BFV und DFB haben letzte Woche in einer Pressekonferenz klargestellt: Der Fußball muss wieder starten. Die Vereine sind im Hinblick auf den baldigen Re-Start skeptisch.
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BFV und DFB haben letzte Woche in einer Pressekonferenz klargestellt: Der Fußball muss wieder starten. Die Vereine sind im Hinblick auf den baldigen Re-Start skeptisch.

Amateur- und Breitensport seit fünf Monaten stillgelegt

Würmtal: Vereinen fehlt der Glaube an einen Re-Start

  • Michael Grözinger
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BFV und DFB haben letzte Woche in einer Pressekonferenz klargestellt: Der Fußball muss wieder starten. Die Vereine sind im Hinblick auf den baldigen Re-Start skeptisch.

Würmtal – Fritz Keller, Präsident des Deutschen Fußball-Bunds (DFB), und sein Stellvertreter Rainer Koch, zugleich Präsident des Bayerischen Fußball-Verbands (BFV), haben auf einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche klargestellt: Der Amateurfußball muss wieder starten – und zwar so bald wie möglich. Koch äußerte, der Amateurfußball sei „kein pandemisches Problem, sondern Teil der Lösung. Wir haben die Diagnose – und das Rezept: Der Ball muss rollen. Die Menschen wollen nicht länger eingesperrt sein.“ Er fügte an, der „Patient Amateurfußball“ sitze „im Wartezimmer der Politik“.

Doch wie realistisch ist eine baldige Rückkehr auf die Fußballplätze angesichts erneut steigender Infektionszahlen? Muss die Saison doch noch abgebrochen werden? Sind flächendeckende Tests umsetzbar? Wir haben uns bei den Vereinen im Würmtal umgehört.

Entwicklung derZahlen spricht gegen baldige Rückkehr

Der politische Stufenplan sieht unterschiedliche Maßnahmen in 14-Tage-Schritten bei einer stabilen Sieben-Tage-Inzidenz vor. Bei einem Wert unter 100 wäre ab kommendem Montag, 22. März, Kontaktsport im Freien bei Vorlage eines tagesaktuellen Schnell- oder Selbsttests möglich, ab dem 5. April auch ohne. Doch schon jetzt sind die Zahlen in Teilen Bayerns höher. Auch in den Landkreisen München und Starnberg geht der Trend nach oben. Der Verband der Intensivmediziner forderte bereits eine sofortige Rücknahme aller Öffnungen. Die weiteren Lockerungsschritte stehen auf der Kippe, der von vielen Vereinen anvisierte Trainingsstart ab dem 5. April scheint kaum mehr haltbar.

Auch die Würmtaler Trainer glauben nicht recht an eine Auferstehung des Amateurfußballs nach den Osterfeiertagen. „Man kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber mein Gefühl sagt: nein“, so Maximilian Zgud, Trainer der zweiten Mannschaft des TSV Neuried, der ab dem Sommer gemeinsam mit Josip Hrgovic das Bezirksliga-Team übernehmen wird. A-Klassist TSV Pentenried unter der Leitung von Franz Möhwald hat nach kurzzeitigem Start mit gemeinsamen Laufeinheiten inzwischen alle Pläne einer Trainingsrückkehr auf Eis gelegt. „Die Zahlen steigen wieder, und Gesundheit hat eben absolute Priorität“, sagt Möhwald. Korbinian Halmich von Lokalrivale TV Stockdorf geht ebenfalls „nicht davon aus, dass wir so bald trainieren und spielen“. Der Coach des TSV Gräfelfing, Konstantin Schachtner, pflichtet bei und zeigt Verständnis: „Wenn die Zahlen weiter so steigen, ist es nicht haltbar, den Amateursport zu öffnen.“ Sein Kollege Mario Germek von der DJK Würmtal meint: „Die Hoffnung ist immer da, aber Erwartungen habe ich keine mehr.“ Michael Lelleck, Trainer des SV Planegg-Krailling, war schon im ersten Lockdown 2020 einer der ersten, „die gesagt haben, die Saison gehört abgebrochen“. Aber: „Wir müssen die Entscheidung in jede Richtung akzeptieren.“

