Schiedsrichter mit Professorentitel: Frank-Gerald Bernhard Pajonk ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. In seiner Freizeit pfeift er Kreisklassen-Fußballspiele im Kreis Zugspitze.
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Schiedsrichter mit Professorentitel: Frank-Gerald Bernhard Pajonk ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. In seiner Freizeit pfeift er Kreisklassen-Fußballspiele im Kreis Zugspitze.

Facharzt für Psychiatrie Psychotherapie im großen Interview

„Nicht vertretbar, Spielbetrieb durchzuführen“ - Schiri Dr. Pajonk

Frank-Gerald Bernhard Pajonk pfeift leidenschaftlich in der Kreiskasse. Der Professor für Psychiatrie an der TUM steht im ausführlichen Interview Rede und Antwort.

LandkreisSeine Leidenschaft gilt dem Fußball. Frank-Gerald Bernhard Pajonk pfeift im Kreis Zugspitze Spiele in der Kreisklasse. Dass der 55-jährige Referee des TSV Schäftlarn dazu überhaupt noch die Zeit findet, ist erstaunlich. Als Professor für Psychiatrie an der Technischen Universität in München ist er eine Kapazität auf seinem Gebiet und beruflich stark eingebunden. Statt in Hörsälen und Seminaren zu dozieren, unterhielt er sich mit Christian Heinrich über ethische Entscheidungen im Fußball zu Pandemie-Zeiten.

Herr Professor Dr. Pajonk, der Bayerische Fußball-Verband (BFV) will seine Pläne nicht ad acta legen, die Saison sportlich zu beenden. Inwieweit ist dies während einer Pandemie ethisch vertretbar?

Objektiv gesehen ist es wichtig, dass der Verband seiner Fürsorgepflicht gegenüber der Gesundheit seiner Mitglieder gerecht wird. Aber auch die Gewährleistung und Durchsetzung des Spielbetriebs ist für ihn wichtig. Der Fußball dient dem sozialen Miteinander und dem Teambuilding. Es tut den Menschen gut, wenn sie Mannschaften aufstellen, gemeinsame Spiele bestreiten und Wettbewerbe austragen. Wenn man sich zwischen den beiden Alternativen entscheiden muss, geht die Fürsorge für die Gesundheit vor.

Warum?

Frank-Gerald Bernhard Pajonk: „Medizinisch nicht vertretbar, einen Spielbetrieb durchzuführen“

Angesichts der aktuellen Situation ist es medizinisch und epidemiologisch nicht vertretbar, einen Spielbetrieb durchzuführen. Fußball ist ein dynamisches und emotionales Spiel, in dem Trainer, Spieler, Schiedsrichter und Zuschauer involviert sind. Wenn alle die definierten Pandemie-Regeln befolgen, halte ich es sogar für vertretbar, zu spielen. Aber es gibt hochemotionale Situationen wie Rudelbildungen, die mit einem vernünftigen Pandemie-Management nicht in Einklang zu bringen sind.

Der Verband beteuert, die Ansteckungsgefahr auf dem Platz sei gleich null und der Fußball Teil der Lösung. Wie sehen Sie das aus medizinischer Sicht?

Allein durch heftige Atmung oder lautes Geschrei können die neuen Virus-Varianten übertragen werden. Es reichen bereits geringe Mengen, um jemanden zu infizieren. Selbst an der frischen Luft und über einen Abstand von anderthalb Metern ist das möglich, wie verschiedene Studien und zuverlässige Modellberechnungen ergeben haben. Allein die einmalige Dosis an Viren, die aus geringer Entfernung ausgestoßen wird, kann beim Fußball einen Menschen infizieren, weil unter der sportlichen Belastung schneller, tiefer und heftiger geatmet wird.

Ihr Nürnberger Berufskollege Bernd Deininger vergleicht in der „Zeit“ das Verhalten, unter allen Umständen am Gewohnten festhalten zu wollen, mit Kindern, denen man ihr Spielzeug wegnimmt. Warum fällt es den Fußball-Verantwortlichen so schwer, die Pandemie als Fakt anzuerkennen?

Für einen Fußball-Verband ist sein Sport die Daseins-Grundlage. Seine Aufgabe ist es, den Spielbetrieb zu organisieren und aufrecht zu erhalten. Wenn man Fußballspielen verbietet, nimmt man dem Verband viel von seiner Wirkmächtigkeit. So etwas hat niemand gern. Es ist aber auf der anderen Seite auch nicht verboten, Lobbyismus in eigener Sache zu betreiben.

