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Mit der Nummer 36: Yannic Seidenberg war jahrelang einer der besten deutschen Stürmer, seit 2017 spielt er Verteidiger. 

Zum 1000. Mal: Vorhang auf für Yannic Seidenberg

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Yannic Seidenberg, 36, erreicht als sechster Spieler der DEL-Geschichte die Marke von tausend Ligaspielen. Er ist einer, der fast alles erlebt hat. Mit dem EHC München drei Deutsche Meisterschaften, mit der Nationalmannschaft Olympia-Silber. Er spielte für Schwenningen, Mannheim, Köln, Ingolstadt, in Nordamerika – und musste damit klarkommen, dass sein älterer Bruder Dennis, 38, die noch größere Karriere in der NHL machte.

Yannic, 1000. Spiel am Dienstag. Es ist absehbar, dass Ihnen ein Trikot mit der symbolischen Rückennummer 1000 überreicht werden wird. Wann ging es denn los mit den Trikots mit runden Zahlen?

Das dürfte in Mannheim gewesen sein mit dem 500. Spiel. In München kann ich mich erinnern an 750, 800, 900. Sie sind alle in einer Kiste zu Hause. Das mit der 1000 bekommt vielleicht einen besonderen Platz.

Viele Spiele schafft man, in dem man zwei Kriterien erfüllt. Das erste: nicht oft verletzt sein. In München 2015 fielen Sie eine halbe Saison aus, 2008 bei der WM erlitten Sie einen Kreuzbandriss.

Was Verletzungen betrifft, hatte ich das Glück, dass sie so passiert sind, dass ich die Sommerzeit hatte, sie auszukurieren und mich wieder fit zu trainieren. Doch ich hatte sieben Knie-Operationen, ganz verschont geblieben bin ich also nicht.

Zweites Kriterium für viele Spiele: Playoffs nicht verpassen. Ist Ihnen nur einmal widerfahren, 2012 mit Ingolstadt. Was macht man, wenn die Saison so früh rum ist?

Für mich wurde die WM-Vorbereitung länger. Besser wäre es natürlich gewesen, das Finale zu spielen und von dort zur WM zu gehen. Es ist eben nichts Selbstverständliches, dass man in den Playoffs immer weit kommt.

Die 1000 DEL-Spiele, die Sie erreichen, sind nur ein Ausschnitt der Karriere. Da ist auch noch die Champions League, Nationalmannschaft, Olympia, Weltmeisterschaften. Es gibt Jahre, in denen man auf 100 Spiele kommt.

Stimmt, die letzten Jahre waren extrem. Aber jetzt im Alter bin ich lieber am Spielen als lange Sommerpausen zu haben. So halte ich den Körper besser am Laufen.

Sie absolvieren viele Spiele und sind in den vielen Spielen auch sehr lange auf dem Eis. Werfen Sie einen Blick auf die Time-on-ice-Statistik?

Klar, um ein Gefühl zu haben, ob Müdigkeit daher kommt, dass ich vielleicht nicht so fit war oder ich tatsächlich viel gespielt habe. Aber ich schaue nicht drauf, um zu überprüfen, ob ich zwei Minuten mehr oder weniger als ein anderer gespielt habe.

In welchen Monaten möchten Sie kein Eis sehen?

Von nach der WM Ende Mai bis im August die Saison wieder losgeht.

Man hört jetzt immer öfter davon, dass Profis auch im Juni und Juli skaten gehen.

Wenn es da in München Eis gäbe, würde ich sicher zwei oder drei Mal die Woche zum Spaß mit ein paar Jungs rausgehen – aber in meinem jetzigen Alter bin ich nach der WM froh, nicht wieder in die Schlittschuhe zu müssen und Wehwehchen auskurieren und meine Grundlagenausdauer wieder aufbauen zu können. Für unsere jungen Spieler ist es sicher wichtig, dass sie im Juni, Juli in Salzburg aufs Eis können. Als ich in dem Alter war, bin ich von April bis August nicht auf dem Eis gestanden, und das hat sicher einen Unterschied zu den anderen Nationen gemacht. Ich bin halt im Kraftraum gewesen. Oder am Strand.