BFV verbreitet Optimismus –Trainer sind skeptisch

Beim BFV ist man optimistisch. Ein Saisonabbruch wird weiterhin nicht in Betracht gezogen, noch nicht einmal zu einer Absage des Ligapokals konnte man sich durchringen. „Spielen wir das doch mal gedanklich durch. Wir brechen jetzt ab und in ein paar Wochen setzt der von vielen Experten prognostizierte Impf-Effekt ein, dann können wir wieder Fußball spielen, haben aber keine Saison, sondern Leerlauf“, wird Verbandsspielleiter Josef Janker auf der Homepage des BFV zitiert. Er sei angesichts nur noch weniger ausstehender Spiele „nach wie vor optimistisch, dass das auch klappt und wir diese Spiele über die Bühne bekommen. Von daher brauchen und werden wir jetzt keine Entscheidung übers Knie brechen, die uns in ein paar Wochen vielleicht einholt.“

Bei TVS-Trainer Halmich sorgen solche Aussagen für Verwunderung: „Ich und viele im Verein verstehen nicht, wie man so optimistisch sein kann.“ Er ergänzt: „Im Endeffekt stehen wir genau da, wo wir im letzten März schon mal waren. Es ist eine Never-Ending-Story.“ Maximilian Zgud betont, es sei natürlich „immer schöner, wenn die Saison sportlich entschieden wird. Aber mit jeder Woche, die verstreicht, wird es schwieriger.“ Er glaubt, der Optimismus von Verbandsseite rühre vor allem daher, dass man im vergangenen Jahr mit der Verlängerung der Saison einen bestimmten Weg eingeschlagen habe und nun nicht davon abweichen möchte. Zgud vermutet, beim BFV herrsche Angst, ein Saisonabbruch würde wie das Eingeständnis einer Fehleinschätzung wirken. Für Pentenrieds Möhwald ist die Sachlage eindeutig: „Die wollen Ruhe reinbringen und versuchen, es schönzureden. Die wissen auch, dass das nichts mehr wird. Aber am Ende wollen sie nicht schuld sein. Der Verband versteckt sich hinter der Politik.“

Wie wäre eine Restrunde in kurzer Zeit umsetzbar?

Die meisten Trainer wollen vor allem Klarheit. Noch mehr als um Platzierungen bei einem Saisonabbruch machen sich viele Sorgen um eine konkrete Umsetzung der ausstehenden Spiele. Streitpunkte sind zum einen die verkürzte Vorbereitung von vermutlich drei Wochen, zum anderen Spiele an Wochentagen und die Ansteckungs- und Quarantäne-Gefahr für die Spieler. Wenn der Trainingsbetrieb nicht im April wieder anläuft, dürfte es selbst bei einer Absage des Ligapokals mit einem Saisonende vor dem 30. Juni eng werden. Der neue Münchner Kreisspielleiter Frank Ludewig ließ bereits verlauten, der Spielplan werde nicht ohne Englische Wochen funktionieren.

Konstantin Schachtner: „Wenn wir nicht ab Anfang April wieder trainieren können, wäre ein Abbruch am sinnvollsten“


Für Gräfelfings Schachtner der falsche Ansatz: „Ich sehe nicht ein, dass wir mehrere Englische Wochen spielen. Nach kurzer Vorbereitung ist die Belastung eh schon unfassbar hoch. Wenn wir nicht ab Anfang April wieder trainieren können, wäre ein Abbruch am sinnvollsten.“ Im Falle einer früheren Freigabe könne man ja mit der kommenden Saison eher starten. Zgud sieht es ähnlich: „Irgendwann kommt der Punkt, da müssten wir dreimal pro Woche spielen, um es noch durchzuziehen. Da muss dann die nächste Saison Vorrang haben.“ Michael Lelleck malt bei einem zu engen Zeitplan schwarz: „Amateurfußballer haben nicht die Physis und medizinische Betreuung wie Profis. Ich gehe davon aus, dass sich dann viele Spieler verletzen.“ Auch Halmich fürchtet bei Hast nach der langen Pause eine Überlastung und zunehmende Verletzungen. Mario Germek hält Spiele unter der Woche zudem für schwer umsetzbar – auch wegen der Schwierigkeiten, überhaupt einen freien Rasenplatz zu bekommen. Jens Rindermann, Fußballabteilungsleiter bei Kreisklassist Gautinger SC, ist vor allem wichtig, dass die Teams genügend Zeit zur Vorbereitung erhalten: „Aus dem Stand heraus klappt es nicht, dafür war die Pause einfach zu lang.“

