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Am Pausenhof der Planegger Grundschule lernte Clara Schöne das Kicken.

Clara Schöne im Interview

Clara Schöne: „Ein Jahr später, und ich wäre Meister“

  • Michael Grözinger
    vonMichael Grözinger
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Clara Schöne spielte für den FC Bayern und den SC Freiburg, ehe sie ihre Karriere beenden musste. Im Interview spricht die 27-Jährige über Verletzungen, Entbehrungen und Erfolge.

Planegg – „Frauenfußball ist irgendwie langweilig.“ Das sagte Clara Schöne als Zwölfjährige im Interview mit dem Münchner Merkur 2005. Damals stand sie zwar kurz vor dem Sprung in die Nachwuchsabteilung des FC Bayern München, überlegte aber noch, ob sie vielleicht lieber Handball spielen sollte. Die Planeggerin entschied sich dann doch für den Fußball – und machte groß Karriere. DFB-Pokalsiegerin mit den Bayern, später Kapitänin beim Bundesliga-Spitzenteam SC Freiburg. Verletzungsbedingt beendete Schöne in diesem Sommer ihre Karriere (wir berichteten). Im ersten Teil des großen Interviews verrät die 27-Jährige unter anderem, wie lange sie an ihrem Karriereende zu knabbern hatte, was ihr bestes Fußballjahr war und warum sie die Entscheidung ihres Wechsels 2014 nach Freiburg manchmal noch hinterfragt.

Clara Schöne, Sie haben im Juni mit 27 Jahren verletzungsbedingt Ihre aktive Fußballkarriere beendet – als Spielerin von Bundesligist SC Freiburg. Wieso haben Sie eigentlich 2014 als etablierte Kraft des FC Bayern München den Schritt in den Breisgau gemacht?

Ich hatte in der Zeit davor bei Bayern blöde Verletzungen, bin nicht mehr so rangekommen, habe nicht mehr so oft gespielt und wollte einfach regelmäßiger spielen. Dazu muss man sagen: Ich bin ja bei Bayern groß geworden, und dann war ich mit über 20 immer noch „die Kleine“, und von diesem Bild wollte ich ein bisschen wegkommen.

In Freiburg hatten Sie laut eigener Aussage eine „coole Zeit“. Doch dann kam das Verletzungspech...

Genau. Vor drei Jahren ist mir eine Gegnerin ins Knie gesprungen, seitlich. Da ist der Knorpel kaputtgegangen und der Meniskus. Ich habe zwar zwischendurch immer wieder Spiele gemacht, dann wurde es aber immer schlimmer. Ich habe drei Monate lang gar nichts gemacht – auch das hat nichts gebracht. Dann dachte ich: Okay, vielleicht geht es nur so; habe mich durchgequält. Ich habe Montag, Dienstag locker gemacht, Mittwoch individuelles Training, Donnerstag, Freitag mit der Mannschaft, Samstag Abschlusstraining und Sonntag Spiel. Hauptsache, ich kann spielen. Irgendwann dachte ich: Das kann ja nicht sein, dass ich noch fünf Jahre lang nur zweimal die Woche mit der Mannschaft trainiere und dann spiele. Ich habe verschiedene OPs probiert – alleine in diesem Jahr drei.

War das Ihr letzter Versuch?

Ja, ich habe mir vorher gesagt: Wenn das jetzt nichts wird, will ich das Risiko nicht länger eingehen. Dann sehe ich auch keinen Sinn mehr darin. Wir haben in den letzten Jahren alles probiert, was es gibt. Meine Physios und Ärzte haben mich überall hingeschickt, in jegliche Reha-Zentren, zu Ärzten, Muskelmessungen, sonst was. Aber so wirklich besser wurde es leider nie. Deshalb habe ich beschlossen aufzuhören.

Wann hatten Sie erstmals den Gedanken, dass Sie Ihre Karriere tatsächlich beenden müssen? Kam das schleichend, oder gab es einen Schlüsselmoment?

