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Drin? Nein, wieder nicht: Augsburgs Torhüter Jonathan Boutin entnervte die Nürnberger Angreifer. 

An Größe 49 kommt kaum ein Puck vorbei

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In den Playoff-Viertelfinals der DEL gibt es nur eine Derby-Konstellation - Augsburg legt in Nrnberg vor, weil es auf einen besonderen Vorzug seines Keepers bauen kann

Von Günter Klein

Nürnberg– Von der Klatschpappen-Kultur sind die Nürnberg Ice Tigers weg. Sie haben was Neues eingeführt: die „Playoff-Towels“. An jedem der gut 7000 Plätze in der Arena stand ein weißes Handtuch zur Verfügung. Die Anweisung auf dem Videowürfel: bitte schwenken. Wenn das Team das Eis betritt und natürlich auch bei Toren. Und danach dürfen alle Besucher ihr Playoff-Handtuch mit nach Hause nehmen.

Der Haken an der Aktion: Das Handtuch erfüllt im (kampfbetonten) Sport ja noch eine andere Aufgabe. Es wird – beim Boxen etwa – schnell zum Symbol der Aufgabe. Die unterlegene Seite wirft es. Im ersten Spiel der Playoff-Viertelfinals in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) haben sich die Nürnberger einen Haken eingefangen. Das Heimspiel verloren, 1:4 gegen Augsburg, als Dritter gegen den Sechsten. Es war die einzige Paarung, in der der Höherplatzierte aus der Punkterunde verlor. Mannheim (gegen Berlin) und Köln (gegen Wolfsburg) gewannen in der Verlängerung, Meister München souverän gegen Bremerhaven (4:1). Tröstlich für Nürnberg: Es war der einzige Standort mit einem fast ausverkauften Stadion. Gut, Nürnberg – Augsburg ist aber auch das einzige Derby (vorläufig) in den Playoffs.

Was die erste Partie Dritter gegen Sechster zeigte: Heimvorteil wird in den Playoffs überbewertet. Die favorisierten Nürnberger machte er eher nervös, sie fingen sich dreimal eine doppelte Strafzeit und somit 3:5-Situationen ein. Augsburg wirkte aus seiner Außenseiterposition heraus gelassener und spielte seine Qualität im Powerplay aus: zwei Tore. Schon in der Hauptrunde waren die Panther das beste Überzahl-Team der Liga gewesen – wiederum trafen ihre Brecher Trevor Parkes und Ben Hanowski. Zudem schoss T.J. Trevelyan ein Tor (die 2:1-Führung), was die Herzen der AEV-Fans wärmte, denn in seinem sechsten Augsburg-Jahr war es das erste Playoff-Spiel des immer zur Unzeit schwer verletzten kanadischen Kämpfers mit der markanten Zahnlücke, die ihn auch zur Werbefigur eines Dentaltechnik-Anbieters machte.

Der andere Held des Abends: Jonathan Boutin, der aus der DEL2 gekommene Torhüter. 20 Kilo nahm er vor der Saison ab, er ist so wendig, wie man sich einen Goalie nur wünschen kann. Und er hexte gegen Nürnberg wieder einiges im letzten Moment mit den Füßen weg. Seine Stärke von Natur aus: Boutin, Spitzname „Boots“ (Stiefel) hat Schuhgröße 49.

Eine 1:0-Führung in einem Best of Seven ist – noch nichts. „Es ist nicht Fußball, es ist eine Serie“, meinte Nürnbergs Coach Rob Wilson (frisch gekürter DEL-Trainer des Jahres) heiser und knorrig. Das Ziel fürs nächste Spiel am Freitag in Augsburg: einfach nur „to win“. Die Playoffs sind nicht die Zeit der großen Trainererklärungen.

Wenigstens sprechen ein paar Spieler ganz gerne – wie der 2,06 Meter große Ice-Tigers-Abwehrmann Oliver Mebus: „Ein Spiel haben wir weggegeben, kein Problem. Das holen wir uns wieder. Die Disziplin wird der Schlüssel in dieser Serie sein – denn das Powerplay spielt Augsburg rigoros.“

Trotz einiger Stürmerausfälle. Mit Evan Trupp und Justin Shugg fehlen schon zwei gute, nun schied zu Beginn des zweiten Drittels auch Michael Davies aus. Er kam noch einmal kurz wieder, um ein paar Kniebelastungskurven zu fahren – brach dann aber ab.

Wer wie schwer angeschlagen ist – in den Playoffs alles ein Geheimnis. In Augsburg hat man auch Evan Trupp nicht abgeschrieben, der vor gut zwei Wochen in München für diese Irrsinnsszene gesorgt hatte: Bei einem Zweikampf mit einem EHC-Verteidiger verdrehte er sich das Knie, dass er im Schmerz und wohl aus Kreuzbandriss-Furcht seinen Schläger wegschleuderte und den zehn Meter entfernt stehenden Münchner Michael Wolf knapp unterm rechten Auge traf.

Roter Schorf erinnert bei Wolf an den Einschlag, den er nicht hat kommen sehen: „Ich habe mich erkundigt. So etwas gab es im deutschen Eishockey noch nie. Der Schläger hätte auch ins Auge gehen können.“ Trotz des Plexiglas-Visiers.

Bei Trupp heißt es, ob er noch einmal spiele diese Saison mit seinem Knie, hänge davon ab, wie lange die Playoffs für Augsburg dauern. Wäre nach der ersten Viertelfinal-Runde Schluss, hießen die Halbfinals Mannheim – Köln und München – Augsburg. Nürnbergs Handtücher wären draußen.

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