Rassige Zweikämpfe – wie hier zwischen Rot-Weiß Bad Tölz und BCF Wolfratshausen II – wird es in der Endlossaison 2019/21 wohl nicht mehr geben.
+
Rassige Zweikämpfe – wie hier zwischen Rot-Weiß Bad Tölz und BCF Wolfratshausen II – wird es in der Endlossaison 2019/21 wohl nicht mehr geben.

Gemischte Meinungen zur aktuellen Lage

Saisonfortsetzung? „Der Amateurfußball nimmt sich zu wichtig“

  • vonRudi Stallein
    schließen

Weiterspielen oder Abbrechen? Diese Frage beschäftigt die Fußballer im Landkreis nicht erst seit dem jüngsten Lockdown. Bei vielen Trainern der hiesigen Amateurklubs besteht nach wie vor der Wunsch, die Saison sportlich zu Ende zu bringen.

Bad Tölz-Wolfratshausen –  Aber nicht auf Biegen und Brechen, sondern nur wenn es Sinn macht, argumentieren die meisten Übungsleiter. Mit seinem in dieser Woche verkündeten Vier-Punkte-Plan und dem Stichtag 3. Mai hat der Bayerische Fußball-Verband die Eckdaten neu justiert (wir berichteten). Die Hoffnung, dass die Endlos-Saison 2019/21 auf normalem Weg beendet wird, ist bei den Vereinen zwischen Wolfratshausen und Lenggries indessen nicht gestiegen.

„Wir stehen allem offen gegenüber. Wir freuen uns, wenn die Saison zu Ende gespielt wird“, sagt Jona Lehr. „Die Tabelle ist ja immer ein Spiegelbild der abgelieferten Leistung. Deshalb bin ich für Weiterspielen“, betont der Co-Trainer des BCF Wolfratshausen und ergänzt: „Wenn es sinnvoll ist und vor allem auch die neue Saison nicht darunter leidet.“ Auch Miklos Tot ist dafür, weiterzuspielen. „Aber es muss Sinn machen“, sagt der Trainer der Fußball-Freunde Geretsried. „Und solange wir nicht flächendeckend unter denselben Voraussetzungen trainieren können, macht es keinen Sinn. Dann sollte man es abbrechen und sich auf die neue Saison konzentrieren.“

Willi Link und Guido Herberth sind pro Saisonabbruch

Dieser Meinung ist auch Willi Link: „Ich sage schon seit Monaten, dass sie die Saison abbrechen sollten.“ Seiner Meinung nach setze sich „die Stückwerk-Politik der Regierung beim Fußball fort“. Deshalb plädiert der Coach des TSV Benediktbeuern für die Radikallösung: „Alles auf Reset und so tun, als hätte es diese Saison nie gegeben.“ Was jetzt passiert sei Flickschusterei, ein „Gewurstel“, das lediglich dazu führe, dass „50 bis 70 Prozent der Spieler die Lust verloren“ hätten. „Alles einstampfen, bis es wieder safe ist.“

Diese Variante favorisiert Guido Herberth insgeheim. „Einerseits wollen alle so schnell wie möglich wieder auf den Platz und Fußball spielen“, sagt der Trainer der DJK Waldram. „Aber unter diesen Umständen? Es nervt, weil man kein Datum hat, auf das man hinarbeiten kann.“ So werde es immer schwieriger, die Spieler zu motivieren. „Der Spaß ist begrenzt, natürlich auch für mich als Trainer.“

Quarantäne durch Fußball als großes Problem für Arbeitgeber

„Der Amateurfußball nimmt sich zu wichtig. Es gibt jetzt Wichtigeres“, meint Maximilian Gögler. Dessen SC Reichersbeuern hatte sich schon vorigen Herbst dagegen entschieden, weiter Fußball zu spielen und sieht sich durch die aktuelle Entwicklung bestätigte. „Es war nicht Angst vor der Pandemie, die uns dazu bewogen hat, nicht zu spielen, sondern die Spiele zu verlegen“, erläutert der SCR-Coach. Die Konsequenzen bei einem positiven Test seien zu gravierend. „Eine ganze Mannschaft, obwohl den Spielern nichts fehlt, 14 Tage in Quarantäne schicken, weil einer sich angesteckt hat, das ist doch einem Arbeitgeber nicht zu vermitteln“, erklärt Gögler. Was den weiteren Gang der Dinge angeht, wartet man nun ab, was der Verband vorgibt. „Dann setzen wir uns wieder zusammen und entscheiden, wie wir uns verhalten“, sagt der Reichersbeurer Trainer. Viel wichtiger, als eine Lösung für den Fußball zu finden, sei es, „dass das Leben allgemein wieder in geregelte Bahnen kommt“.

Für den Fall der Fälle hat die BFV-Führung inzwischen vorgesorgt. Dann soll eine Quotientenregelung über die Abschlusstabellen entscheiden, so sieht es der neue Paragraph 93 der Spielordnung vor. Das würde für den SV Ascholding/Thanning, der mit zehn Punkten Vorsprung die A-Klasse vier anführt, automatisch den Aufstieg bedeuten. „Aber man möchte ein sportliches Ziel natürlich auch mit sportlichen Mitteln erreichen“, betont Trainer Heinz Tochtermann, dass er eine Saisonfortsetzung favorisieren würde. „Aber wenn es nicht mehr geht, dann muss man sich fügen. Da ist es beruhigend zu sehen, dass der Quotient für uns sprechen würde.“ Das schlimmste Szenario für den Ex-Profi: „Die Saison zu annullieren, wäre meiner Meinung die unfairste Lösung.“

