Feuer in Rosenheim: Container brennen lichterloh

Feuer in Rosenheim: Container brennen lichterloh

Günter Klein berichtet vor Ort

Blog zur Eishockey-WM 2017 in Köln und Paris: Wir haben einen Weltmeister - und weitere Helden

Es geht heiß her bei der Eishockey-WM in Köln und Paris, auch abseits der Eisfläche. Chefreporter Günter Klein berichtet von der Weltmeisterschaft - und hier im Blog.

21./22. Mai: Der letzte Tag der WM gehört auch einem unverwüstlichen Schotten

Walter Bush ist im vergangenen Herbst kurz vor seinem 87. Geburtstag gestorben. Seit 1955 war er Eishockey-Funktionär, jahrzehntelang auch im Internationalen Eishockey-Verband, der IIHF. Dem Herrn aus den USA verdanken wir die Erkenntnis, „dass im Eishockey immer die gleichen Nationen gewinnen“. Die Weltklasse bleibt stabil: die beiden nordamerikanischen Länder, die beiden nordeuropäischen, die beiden osteuropäischen. Dieses Jahr war also Schweden dran, es wird nicht auf einmal Deutschland, die Schweiz, Frankreich, Italien oder Dänemark Weltmeister. So etwas wie Griechenland 2004 auf Europas Fußball-Thron ist im Eishockey nicht vorstellbar.

Umso sympathischer ist aber, dass die IIHF an ihre kleinen Nationen denkt, wenn es darum geht, die „Hall of Fame“ zu bestücken, die Ruhmeshalle, die man seit 1997 führt und die in die echte Hall of Fame, die der NHL in Toronto, integriert ist. Akteure aus 24 Ländern wurden berücksichtigt, sogar aus Ungarn – ein Schiedsrichter, ein Funktionär. Denn aufgenommen werden nicht nur SpielerInnen.

2017 in Köln waren einige Weltgrößen dabei: die Finnen Saku Koivu und Teemu Selänne (der sich leicht beschwerte, dass ihn der Anruf von IIHF-Präsident Rene Fasel „in Kalifornien auf dem Golfplatz erreichte, als ich gerade ein paar Birdies spielen wollte“), das kanadische Triple-Gold-Club-Mitglied Joe Sakic und unser Stanley-Cup-Hero Uwe Krupp, der erzählte, dass deutsche Journalisten in den 90er-Jahren immer die Amerika-Runde machten: „Detlef Schrempf, Steffi Graf, Boris Becker, Uwe Krupp.“ Er war irgendwann so amerikanisiert, „dass ich gar nicht mehr richtig Deutsch sprechen konnte“.

Nun aber zu den Nicht-Weltgrößen: Hall of Famer sind nun auch Dieter Kalt senior, Patrick Francheterre und Tony Hand. Und für sie freuen wir uns aufrichtig.

Francheterre ist der wichtigste Mann in der Entwicklung des französischen Eishockeys gewesen. Er sagte in seiner Dankesrede für die Auszeichnung: „Long live the IIHF and: Vive la France.“ Dieter Kalt – Magister Dieter Kalt – haben wir oft erlebt. Als den Alles-Erlediger und Strippenzieher im österreichischen Eishockey: einst Spieler, dann Spielervater, Schiedsrichter, Manager, Trainer, graue Eminenz. Österreich ist sportlich halt eine Fahrstuhlnation, aber Netzwerker Magister Kalt sorgte über Jahrzehnte dafür, dass seien Heimat immer irgendein Turnier abbekam. Die A-WM letztmals 2005 – danach kleinere Sachen wie U 20- oder U18-Turniere.

Am meisten gefreut habe ich mich auf Tony Hand. „The Great One from Great Britain“, der Gretzky der Briten. Absolutes Spezialwissen ist, dass er der erste britische Spieler war, der von der NHL – den Edmonton Oilers - gedraftet wurde (1986). Zweimal fuhr er nach Kanada ins Trainingslager – aber bekam Heimweh.

Und zuhause war er, der Schotte, halt der König. In vier Saisonen scorte er über 200 Punkte! In der Karriere insgesamt wurden es über 4000. Er spielte über 32 Jahre lang als Profi. Von 14 bis 47. Er hat erst vor zwei Jahren seine Karriere beendet. Die Liga änderte in dieser Zeit öfter mal ihren Namen: BHL, BISL, BNL, EIHL, EHIPL. Bei Weltmeisterschaften spielte er alles von der A- bis zur D-Gruppe. Zur Hall-of-Fame-Aufnahme kam Tony Hand, wie sich das für einen Schotten gehört, im Kilt. Er erzählte, dass er mit neun zum Eishockey kam. Als er sieben war, war sein Vater gestorben, die Mutter musste ihn durchbringen. Er wurde zum Star in einer Nischensportart. 2004 ernannte ihn die Queen zum Member of the Order of the British Empire.

In Köln zeigte man Filmausschnitte von einem seiner Spiele. Britische Liga. Tony Hand spielte einen Gegner vor dem Tor dreimal nacheinander aus, erst dann versenkte er die Scheibe. Großartig! Geht natürlich nur in Großbritannien, das Spiel war zeitlupenartig langsam, und es kam kein anderer Gegenspieler hinzu.

Ich habe Tony Hand in Bozen bei der WM 1994, der einzigen A-klassigen der Briten, spielen sehen. Ich war neugierig auf ihn. Er fiel kein bisschen auf. Die Briten waren alle schlecht, verloren haushoch gegen alle und 0:4 gegen die Deutschen (die sie mit ihrer Verteidigungstaktik nervten). Bei der WM 2017 waren alle 398 Spieler sicher eine Klasse besser als Tony Hand.

Trotzdem: Auf seine Art und in seiner Welt ein All-Time-Greatest. Vor einigen Jahren entdeckte ich auf einer Fußballreise nach England beim Buchhändler Waterstone's die Tony-Hand-Autobiografie. Da ich bei englischen Büchern ein Rabattjäger bin, habe ich mich leider nicht überwinden können, für das Büchlein 15 Pfund auszugeben. Als Tony Hand nun in Köln stand, in seinem Kilt einnehmend und gerührt, dass er neben Stanley-Cup-Gewinnern und Champions ausgezeichnet wurde, habe ich das bedauert.

Und damit schließt unser WM-2017-Blog. Danke fürs Lesen!

21. Mai: Great, outstanding, character - der Satzbaukasten der Eishockey-Trainer

Das Schöne an diesem WM-Modus, den wir seit ein paar Jahren haben: Es gibt keine Abstiegsrunde mehr. Möchte man sich gar nicht vorstellen: Auf der einen Seite entwickelt das Turnier Playoff-Glamour, wenn Russland gegen Kanada spielt, auf der anderen müsste es ein Playdown geben (Best of Three womöglich noch) zwischen Italien und Slowenien oder eine komplette Runde mit besagten beiden Nationen sowie Weißrussland und der Slowakei (Dänemark könnte als nächster WM-Gegner nicht absteigen). Es wäre eine Verschwendung, dafür den Zamboni rausfahren zu lassen.