Dr. Pajonk: „In der aktuellen Situation ist Sicherheit sehr wichtig“

Der Verband liebäugelt mit einer Saison-Fortsetzung. Das letzte Wort sollen aber die Vereine sprechen. Wie ist dieser Anflug von Basisdemokratie in der aktuellen Situation zu beurteilen?

Ich finde es im höchsten Maße unglücklich, wenn der Verband die Entscheidung nach unten delegiert. In Zeiten von Notlagen ist es wichtig, dass es eine Führung gibt durch Menschen, die bereit und fähig sind, Verantwortung zu übernehmen. Führung und Verantwortung gehören zusammen. Führung schafft Klarheit und Klarheit schafft Sicherheit. In der aktuellen Situation ist Sicherheit sehr wichtig. Wenn jeder entscheiden und machen darf, was er will, führt das eher zur Verunsicherung.

Was heißt das?

Delegiert man Verantwortung an jeden Einzelnen, sodass jeder Einzelne bindende Entscheidungen treffen kann, bekomme ich in einer hochkomplexen Situation wie der Pandemie bei hundert verschiedenen Menschen hundert verschiedene Entscheidungen. Das kann nicht förderlich für den Spielbetrieb sein. Sinnvoller wäre es, dass der Verband selbst klare und nachvollziehbare Kriterien aufstellt und in die Verantwortung geht. Geschieht das nicht, entsteht ein Dilemma, das nicht aufzulösen ist.

Worin besteht dieses?

Das Dilemma schaut für jeden Verein so aus: Er nimmt in sich den Wunsch wahr, wieder spielen zu wollen, kommt aber auch zur Einsicht, dass viele Argumente dagegen sprechen. Wunsch und Wirklichkeit zusammenbringen zu wollen, obwohl dies nicht problemlos möglich ist, weckt auch in vielen anderen Situationen des Lebens die Versuchung, dies mit der Brechstange zu versuchen. Am Ende stehen dabei aber oft eben doch Unklarheit und Widerspruch, Verdruss und Zwietracht. Darüber hinaus beschädigt dieses Verhalten den gemeinschaftlichen Zusammenhalt.

Professor Pajonk: „Der Fußball ist nicht primär ein Forum für ethische Diskussionen“

Das stürzt den Einzelnen in Gewissenskonflikte. Vereine hatten etwa überlegt, zum Trainieren einen Kunstrasenplatz in einem Landkreis mit niedriger Inzidenz zu mieten.

Der Fußball ist nicht primär ein Forum für ethische Diskussionen. Aber sie spielen in den Sport hinein. Tatsächlich muss ein Trainer hier etwas tun, was ihm nicht nur widerstrebt, sondern im Grunde unauflösbar ist. In dieser Situation gibt es keine Verfahren, die für alle Fragen und Probleme perfekte Antworten und Lösungen parat haben. Natürlich muss sich ein Trainer auf den unteren Ebene entscheiden, was er tut und ob sein Handeln ethisch vertretbar ist. Diese Entscheidung wird aber auch von der höheren Ebene verlangt, sie muss ihr sogar vorgelagert sein. Letztlich ist es auch eine Frage der Haftung. Wer ist verantwortlich, wenn etwas passiert? Wird diese Frage an die untere Ebene delegiert, schafft das großen Unfrieden. Das kann zum Grund werden, sich tief und unversöhnlich zu streiten.

Und dieses Dilemma könnte der Verband lösen?

Es geht um Verantwortung. Man kann argumentieren, dass der Fußball-Verband mit seiner Politik die Verantwortung für das übernehmen darf, was in den Vereinen geschieht. Zum Beispiel, ob der Spielbetrieb möglich oder nicht möglich ist. Das beinhaltet aber auch die Frage: Was ist, wenn etwas passiert? Wenn sich also jemand mit Covid-19 ansteckt, schwer erkrankt oder stirbt. Bisher sah es nicht danach aus, dass der BFV die Verantwortung und die Haftung dafür übernehmen will, ob gespielt wird oder nicht und dafür auch die Konsequenzen trägt.

