Das Lachen ist ihm mittlerweile vergangen: Schiedsrichter-Obmann Klemens Wind sieht die Sicherheit seiner Schiedsrichter durch Corona akut gefährdet. 
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Das Lachen ist ihm mittlerweile vergangen: Schiedsrichter-Obmann Klemens Wind sieht die Sicherheit seiner Schiedsrichter durch Corona akut gefährdet. 

Zweifel an Tauglichkeit des Hygienekonzepts

Wind kritisiert BFV: „Bekamen Aerosole nur so ins Gesicht geblasen“

  • vonChristian Heinrich
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Es sind lange Abende, die Klemens Wind in diesen Wochen hinter sich bringt. Bis spät in die Nacht schaut der Obmann der Schiedsrichter-Gruppe Weilheim, der auch Vereine aus dem Würmtal zugeordnet sind, sämtliche Nachrichtensendungen zum Thema „Corona“ an.

Würmtal – Was er sieht und hört, bereitet ihm große Sorgen. Zum einen brachte die Regierung zunächst nicht genügend Schutzmasken für die Bevölkerung her, dann fehlte es an Impfstoff oder an Schnelltests. „Alles zieht sich nach hinten“, sagt Wind. Die Politiker würden ihre ursprünglich gesetzten Fristen nie einhalten können.

Auch der Bayerische Fußball-Verband (BFV) hat sich inzwischen eine Deadline gesetzt, wann er die Saison 2019/20, die mittlerweile zu einer Saison 2019/21 geworden ist, beendet haben will. Allerdings kann sich Wind nicht vorstellen, dass die unendliche Geschichte bis zum 30. Juni fertig geschrieben ist. „Die Vereine müssen sich überlegen, ob sie auf Biegen und Brechen die Runde zu Ende bringen wollen.“ Er schlägt ein intensives Nachdenken an der Basis darüber vor, ob es gerechtfertigt erscheint, während einer Pandemie auf Gedeih und Verderb weiterzuspielen. Wind wählt deutliche Worte: „Bei diesem Virus geht es um Leben und Tod.“ Die Fußballer sollten sich nichts vormachen. Auch im März 2021 nicht: Die Zahl der Infektionen steigt wieder und das Robert-Koch-Institut spricht inzwischen von einer dritten Welle.

Auch jüngeren Schiedsrichtern ist das Risiko zu groß

In Winds Schiedsrichtergruppe hat ein Umdenkprozess längst eingesetzt. Mit einem Durchschnittsalter von 47 Jahren sind die Unparteiischen aus dem Oberland nicht mehr die Jüngsten. Besonders die älteren Semester ab 60 Jahre aufwärts weigerten sich im vergangenen Herbst, Spiele bei den Jugendlichen und Erwachsenen zu pfeifen. „Ob sie wieder anfangen werden, kann ich nicht sagen“, berichtet Wind. Viele haben mittlerweile Geschmack gefunden an einem ruhigen Wochenende ohne Ärger und Beleidigungen auf den Plätzen im Spielkreis Zugspitze.

Insgesamt 190 Schiedsrichter zählt seine Gruppe, von denen 150 noch aktiv sind. Aber nur ein Fünftel steht dem Obmann regelmäßig für die Spiele am Wochenende zur Verfügung. Die meisten haben keine Zeit, weil sie nebenbei noch als Trainer oder Spieler gefordert sind. Im vergangenen Herbst meldeten sich auch einige jüngere Referees bei ihrem Boss ab. „Sie sagten, dass es zu gefährlich sei“, erklärt Wind.

Kein großes Vertrauen in Hygienekonzept des BFV

Genauso wie die Motive der Alten versteht er auch die Argumente der Jüngeren, die Angst haben, wegen einer Infektion ihren Arbeitsplatz zu verlieren oder die eigene Familie anzustecken. „Ich lasse es jedem offen, frei zu entscheiden, ob er weiterhin pfeifen will“, stellt Wind klar. Keiner seiner Schiedsrichter werde unter Druck gesetzt. Der Fußball ist es für ihn nicht wert, Beruf, Gesundheit oder gar das Leben zu riskieren. Recht früh stand daher sein eigener Entschluss fest, selbst keine Spiele mehr zu leiten, aber zu beobachten.

Was er auf den Plätzen zu sehen bekam, ließ ihn daran zweifeln, ob das Hygienekonzept des BFV wirklich so sicher ist, wie es die Topfunktionäre immer behaupten. Nur die Praxis bei einem Verein überzeugte ihn als „absolut vorbildlich“. Alles andere ließ ihn die Sorge um seine Schiedsrichter immer größer werden. Manchmal mussten seine Leute den elektronischen Spielberichtsbogen mit Computern ausfüllen, die nicht desinfiziert waren, andere brachten eine wahre Odyssee hinter sich, bis sie im Vereinsheim den zuständigen Ansprechpartner fanden, der ihnen ihre Spesenabrechnung quittierte.