Tatsächlich gab es das alles schon. Am schlimmsten war es 1996 in Wien; Da mussten Österreich und Frankreich den Abstiegsplatz ausspielen, es war ein über zwei Partien gehendes Gemurkse auf dem Eis, kaum ein Zuschauer saß auf den Rängen. Aber in der Pressekonferenz redeten die beiden Trainer, als hätten finalwürdige Partien stattgefunden. Kjell Larsson, der Schwede, der die Franzosen trainierte, lobte Ken Tyler, den Kanadier, der die Österreicher trainiere, was der für ein wunderbarer Coach sei und wie er diese Mannschaft eingestellt habe. Tyler sagte anschließend das gleiche über Larsson.

Nie hat bei einer Weltmeisterschaft ein internationaler Trainer was Schlechtes über einen anderen gesagt. Vielleicht hat es der jeweilige russische Trainer getan – aber es wurde nicht übersetzt.

Die Amtssprache bei der Eishockey-WM ist Englisch. Die Trainer bedienen sich aus einem Sprach-Baukasten. Der Gegner ist „well prepared“, die Spieler „experienced, outstanding“, sie verfügen über einen „great character“, jedes Match ist „close“ und „tough“ wie erwartet (auch ein 7:2). Nie zuvor habe man eine such „wonderful group of guys“ coachen dürfen, auf die man „proud“ sein könne. Man hat nie schlecht gespielt, der Gegner war einfach „more outstanding“, Aber man blickt nicht zurück. „We must refocus und regroup for tomorrow. „Und auch ein wichtiges Wort: Jedes Spiel ist „tonight“ – selbst ein (Nach-)mittagsspiel. Außerdem darf man eine Nationalmannschaft auch „club“ nennen.

Jetzt kommt übrigens die Jahreszeit, in der die Eishockey-Sprache am euphorischsten sein wird. Wenn neue Spieler aus Übersee verpflichtet werden. Achten Sie in den Pressemitteilungen der Vereine darauf. Jeder Neuzugang war: a) von einem NHL-Verein gedraftet, b) spielte in der Junioren-Nationalmannschaft, c) war schon in jungen Jahren Kapitän seines Teams, d) wird gerühmt für seine „work ethics“, e) für seinen Charakter und ist f) ein universal einsetzbarer Zwei-Wege-Spieler, welcher g) eine neue Herausforderung in einem neuen Land sucht, weil h) die Zeit daür nun reif ist.

Man könnte fies sein und sich diese Statements einfach aufbewahren und wieder rausziehen, wenn der Superimport nach einer Saison mit zwei Toren, vier Vorlagen und minus fünfzehn in der Plus-Minus-Statistik wieder weg ist.

Aber nach der Saison ist vor der Saison. Und es kommen die nächsten Spieler mit den Merkmalen a) bis h). Und eine Weltmeisterschaft, bei der alle 16 Nationen super sind.

20. Mai: In Finnland fliegt man aus der Halle, in Schweden landet man im Pub

Bei der Eishockey-WM stehen die Halbfinals an. Das eine ist Russland – Kanada, und viele sagen: Das ist doch ein Endspiel. Dagegen schmiert Schweden – Finnland, die andere Paarung, ab.

Sportlich: ja. Ideologisch: sowieso. Doch Schweden – Finnland kann man auch als das vorweggenommene Finale der Party-Völker sehen. Niemand feiert beim Eishockey so wie das begleitende Volk aus Suomi und Sverige. Niemand trinkt so viel.

Das Eishockey hat mich wiederholt – und öfter als der Fußball – in den Norden Europas geführt. An die Turniere in Finnland und Schweden (jeweils zwei) denke ich noch immer. Mit warmen Herzen ob dieser Lebensfreude, mit wehem Arm wegen 1991.

Im ersten Beitrag für diesen Blog hatte ich einen Cliffhanger hinterlassen. Hatte erzählt, dass ich in Turku in Finnland in Handschellen im Ausnüchterungknast landete. Es wird Zeit, die Geschichte zu Ende zu erzählen.

Also: WM 1991. In Finnland herrschte relativ strenge Prohibition. Alkohol gab es nicht in Supermärkten, sondern in Spezialgeschäften. Alles furchtbar teuer. Trotzdem sah ich in keinem Land so viele hemmungslos besoffene Leute wie in Finnland.

In der zweiten WM-Woche gab das Organisationskomitee jedem Journalisten 20 Gutscheine für ein 0,3-Liter-Bier in die Hand. Angesichts der Preise: großzügig. Einzulösen im Pressezentrum. In der Drittelpause des Spiels CSFR gegen Schweiz holte ich mir im Pressesaal ein Bier. Die Zeit verstrich, ich wollte es nicht hastig austrinken, dachte: Nehme ich es mit auf die Pressetribüne, trinke es gemütlich zu Ende. Ich verließ das Pressezentrum und begann, mit Bierbecher in der Hand die Treppe zur Pressetribüne hochzugehen. Ein Ordner stürmte auf mich zu. Er gestikulierte. Er schrie: „No no.“ Was will der Trottel? Ich ging weiter. Zweiter Ordner. Dritter Ordner. Steigende Aufregung. Plötzlich offizielle Uniformen. Polizisten. Sie umkreisten mich, sie griffen nach mir – und es mag sein, dass ich nicht unfroh war, als mein Bier einem über den Ärmel schwappte. Ich sollte das bereuen: Jetzt erfolgte ein richtiger Zugriff. Mein Becher flog mir aus der Hand, die Arme wurden mir auf den Rücken gedreht, man schleifte mich die Treppe hinunter, zum Eingang. Ich wollte auf meine Akkreditierung verweisen, die um den Hals hing – keine Chance. Draußen fuhr ein vergittertes Polizeiauto vor, die Türen flogen auf, ich wurde, das Gesicht voraus, auf die Pritsche geschmettert. Auf dem Rücken klickten die Handschellen. Abfahrt. Albtraum.

Drei Polizisten saßen im Auto. Ein Fahrer, Wächter, Wächterin. Die Frau sprach Englisch. Ich wollte wissen, wohin wir fahren: Ins Gefängnis. Und warum? „You are drunk.“ Ich konnte sie von meiner fast absoluten Nüchternheit überzeugen, sie nahm mir die Handschellen ab und erklärte, dass es in Finnland verboten sei, öffentlich Alkohol zu trinken. In der Eishalle werde zwar Bier verkauft, es sei aber hinter Sichtblenden zu konsumieren. Aha, was gelernt. Man darf besoffen sein, man darf nur nicht trinken. Jedenfalls: Als wir im Ausnüchterungsknast ankamen, konnten wir schon wieder umkehren. Die IIHF hatte gegen meine Behandlung protestiert. Ich war frei. Die Polizei entschuldigte sich. Und für die Kollegen war es fortan die große Mutprobe. Bier im Cola-Becher getarnt mit auf die Pressetribüne nehmen.

Tom Ratschunas, der Pressechef der WM, wollte sicherheitshalber bei mir auf gut Wetter machen. Er hatte mitbekommen, dass mir seine Landsleute den Arm ziemlich verdreht hatten (das machte mir tatsächlich ein halbes Jahr lang zu schaffen). Er lud mich am Abend des Schreckenstags in sein Hotelzimmer ein – und öffnete mit verschwörerischem Blick seine Minibar. Eine so hochprozentig bestückte habe ich nie zuvor und nie danach gesehen. Ich sagte: „Tom, ich trinke wirklich nicht. Es ist alles gut.“ Er nahm erleichtert einen Whisky.

1997, sechs Jahre später, hatte sich Finnland verändert. Da wurde in Helsinki in der neuen Hartvall-Arena gespielt. Eine Brauerei als Namenssponsor – da gab es keine Sichtblenden mehr.

Und Schweden. 1995 war eine meiner schönsten Weltmeisterschaften. Die Deutschen spielten die Vorrunde (danach war Schluss) in Gävle, einem kleinen Ort. Zwei Hotels. Eines für die Mannschaften, eines für alle anderen. Wir waren gut eine Woche dort – gefühlt aber so lange, dass wir mit diesem Städtchen verwuchsen. Es fühlte sich wie ein Monat an. Und abends schien es keine Spiele gegeben zu haben – wir verkehrten regelmäßig im McGill's Pub und im Church Street Saloon, wo um zehn Uhr die Bedienungen auf der Theke tanzten; das war Tradition. Und auf der Speisekarte standen zwei Kilo schwere Steaks.

Jahre später saß ich im Skilift in St. Anton neben einer jungen blonden Frau, die mich auf Englisch fragte, wie sie denn zur Hütte „Crazy Cangaroo“ komme. Ich zeigte es ihr auf dem Pistenplan. Wir kamen ins Gespräch. Sie sei Schwedin, sagte sie. Ich wollte wissen: Aus welcher Stadt? „Oh, I'm sure you've never heard about it. It's a small town, the name is Gävle.“ Ich glaube, man kann sich meine Reaktion vorstellen. „Gävle, of course. The McGill's Pub, the Church Street Saloon.“ Mit Eishockey-Erlebnissen kann man bei Frauen punkten.

Besagte WM 1995 endete im Globen, dem Guglhupf-Gebäude in Stockholm, mit dem Finale Schweden – Finnland. Erstmals holten die Finnen den Titel, hämisch sangen sie das Lied, das die schwedische Nationalmannschaft vor dem Turnier aufgenommen hatte: „Den glijder in.“

Vor der Halle lernte ich ein schwedisch-finnisches Pärchen kennen. Er, Schwede, sagte über sie, Finnin: „Ich werde sie eine Woche nicht anrühren.“ Mir lag schon auf den Lippen, dass ich ja noch eine Woche bleiben könnte. Aber Frechheit sollte man sich ím Norden Europas besser verkneifen.

Schweden – Finnland schaue ich mir heute aus neutraler Position an. Aber voller besonderer Erinnerungen. Danke, Eishockey!

19. Mai: Der ewige deutsche Bundestrainer-Rhythmus

Das Turnier ist für die deutsche Mannschaft zu Ende, die meisten Spieler haben es mit einem Ausflug „in die Stadt“ ausklingen lassen, so wurde es angekündigt, als sie alle noch in der Montur steckten – wozu man allerdings sagen muss: Von Donnerstag auf Freitag ist selbst in Köln und nicht mal in der Südstadt (hier liegt meine WM-Unterkunft) übermäßig viel an „Stadt“ geboten. Ganz anders ist es von Freitag auf Samstag – aber: Da werden sie ja alle schon wieder weg sein. Als gelte es, einen Austragungsort fluchtartig zu verlassen, Selbst Marco Sturm, der Bundestrainer, macht sich flugs auf Richtung Florida, wo seine Kinder noch ein paar Wochen Schule haben – erst Mitte Juni geht es für die Sturms nach Niederbayern, in die Zweitheimat. Was jetzt noch bei der WM passieren wird (zwei Halbfinals, kleines und großes Finale) „bekomme ich auf Video zugeschickt“. Aber er ist ehrlich: So sehr Freak ist er dann doch nicht, dass er sich das noch anschauen wird. Für ihn ist das Turnier beendet.

Ein Satz, den man zum deutschen Abschluss häufig zu hören bekam, war: „Die Spieler haben wieder Lust, zur Nationalmannschaft zu kommen.“ Man schreibt das natürlich in seinen Block – und merkt schnell, dass man das im Reporterleben schon einige Male geschrieben hat. Mein erstes Mal: bei der WM 1992 in Prag und Bratislava. Damals schwärmte Franz Reindl, frisch beim DEB und unter anderem Co-Trainer von Dr. Ludek Bukac, von der jungen Generation, für die Stefan Ustorf, der 17 war, stand. „Die Jungs kommen jetzt wieder gerne zur Nationalmannschaft. Sie sind auch sehr wissbegierig.“ Im Jahr zuvor war noch der böse Ladislav Olejnik Bundestrainer gewesen – ein anstrengender Coach. Ludek Bukac hatte hingegen einen tollen Ruf: Er war Weltmeistertrainer mit Tschechien gewesen.

1994 aber ging Bukac den Spielern so auf die Nerven, dass um die WM in Italien viele einen Bogen machten und der wackere Mittdreißiger Rick Boehm zu seinem Debüt als Nationalspieler kam (nach einer Karriere in der 2. Liga). Danach übernahm George Kingston, wieder ein Weltmeistertrainer (mit Kanada). Bei der Weltmeisterschaft 1996 in Wien mit dem bis dato letzten Sieg über Kanada (5:1) spielte eine prominent besetzte DEB-Mannschaft mit Mike Heidt, einem deutsch-kanadischen Abwehrspieler, überragend in der Liga, eine Scorerpunkte-Maschine. Er kam sehr sehr gerne – weil der Verband 25.000 Mark für die WM-Teilnahme locker gemacht hatte. 1997 war die Kasse viel knapper, Kingston predigte zu viel, Mike Heidt fuhr in Urlaub statt zur WM.

1998 war Kingston weg – und Hans Zach kam. Er machte das geschickt, baute die Nationalmannschaft zur Oase für die in der Liga vernachlässigten deutschen Spieler aus. Vor allem bei den Deutschland-Cups, wo man gegen eine Auswahl aus DEL-Nordamerikanern spielte, haute sich die Mannschaft rein. Es ging um Arbeitsplätze, es war wie auf der Gewerkschafts-Demo. Man hörte den Satz „Wir kommen wieder gerne zur Nationalmannschaft – das war in der Vergangenheit nicht so.“ Wer grundsätzlich gerne kam, aber auch nicht so gram war, wenn Zach ihn nicht nominierte, das war Michael Bakos, der in der WM-2017-Organisation arbeitet. Er sagte: „Der Hans schreit einem auf der Bank immer so ins Ohr, dass man tagelang taub ist.“

Nach dem unglückseligen Intermezzo mit Greg Poss (2004 – 05), über den die Spieler den Kopf schüttelten, wenn sie an der Bande vorbeifuhren, brauchte man wieder einen Cheftrainer, zu dem die Spieler gerne kommen. Das wurde Uwe Krupp. „Wenn er die Kabine betritt, bebt der Boden.“, sagte Franz Reindl. Die Spieler kamen jetzt wieder gerne, sie schüttelten nicht den Kopf, sie nickten.

Krupp ging 2011. Der Schweizer Köbi Kölliker wurde sein Nachfolger. Die Spieler kamen nicht mehr so gerne – und die, die angetreten waren, bereuten es, dabei zu sein, als man gegen Norwegen 4:13 verlor bei der WM 2012. Über Pat Cortina machten etwa fünf Minuten nach dessen Berufung zum Bundestrainer und Sportdirektor (am Anfang hatte er eine Doppelfunktion) die Spieler von den Eisbären Berlin erste Witze. Im April/Mai fuhren die Spieler fortan gerne dorthin, wo die WM weit entfernt war.

Marco Sturm ist wieder ein Zu-ihm-kommen-wir-Bundestrainer. Sein Vertrag läuft bis 2018.

Wenn der Rhythmus des deutschen Eishockeys beibehalten wird, muss nach ihm einer ran, der eine Pfeife oder ein Ekelpaket ist. Damit über den Bundestrainer, der nach Pfeife/Ekelpaket antritt, gesagt werden kann: Die Spieler kommen gerne wieder zur Nationalmannschaft.

Die Geschichte muss ja weitergehen.

18. Mai: Der Kanadier - ein weltweiter Transferschlager

Deutschland gegen Kanada heute im Viertelfinale der Eishockey-Weltmeisterschaft – dazu haben auch Leute eine Meinung, die weder einen deutschen noch einen kanadischen Spieler kennen: keine Chance. Weil Kanadier im Eishockey das höchste Prädikat ist (sogar noch höher als „der Russe“). Wenn der Präsident des Bezirks- oder Landesligisten, der früher noch auf Natureis gespielt hat, ankündigt: „Wir holen einen Kanadier“ klingt das so erfolgversprechend wie im A-Klassen-Fußball „Es kommt ein Brasilianer“. Im Eishockey ist der Kanadier eine Waffe. Und „Team Canada“ erst – man möchte gleich kapitulieren.

Was sogar viele sportinteressierte Menschen nicht checken, ist, dass es eine kanadische Nationalmannschaft eigentlich gar nicht gibt, Nicht in dem Sinne, wie wir Nationalmannschaften definieren – als regelmäßig zusammenkommenden Kreis. Eine kanadische Mannschaft, die alle zwei Jahre im November beim Deutschland-Cup mitspielt, hat wenig zu tun mit jener kanadischen Mannschaft, die beim Spengler-Cup in Davos zwischen Weihnachten und Silvester das Ahornblatt auf dem Trikot führt. Und sie sind nicht zu verwechseln mit den Kanadiern, die zur WM kommen. Und selbst zu diesen gibt es noch eine Steigerung: die Kanadier bei den Olympischen Spielen (wenn die NHL dafür Pause macht). Man stelle sich vor, es würde verschiedene deutsche Nationalmannschaften geben – neben der originalen wären es welche aus Spielern, die es in die Bundesliga nicht geschafft haben. Aber in den Sportnachrichten hieße es immer: Weltmeister Deutschland. So wie man beim Deutschland-Cup gegen „Weltmeister und Olympiasieger Kanada“ spielt. Da wird man richtig andächtig.

Bei den WM-Kanadiern 2017 darf man es sein. Die sind schon ziemlich gut, auch wenn sie noch besser besetzt sein könnten – aber in der NHL spielen halt vier Mannschaften noch, also fast 100 Akteure.

Eine WM-Mannschaft besteht aus 25 Spielern, doch im Turnier gibt es mehr als 25 Kanadier. Denn der Kanadier ist nicht nur im Vereins-, sondern auch im Nationalmannschafts-Eishockey ein begehrtes Transfergut. Großbritannien, griff 1936 als Olympiasieger und Weltmeister schon auf Kanadier und Amerikaner zurück, später kamen dann die Deutsch-Kanadier, die Italo-Kanadier, die Franko-Kanadier, die Austro-Kanadier, ja sogar die Schweiz hat ein paar Mal eingebürgert, wenn's dem sportlichen Fortkommen diente. Slowenien hatte ebenfalls Kanadier (Slowo-Kanadier?), die Japaner sowieso. Allmählich bewegt sich der Kanadier Richtung Osteuropa. Im weißrussischen Kader findet man Torhüter Kevin Lalande und Stürmer Charles Linglet (der bei den Eisbären Berlin spielt) – sie sind die ersten Belorus-Kanadier.

In Köln bei der WM schaute Herr Lee Hee-Beom vorbei, er ist der Präsident des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele 2018 in Pyeongchang, Südkorea, und stolz, dass die südkoreanische Nationalmannschaft gerade den Sprung in die Weltmeisterschafts-A-Gruppe geschafft hat. Daran hatten die Spieler Matt Dalton, Alex Plante, Eric Regan, Michael Swift und Bryan Young ihren Anteil – Lee Hee-Beom geht fürs kommende Jahr vom Erreichen des Viertelfinales aus. Nachbar China übrigens, 2022 mit Olympia dran, sucht in den Chinatowns nordamerikanischer Eishockey-Metropolen auch schon nach Eishockeyspielern mit Affinität zur Peking-Ente statt zum Steak.

Die deutsche Nationalmannschaft gewann erstmals bei der WM 1987 gegen Kanada. Sie baute dabei auf zahlreiche Deutsch-Kanadier. Eine kanadische Zeitung war beleidigt und schrieb: „Einige Kanadier schlugen einige andere Kanadier.“ Heute ist in der deutschen Nationalmannschaft nur noch Brooks Macek ein typischer Deutsch-Kanadier. David Wolf und Justin Krueger sind Deutsch-Kanadier-Söhne, hier geboren und somit Deutsch-Deutsch-Kanadier.

Aber auch Deutsch-Deutsch-Kanadier könnten Kanadier ja besiegen.

