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Den Ball immer mit dem Körper abschirmen – Sven Hannawald (links, vorne) weiß, was im Fußball zu tun ist, zumindest auf dem Niveau der Kreisklasse. Er war als Skispringer Weltmeister, Olympiasieger, Star der Vier-Schanzen-Tournee.

„Ziiieh“ nun im Fußball

Sven Hannawald kickt jetzt für den TSV Neuried

Neuried – Er war ein deutscher Sportheld: Sven Hannawald, Skispringer. Sein Sport hat ihn erst beflügelt und später fast zerstört. Jetzt kickt er, für den TSV Neuried in der Kreisklasse.

Pöhler. Seit Jahren ziert das Wort die Kappe von Dortmunds Trainer Jürgen Klopp. Eine Werbeaktion? Klar. In eigener Sache. „Pöhler“ heißen im Ruhrgebiet die Straßenfußballer.

Pöhler. Sven Hannawald grinst, wenn er das Wort hört. „Da habe ich auch schon drüber lachen müssen“, sagt er. „Pöhler“ hat er früher oben rechts auf seine Schularbeiten geschrieben. Oder in seine Bücher. „Das ist mein Geburtsname,“ erklärt er. „Meine Eltern haben erst 1990 geheiratet, also hieß ich davor so wie meine Mutter – Pöhler. Und danach wie mein Vater – Hannawald.“

„Hanni“ nannten sie ihn früher, als er zur Legende wurde. Damals steckte der Schlacks aus Erlabrunn im Erzgebirge in engen, silbernen Sportanzügen und segelte durch die Lüfte, ruhig, fast bewegungslos. In seinen besten Zeiten weiter als alle anderen. Hannawald wurde zweimal Skiflugweltmeister, holte zweimal Silber bei Olympia, im Team sogar Gold. Vor allem aber gewann er 2001/02 bei der Vierschanzentournee alle vier Springen. Keiner hat das außer ihm geschafft – vor ihm kein Toni Innauer, nach ihm kein Gregor Schlierenzauer.

„Ziiieh“ riefen sie früher, wenn er schwebte. Heute steht „Ziiieh“ auf seinem Aufwärmshirt. Nur: Hannawald fliegt nicht mehr, er grätscht. Beim TSV Neuried, zweite Mannschaft, Kreisklasse München 3. Sonntag für Sonntag beackert Hannawald, der Rechtsverteidiger, die Außenbahnen der Münchner Fußballplätze, im grünen Fußballdress, seit mehr als drei Jahren. Der Weltmeister holt flinken Linksaußen die Bälle vom Schlappen. Er ist der Dani Alves von Neuried. Für seine Spezln ist er aber nur „der Sven“.

Eine Umstellung: Tempo: höher – Schienbeine: blauer

Ein Freund hat den Überflieger, der seit acht Jahren in München lebt, zum TSV Neuried II gelotst. „Am Anfang haben die Spieler im Training schon zwei Mal hingeguckt“, erzählt er. Hannawald sitzt in der Vereinsgaststätte, lehnt sich auf der Band gemütlich zurück, vor ihm steht ein alkoholfreies Weißbier. „Aber ich wurde hier sehr gut aufgenommen.“ Einen Promi-Bonus gab er nicht: Die „traditionelle Kiste Bier“ zum Einstand blieb ihm ebenso wenig erspart wie der Kampf um die am wenigsten ausgeleierten Stutzen aus dem Mannschaftskoffer, das Warten auf eine freie Dusche nach dem Spiel. Hannawald ist Kreisklasse wie alle anderen.

Die Gegner reagierten unterschiedlich auf den Skisprungkönig. „Am Anfang gab es schon blöde Sprüche, , erzählt Neurieds Trainer Klaus Fahrner, „wenn der Sven mal ein Foul gemacht hat.“ So, als hätte so einer so was nicht nötig. „Aber das hat sich schnell gelegt.“ Sagt der Trainer. Hannawald denkt anders. „Ich glaube schon, dass sich die Gegner besonders reinhängen, wenn sie sehen, dass ich spiele. Die wollen natürlich etwas beweisen.“

Der 38-Jährige spielt für den TSV Neuried, vor dessen Platz er sich zeigt.