Sollte ein Spielplan mit einem Saisonende noch vor dem 30. Juni zustande kommen, bleibt dennoch weiterhin die Gefahr von Spielausfällen wegen Quarantäne-Maßnahmen wie im vergangenen Herbst. Die stellen nicht nur ein weiteres Problem für den Verband dar, sondern hätten auch Auswirkungen auf Privat- und Berufsleben der Spieler: „Noch größer als die Angst, sich anzustecken, ist bei vielen die vor der Quarantäne“, sagt Korbinian Halmich. „Schon im Profibereich gab es die zuletzt immer öfter für ganze Mannschaften, zum Beispiel in Regensburg oder Kiel. Wie soll es da erst im Amateurbereich sein?“ Er vermutet, dass einige Spieler aus Quarantäne-Angst dem Trainings- und Spielbetrieb vorerst fernblieben, selbst wenn dieser bald erlaubt werden sollte.

Welche Rolle können Schnelltests beim Restart spielen?

Immer wieder wird von politischer Seite betont, dass die Situation eine andere sei als vor einem Jahr, nun stünden andere Hilfsmittel zur Verfügung. Auch DFB-Präsident Keller erweckte diesen Eindruck mit seiner Aussage, die Rückkehr des Amateurfußballs müsse erfolgen über „Testen, Testen, Testen – nicht nur Spieler und Trainer, sondern auch das Umfeld“, über Impfungen und über „Kontaktnachverfolgung durch Apps“. Diesen allgemeinen Ansagen folgte allerdings wenig Konkretes. Ab Montag wäre Kontaktsport ja nach aktuellem Öffnungsszenario mit tagesaktuellen Tests und einer Inzidenz unter 100 möglich.

Die Umsetzung stellt Amateurvereine vor große Schwierigkeiten. Noch hat kaum ein Klub angekündigt, mit Tests wieder ins Training einzusteigen. „Das sind Kosten, die man schon für die erste Mannschaft kaum tragen kann – und dazu kommen ja auch noch die Jugendteams“, bemängelt DJK-Coach Germek. Lelleck von Nachbar SVP hält Testreihen auch organisatorisch für problematisch. „Wenn der BFV die Tests zur Verfügung stellt, dann gerne“, meint Halmich augenzwinkernd. Realistisch findet er Kellers Ankündigung nicht. Auch unabhängig von den Summen: Einen solchen Aufwand zu betreiben, um seinem Hobby nachzugehen, sei kaum zumutbar, so der Stockdorfer. Ähnlich, nur mit deutlicheren Worten, formuliert es Franz Möhwald: „Das ist absoluter Schwachsinn. Du kannst doch nicht alle vor dem Training in der Nase bohren lassen.“ Zumindest im Herrenbereich hält Rindermann Tests in Gauting theoretisch für möglich, er räumt allerdings ebenfalls ein: „Ich habe noch keine Idee, wie es funktionieren kann.“

Wann geht es mitdem Spielbetrieb wieder los?

Die meisten Trainer und Verantwortlichen sind sich einig, dass der Trainings- und Spielbetrieb vermutlich erst bei niedrigen Infektionszahlen wieder starten wird – und das auch nur mit Einschränkungen. „Selbst wenn die Saison doch noch regulär beendet wird, ein Relegationsspiel vor 500 Leuten wird es höchstwahrscheinlich nicht geben“, sagt Halmich. Für ihn ist klar: „Bevor keine flächendeckende Impfung da ist, wird es nicht der Amateurfußball sein, wie wir ihn kennen.“ Planeggs Coach Lelleck hat trotzdem einen Wunsch: „Je früher wir wieder spielen können, umso besser. Wir müssen auch so schon auf zu viel verzichten. Uns allen geht der Fußball ab – und vielleicht noch stärker: die Gemeinschaft im Team.“

(TOBIAS EMPL UND MICHAEL GRÖZINGER)

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