17. Mai: Im Viertelfinale - auch dank Fritz von Thurn und Taxis und Rollo Fuhrmann

Sind Sie noch ganz geschafft vom großen Eishockey-Abend? So ein 4:3 nach Penaltyschießen – nach dem Verlauf Führung, Rückstand, Ausgleich auf den letzten Drücker – kann schon an die nervliche Substanz gehen.

Ich war ganz ruhig. Weiß ich wusste, dass die Deutschen ins Viertelfinale kommen. Denn am Nachmittag des Deutschland-Lettland-Tages führte ich zwei Telefonate. Und sie verliefen so wunderbar, dass klar war: Es kann nichts Schlechtes mehr passieren – und außerdem waren die richtigen Leute an der Seite des deutschen Teams. Zumindest in moralisch unterstützender Funktion.

Ich sprach mit Rollo Fuhrmann und Fritz von Thurn und Taxis, den beiden Kultreportern von Sky. Beide haben sie am Samstag ihr letztes Bundesligaspiel, und auf der Fernsehseite des Münchner Merkur soll ihr jahrzehntelanges Wirken gewürdigt werden. Also: beide anrufen. Rollo Fuhrmann war gerade von einer Sky-Abschiedsparty (nicht die letzte), die in München stattgefunden hatte, wieder in Hamburg gelandet, und Fritz von Thurn und Taxis konnte man in seinem Domizil in der Münchner Prinzregentenstraße (eine angemessene Adresse) erreichen.

Ich kenne sie schon ewig – und beide übers Eishockey. Von Thurn und Taxis hat ja noch die Zeiten miterlebt, über die er sagt: „Alles haben wir in ARD und ZDF übertragen. Jede Weltmeisterschaft. Wo wir überall waren: Schweden, Finnland, Tschechoslowakei.“ Er war ja beim Bayerischen Fernsehen, dem Schneeflockensender, und somit zuständig fürs Eishockey. Als er vor über einem Vierteljahrhundert zu Sky (hieß damals Premiere) wechselte, gehörte er auch der Eishockey-Redaktion, die Günter-Peter Ploog (vom ZDF gekommen) leitete, an. Ein anderer Zugang: Rolf „Rollo“ Fuhrmann.

„Die Leute kennen mich über den Fußball“, sagt Fuhrmann. Spätestens 2001, als er Schalke für vier Minuten zum Deutschen Meister ernannte (dabei war das Spiel des FC Bayern in Hamburg noch nicht aus – Patrik Andersson schoss dann noch ein Nachspielzeit-Tor, das die Tabelle veränderte), war er berühmt. Doch er hat eben auch sein Eishockey-Vorleben. Bei den Eishockey-Übertragungen legte er schon mal den Ablaufplan fest (in unerschütterlicher Ruhe) und nahm auch seine Rolle als Field Reporter ein. „Und dabei“, sagt er, „wurde ich mal für ein halbes Jahr gesperrt“.

Die Geschichte wollte ich ja eigentlich für das Porträt Thurn und Taxis/Fuhrmann aufheben, aber sie ist so gut, dass sie sofort raus muss. Also: Premiere hat damals die bekanntesten Spieler mit kurzen biografischen Filmen vorgestellt. Was machen die Stars privat? Peppi Heiß, Torwart der Kölner Haie, hatte zwei Wellensittiche, Max und Moritz. Die Haie schieden in den Playoffs gegen den Mannheimer ERC aus, Fuhrmann holte Stimmen ein. „Die ersten zwei Fragen, die ich dem Peppi gestellt habe, waren ganz sachlich. Die dritte dann lautete: ,Wollen Sie nicht noch Ihre Wellensittiche grüßen?'“ Fanden die Kölner Haie nicht so lustig und beschwerten sich.

Der deutschen Nationalmannschaft, sagte am Dienstag Rollo Fuhrmann, werde er aus alter Verbundenheit die Daumen drücken: „Viertelfinale wäre schon wichtig.“ Und Fritz von Thurn und Taxis fragte mich einfühlsam: „Bist du noch mittendrin im Eishockey?“ Er selber ist es nicht mehr, aber ganz klar: Schon mir würde er wünschen, dass das Viertelfinale erreicht wird, weil ich dann auf alle Fälle beim Turnier bleiben könne und nicht etwa plötzlich abreisen müsse. Er wünschte „für heute Abend alles Gute“ - hätten die Deutschen da also noch ausscheiden können?

Mit diesem Support war ich ganz gelassen. Gedanken machte ich mir nur zu einem Thema: Welchem Spieler könnte man zutrauen, dass er zwei Wellensittiche hat?

16. Mai: Das historische 0:8 gegen Lettland - bei 0:6 La Ola und ein finsterer Blick von Kühnhackl

Heute also großes Entscheidungs- und Schicksalsspiel gegen Lettland. Es ist der große Gegner in dieser Saison. Die Deutschen hatten die letzten beiden WM-Tests gegen die Letten, einen verloren sie, einen gewannen sie. Aber da ging es um nichts. Anders als im September. Olympia-Qualifikationsturnier in Riga. Auch da die Frage: Ihr oder wir? Die Partie ging 3:2 an Deutschland. Bundestrainer Marco Sturm hält dieses Spiel von Riga für das „mit Abstand beste“ seiner Amtszeit: „Da kommt lange nichts hin.“

Ich habe auch eine Lettland-Erinnerung. Man sagt es ja oft in einem Leben als Berichterstatter, und auch bei Fans ist es so: „Das ist das schlechteste Spiel, das ich je von dieser Mannschaft gesehen habe.“ Ich stehe aber nach 20 Jahren – die sind es nämlich genau – dazu: Es hat nie eine schlimmere deutsche Leistung gegeben als 1997 in der Abstiegsrunde der WM in Finnland.

Schon das Ambiente: Tampere. Ich staune immer, wenn die Finnen in Umfragen als mit die glücklichsten Menschen in Europa geschildert werden. Helsinki ist okay, Turku geht so, aber Tampere, das als kulturelles Zentrum gilt, ist schrecklich. Es gibt dort einen schönen See mit einem Wald drumherum. Die Stadt selbst hat eine Fußgängerzone. Ich machte mich von unserem Minus-Drei-Sterne-Hotel zu Fuß auf in Richtung Eishalle, dachte, unterwegs kehrst du mal in einem netten Kaffee ein. In der Fußgängerzone gab es kein nettes Café, danach über Kilometer überhaupt kein Café, nicht mal einen Kiosk. Es gab Wohnblöcke. Plattenbauten. Die DDR lebte im Norden Europas weiter. Die Eishalle: altehrwürdig. Also alt.

