Symbolische Aktionen gab es im deutschen Fußball schon viele zum Thema Homosexualität. Outings von Aktiven sind hingegen absolute Ausnahmen.
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Symbolische Aktionen gab es im deutschen Fußball schon viele zum Thema Homosexualität. Outings von Aktiven sind hingegen absolute Ausnahmen.

BFV unterstützt „Ihr könnt auf uns zählen“-Aktion der ‘11Freunde‘

Tabu-Thema Homosexualität im Fußball: Sehnsucht nach Normalität

  • vonDominik Stallein
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Die Homosexualität gehört im Fußball immer noch zu einem großem Tabu-Thema. Drei Kicker berichten über ihre Erfahrungen bei ihren Outings und in ihren Leben.

Wolfratshausen – In kaum einem Bereich der Gesellschaft ist es noch ein so großes Tabu-Thema wie im Volkssport Nummer eins: Über Homosexualität unter Fußballern liegt seit jeher eine Hülle des Schweigens. Bislang gibt es keinen Kicker in der Bundesliga, der sich während seiner aktiven Karriere geoutet hat. 800 Bundesliga-Profis haben vor wenigen Wochen mit einer Aktion Solidarität bekundet. „Ihr habt unsere Unterstützung“ war der offene Brief überschrieben, den ein Fußballmagazin veröffentlicht hat (siehe am Ende des Beitrags).

Nicht nur im Profifußball stellt ein Outing für homosexuelle Kicker offensichtlich ein Problem dar: Auch im Amateurfußball gibt es nur ganz wenige Fälle – aber jetzt ein paar mehr.

Viele Fragen vor dem Outing – und viel Unterstützung danach

Seit er bei den B-Junioren kickt, macht Rico Krillmäuer kein Geheimnis mehr daraus: Er ist einer der wenigen offen homosexuellen Fußballern im Landkreis. Der langjährige Kapitän des TuS Geretsried II ist froh, dass er vor etwa 17 Jahren den Schritt gewagt hat, sich auch im Mannschaftskreis zu öffnen. „Ich habe damals Glück gehabt, dass ich super Jungs im Team hatte, sodass ich mich getraut habe“, sagt Krillmäuer, der seine Schuhe inzwischen für den ASC Geretsried in der A-Klasse schnürt. Ein Problem mit seiner Orientierung habe innerhalb der Mannschaften, für die er aktiv war, niemand gehabt – „vielleicht auch deshalb, weil ich ein ganz guter Kicker war“, erinnert er sich lachend.

Natürlich habe er sich vor seinem Outing Fragen gestellt: „Wie wohl die anderen reagieren werden? Und ob man die Reaktion auch selbst wegstecken kann, weiß man ja im Vorfeld nicht.“ Der 34-Jährige war nach seinem Outing erleichtert: Er erfuhr viel Unterstützung von seinen Sportkumpels.

Eine etwas andere Geschichte erlebte Laurin Bauer. Der heute 21-Jährige öffnete sich im selben Alter wie Krillmäuer. Eigentlich hatte er den Schritt nur in der Schulklasse gewagt, „aber ich wusste, dass es sich auch bis zum Fußball herumspricht“, sagt er. „Kurz nach meinem Outing habe ich nur noch in der zweiten B-Junioren-Mannschaft gespielt“, sagt Bauer. Ob die Trainerentscheidung damals wirklich nur sportliche Gründe hatte, daran hegt er im Rückblick Zweifel. Besonders weil ihn danach einer seiner Übungsleiter zum Gespräch bat: „Mir ist klar gemacht worden, dass ich mir eine andere Mannschaft suchen kann, weil es wohl Mitspieler gab, die mit meiner Homosexualität ein Problem hatten.“

Aus der Mannschaft „hat niemand etwas dazu gesagt“

Ein Schock für den jungen Mann. Denn vor genau dieser Reaktion haben viele Angst, halte etliche Sportler von ihrem Outing ab. Die Sorge, ausgestoßen zu werden, hat sich für Bauer bewahrheitet. Aber: „Mir gegenüber hat nie ein Mitspieler etwas gesagt. Ich glaube nicht, dass ein Teamkollege damit wirklich ein großes Problem hatte.“ Bauer vermutet, dass die ältere Generation – ergo: jemand aus der Funktionärsriege – den schwulen Kicker loswerden wollte.