SF Bichl für Abbruch und Erhalt der Ligen

Das sieht Klaus Heller ein wenig anders. Er betont mit gutem Grund: „Wir wollen natürlich, dass es weitergeht.“ Seine Sportfreunde Bichl haben als Tabellenzweiter mit drei Punkten Rückstand und einem Spiel weniger berechtigte Hoffnung, in den verbleibenden neun Partien, den Aufstieg in die Kreisklasse aus eigener Kraft zu schaffen. „Wenn Paragraph 93 greift, ist die Saison für uns gelaufen. Aber ich glaube langsam, dass sie mit Quotientenregelung abbrechen. Dann müssen wir uns eben fügen“, sagt Heller. „Das Wichtigste ist, dass es irgendwann mal wieder eine Normalität gibt.“

Bei Andreas Riesch, gerade zum Cheftrainer beim Lenggrieser SC beförderte, löst die Vorstellung an ein Endklassement durch Quotienten ein unschönes Déjà-vu aus. „Das wäre echt schade, dann würde uns die Relegation wieder genommen. Das hatten wir schon mal“, erinnert sich Riesch. In der Saison 2013/14 musste der LSC als Tabellenzweiter wegen der neugestalteten Bezirksligen in der Kreisliga verweilen. „Wir wollen den zweiten Platz festigen. Wenn man so weit kommt, möchte man sich natürlich auch sportlich belohnen“, hofft der LSC-Coach auf eine Saisonfortsetzung.

SC Gaißach hofft auf Fortsetzung, glaubt aber nicht an Spiele bis zum Sommer

Das wünscht sich eine Klasse tiefer auch Thomas Gärner, der erst im Winter als neuer Trainer verpflichtet wurde, um den SC Gaißach in der Kreisklasse zu halten. „Als Trainer hätte ich natürlich gerne noch ein paar Spiele. Es kann ja jeder die Tabelle lesen. Es wäre gut, wenn wir noch ein paar Punkte sammeln könnten, um mit dem Quotienten besser da zu stehen, wenn abgebrochen würde“, argumentiert der Diplom-Sportlehrer. „Aber wenn man die Situation objektiv beleuchtet, glaube ich nicht, dass wir bis zum Sommer noch mal spielen.“ Für ihn persönlich würde ein Abstieg nicht das Ende in Gaißach bedeuten. „Ich fange auf jeden Fall an, so oder so. Lieber natürlich in der Kreisklasse, aber ich bleibe auch in der A-Klasse.“

Die Gedankenspiele der BFV-Verantwortlichen brachten in den vergangenen Monaten diverse Ideen hervor: verkürzte Vorbereitungszeit, englische Wochen oder gar Spiele im zwei-Tages-Rhythmus. Solche Vorschläge stoßen jedoch auf mehr oder weniger vehemente Ablehnung. Für Herbert Mühr, der einen Saisonabbruch favorisiert, würde die Umsetzung solcher Überlegungen in den unteren Amateurligen „desaströse Züge“ annehmen. „Bei nur drei Wochen Vorbereitung nach sechs Monaten Pause sind Verletzungen programmiert“, vermutet der Trainer SF Egling-Straßlach. „Und bei ständig drei Spielen pro Woche werden die Spieler bald den Spaß verlieren.“ Aus einem ganz anderen Grund hält Willi Link die englischen Wochen für das falsche Mittel: „Es würde zahlreiche Spielausfälle geben, weil die Teams nicht genügend gesunde Spieler hätten und auf zweite Mannschaft und Alte Herren zurückgreifen“, prophezeit der Benediktbeurer Trainer. „Eine sportliche Lösung gibt es für diese Saison nicht mehr.“

TuS Geretsried über körperliche Belastung besorgt

„Englische Wochen wären für uns logistisch nicht das große Ding“, sagt Martin Grelics. Sorgen macht dem Coach des TuS Geretsried die körperliche Belastung der Aktiven. „Was macht das Ganze mit den Körpern der Spieler? Ich bin kein völliger Gegner von englischen Wochen, aber es sollte mit Maß geschehen, sonst ruft es Verletzungen hervor.“ Deshalb halte er unter den aktuellen Bedingungen die Quotientenregelung für „die fairste Lösung. Das ist bitter für die Teams auf Platz zwei, aber es geht dann nicht anders.“

Als „höchst fraglich“ erachtet auch Walter Lang eine auf drei Wochen verkürzte Vorbereitung. „Die Verletzungsgefahr wäre sehr, sehr hoch. Bänderverletzungen und Kreuzbandrisse wären programmiert. Damit wird der Sport ad absurdum geführt“, sagt der Trainer des SV Bad Heilbrunn. Wenn dann noch die neue Saison womöglich aus Zeitgründen nahtlos fortgesetzt würde, sei das für ihn nicht tragbar. „Ich möchte es immer sportlich schaffen, aber für die Spieler sehe ich eine sehr große Gefahr. Die werden täglich damit zu tun haben. Wenn nicht auf dem Platz, dann beim Physiotherapeuten“, befürchtet Lang. Und das stehe nicht dafür. Letztlich müsse man angesichts der aktuellen Corona-Situation vielleicht besser einen Schlussstrich ziehen. „Jetzt machen wir bald zwei Jahre rum mit dieser Saison“, sagt der HSV-Coach. „Irgendwann muss man vielleicht auch mal sagen: Jetzt ist es gut. Wir haben alles versucht, es hat halt nicht funktioniert.“

(Rudi Stallein)

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare