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Highlights im reifen Sportleralter: Dreimal wurde Jaffray Deutscher Meister.

Wenn eine Eishockey-Karriere plötzlich wegen Corona endet

„Und bumm ist es vorbei...“

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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Jason Jaffray ist in den letzten Jahren nie vor dem 1. Mai nach Kanada heimgekehrt. Diesmal war er schon Mitte März da - in einer ganz anderen Jahreszeit. Der Stürmer des EHC München hatte einen Tag vor der Playoff-Absage noch das bevorstehende Ende seiner Karriere angekündigt. Ein paar Wochen hätte der 38-Jährige gerne noch gespielt.

München – Es könnte jetzt die Finalserie um die Meisterschaft in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) laufen. Mit München, das Hauptrundensieger war, mit Jason Jaffray, 38, Stürmer. Der Kanadier spielte fünf Jahre für den EHC und wollte Ende April feierlich Abschied nehmen. Es kam anders. Ein Gespräch über seine einige Wochen zu früh zu Ende gegangene Karriere. Jason Jaffray sitzt zu Hause in Kanada, wo es auch die hier gültigen Einschränkungen durch die Corona-Krise gibt. Wenigstens, sagt er, sei das Wetter schön, er könne mit den Hunden raus, und es gebe keine Coronafälle in der Gegend.

Jason, am Montag, den 9. März, haben Sie erklärt, dass Sie Ihre Karriere nach dieser Saison beenden werden, am Dienstag, den 10. März, war die Saison abrupt beendet und der Eishockeyprofi Jaffray Vergangenheit.

Ich hatte mit Christian Winkler, dem General Manager des Clubs, vier Wochen zuvor gesprochen, dass ich meine Entscheidung getroffen hatte. Wir kamen überein, es am Ende der Hauptrunde zu verkünden. Wie es dann kam, das war einfach hart. Das ist es jetzt, einige Wochen später, immer noch, wenn man spürt, dass man noch einmal die große Chance bekommen könnte, nach dem letzten Spiel mit dem Pokal in den Händen eine Runde zu drehen. Es gibt viele gute Teams in der DEL, nichts war garantiert, aber ich hätte noch zehn bis zwanzig Spiele gehabt. Und bumm ist es vorbei. Natürlich ist das Szenario einer Pandemie eines, an das man niemals gedacht hätte. Ich beginne nun langsam, es so zu akzeptieren, wie es gekommen ist.

Schauen Sie ab und an auf den Kalender und denken: Heute wäre das zweite Finalspiel, das dritte?

Oh, definitiv. In den vergangenen vier Jahren habe ich es nie geschafft, vor dem 1. Mai nach Kanada zu kommen, weil wir mit München immer in der Finalserie standen. Auf dieses Datum hatten sich meine Frau und unsere Kinder eingestellt. Da war es schon seltsam, Mitte März zu Hause aufzutauchen. In Kanada liegt da noch jede Menge Schnee. Im Mai ist er weg. Das sind verschiedene Jahreszeiten.

Ihre Geschichte ist ja eine besondere: Comeback in hohem Sportleralter – Sie sind 38 – nach langwierigen Hüftproblemen und einer Operation.

Die letzten eineinhalb Jahre, bis ich wieder spielen konnte, waren ja überwiegend frustrierend. Lange konnte mir niemand sagen, was für eine Verletzung ich genau habe, wie man sie behandelt, welche Operation benötigt wird. Auch als ich dann die OP vorige Saison während der Playoffs hatte, dachte jeder, das würde wohl das Ende meiner Karriere bedeuten. Ich ging 2019 in den Sommer und wusste nicht, ob ich mich von diesem Eingriff erhole und falls ja, ob ich derselbe Spieler sein würde. Mit meiner Familie habe ich damals die Entscheidung getroffen, nach Salzburg in die Red-Bull-Akademie zu gehen und dort die Reha in Angriff zu nehmen, von Ende Juni bis November. Das hat meine Karriere gerettet, und die Unterstützung, die ich von der Crew in Salzburg erhielt, war unglaublich. An die Jungs, die mir durch ihre Behandlung ermöglicht haben, meine Karriere auf dem Eis zu beenden, denke ich den Rest meines Lebens.

Nehmen Sie uns mit in den Reha-Alltag.

An manchen Tagen habe ich – inklusive Stretching und Physio – acht bis zehn Stunden gearbeitet. Ich bin geschwommen, bin auf Berge gestiegen, während meine Familie in Kanada lebte. Es war hart – körperlich und mental. Und ich musste mich dann auf dem Eis bewähren. Was du im Gym gemacht hast, kommt auf den Prüfstand, wenn dich ein 1,95 Meter großer Verteidiger checkt. Nach ein paar Spielen hatte ich wieder das Gefühl für Eishockey, und schließlich kam der Torinstinkt zurück. Das erste Tor habe ich im Champions-League-Spiel in Stockholm geschossen. Damit war ich in meiner gewohnten Rolle. Ein Spezialist für Bullys, einer, der im Powerplay vor dem gegnerischen Tor die Räume frei arbeitet und auch im Unterzahlspiel dabei ist. Ich hatte eine großartige halbe Saison.

Vor etwa zwei Jahren wurde Ihnen in München schon ein Trikot mit der Rückennummer 1000 überreicht. Weil Sie da so viele Partien im Profieishockey erreicht hatten.

Als ich nach Deutschland kam, hatte ich schon über 800 Profispiele. Ich wurde nie gedraftet von einem NHL-Club, ich habe in der East Coast Hockey League angefangen, nach zweieinhalb Jahren ergab sich die Gelegenheit, in der American Hockey League zu spielen. Schließlich konnte ich den Beweis erbringen, dass ich auch die NHL schaffe. Es sind 50 NHL-Spiele geworden, mit den Vancouver Canucks, den Calgary Flames und den Winnipeg Jets, zweimal war ich nahe am Gewinn der Meisterschaft in der AHL. Vielleicht das Tophighlight war, dass ich im ersten Jahr in München die Deutsche Meisterschaft gewinnen konnte. Von diesem Tag, als wir 2016 die Trophäe in Wolfsburg geholt haben, weiß ich noch alles. Es waren auch meine Frau und die Kinder dabei, sie haben die lange Fahrt auf sich genommen. Es gibt viele Fotos davon.

EHC-Trainer Don Jackson erinnert manchmal daran, dass Sie 2015 in jedem Ihrer ersten acht DEL-Spiele je ein Tor erzielt haben. Für ihn die erstaunlichste Serie aller Zeiten.

Am besten daran war: Ich wusste nichts von der DEL. Ich hatte noch nie ein Spiel im TV gesehen, ich war ja überhaupt zum ersten Mal im Leben außerhalb von Nordamerika, ich hatte keine Ahnung, ob ich in Deutschland das Spiel dominieren könnte oder zu kämpfen haben würde. Dann schieße ich im ersten Spiel in Köln vor vollem Haus dieses erste Tor. Schlagschuss, Vorlage von Mads Christensen von hinter dem Tor. Mit Michael Wolf habe ich sofort eine gute Chemie aufgebaut, und wenn dir das mit dem Topspieler der Liga gelingt, ist das schon ein Vorteil. Wir beide haben immer um die 20 Tore erzielt, zu 95 Prozent meiner Zeit in Deutschland durfte ich mit ihm in einer Reihe spielen, ich habe enorm von ihm profitiert. Mir war Konstanz auch immer wichtig, verlässliches Scoren, das konnte ich verwirklichen. Acht Tore in den ersten Spielen zu schießen, das war eine echt coole Erfahrung – als hätte der Doktor es verschrieben. Ich weiß, dass Don Jackson und meine Teamkollegen bis heute über diese Serie sprechen.

Hört sich an, als sei Deutschland ein großes Abenteuer gewesen.

Absolut. Meine Kinder waren fünf und acht Jahre alt, wir sind mit ihnen um die halbe Welt gereist, sie sind in München auf die internationale Schule gegangen, und zu meiner Frau habe ich gesagt: So, hier sind wir jetzt zu Hause. Für jeden Spieler, der aus Nordamerika nach Europa geht, ist das die größte Sorge: Wie wird seine Familie damit umgehen, wie kommen die Kinder schulisch zurecht, wie wird sich die Sprachbarriere auf das Leben auswirken? Ich hatte Glück mit München: Die Stadt ist international, mit Englisch kommt man weiter als in jeder anderen Stadt in Deutschland. Die Kinder haben Anschluss gefunden. Die Erfahrung des Lebens hier und drei Meisterschaften gewonnen zu haben, möchte ich um keinen Preis hergeben.

Was wird Ihnen fehlen?

Der Wettbewerb. Ich habe mit Michael Wolf gesprochen, der vor einem Jahr aufgehört hat. Bei ihm ist es auch so: Er vermisst die Kabine, die Auswärtsreisen, das Karten spielen und Filme schauen im Bus. Ich bin ein wettbewerbsfreudiger Mensch, der es genossen hat, übers Eis zu laufen und zu wissen, dass er gleich gegen eine Top-Mannschaft spielen, um Platz eins kämpfen oder in ein Spiel sieben einer Playoff-Serie gehen wird. Und das Gefühl zu haben, man könnte derjenige sein, der das Spiel entscheiden wird.

Wie werden Sie Ihren Wettbewerbsdrang befriedigen?

Meinen Sohn in Hockeyspielen auf dem Teich zu besiegen ... Ich weiß es noch nicht. Ich würde gerne im Spiel bleiben. Im Moment ist es sicher keine gute Zeit, nach einem Job Ausschau zu halten, aber ich hätte sicher viel zu geben. Im Coaching junger Spieler, im Scouting. Wenn ich das entscheidende Tor selber nicht mehr schießen kann, würde ich gerne die Person finden oder trainieren, die es erzielt. Das würde mir ein gutes Gefühl geben. Konkret ist aber noch nichts.

Sieht man Sie in München noch mal wieder?

Das hoffe ich. Ich stehe noch ein wenig mit Christian Winkler in Kontakt. Er fühlt sich nicht gut, wenn er daran denkt, wie meine Karriere geendet ist. Der Club macht einen guten Job, postet Videos, die an mich erinnern, das ist ja alles nicht einfach, wenn jeder von zu Hause aus arbeiten muss. Ich hoffe, die Kontakte halten zu können, mit Don Jackson, Christian Winkler, Michael Wolf. Und sollte ich eines Tages nach München zurückkehren, würde ich mich freuen, einen Platz in der neuen Arena zu bekommen.

In der großen Grube im Olympiapark sind nun auch tatsächlich die Baumaschinen zugange.

Ja, wir waren dort beim Spatenstich. Ich denke, zur Eröffnung werden sie ein paar der alten Spieler einladen. Dann werde ich da sein.

Interview: Günter Klein

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