Der Außenverteidiger aus Achmühle entschied sich, den Verein zu wechseln und wurde von seinen neuen Kollegen bei der DJK Waldram positiv empfangen. „Da ging es ums Fußballspielen und darum, was man in der Mannschaft für ein Mensch ist.“ Wen man in seinem Privatleben liebt, zu wem man sich hingezogen fühle, „das war nie ein wichtiges Thema, ein heikles schon gar nicht“, erinnert er sich. Gewusst hätten es trotzdem alle Mannschaftskameraden. „Ich habe kein Geheimnis daraus gemacht.“ Inzwischen schaut sein Partner regelmäßig zu, wenn Bauer für die DJK Waldram auf dem Platz steht. „Dass das möglich ist, gehört für mich zur Normalität einfach dazu.“

„Es war immer ein Versteckspiel“, sagt Stephan Berger

Genau danach, einer Normalität, sehnt sich der Wolfratshauser Stephan Berger schon jahrelang. Der 39-Jährige ist homosexuell – aber das durfte niemand wissen. „Es war immer ein Versteckspiel, wenn man mit seinen Kumpels vom Fußball unterwegs war“, sagt er. In der „absoluten Männerdomäne Fußball“ fürchtete Berger, dass ihm manche Teamkollegen den Rücken kehren würden, wenn er sich öffentlich bekennen würde. „Und es gibt einfach verdammt viel dummes Gerede am Fußballplatz“, weiß der langjährige Torhüter und heutige Übungsleiter. Dem wollte sich Stephan Berger nicht aussetzen. „Klar“, sagt der Geretsrieder Rico Krillmäuer, auf dem Fußballplatz fallen mal unschöne Worte. „Da regt sich schon mal ein Mitspieler über einen schwulen Pass auf“, weiß er. „Aber es gibt einen Unterschied zwischen unbedachten, blöden Sprüchen in der Emotion und ernsthaft diskriminierenden Aussagen gegen Homosexuelle.“ Letztere habe er nie zu hören bekommen, „auch nicht von Gegenspielern oder Zuschauern“.

Irgendwann hatte er das ständige Versteckspiel satt

Berger kennt diese Sorgen. „Ich habe mich vor der Welt versteckt, vielleicht aus Angst, abgelehnt zu werden“, sagt er. Bis er vor wenigen Tagen entschied: „Ich habe das Versteckspiel satt.“ Er möchte nun den Schritt wagen, sich auch öffentlich zu outen.

Bei seiner früheren Trainerstation, dem TSV Wolfratshausen, wussten einige wenige Entscheidungsträger von Bergers Privatleben. Die Outings vor den Freunden und den Vereinsfunktionären liefen problemlos, der Wolfratshauser bekam Unterstützung – und Verständnis dafür, dass ihm die Öffnung nicht leicht gefallen ist. „Da fällt einem ein riesiger Stein vom Herzen“, sagt Berger.

Er hofft, dass sein öffentliches Outing jungen Fußballern hilft, die in der selben Position sind, wie er selbst noch vor einigen Jahren war. „Ich verstehe jeden, der glaubt, daraus ein Geheimnis machen zu müssen. Ich habe es ja lange genug selbst versucht“, sagt er nachdenklich. „Aber ich bin der Überzeugung, dass dieses Thema auch im Volkssport Nummer eins langsam zur Normalität werden sollte.“

Dieser Meinung sind Bauer und Krillmäuer schon lange. „Je mehr Menschen den Mut haben, sich zu öffnen“, sagt Krillmäuer, „desto schneller kann ein normaler Alltag für schwule Fußballer Realität werden.“

Gegen Homophobie: BFV unterstützt Initiative der Fußballmagazins „11Freunde“

Der Bayerische Fußball-Verband (BFV) unterstützt wie berichtet die Initiative des Fußballmagazins 11Freunde „Ihr könnt auf uns zählen! Gegen Homophobie im Fußball“. Über 800 Profi-Fußballer haben in diesem Zuge ihre Solidarität mit homosexuellen Fußballspielern demonstriert und eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet. Darin geht es unter anderem darum, dass es noch immer keinen einzigen offen homosexuellen Fußballer in den deutschen Profiligen der Männer gibt. Die Angst, nach einem Coming-out angefeindet und ausgegrenzt zu werden und die Karriere als Profifußballer zu gefährden, sei offenbar immer noch so groß, dass schwule Fußballer glauben, ihre Sexualität verstecken zu müssen. 

Die Initiatoren der Aktion betonen, dass niemand zu einem Coming-out gedrängt werden soll. Dies sei immer die freie Entscheidung eines jeden Einzelnen, schreiben die Profis. Ihnen sei es jedoch wichtig zu zeigen, dass sich jeder, der sich dafür entscheidet, der vollen Unterstützung und Solidarität der Unterzeichner sicher sein kann. „Weil es zu den elementaren Freiheitsrechten jedes Menschen gehört, sich zu seiner sexuellen Orientierung bekennen zu können. Und weil nur der seinen Beruf mit Freude ausüben kann, der nicht einen wichtigen Teil seiner Persönlichkeit vor anderen verstecken muss.“ Da auch im Amateurfußball das Problem Homophobie auf vielen Ebenen existiere, appelliert der Fußballverband an seine rund 4600 Mitglieder, sich ebenfalls zu positionieren. 

Der Verband hat zu einer Foto-Aktion aufgerufen, bei denen sich – analog zu den Profis – Amateurfußballer und -funktionäre mit einem Pappschild, auf dem ,Ihr könnt auf uns zählen’ steht, fotografieren. Das Bild solle in den sozialen Netzwerken mit dem Hashtag #ihrkönntaufunszählen veröffentlicht werden.

(Dominik Stallein)

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