Bundestrainer war George Kingston, seine Assistenten Erich Kühnhackl und Jim Setters. Alles anständige Leute. Kingston, dieser Philosoph in Schlangenlederstiefeln, war wunderbar, jedes Interview ein Gewinn fürs Leben. Auch über die Letten sagte er tolle Sachen. „Aren't they a bit like the Russians?“, fragte ich ihn. Kingston sagte: „They are the Russians.“ Und: „They are hired guns.“ Oder – und so nannte er auch seinen Altstar Didi Hegen - „money players“. Dazu schnalzte er mit den Fingern.

Wertschätzung für die Letten also, die erstmals bei der A-WM waren (sie hatten ja ganz unten anfangen müssen, als sich die UdSSR auflöste). Dennoch glaubte man, denen sei mit den klassischen deutschen Mitteln – Mentalität, Körperspiel – beizukommen. Eine Stunde vor dem Spiel hielt einer der Kingston-Assistenten immer eine Pre-Game-Press-Conference ab, was ein Superservice für uns Reporter war, weil wir so schon vorab die Zitate bekamen, die zum Spiel passten, so dass der aktuell geschriebene Bericht wie ein analytischer Nachdreher klang. Setters sagte leicht spöttisch: „Die Letten sind technisch stark, aber taktisch ungeordnet. Und der Torwart hat Schwächen auf der Fuck..., der Fanghand.“ Gut, notiert.

Dann das Spiel. Erstes Drittel: 18:0 Torschüsse für Lettland, 4:0 Tore. Nach dem zweiten Drittel: 7:0.

Wir waren ja nur ein paar verzweifelte deutsche Journalisten, die das Team begleitet hatten hinauf nach Finnland. Nach dem 6:0 zettelten wir in einem Anflug von Galgenhumor auf der Pressetribüne La Ola an. Dummerweise schaute Erich Kühnhackl da gerade zu uns hoch.

Der Endstand war 0:8.

Der Niedergang war nach dem Bosman-Urteil nicht mehr aufzuhalten. Kingston war der Verwalter des Missstands. Ein armer Kerl. Aber ein wundervoller Typ. Ihn sah man nicht gerne leiden. Kingston hat in meinem alten Telefonbuch eine halbe Seite belegt. Von niemandem hatte ich mehr Nummern: Handy, Wohnung in Garmisch-Partenkirchen, DEB-Büronummer in München, für den Sommer sein kanadisches Mobile, seinen Festnetzanschluss, Telefon- und Faxnummer seines Sohnes, der Anwalt in Vancouver war, sowie zwei Codes für eine Radiotelefon-Verbindung, wenn er in seiner Hütte in den Wäldern von British Columbia war.

Die Deutschen blieben in der A-Gruppe, die damals zwölf Nationen umfasste. Norwegen war noch schlechter und stieg ab. Die Pre-Game-Press-Conference wurde danach abgeschafft, weil namentlich ich sie missbraucht hatte.

Wir sind aber längst wieder alle gut.

15. Mai: Huldigt dem Ehepaar mit dem Wohnmobil und dem unverwüstlichen Tiger!

Das ist gerade meine 15. A-Weltmeisterschaft. Ist das viel? Nein. Andere Berichterstatter haben deutlich mehr. Und es ist an der Zeit, ihnen ein Denkmal zu setzen.

Da ist das Reporter-Ehepaar aus Duisburg, die Nielecks. Wer sich im Eishockey sehr gut auskennt, weiß, dass es in der 2. Liga und Oberliga mal einen Torwart Ben Nieleck gegeben hat. Richtig: der Sohn der Nielecks.

Die Nielecks, das sind Peggy und Werner. Sie fotografiert, er schreibt. Sie absolviert gerade ihre 35. A-Weltmeisterschaft, er seine 34. Sie war in Minsk und St. Petersburg, diese Turniere fehlen ihm. Denn Werner steigt in kein Flugzeug. Am liebsten reisen die Nielecks im Wohnmobil an.

Warum aber hat Werner nur eine A-WM weniger, obwohl er zweimal fehlte, als Peggy fuhr? In der Schweiz hat Werner mal aufgeholt. Seine Frau konnte nicht mit, er hat es erklärt: „Da hat die Peggy ihre Küche gekriegt.“ Ich – jünger, emanzipatorisch vielleicht etwa sensibilisierter – wandte ein: „Peggys Küche? Hm. Ist es nicht auch deine?“ Werner sagte: „Ich esse da – sonst habe ich damit nichts zu tun.“ Allein dieser Satz ist stark genug, um der Sockel seines Denkmals zu sein. Werner kann im West-Eishockey niemand etwas vormachen. Er weiß sogar, dass es bei den längst verblichenen Revier Löwen Oberhausen (spielten mal DEL) einen griechischen Betreuer mit dem schönen Namen Emanuel Emanuel gab.

Die Nielecks finanzieren sich ihre WM-Reisen selbst. Und sie kommen auch zu belanglosen Veranstaltungen wie dem Deutschland-Cup in Bayern. Das ist wahres Heldentum.

Eine WM sollte von der IIHF nur anerkannt werden, wenn sie kommen. Und Anton Waldmann. Oder für Kenner: „Der Tiger.“

Es ist ein Skandal, dass bei Wikipedia unter Anton Waldmann ein Hygiene-Facharzt und Heeres-Sanitätsinspekteur der Reichswehr gleichen Namens auftaucht. Unser Eishockey-Waldmann ist viel bekannter. Und er ist am Sonntag in Köln eingetroffen – angereist aus Südkorea, wo er die Anlagen für die Olympischen Winterspiele im nächsten Jahr inspizierte.

Was Anton „Tiger“ Waldmann alles war: Bundesligaspieler (Füssener Schule, danach Augsburg), Trainer (u. a. Italienischer Meister mit Bozen, spanischer Nationaltrainer, Köln Nachwuchs, da trainierte er den jungen Uwe Krupp, Krefeld, Augsburg, Stuttgart), Finanzbeamter, Steuerberater, Geschäftsführer (Dynamo Berlin), Spielervermittler, NHL-Scout (San Jose Sharks), NHL-Experte für ARD und ZDF, enger Vertrauter ganzer Generationen von Bundestrainern, Spielern macht er die Steuer, ausländischen Nicht-EU-Profis (auch im Fußball) holt er die in Deutschland zu viel bezahlten Sozialabgaben wieder zurück.

Zu einer WM in Schweden war er von Füssen aus mit dem Auto gefahren, im Kofferraum hatte er ein ganzes Büro dabei. Journalist ist er auch. Unvergessen, wie er im Auftrag des Südtiroler Blatts „Dolomiten“ in Pressekonferenzen italienische Trainer wegen taktischer Defizite zur Rede stellte. Jetzt ist er der Deutschland-Eishockey-Vertreter im Internationalen Sportjournalisten-Verband.

Ich habe mal versucht, ein Pressezentrum in Finnland an seiner Seite zu verlassen. Nach zwei Stunden waren wir immerhin schon an der ersten Ausgangstür. Wir trafen Scouts, den tschechischen Nationaltrainer, der bei ihm schon mal in Füssen übernachtet hatte und und und.