Letztes Jahr im Sommer habe ich mit unserem Trainer in Freiburg geredet. Wir haben gesagt, wir nehmen uns die komplette Sommerpause, fangen noch mal komplett neu an. Ich mache nichts, mache Ruhe. Danach war es immer noch da. Das hat mich schon ein bisschen irritiert. Dann hat man mir eine Möglichkeit aufgezeigt, wie man den Knorpel behandeln kann durch eine OP mit viermonatiger Pause. Als ich das gehört habe, dachte ich: Geil, vier Monate, das bekomme ich hin. Ich war ja davor schon fast zwei Jahre in der Reha. Noch mal so einen langen Zeitraum hätte ich nicht geschafft, da wäre ich dran kaputtgegangen. Vier Monate haben sich okay angehört. Das war meine letzte Hoffnung. Ich wusste: Wenn das nicht klappt, muss ich akzeptieren, dass es einfach nicht mehr geht.

Wann stand Ihr Karriereende letztlich fest?

Anfangs nach der OP sah der Verlauf ganz gut aus, dann hat sich aber der Knorpel wieder gelöst. Das war im Februar, da stand für mich fest: Das war’s. Die Schlussfolgerung war noch, dass man eine Knorpel-Transplantation machen musste im März. Die OP war aber nur dafür da, damit ich im Alter keine Probleme bekomme wie Arthrose.

Durften Sie mit Familie, Freunden, Mitspielerinnen im Vorfeld über Ihr Karriereende sprechen?

Mit der Familie natürlich. Die wissen immer Bescheid, die haben mir immer geholfen. Die letzten zwei Jahre war ich, glaube ich, auch nicht so einfach (lacht). Weil ich immer mal wieder sehr gefrustet war, und sie haben es teils abbekommen. Sie waren aber immer für mich da. Ich habe mich selbst am Anfang ein bisschen schwergetan, es allen zu sagen. Ich war in München in der Reha und habe jede Spielerin angerufen oder Sprachnachrichten geschickt. Aber das war relativ spät, weil es mich am Anfang noch recht traurig und ein Stück weit sauer gemacht hat, dass es vorbei ist. Immer wenn ich es erzählt habe, musste ich auch wieder anfangen zu weinen. Managerin und Trainer haben es natürlich als erstes erfahren, für die war es ja auch wichtig für die Planung.

Nachdem es raus war und Sie es selber überwunden hatten, waren die letzten Monate eher erfüllend oder haben eher wehmütig gestimmt?

Anfang des Jahres war es kurzzeitig wirklich schlimm. Im Endeffekt ging es mir aber immer gut. Inzwischen komme ich super damit klar. Als ich im Sommer das Pokalfinale der Frauen gesehen habe, kam es noch mal kurz hoch. Ich hatte ja letztes Jahr im Pokalfinale gestanden und musste mir jetzt eingestehen: Das werde ich wohl nie wieder haben. Es sind immer mal wieder kleine Momente, aber im Großen und Ganzen geht es mir gut damit.

War die Entscheidung schwer oder leicht?

Das kann man schlecht sagen, es fällt natürlich immer schwer. Jeder, der mich kennt, weiß, ich liebe Fußball. Es erfüllt mich am allermeisten zu spielen, zu trainieren. Aber dadurch, dass es sich über mehr als zwei Jahre gezogen hat, war es am Ende auch ein bisschen erleichternd zu sagen: Jetzt ist es vorbei, jetzt musst du dich nicht mehr damit rumquälen.

Was werden Sie am meisten vermissen?

Ich bin ein Teamplayer, ich habe es geliebt, in einer Mannschaft zu sein. Das waren meine Freunde, wir hatten Spaß zusammen, das wird mir fehlen. Aber ich glaube am meisten die Emotionen. Ich weiß nicht, wie ich die anders bekommen soll. Du verlierst zusammen, bist extrem traurig. Du bist extrem glücklich, wenn du in der letzten Minuten ein Tor schießt oder ins Pokalfinale einziehst. Das sind so extreme Glücksgefühle.

Wenn man Ihnen glauben darf, sind Ihre Mitspielerinnen auch Ihre besten Freundinnen.