Solche Fragen blieben bislang unberührt. Stattdessen beschäftigt sich der Verband damit, ein neues Spielsystem zu etablieren. Wie ist es zu beurteilen, dass er die Gegenwart ignoriert und nur die Zukunft ins Auge fasst?

Lassen Sie es mich allgemein ausdrücken: Gute Führung besteht darin, wenn ein Unternehmen die Probleme der Gegenwart engagiert angeht und sich gleichzeitig Gedanken über die Zukunft macht. Sieht es aber nur einseitig entweder die Zukunft oder die Gegenwart, wird es eine Krise heraufbeschwören oder ist zum Scheitern verurteilt.

Dr. Pajonk: „Solidarität zielt in erster Linie darauf ab, die Schwächsten zu stärken“

Verbandsspielleiter Josef Janker hat Stimmen, die wegen unterschiedlicher Voraussetzungen von Wettbewerbsverzerrung sprechen, eine Absage erteilt. Statt eines „egoistischen Tunnelblicks“ erwartet er Solidarität.

Damit wird das Gegenteil dessen ausgedrückt, was Solidarität eigentlich bedeutet. Solidarität zielt in erster Linie darauf ab, die Schwächsten zu stärken. Solidarität mit den Stärksten ist keine Solidarität, sondern Unterordnung. Natürlich gibt es im Sport immer Ungleichheit. Aber es ist ein Unterschied, wenn ich wegen einer zu hohen Inzidenz in einem Landkreis keine vernünftige Vorbereitung machen kann oder ich wegen einer niedrigen Inzidenz adäquat trainieren kann. Den Verein mit der besseren Ausgangslage auch noch zu bevorzugen, ist nicht im Sinne der Chancengleichheit.

Zu den Schwachen zählen auch die Schiedsrichter. In den Stellungnahmen des Verbandes fanden sie bisher überhaupt nicht statt.

In den vergangenen Jahren ging es in vielen Diskussionen und Kampagnen stets darum, die Rolle des 23. Manns zu stärken. Allerdings wurden während der Pandemie die Belange der Schiedsrichter an der Basis nur selten oder gar nicht abgefragt. Dass der Verband den Spielbetrieb gewährleisten will, ohne dabei die Schiedsrichter zu fragen, empfinde ich als enttäuschend, und es ärgert mich. Keiner scheint im Verband darüber nachzudenken, wie es für einen Schiedsrichter oder ein Gespann ist, während der Pandemie auf dem Platz zu stehen. Keiner scheint ins Auge zu fassen, dass sich drei Schiedsrichter in eine häufig kleine Kabine zwängen müssen, um sich umzuziehen und dabei nicht den geforderten Mindestabstand einhalten können. Das geht so nicht. Entweder ist Fußball ein Mannschaftsspiel mit Schiedsrichter oder ohne. Wenn die Unparteiischen zum Spiel dazu gehören, müssen auch ihre Belange berücksichtigt werden.

Ihre Kollegen kritisieren, dass der Schiedsrichter nicht wirksam geschützt wird. Außerdem monieren sie, dass der Verband keine Tests für Schiedsrichter zur Verfügung stellt. Ist das nicht überzogen?

Der Schiedsrichter ist die Person auf dem Platz, gegen die sich die meisten Emotionen richten. Es ist aber nicht möglich, eine Bannmeile von eineinhalb Metern zu ziehen. Das verbietet sich eigentlich schon von selbst, denn wenn der Schiedsrichter ein Spiel vernünftig leiten und mit den Spielern kommunizieren will, muss er normal mit ihnen reden und kann ihnen nicht auf Abstand Kommandos oder Erklärungen zurufen. Gerade deshalb muss verstärkt auf den Schiedsrichter Rücksicht genommen werden. Da der nötige Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden kann, sind Tests für Schiedsrichter und Spieler zwingend erforderlich.

Professor Pajonk: „Die Organisation ist wieder einmal die Herausforderung“

Inzwischen hat der Verband erklärt, dass es keine verbindlich vorgeschriebenen Tests geben wird. Was bedeutet das aus medizinischer Sicht?

Die neue Variante des Virus’ ist äußerst aggressiv. Aktuell 90 Prozent der Neuinfektionen in Deutschland gehen auf das Konto der britischen Mutante. Das Vorhaben des BFV, dass Spieler und Schiedsrichter vor einem Spiel nicht getestet werden sollen, ist nicht verständlich, wenn gleichzeitig in der Schule ein negativer Test vorgeschrieben ist, um den Unterricht zu besuchen.