Tiger Waldmann ist eine wahre Eishockey-Legende. Das muss mal gesagt werden.

14. Mai: Als Erich Kühnhackl einmal furchtbar erschrak - dann aber doch stolz war

Erich Kühnhackl redete sich frei. Er erzählte, was ihm widerfahren war. Welche Schmach.

Bei der WM 1995 in Schweden war er Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft (Chef: der Kanadier George Kingston) und vor allem Aushängeschild. An einem Abend lud der Deutsche Eishockey-Bund die wenigen mitgereisten Journalisten in ein Lokal ein. Und Kühnhackl begann launig zu erzählen.

Von Kevin, seinem erstgeborenen Sohn. Spielte Fußball, hatte mit Eishockey nichts zu tun. Kürzlich aber sei Kevin zu ihm gekommen und habe ihn überrascht mit der Kunde: „Papa, ich spiele jetzt doch Eishockey. In der Schulmannschaft.“ Demnächst seien die Landshuter Schulmeisterschaften.

Also ist der Erich hin. Neugierig wie noch was. Er hat das Eis gescreent. Die Spieler beobachtet. Unter welcher Ausrüstung verbirgt sich Kevin? Wo ist der Kühnhackl-Bewegungsablauf? „Ich habe den Kevin einfach nicht entdeckt, so angestrengt ich auch hingeschaut habe.“ Und dann streifte sein Blick einen der Torhüter. Erich Kühnhackl erschrak: Aus Kevin Kühnhackl, dem Sohn des deutschen Nummer-eins-Stürmers des Jahrhunderts, war ein Torwart geworden.

Erich Kühnhackl ist ein gütiger Mensch und liebender Vater – und so hat er sich damit arrangiert, war letztlich sogar ein bisschen stolz, dass Kevin diese Form der Eigenständigkeit pflegte. Der Eishockey-Spätstarter hat halt nebenbei gespielt, immerhin ist er als Torwart bis in die dritthöchste Liga vorgedrungen. Talent muss da also schon gewesen sein bei Kevin.

Mit dem deutlich später geborenen Tom hat schließlich doch noch ein Kühnhackl das Erbe von Erich angenommen – als Tom Kühnhackl vor einem Jahr den Stanley Cup gewann mit den Pittsburgh Penguins, war das mal eine Geschichte, die die Öffentlichkeit fesselte. Sie kannte den Namen, das erhöht die Bereitschaft, hinzuhören.

Auch Leon Draisaitl, gefeierter Spieler nach dem 4:1 gegen Italien, ist einer aus der Generation Sohn. Peter Draisaitl war in den 80er- und 90er-Jahren eine Säule der Nationalmannschaft. Wobei man bei ihm ja immer an einen Fehlschuss denkt: Olympische Spiele 1992 in Albertville, Viertelfinale gegen Kanada um Eric Lindros, von dem man erwartete, er müsste der nächste Wayne Gretzky werden: Die Deutschen zwingen den Favoriten ins Penaltyschießen, es läuft ausgeglichen, dann ist Draisaitl dran. Supertechniker. Er macht das gut, bringt die Scheibe an Kanadas Torwart Burke vorbei – doch sie bleibt liegen. Mitten auf der Linie. Drama! Dann ist wieder Kanada an der Reihe, Lindros verwandelt. In Deutschland sehen diese Szenen live 9,99 Millionen Zuschauer. Das Spiel hatte so lange gedauert, dass sich die „Tagesschau“, wegen der viele eingeschaltet hatten, verschob – daher die tolle Quote. Wenn wir auf die Konstellation bei der WM 2017 achten: Ein Viertelfinale gegen Kanada erscheint sehr gut möglich.

Leon Draisaitl ist als Eishockeyspieler noch höher zu bewerten als sein Vater (der mit seinem Netzwerk den Sohn aber blendend positioniert hat in Nordamerika) – und die anderen Söhne in der Nationalmannschaft?

Justin Kruegers Vater ist Ralph Krueger, einer der ersten Deutschkanadier, die wir hatten. Ralph war Stürmer, Justin verteidigt. Krueger junior hat noch nie in der DEL gespielt. In Deutschland war er nur bei den Duisburger Kleinstschülern. Seit Jahren spielt er in der Schweiz. Krueger senior weist vor allem eine interessante Karriere nach der Karriere auf: Er wurde Trainer (13 Jahre Schweizer Nationaltrainer, als Assistent 2014 Olympiasieger mit Kanada, 2016 Chef der Europa-Auswahl, die beim World Cup of Hockey ins Finale kam), Bestsellerautor („Teamlife“) und mittlerweile Fußball-Macher (Präsident des FC Southampton in der Premier League in England).

David Wolf ist Sohn von Manfred „Mannix“ Wolf, der in der Krueger-Zeit aus Kanada kam. Ähnliche Kämpfer-Spielweise – der Junior aber mit deutlich mehr Strafminuten. Für die Faust-Einsätze war zu Mannix Wolfs Zeit der Nebenmann Roy Roedger zuständig.

Matthias Plachta ist der Sohn von Jacek Plachta, einem Deutschpolen mit langer DEL-Vita (Landshut, Hamburg, Kassel, Hannover). Der kleine Plachta ist lörperlich klar größer geraten und darf nun neben Leon Draisaitl spielen.

Marcus Kink ist schon so lange im Nationalteam dabei, dass man schon vergessen hat, dass auch er ein Eishockeyspieler-Spross ist. Georg „Schorsch“ Kink war in den 70er-Jahren einer, der auf gefürchtete Art und Weise hinlangen konnte. Das hat er auch in den Zivilberuf übernommen: Er wurde Finanzbeamter.

13. Mai: Eine intensive Auseinandersetzung mit dem Fall Thomas Greiss

Lieber hätte ich heute ein paar Anekdoten aus der Welt des Eishockeys erzählt. Doch man muss auch mal ernst und analytisch sein, Dazu zwingt uns der Fall Thomas Greiss- Dazu ein paar Fragen, die man sich stellt – und der Versuch, Antworten zu liefern?

War die Gesinnung von Thomas Greiss bekannt?