Sie waren eine Saison, 2003/04 in Amerika, sonst hätten Sie noch 60, 70 DEL-Spiele mehr. Bei den Medicine Hat Tigers in der Western Hockey League hatten Sie ein individuell sehr erfolgreiches Jahr, und das Team gewann den President’s Cup. Sie sind trotzdem weg – warum?

Die wollten mich weiter haben, aber ich wäre einer der Over-Age-Spieler gewesen. Ich habe für mich nicht die bestmögliche Ausbildung gesehen, wenn ich 20 bin und sogar gegen 15- oder 16-Jährige spiele. NHL-Teams waren an mir nicht wirklich interessiert, die hielten mich damals für zu klein. Und Geld gab es in der WHL auch keines. Ich wollte den Sprung in die NHL über Deutschland schaffen. 2008 haben einige NHL-Teams mich beobachtet, ich wäre auch bereit gewesen, mich über ein Farmteam in der American Hockey League in die NHL hoch zu kämpfen – dann habe ich mir bei der WM in Halifax das Kreuzband gerissen. Die folgenden vier Jahre hatte ich immer eine Knie-OP. Und so bin ich immer noch hier.

Jetzt wäre Ihre Körpergröße von 1,72 m kein Hindernis mehr.

Es sind nun viele technisch versierte Spieler in der NHL, es geht nicht nur um Größe und ums Rumhacken – aber so war es eben, damit muss ich leben.

Ist Nordamerika ein unerfüllter Traum?

Klar ist es etwas, was ich schaffen wollte. Es hieß früher immer auch, dass ich derjenige Seidenberg sein werde, der rüber geht. Als es dann Dennis aus dem Nichts in die NHL geschafft hat, war es nicht leicht für mich, damit umzugehen. Ich trauere aber nicht, dass ich das NHL-Spiel nicht geschafft habe.

Sie sind regelmäßig in Amerika im Sommer?

Ja, ich war bei seinem AHL-Gewinn 2005, seinem Stanley-Cup-Gewinn 2011, habe ein paar seiner Playoff-Serien miterlebt und bin mit meiner Familie regelmäßig im Sommer bei ihm. Wir trainieren zusammen.

Nach Medicine Hat kam 2004/05 die Station Köln. Eine Saison ohne ein Tor.

Hans Zach war Trainer in Köln, er hat mir viel Eiszeit gegeben. Aber halt in der vierten Reihe. Deswegen habe ich da auch viele Sachen für meine Karriere lernen können. Für mein Defensivspiel hat es mir geholfen. Wir haben dann mit Köln Playoffs gegen Ingolstadt gespielt, danach hat mich ERC-Trainer Ron Kennedy angerufen, dass er mich gerne haben würde.

Sie waren am spektakulärsten Spiel der DEL-Geschichte beteiligt. 2012, Finalserie, Best of Five, viertes Spiel. Mannheim, Ihr Team, führt nach Spielen 2:1 und liegt nach 46 Minuten gegen die Eisbären Berlin 5:2 vorne...

Ich dachte: Endlich habe ich es geschafft, den Titel zu holen, wir haben auf der Bank schon gefeiert. Eine Sekunde später stand’s 5:3, in der Halle wurde es mucksmäuschenstill. Ich habe die Tore, die wir gekriegt haben, noch im Kopf: Wir haben individuelle Fehler gemacht, der Schwung lag beim anderen Team, wir haben zu heulen angefangen, konnten Berlin nicht mehr stoppen.

Die Eisbären gewannen 6:5, es gab ein fünftes Spiel, Berlin wurde Meister. Der Trainer, der Ihnen und Mannheim das zufügte, war Don Jackson, jetzt Ihr Coach in München. Haben Sie beim ersten Kennenlernen mit ihm drüber gesprochen?

