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Nostalgie: Mit Alois Schloder (l.) und Erich Kühnhackl (2. v. l., mit noch kurzem Haar) begann die goldene Ära des EV Landshut. Mit dabei: Kurt Schloder und Torwart Josef Schramm.

Alois Schloder schreibt Geschichte

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Alois Schloder war einer der bekanntesten deutschen Eishockeyspieler, er stand für die glorreiche Zeit des EV Landshut. Sein Verein lässt ihn bis weit über die Karriere nicht los. Nun legt Schloder eine Chronik vor, wie es noch keine gegeben hat: 900 Seiten dick, vier Kilo schwer. Drei Jahre hat Schloder daran gearbeitet – und mit ihm die ganze Stadt.

Es geht um Geschichte, sie wurde in einem Buch niedergeschrieben, in einem wahrhaft gewaltigen – und wie es dazu kam, das ist selbst schon geschichtsträchtig.

Es begann vor drei Jahren. Martin Kolbeck, der beim EV Landshut im Fanshop arbeitet, sah sich von Besuchern öfter mit der Frage konfrontiert, ob es denn nicht etwas Schriftliches gebe über diesen großen Verein, der im Eishockey zwei Deutsche Meisterschaften (1970, 1983) zu feiern gehabt hatte und der für so viele wohlklingende Namen steht: Früher Erich Kühnhackl, Deutschlands Eishockeyspieler des (20.) Jahrhunderts, heute Tom Kühnhackl, Deutschlands einziger zweimaliger Stanley-Cup-Gewinner. Dazwischen ja auch etliche Größen: die Truntschkas, die Steigers, Marco Sturm, der eine Riesen-NHL-Karriere gemacht hat und nun Bundestrainer ist.

Martin Kolbeck und seine Fanshop-Verkäuferkollegen gingen zum Vorstand und sagten: Wir sollten ein Buch schreiben. Doch sie waren ja alle jung, sie brauchten eine Quelle für die guten alten Zeiten. Helmut Barnerssoi, 2014 Präsident des längst ins Schlingern geratenen Traditionsklubs, empfahl: „Geht’s zum Schloder!“

Der Schloder: Alois mit Vornamen, eine der großen Landshuter Figuren. Meisterkapitän, Nationalspieler, Olympiabronze-1976-Gewinner, spielstark, faustkampfstark, eine Legende. „Ich war gerade im Auto unterwegs, als im November 2014 der Anruf von Martin Kolbeck kam“, erzählt Schloder.

Zu seiner großen Zeit als Spieler sollte über ihn mal ein Buch geschrieben werden. 1982 war das. „Der Copress-Verlag in München hatte das geplant“, blickt Schloder zurück, „aber dann ist der Verleger (Helmut Simmler, d. Red.) beim Landeanflug mit Uli Hoeneß auf Hannover abgestürzt und ums Leben gekommen“. Der Bayern-Manager Hoeneß war der einzige Überlebende der kleinen Privatmaschine, die mit vier Leuten besetzt war.

Jedenfalls: Das Buch überAlois Schloder ist nie geschrieben worden. Dafür ist jetzt das Buch von Alois Schloder, mittlerweile 70 Jahre alt, erschienen. „Es gibt so viel unnötige Bücher“, sagt er. Dieses aber habe es gebraucht.

Und so hat sich Alois Schloder in die Geschichtsschreibung gestürzt. Drei Jahre lang. Da hat sich viel schlechtes Gewissen aufgestaut gegenüber seiner Frau Margit, die er „meine Sterneköchin“ nennt und der er versichert: Buch fertig, „jetzt ist es vorbei“. Zur Goldenen Hochzeit 2018 hat Alois Schloder den Kopf frei fürs Familienleben.

Dicker als dieBayern-Chronik

Er hat sich vor drei Jahren auf die Sache mit der Chronik eingelassen. „Weil er der glaubwürdigste Autor ist, denn er war ja Protagonist“, sagt Josef Deimer, der 35 Jahre lang als Oberbürgermeister von Landshut amtierte. 1974 stellte er den EVL-Star als Leiter des städtischen Sportamts ein. Einstieg eines eigentlich Berufsfremden, so räumt es der Alt-OB ein, „wir haben das gemacht, damit er nicht weggeholt wird. Eine kleine Stadt wie unsere konnte auf diesem Feld sonst nicht mitspielen“. Das große Geld gab es in den Metropolen, in Berlin, Köln, Düsseldorf.

