern und Zuschauern lasse zu oft die nötige Rücksicht auf andere vermissen und begünstige so die Wahrscheinlichkeit, sich mit dem Coronavirus anzustecken. „Ich verzichte nicht 13 Monate und mehr auf Kultur, Fitness-Studio, Restaurantbesuche, um mich dann eigenständig und naiv als Schiedsrichter dieser Gefahr auszusetzen“, moniert ein anderer Schiedsrichter die absurde Situation. „Es kann nicht sein, dass wir auf alle sozialen Kontakte verzichten und der BFV über unsere Köpfe hinweg entscheidet, wann wieder Fußball gespielt werden kann“, empört sich ein anderer.


Schiedsrichtern sind die Hände gebunden



Aus vielen Aussagen spricht die pure Verbitterung über den BFV, dass man überhaupt nicht in das Hygienekonzept integriert worden sei. Ausnahmebedingungen wie eine Pandemie würden im Regelwerk des BFV überhaupt keinen Niederschlag finden. Den Schiedsrichtern sind deshalb die Hände gebunden, Verstöße zu ahnden, weil sie überhaupt gar keine Handhabe besitzen. „Verhaltensweisen, die im Umfeld der Pandemie zu absoluten No-Go’s geworden sind, müssen per Regelwerk vom Schiedsrichter sanktioniert werden können“, fordert ein Unparteiischer vom Verband. Als Gefährdung von Gesundheit und Leben empfindet er gerade wegen der neuen, besonders aggressiven Virus- Mutante „gespuckte Aerosole durch vehementes Reklamieren aus 30 Zentimeter Entfernung“.

Die Angst, sich auf dem Fußballplatz mit Corona zu infizieren, hat dazu geführt, dass einige Unparteiische aus der Gruppe Weilheim ihr Amt ruhen lassen. Manche haben eine Vorerkrankung, andere fürchten, das Virus in ihre Familien einzuschleppen oder ihre Betriebe zu gefährden, wenn sie nach einem Wochenende, an dem sie bis zu vier Spiele geleitet haben, wieder zur Arbeit gehen. „Für mich steht der Schutz meiner Familie und die Gesundheit der Bevölkerung über meinem Hobby als Schiedsrichter“, begründet einer seine Entscheidung. „Wer sich dem Risiko nicht aussetzen will: Finger weg von der Pfeife!“ appelliert ein anderer an seine Mitstreiter.

Rücktritt aus Angst vor dem Virus

Ein anderer Referee erklärte wegen der brisanten Lage sogar seinen Rücktritt: „Ich werde definitiv nicht mehr als aktiver Schiedsrichter fungieren.“ Ein weiterer legt ebenfalls seine Pfeife aus der Hand, „wenn die Inzidenzwerte sehr hoch sind und es keine Hygienekonzepte beziehungsweise keine Schutzmaßnahmen für Schiedsrichter gibt“. Sein Rat lautet deshalb: „Erst dann den Spielbetrieb wieder aufnehmen, wenn alle durchgehend geimpft sind.“

Die Wortmeldungen spiegeln nach Ansicht von Wind sehr gut wider, „wie in unserer Gruppe gedacht wird“. Wie der Verband die Kritik der Schiedsrichter bewertet, kann der Obmann nicht sagen. Bisher haben weder er noch sein Schiri-Kollege Rießenberger eine Reaktion von irgendeinem Funktionär erhalten. Die wäre aber dringend nötig. Wie er das Schweigen der Verantwortlichen interpretieren soll, weiß Wind nicht zu beantworten. „Vielleicht glauben sie selbst nicht mehr ihren Parolen, die Saison im Frühjahr fortzusetzen“, mutmaßt er. „Vielleicht fehlt ihnen aber nur das Verständnis.“ Immerhin wartete die Kreisspielleitung vor einer Woche mit einem neuen Spielmodell für die Zukunft auf. Zu den drängenden Fragen der Gegenwart fand sie kein einziges Wort.

(CHRISTIAN HEINRICH)

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