Das nicht. Aber bei einer seiner ersten Videositzungen hat er die Szenen vorgeführt, weil er uns die Berliner Spielweise zeigen wollte. Er hat gelacht und mich gefragt, ob ich mich an das Spiel erinnern könne. Die erste Zeit unter Don war nicht leicht für mich. Seit ich sein Vertrauen gewonnen habe, ist unser Verhältnis aber sehr gut.

Ihr Highlight war gewiss Olympia-Silber 2018. Nach dem Halbfinalsieg über Kanada waren Sie auf der Titelseite aller deutschen Zeitungen. Das Bild, das Sie im Zentrum der deutschen Jubeltraube zeigt, wurde auch „Sportfoto des Jahres“.

Ich habe den Fotograf angeschrieben, dass ich das Bild gerne in einer guten Qualität hätte. Er hat es mir zugeschickt, es wird einen schönen Platz in meinem Haus finden.

Sind Sie sich mit diesem Gesichtsausdruck fremd?

Nein, es war einfach extreme Freude, die geherrscht hat. Pure Freude.

Wirkt sie nach?

Sehe ich das Bild, kommen Glücksgefühle hoch. Und Erinnerungen an die schöne Fahrt mit der Mannschaft zurück ins Olympische Dorf. Das ist abgespeichert.

Das Handy haben Sie ja leider verloren in Pyeongchang.

Mit den Bildern der Eröffnungsfeier, ja. Auch die GoPro war weg. Doch zu viel gefeiert in der Nacht.

Es müsste doch alles in der Cloud zu finden sein.

Die hatte ich damals nicht eingerichtet. Von der aktuellen Technik bin ich ziemlich weg, seit ich Kinder habe.

Die Telefonnummer von Lindsey Vonn, die auf dem Flug nach Südkorea neben Ihnen saß und die Sie zur Feier ins Deutsche Haus mitgenommen hatten, war auch verschwunden.

Die Nummer habe ich wieder, sie hat sich gemeldet.

Sie konnten ihr also zur Verlobung mit dem Eishockeyspieler P. K. Subban gratulieren?

Ich wusste schon von dem Flug, dass sie zusammen sind und Lindsey vergeben ist.

Das hätten sich einige noch als Olympia-Romanze gewünscht: Der amerikanische Skistar und der deutsche Eishockeyspieler.

So wurde es ja fast dargestellt. Dabei waren meine Frau und unsere Töchter ja auch drüben bei Olympia.

Was wir noch klären müssen: Ihre Liebe zum Föhn. Gerade lassen Sie sich wieder die Haare wachsen.

Aber ich brauche ihn nicht wegen der Haare. Die Geschichte ist die: Mein Bruder hat sich früher, wenn es im Zimmer kalt war, immer die Füße geföhnt. Im Mannheimer Internat hatte er gefühlt 24 Stunden den Föhn laufen. Zunächst rief ich Mama und Papa an und beschwerte mich. Als er eine eigene Wohnung bekam und ich das Zimmer alleine hatte, fühlte es sich seltsam an, dass kein Föhn an war. Seitdem bin ich am Föhnen und habe über die Jahre ein paar Spieler angesteckt.

Umweltfreundlich ist es nicht.

Ich verwende den Föhn nur noch, wenn es laut im Haus ist und ich Mittagsschlaf halten will. Mit Föhn schlafe ich in einer Minute ein. Vielleicht nehme ich das Geräusch auf.

Irgendwann wird Ihr letztes Spiel sein. Das von Dennis war 2018 bei der WM in Dänemark – das wusste er aber erst, als er ein Jahr später seine Karriere definitiv beendete. Möchten Sie Ihr letztes Spiel bewusst erleben?

Man kann nicht alles planen, und ich habe mir noch keine Gedanken gemacht, wie ich meine Karriere mal beenden möchte. Mein Bruder plant aber noch ein Abschiedsspiel.

Mit Ihnen.

Wenn er mich einlädt...

Das Interview führte Günter Klein

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