Landshut bot Sicherheit. Schloder blieb bis zur Pensionierung in seinem Job, und es hat auch mit ihm zu tun, dass Sport in Landshut funktionierte. 35 000 Bürger seien Mitglied in einem Verein, die Hälfte der Bevölkerung. „Wir sind“, sagt Deimer immer noch stolz, „die Stadt mit den wenigsten Drogendelikten“.

Sein Leben lang hat Schloder gesammelt, was über Eishockey publiziert wurde. Journalisten fürchteten den zur Rede stellenden Blick von Alois Schloder, der mit sonorer Stimme vortrug, dass er diese und jene Überschrift oder Bemerkung nicht vergessen habe. Von „Auf der Bank tickt eine Bombe“, weil er in der Nationalmannschaft ein paar Spiele mal nicht aufs Eis durfte, bis zum Spott, dass er später als TV-Co-Kommentator den Sudden Death „Sädden Datsch“ aussprach.

„Das ganze Obergeschoss in Alois’ Haus, die ehemaligen Kinderzimmer – alles Museum und Archiv“, beschreibt es Josef Deimer. Seine Bestände schlachtete Schloder nun aus, sein wichtigster Mitstreiter war Helmut Stix, der frühere Kulturbeauftragte der Stadt. Zusammen hatten sie vor ein paar Jahren eine Chronik des Landshuter Sports verfasst. 250 Seiten. „Wir dachten, für den EVL kommen wir mit 400 Seiten hin“, so Schloder.

Es wurden mehr. Immer mehr. Rupert Meister, ehemals Torwart in Landshut und nun Nachwuchs-Cheftrainer, sagt, „dass der Alois jeden zweiten Tag im Eisstadion gewesen ist und die neuesten Bilder gezeigt hat, die ihm untergekommen sind. ,Und jetzt’, hat er gesagt, ,bin ich auf Seite 800’.“ Puh!

„900 waren das Maximum“, erinnert sich Schloder an die Kämpfe mit dem Verlag. Er hat 1600 Fotos verarbeitet, das Buch wiegt vier Kilogramm, wer es kauft, bekommt zum Wegtragen „eine Tüte, die wir verstärken haben lassen“. Wahrscheinlich können Alois Schloder und der EV Landshut sogar einen Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde beantragen – für die umfangreichste Sportchronik. Zum Vergleich: Zu „100 Jahre DFB“ wurden 620 Seiten verfasst, die Geschichte des FC Bayern endet nach 672 Seiten. Der EV Landshut wird nächstes Jahr 70, ist also viel jünger, aber erzählt von sich auf 896 Seiten.

In der lokalen Presse hat Schloder vor drei Jahren verraten, was für ein Projekt er plane – und dazu aufgerufen, dass die Bürger Exponate für die EVL-Forschung zur Verfügung stellen mögen. Zunächst aber hat einer geklingelt, der was von ihm wollte: der Gesandte einer örtlichen Druckerei. Schloder: „Ich war auf der Terrasse und schaue runter. Steht da einer im weißen Hemd. Ich dachte, der will mir was Kirchliches verkaufen.“ Fabian Kühn, der Mann im weißen Hemd, sagt: „Er hielt mich für einen Zeugen Jehovas, so fixierte er mich.“ Dabei wollte er nur vorbringen: „Ich habe gelesen, dass Sie eine EVL-Chronik planen. Ich bewerbe mich hiermit um den Druckauftrag.“ Er bekam ihn.

Alois Schloder hat drei Jahre seines Ruhestandslebens in die Chronik investiert, dennoch und obwohl im Eishockey alle „vom Schloder seinem Buch“ sprechen, steht sein Name nicht auf dem Cover. Es ist das Buch einer ganzen Stadt geworden.

Da hat sich die Leiterin des Gymnasiums gemeldet, dass sie „gerne über die Texte schauen könne“, hat ein Mitarbeiter aus dem Stadion angeboten, die Umschlaggestaltung zu übernehmen, organisieren Birgit Rieder, die Mutter des Landshuter NHL-Cracks Tobias Rieder (Arizona Coyotes), und Barbara Schinko, deren Mann Thomas lange für den EVL spielte (berühmte Sturmreihe: Abstreiter – Oswald – Schinko), den Verkauf des Buches.