Schiedsrichter muss bei Kälte nass mit der Bahn nachhause fahren

Das Risiko, sich eine Erkältung einzufangen, wuchs mit dem Beginn der Schlechtwetterphase. Erst vor Ort erfuhr so mancher Schiedsrichter, dass weder eine Kabine noch eine Toilette und schon gar keine Dusche für ihn zur Verfügung stand. Einer seiner älteren Kollegen, der mit dem Zug zum Spiel angereist gekommen war, musste durchnässt bis auf die Knochen den Rückweg mit der Bahn antreten. „Was müssen wir uns noch alles bieten lassen?“ fragt sich Wind. „Stellen Sie sich vor, da kommt einer in seine Familie zurück und steckt alle an, nur weil der BFV die Runde um jeden Preis zu Ende bringen will.“

Auf die Antwort aus München braucht er nicht zu warten, die bekam er indirekt schon zwischen September und Oktober des vergangenen Jahres präsentiert. Der Verband hatte den Eindruck erweckt, dass die Schiedsrichter so weit geschützt sind, dass es auf dem Spielfeld zu keinem unmittelbaren Kontakt mit den Kickern kommt. „Die Ansteckungsgefahr ist gleich Null“, bekam Wind von den BFV-Oberen mitgeteilt.

„Meine Schiedsrichter bekamen die Aerosole nur so ins Gesicht geblasen“

Signalisiert wurde, dass die Unparteiischen nicht mehr angerempelt oder aus nächster Nähe angeschrien werden dürfen, so wie es vor Corona immer wieder hässlicher Brauch gewesen war. „Aber daran hat sich trotz der Pandemie nichts geändert“, sagt Wind und spricht nurmehr von leeren Versprechungen. „Meine Schiedsrichter bekamen von Spielern, Trainern und Betreuern die Aerosole nur so ins Gesicht geblasen.“

Das wüste Treiben auf den Plätzen konterkarierte sein eigenes Bemühen, seinen Referees den bestmöglichen Schutz zu bieten. Zu den Pflichtabenden im Peißenberger Gasthof „Zur Post“ ließ er aus Sicherheitsgründen nur 60 Teilnehmer zu. Normalerweise fasst der Saal gut und gerne 300 Personen. Trotzdem trauten sich viele seiner Schiedsrichter nicht zu erscheinen, was er auch nachvollziehen konnte. Verpasst haben sie hochbrisante Vorträge. Einmal hatte Wind sogar Fachkräfte einer Corona-Intensivstation eingeladen, die ungeschminkt darüber berichteten, dass Covid-19 auch vor jungen Menschen nicht Halt macht und sie fürs Leben zeichnen kann.

„Der Verband sollte sich Gedanken machen um seine Schiedsrichter im Amateurfußball“

Ob seine Schiedsrichter überhaupt noch bereit sind, nach den Erfahrungen im vergangenen Herbst weiterzumachen, wagt Wind nicht zu beurteilen. Klar ist jedoch, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann, wenn der BFV die Saison im Frühjahr wiederaufnehmen möchte. „Der Verband sollte sich Gedanken machen um seine Schiedsrichter im Amateurfußball“, fordert der Obmann, schließlich sei für ihn „der Schiedsrichter der gefährdetste Mann auf dem Platz“.

Bisher hat ein Unparteiischer überhaupt keine Handhabe, wenn er den Aerosolen der Kicker schutzlos ausgesetzt ist. Aber er darf ein Spiel abbrechen, wenn er um sein Wohl und seine Gesundheit fürchten muss. Wie geht er dann mit dieser Causa um? Das Regelwerk sieht den Fall nicht vor, ob und wie sich ein Schiedsrichter davor schützen darf, mit einem gefährlichen und lebensbedrohenden Virus infiziert zu werden.

Eine gewisse Sicherheit würden Schnelltests sowohl für die Mannschaften als auch für die Schiedsrichter bringen, wenn sie verbindlich vor und nach jedem Spiel vorgeschrieben sind. „Dazu müsste jedoch ganz gewaltig aufgerüstet werden“, stellt Wind klar. Im Gegensatz zum Profifußball wurde bei den Amateuren bisher gänzlich auf regelmäßige Tests verzichtet. Nur wer bezahlt das Ganze? „Den Vereinen kann ich das nicht abverlangen, denn die sind eh gerupft genug.“ Wind zeigt absolutes Verständnis für die Lage der Klubs.

„Letztendlich sind vor Ort die Spieler und Schiedsrichter gefährdet und nicht die Funktionäre“

Seine Schiedsrichter-Gruppe, die nur von den Beiträgen der Mitglieder und von Spenden lebt, kann die Kosten aber auch nicht stemmen. Bleibt also nur der Verband. Es muss laut Wind dringend etwas geschehen, wenn Gesundheit und Leben aller Beteiligten wirksam geschützt werden sollen. „Letztendlich sind vor Ort die Spieler und Schiedsrichter gefährdet und nicht die Funktionäre“, betont der Obmann.

Bis dato hat sich der BFV lediglich Gedanken darüber gemacht, bis wann er die Saison zu Ende bringen möchte. Über das „Wie“ hat er kaum Worte verloren. Wind gibt den Verantwortlichen von der Brienner Straße eine Denkaufgabe für die kommenden Wochen vor – wenn sie ihre Fürsorgepflicht wahrnehmen wollen: „Wie können die Schiedsrichter am besten ohne großes Risiko die Spiele pfeifen?“

Bisher bekam er vom Verband keine schriftlichen Instruktionen. Die Funktionäre haben sich auch nicht bei ihm erkundigt, ob er im Frühjahr genug Personal zur Verfügung hat, um die Spiele zu besetzen. Das wird einfach erwartet.  

(Christian Heinrich)

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