Ja, total. Durch meinen Schulwechsel in der Jugend sind meine alten Freunde weggebrochen. Ich konnte am Wochenende, wenn sie feiern gegangen sind, natürlich nicht mit. Dann machst du automatisch mehr mit den Menschen, die das gleiche Leben führen wie du. In meiner neuen Schule waren nur Fußballer. Ich weiß jetzt natürlich nicht, ob nur ich so ein Glück hatte, aber ich hatte nur coole Leute um mich herum (lacht). Da habe ich definitiv meine allerbesten Freunde gefunden, und ich bin mir sicher, dass sie für immer in meinem Leben bleiben werden.

Sie konnten beim Feiern nicht dabei sein. Welche Abstriche mussten Sie noch machen?

Was das Feiern angeht, habe ich gar nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Dafür habe ich viel Wertvolleres bekommen, verglichen damit, worauf ich verzichten musste. Wenn wir ein wichtiges Spiel gewonnen haben, haben wir natürlich auch gefeiert. Ich denke mir immer, so ein Feiern ist viel geiler, als sich jedes Wochenende zu betrinken. Dann ist es auch nichts Besonderes mehr. Was natürlich schade war, waren Familienfeiern. Wenn zum Beispiel meine ganze Familie zum 80. Geburtstag meiner Oma gefahren ist, und ich konnte nicht mit, weil wir am Sonntag ein Spiel hatten. Aber die Familie hat immer geschaut, dass sie größere Feste in meine trainingsfreie Zeit gelegt hat. Natürlich konnten wir nie mal einfach so einen Wochenendtrip machen, aber dafür hatten wir im Sommer immer sechs Wochen frei. Die habe ich fast komplett ausgenutzt und war quasi nie daheim – in sämtlichen Ländern unterwegs, alles mitnehmen, alle Freunde mal wieder treffen. Es ist ein anderes Leben, aber es hat Vor- und Nachteile.

Was würden Sie als Ihre größten Erfolge bezeichnen?

Mit Bayern sind wir 2012 Deutscher Pokalsieger geworden. Dann aber auch, 2019 mit Freiburg ins Pokalfinale eingezogen zu sein. Pokal war generell für mich ein richtig guter Wettbewerb, der steht bei mir weit oben. Vor zwei Jahren sind wir mit Freiburg außerdem in der Liga Dritter geworden. Das war die coolste und beste Saison, die ich gespielt habe. Da habe ich mich zwar leider auch verletzt, aber die Spiele davor und danach – das war die coolste Mannschaft, die ich je hatte, alles in allem mein bestes Jahr.

Da waren Sie auch Kapitänin...

Ja, das war mein erstes Jahr als Kapitänin. Da hat irgendwie alles gestimmt (lacht).

Bereuen Sie irgendetwas aus Ihrer Zeit als Profifußballerin?

Es gibt eine Sache, wobei ich nicht unbedingt von „bereuen“ sprechen würde. Weil man weiß ja nie, was ansonsten alles anders gelaufen wäre. Aber: 2014, als ich zu Freiburg gegangen bin, hätte ich eigentlich noch ein Jahr Vertrag beim FC Bayern gehabt. Ich hatte den Verein darum gebeten, früher aus dem Vertrag rauszukönnen, weil ich mehr spielen möchte, etwas Neues sehen möchte. Und genau in diesem Jahr 2014/15 ist Bayern München dann Deutscher Meister geworden. Das ist die einzige Entscheidung, über die ich manchmal noch nachdenke: Wenn ich meinen Vertrag erfüllt hätte und ein Jahr später nach Freiburg gegangen wäre, wäre ich jetzt Deutscher Meister. Aber ich hatte ja dann super Jahre in Freiburg. Und wer weiß, ob ich ein Jahr später überhaupt zu Freiburg gewechselt wäre. Die Zeit dort würde ich niemals bereuen, das war das Beste, was ich machen konnte. Es war auch superlehrreich für mich, da bin ich als Person noch mal gewachsen. (Michael Grözinger)

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