Und vor allem: Landshut hat dieses Buch finanziert. „Wir sind bei 400 Seiten von 25 000 Euro ausgegangen, dann wurden es 900 Seiten und 64 000 Euro Kosten.“ Alois Schloder hat die örtliche Geschäftswelt und ehemalige Spieler angehauen, und viele haben sich beteiligt. Da gibt dann auch der Bäcker was, das Autohaus, die Brauerei, das Busunternehmen. Und eine Lüftungsfirma, die einem ehemaligen Spieler gehört, lagert die produzierten Chroniken gratis. „Hoffentlich liegen sie da aber nicht lange“, sagt Schloder.

„Eine Hochburg –in jeder Liga“

Erich Kühnhackl, der viele Jahre mit Alois Schloder den Kern der Meistermannschaft stellte, sagt, der lokale Zusammenhalt sei „früher noch exponierter gewesen, als der Verein ganz oben war“, doch nach wie vor gelte: „Landshut ist eine Hochburg im Eishockey – egal, in welcher Liga. Und du kannst mit einem Eishockey-Anliegen hier zu jedem gehen und es wird dir geholfen – materiell, ideell.“

1999 hat sich der EV Landshut aus der Erstklassigkeit zurückgezogen, seine Lizenz verkaufte er an den neuen Klub München Barons, er selbst ging in die Oberliga. Bis hoch in die 2. Liga schafften es die Niederbayern wieder, doch seit 2015 reicht es aus wirtschaftlichen Gründen nur noch zur Drittklassigkeit. In den Playoffs verlor der EVL, ein Markenzeichen des deutschen Eishockeys, 2016 sogar gegen die Tilburg Trappers, das Gastteam aus den Niederlanden, das in der Oberliga mitspielen darf.

Weit weg sind die Zeiten, in denen die Eissporthalle am Gutenbergweg die großen Schlachten gegen Riessersee, Tölz, das „Raufbeuren“ genannte Kaufbeuren oder die Klubs aus dem Westen erlebte und das Fassungsvermögen von 7000 inoffiziell auch mal auf 9000 ausgedehnt wurde. Im Mai dieses Jahres hat die Stadt beschlossen, dass sie für 20 Millionen Euro die Halle umbaut – sie wird danach weniger Zuschauer fassen, nur noch 4700. Es ist ein endgültiger Abschied von DEL-Visionen, es ist eine Anpassung an die Realität, in der der Vereinsrekordspieler nicht mehr der unverwüstliche Alois Schloder ist (er spielte bis 38), sondern Kamil Toupal, der 1999 kam, nach der DEL-Zeit.

Erstklassig ist die Nachwuchsarbeit, in die der EV Landshut pro Saison 480 000 Euro investiert. „Früher“, sagt Hans Eller, der Bauunternehmer, der in den 90er-Jahren Präsident war und es nach langer Pause nun wieder ist, „haben wir uns über Ablösesummen und Leihgebühren finanziert, nach dem Bosman-Urteil (1995, d. Red.) waren diese Quellen weg.“

Nun wird der Erlös aus dem Chronik-Verkauf (Bezug direkt über den EV Landshut) in die Jugendarbeit fließen. 40 Euro pro verkauftem Buch, der ganze Preis, denn die Kosten sind ja gedeckt. 3000 Stück beträgt die Erstauflage, die Druckerei rechnet mit einem baldigen Auftrag für den nächsten Schwung.

In einer Art kleinem Staatsakt haben Verein und Stadt die Rekord-Chronik vorgestellt, dafür ist sogar einer wie der Torwart-Held der 90er, Petr Briza, der nun als Präsident Sparta Prag führt, gekommen. Schloder hatte was für den Tschechen: einen Spieler-des-Monats-Pokal von Dezember 1993. Der stand noch rum, und das Haus Schloder verliert nichts.

Franz Reindl, Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes, hat als Riessersee-Spieler viele Begegnungen mit dem EV Landshut gehabt. „Wenn man älter wird“, sagt er, „erinnert man sich nur an das Positive, das Negative vergisst man“. Eine erste Durchsicht der EVL-Chronik brachte ihm die Erkenntnis, „dass wir doch beschämend oft verloren haben“. Er nennt Schloders Buch „ein Prachtwerk“. was ein bisschen wie „Machwerk“ klingt. Egal: Es ist ein Kompliment.

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