Können Sie die Entscheidung nachvollziehen?

Tests für alle kosten viel Geld. Für eine Mannschaft, die einmal am Wochenende spielt und zweimal während der Woche trainiert, kommen da schnell 100 Euro in sieben Tagen zusammen. Was das für einen Verein mit zehn Mannschaften bedeutet, lässt sich leicht ausrechnen. Wenn der BFV entscheidet, dass unbedingt gespielt werden soll, müsste er aus medizinischen Gründen auch gewährleisten, dass alle mit den entsprechenden Tests versorgt sind.

Auch für Schiedsrichter?

Natürlich auch für Schiedsrichter. Wieso sollten sie dabei ausgegrenzt werden? Aber die Organisation ist wieder einmal die Herausforderung. Es muss gut überlegt werden, wie die Schiedsrichter mit Tests versorgt werden. Entweder hat das keiner getan oder man ist zu keiner sinnvollen Lösung gekommen. Was passiert zum Beispiel, wenn direkt vor dem Spiel ein Schiedsrichter positiv getestet wird? Soll dann das Spiel nicht stattfinden? Oder wenn vier Spieler aus einer Mannschaft direkt vor der Partie positiv getestet werden? Dann müsste die gesamte Mannschaft sofort in Quarantäne. Wann werden die Spiele nachgeholt, die deshalb ausfallen? Wie man es dreht und wendet, es gibt so viel Wenn und Aber, dass man sagen muss: Das Ganze wird nicht funktionieren.

Frank-Gerald Bernhard Pajonk: „Sollte dieser Satz so gefallen sein, empfinde ich ihn als eine Frechheit“

Sie selbst pfeifen seit Pandemie-Beginn nicht mehr. Wie begründen Sie die Entscheidung?

Entscheidungen vor dem Hintergrund ethischer und moralischer Fragen beruhen immer auf einer individuellen Abwägung auf dem Boden allgemeiner, gemeinsam als verbindlich vereinbarter Normen. Da gibt es keine fertigen Blaupausen, wie sich jemand in der jeweiligen Situation zu entscheiden hat. Genauso wenig gibt es oft ein richtig oder falsch. Ich lebe nicht allein auf dieser Welt, sondern mit anderen Menschen zusammen und arbeite für und mit anderen. Ungeachtet dessen, dass ich selbst zu einer Risikogruppe gehöre, habe ich mich gefragt, ob ich nur für den Fußball die Sicherheit dieser Menschen aufs Spiel setzen darf.

Und wie lautet Ihre persönliche Antwort darauf?

Ich muss vorausschicken, dass ich nicht in einem normalen Haushalt wohne, sondern im Kloster Schäftlarn. Im Konvent der Benediktiner lebe ich mit vielen 80-Jährigen. Wenn ich sie mit dem Virus infiziere, wird womöglich ein Drittel der Klosterangehörigen krank oder sterben. Um dieses Risiko so weit wie möglich zu minimieren, absolviere ich ohnehin schon zwei bis drei Schnelltests pro Woche. Wenn ich außerdem noch Fußballspiele pfeifen würde, wäre die Gefahr für meine Mitbewohner noch viel größer.

Ihr Verbandspräsident scheint das etwas anders zu sehen. „Sport im Verein mit gewissenhafter Kontaktnachverfolgung ist besser als wilde Partys in den Parks“, behauptet Rainer Koch. Was halten Sie von diesem Vergleich?

Sollte dieser Satz so gefallen sein, empfinde ich ihn als eine Frechheit. Es ist ein Satz, der keine echte Alternative aufweist und die Leute in ein Dilemma stürzt, weil er suggeriert, dass man sich für eine der beiden Möglichkeiten entscheiden muss. So ist das nicht zulässig. Der eine Teil der Aussage zeichnet ein freundliches und nettes Bild, der andere ein verheerendes und schreckliches Szenario. Nur ist damit überhaupt nicht gesagt, ob es angesichts steigender Infektionen überhaupt gerechtfertigt ist, den Spielbetrieb wieder aufzunehmen. Ich möchte auch, dass wieder Fußball gespielt wird. Aber die Frage ist, wie und unter welchen Bedingungen. Und die Antwort auf diese Frage bleibt der BFV bislang schuldig.

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