Mehr Kummer bereitete ihm anfangs etwas anderes: das Tempo in der Kreisklasse. „Ich war ja nur Benefizspiele gewohnt“, erzählt er. „Da ging es lockerer zu.“ Anders beim TSV Neuried II: „Nach fünf Minuten konnte ich nicht mehr, weil ich mit den Intervallen nicht klargekommen bin.“ Nach den ersten Spielen waren die Schienbeine mit blauen Flecken übersät – „weil ich alles ganz falsch eingeschätzt habe“. Noch immer hat er am Montag, also nach dem Punktspiel, Schmerzen in den Beinen. „Pah. Am nächsten Morgen ist es immer ein Horror“, sagt Hannawald und lacht gequält. Ein bisschen besser ist es, seitdem er den Messi-Schuh gegen ein anderes Modell von Adidas getauscht hat. Aber er ist ja auch schon 38 Jahre alt.

Auf dem Rücken trägt er die 13 – für ihn keine Unglückszahl. „Die Nummer hatte ich auch bei meinem ersten Weltcupspringen.“

Inzwischen ist er auch bei Neuried ein bisschen zur Legende geworden. Liegt auch an seinem großen Auftritt gegen den Erzrivalen Teutonia München. Er schoss ein Tor, das in Neuried noch mehr gilt als sein Grand-Slam bei der Vierschanzentournee. 2:0 führte Teutonia, als „Ziiieh“ plötzlich anzog. Im Mittelfeld eroberte er den Ball, spurtete Richtung Sechzehner, umkurvte Gegner, spielte einen Doppelpass, stürmte in den Strafraum. Und dann? „Ich habe gesehen, dass der Torwart am Boden liegt“, sagt Hannawald. „Dann habe ich ihn halt drüber gelupft.“ 2:2 hieß es am Ende.

Über den Burnout kann er jederzeit sprechen

Hannawald lacht, wenn er über den Fußball spricht. Sie haben einen Mordsspaß auf dem Rasen. Und bald wird er seine Freundin Alena heiraten. Hannawald wirkt entschlossen, gefestigt, wenn er von seinem Glück erzählt.

Dabei war er vor ein paar Jahren ganz unten. Burnout. Nichts ging mehr. Sein dunkelstes Kapitel. Aber für ihn ist das Geschichte. „Es ist schon so weit weg, dass ich das gar nicht mehr nachvollziehen kann. Darüber bin ich auch froh.“ Inzwischen könne er zu jeder Tages- und Nachtzeit darüber sprechen. „Man muss einfach nur die Zeit ranlassen und nicht zu viel von einem erwarten. Das ist ein Lernprozess. Und das dauert, bei mir waren es fünf, sechs Jahre.“

Das einzige, was sie bei Neuried aus seiner Vergangenheit noch diskutieren, sind die Erfolge beim Skispringen. Mitspieler Stefan Heller erzählt: „Darüber haben wir in der Kabine schon öfter gesprochen. Wenn er davon spricht, ist er aber überhaupt nicht arrogant, er hat auch keine Star-Allüren oder sonst etwas. Er ist wirklich ein ganz normaler und netter Kerl, ehrgeizig und unglaublich fit.“ Höchstens ärgert er seine Teamkollegen mal mit seinem Dress vom SC Freiburg: Dem Club, einst eine graue Maus, hält Hannawald seit seiner Jugend die Treue. Und jetzt haben sich die Breisgauer glatt für die Europa League qualifiziert. „Mein Trikot ziehe ich dann nächste Saison auf den Trainingsplatz an, um die anderen ein bisschen zu ärgern“, sagt er und grinst.

Der Ehrgeiz packt Hannawald fast in allen Lebenssituationen. Den Adrenalinschub, den er „immer noch“ braucht, holt er sich beim Autorennen. Er macht das nicht schlecht, 2005 hat er angefangen, als Gaststarter im Rahmenprogramm der DTM-Serie, 2008 nahm ihn ein Team auf (Buchbinder Racing), 2010 fuhr er eine komplette Saison bei den ADAC GT Masters und wurde Vizemeister bei den Amateuren. Auch 2013 steigt er wieder ins Cockpit.

Nur das virtuelle Fußball auf der Spielekonsole, das kann er einfach nicht. „Ich habe einmal gegen einen Kumpel gespielt, der hat mich gleich zweistellig zu Null abgezogen.“ Er schaut aber gerne zu, „wenn meine Kumpels sich battlen und beschimpfen. Das ist immer super.“ Sein Lachen schallt durchs Vereinsheim.

Mit 38 könnte er langsam ans Ende der Fußballerkarriere denken. Hannawald macht weiter – anders als David Beckham, den er immer bewundert hat. „Ziiieh“ will noch ein paar Jahre dranhängen. Nächste Saison geht es wohl in der Altherrenmannschaft des TSV Neuried weiter. Ein „Pöhler“, ein echter Straßenfußballer, wird aus Sven Hannawald aber wohl nicht mehr werden.

Von Alexander Kaindl

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