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Könner auf Kufen: Mikhail Nemirovsky spielte in der DEL (hier Hannover). Nun verdient er sein Geld in Bad Kissingen. 

Eishockey: Legionärs-Wahnsinn in der Landesliga

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Die zweitniedrigste Klasse sollte eine Amateurliga sein, jedes Team sich auf einen ausländischen Spieler beschränken. Kaum jemand hält sich daran, am allerwenigsten ein Klub aus Unterfranken, gegen den der Verband mobil macht.

München – Die Kissinger Wölfe spielen Eishockey. In der Landesliga. Man kann sagen: Das ist die fünfte Liga von oben. Oder auch: Es ist die zweite von unten.

Die Wölfe aus Bad Kissingen in Unterfranken haben eine Vereinshymne aufnehmen lassen, mit harten Gitarrenriffs und klaren Ansagen: „Alles gewinnen ist unser Ziel.“ Sie seien „schnell wie der Wind“ und würden „ihre Beute niemals ziehen“ lassen.

Tatsächlich verbreitet die Mannschaft gerade Schrecken im bayerischen Eishockey, bedient sozusagen die Urangst vor Wölfen. Bad Kissingen steht an der Spitze der Verzahnungsrunde mit der Bayernliga (der vierten Liga), hat den klassenhöheren ESV Buchloe gerade mit 9:2 abgefertigt. Es sieht nach Aufstieg aus – den der Bayerische Eissport-Verband (BEV) verhindern will. Marc Hindelang, Eishockey-Obmann des BEV und Vizepräsident des DEB, positioniert sich eindeutig: Bad Kissingen stehe für den „Wahnsinn“, der derzeit in der Landesliga grassiert – „und ist als Eishockeyverein für uns wertlos“.

Wie er zu dieser Einschätzung kommt: Vor der Saison wurden die 23 Landesligavereine, zu denen auch Klostersee, Freising, Pfaffenhofen, Fürstenfeldbruck, Reichersbeuern, Farchant und Trostberg zählen, darauf eingeschworen, doch bitte mit je einem ausländischen Spieler auszukommen. Eine freiwillige Selbstbeschränkung, wie sie etwa die Bayernliga mit zwei Ausländerstellen einging, kam aber nicht zustande. Und die Kissinger Wölfe halten sich schon gar nicht daran. In ihrem Kader findet man über zehn Akteure, die ihre Eishockey-Ausbildung außerhalb von Deutschland genossen haben. Sie kommen aus Kanada, Schweden, Russland Spielertrainer Mikhail Nemirovsky war auf der halben Welt tätig, in Russland, Amerika, China, England, auch der DEL (Hannover).

„Das konterkariert den Amateurgedanken“, findet Hindelang. Bad Kissingen habe andere Landesligisten mitgerissen, die argumentierten, dass sie sich dann ja auch nicht an Beschränkungen halten müssten. Daher: Wettrüsten. „Den Bayernligisten habe ich mitgeteilt, dass sie sich in der Verzahnungsrunde mit den Landesligisten nicht mehr an die Selbstbeschränkung halten müssen.“

„Ich bin dem Verband ein Dorn im Auge, das weiß ich“, sagt Michael Rosin. Er war Spieler in Bad Kissingen, inzwischen leitet er den Verein und verteidigt seine Herangehensweise: „Es geht darum, in der Region hochwertiges Eishockey zu zeigen.“

Ein Gegenspieler der Kissinger Wölfe ist der EHC Königsbrunn, der ebenfalls etliche Spieler mit Profierfahrung zu bieten hat. Königsbrunn will in die Bayernliga, weil es in der Landesliga der Nordgruppe zugeschlagen wurde und sich dadurch benachteiligt fühlt. Der ERC Hassfurt beschäftigt drei Tschechen, von denen einer (Jakub Sramek) vor zwei Jahren noch in der höchsten Liga seiner Heimat gespielt hat.

Man kann schon erahnen, dass sich an die Vorgabe des BEV, es sei nur ein Berufsspieler pro Team zugelassen (um die Gemeinnützigkeit nicht zu gefährden), nicht alle halten. Sogar der brave EV Moosburg, trainiert von Bernie Englbrecht, einer illustren Eishockey-Persönlichkeit, hat zwei Tschechen im Kader.

Rosin hat Spielertrainer Nemirovsky als Berufsspieler gemeldet. Und die anderen? „Haben drei Monate ihren Spaß“, würden ansonsten arbeiten wie andere Leute auch. „Und wenn man immer sagt, wir hätten lauter Russen: Die sind Deutsche, haben einen Personalausweis.“

Hindelang findet es unfair, wie sich Bad Kissingen über Vereinbarungen hinwegsetzt. „Das war vor ein paar Jahren noch ein Vorzeigeklub in der Nachwuchsarbeit, da gab es das sehr angesehene Turnier um den Sonnenhügel-Cup.“

An den erinnert sich auch Wölfe-Chef Rosin. „Aber unsere Halle war ein Jahr geschlossen, weil das Holzdach beinahe runtergekommen wäre wie beim Unglück in Bad Reichenhall.“ Auch jetzt wisse man nicht, wie sich das mit der Spielstätte entwickle: „Die Stadt hat die Halle an ukrainische Investoren verkauft.“ Die Eismiete sei gestiegen, und die Saison Pause habe Nachwuchs gekostet („Die wären jetzt im Alter für die Erste Mannschaft“). Und überhaupt: „Die Kinder wachsen bei uns nicht auf den Bäumen.“ Bad Kissingen hat nur 21 000 Einwohner. In einer Komplett-Kooperation mit Hassfurt betreibt man vier Nachwuchsteams.

„Das ist der Hebel, den ich habe“, sagt Hindelang. In die Bayernliga wären die Wölfe schon voriges Jahr aufgestiegen, erhielten aber keine Zulassung, weil sie keine drei Jugendteams hatten. Mit den derzeit vier Teams wäre Bad Kissingen eventuell gerüstet. „Was aber“, so Rosin, „wenn Hassfurt und wir aufsteigen?“

Die Frage, die BEV und DEB beschäftigt, lautet eher: Was, wenn Bad Kissingen durchmarschiert und es nächstes Jahr womöglich in einer Verzahnungsrunde mit den Oberligisten steht?

Die Kissinger Wölfe stehen nicht für den Weg, den das deutsche Eishockey gehen soll. Hindelangs Wissen nach stammt das Geld für das Bad Kissinger Projekt aus Russland, vom Vater des Spielers Viktor Ledin. Und das Ziel der Wölfe sei einfach nur: Erfolg. Michael Rosin dagegen sagt: „Für den Nachwuchs finde ich keine Sponsoren.“

Hindelang wiederum möchte das DEB-Konzept „Powerplay 26“ zur Stärkung der Nationalmannschaft auch im Kleinen realisieren. Und Vereine wie Germering schützen, die Nachwuchsteams in allen Altersstufen betreiben. Das heißt nicht, dass das deutsche Eishockey sich ausländischen Einflüssen verwehren sollte. „Die ideale Welt“, umreißt Hindelang sein Szenario fürs Amateureishockey, sehe so aus, dass es ein so üppiges Angebot an deutschen Nachwuchsspielern gebe, dass keiner eine Personalpolitik wie Bad Kissingen betreiben müsse. „Und dann ist es völlig in Ordnung, wenn ein 30-Jähriger Kanadier in der Kabine sitzt und an die Jungen seine Erfahrungen weitergibt.“ günter klein

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