 In Grundzügen: ja. Greiss ist hierzulande nicht sonderlich bekannt, in der Nationalmannschaft spielt er aufgrund seiner NHL-Verpflichtung selten. Bei der WM 2016 war er dabei und sehr stark, für die Olympia-Qualifikation sagte er ab. Sein Instagram-Account hat 14.500 Abonnenten, für einen Nummer-eins-Torhüter in der NHL ist das wenig. Der Account bietet auch wenig Gründe, warum man ihm folgen sollte. Er ist belanglos. Über Greiss weiß man wenig: Allgäu – Füssen – Amerika. Torwart, Talent. Ende. Bei Twitter las ich vor einigen Wochen einen Beitrag in etwa folgenden Inhalts: Wer Thomas Greiss und Philipp Grubauer, die beiden deutschen NHL-Goalies, nicht auseinanderhalten könne: Greiss sei der, der Trump möge und sich politisch bedenklich äußere, Grubauer das Gegenstück, also der mit den vernünftigen Ansichten. Zu Beginn der WM gab es weitere Tweets: dahingehend, ob jemand von den Medien doch mal den Herrn Greiss auf seine politischen Ansichten ansprechen könne. Und der Kollege einer renommierten deutschen Tageszeitung wusste – wir sprachen noch am Donnerstag darüber – dass Thomas Greiss ein auffälliges Like-Verhalten in den sozialen Kanälen offenbare. Und ich selbst twitterte beim zweiten Spiel, dass Greiss „wie erwartet auf der rechten Seite stark“ ist. Es gab ein paar Insider-Favs. In welche politische Richtung Greiss tendiert, war nicht unbekannt – was er konkret gefavt hatte, erfuhr ich wie die meisten erst durch die Berichterstattung im Deutschlandfunk.

Kann man auf einen solchen Fall vorbereitet sein?

 Schwerlich. Dass einen Spieler ein paar Interaktionen aus dem Netz Monate später einholen, ist nicht abzusehen. Das Problem sind ja nicht mal eigene Beiträge von ihm, sondern wo er seine Sternchen gesetzt hat. Das muss man auch nicht nachrecherchieren, das ginge schon in Richtung Überwachung. Ich verbringe einige Zeit bei Twitter, habe aber noch nie überprüft, wer wo Applaus spendet. Auf die Anfrage des Deutschlandfunks hat der DEB mit einer Stellungnahme reagiert – ich denke, das war insgesamt okay. Größere Verbände haben da schon ein schlechteres Krisenmanagement gezeigt oder sich einfach weggeduckt. Das Einzige, was mich stutzig macht. Marc Hindelang, der Vizepräsident des DEB, selbst ein Medienmann (Sky-Fußball-Kommentator, früher Sport1-Eishockey-Experte), räumt ein, man habe schon vor der WM von der Sache erfahren und auch das Gespräch mit Thomas Greiss gesucht. Dann musste auch klar sein, dass die Geschichte im Verlauf des Turniers veröffentlicht wird. Bundestrainer Marco Sturm wusste davon offensichtlich nichts. Warum hat man nicht eine Erklärung von Greiss selbst vorbereitet? Um die Nationalmannschaft kümmert sich neben dem DEB auch die Liga, die DEL, die ein paar Tage vorher in Köln noch ihre Managertagung abgehalten hatte. Mein Eindruck ist: Es waren zu wenig Leute eingeweiht. Und mir gefällt in einem Punkt die Argumentation des DEB nicht. Greiss habe seine Likes zurückgezogen, damit sei die Sache entschärft. Nun ja: Er will die Heim-WM spielen (er ist auch Ex-Kölner), er bekommt Druck vom Verband - da entlikt er halt. Aber das ändert nicht die Einstellung. Das führt zur nächsten Frage:

Kann man mit dieser Einstellung Nationalspieler sein?

Man kann als Trump-Sympathisant natürlich Nationalspieler sein. Das sagt Marc Hindelang richtig: Es ist durch die Meinungsfreiheit gedeckt, wen man wählt und wen man politisch ablehnt. Aber Beifall zu klatschen bei der Darstellung von Gewalt (zur Fotomontage von Donald Trump mit Hillary Clintons abgeschlagenem Kopf) oder einen Hitler-Vergleich mit Zustimmung zu adeln – das verträgt sich nicht mit den Werten, für die man als Sportler stehen sollte. Als Repräsentant ist man dann nicht mehr tragbar.

Ist Thomas Greiss ein Rechtsextremist?

Man müsste mit ihm sprechen können, um sich dazu ein Urteil zu bilden. Das einzige Gespräch mit Greiss war bislang ein Mixed-Zonen-Interview nach dem Spiel gegen die USA, in dem er phantastisch hielt. Eindruck (natürlich oberflächlich): Viele Phrasen, keine Aussagen, tendenziell ist er maulfaul. Was man mitkriegt: Innerhalb der Mannschaft fällt er kaum auf. Soll mit den Jungs abends fortgehen, aber sich nicht bemerkbar machen. Folglich ist er wohl keiner, der offensiv und missionarisch für seine Ansichten eintritt. Kein Meinungsbildner, sondern einer, der sich Meinungen anschließt. Mitläufer-Mentalität.

Sollte er sich selbst äußern?

Es stünde zu befürchten, dass das im Fiasko enden würde. Es wäre eine Situation, die auch einen mediengeschulten Spieler überfordern könnte.

Ist Thomas Greiss verletzt?

Meiner Meinung nach ist er das nicht. Ich halte es für komisch, dass er zwar nicht spielen kann, aber dass er als Back-up auf der Bank sitzt. Ich habe Marco Sturm gefragt, ob Greiss gegen Dänemark hätte eingewechselt werden können, wenn Aus den Birken was widerfahren wäre? „Ich hätte dann keine andere Wahl gehabt“, sagte Sturm – und dass es „schwierig sei im Kopf, wenn man weiß, dass man nicht fit ist“. Ich mag Sturm, weil er unverfälscht ist und versucht, auf jede Frage eine ehrliche Antwort zu geben. Doch ich erkenne, dass er hier anderen Interessen folgen muss. Es geht darum, seinem Spieler einen Abgang zu verschaffen, bei dem der das Gesicht wahren kann. Und Sturm will einen seiner Spieler auch nicht in die Pfanne hauen. Greiss und er kennen sich schon ewig. Die Geschichte, die man meinem Empfinden nach konstruiert: Die Verletzung wird schlimmer, da ist es besser, wenn Grubauer spielt. Der war am Donnerstag bei weitem nicht so ein Thema wie Leon Draisaitl – und kommt am Samstag nur eine Stunde nach Draisaitl in Frankfurt an.

Schadet der Mannschaft der Fall Greiss?

Nein. Es läuft halt grundsätzlich noch nicht rund bei dieser Heim-WM. Bei einer Geschichte wie der mit Greiss entsteht eher sogar ein Zusammenhalte-Effekt: Wir, die Mannschaft, gegen die Medien und die böse Welt draußen. Nervös hat das Team in einigen Momenten des Dänemark-Spiels gewirkt, weil der Gegner besser als erwartet war und man selber kein zwingendes Spiel aufbauen kann. Auch Greiss übrigens hat nach seinem Superauftakt gegen die USA und einem noch starken ersten Drittel gegen Schweden abgebaut.

Wie wird es weitergehen?

Mein Tipp: Man wird die Hintertür für Greiss öffnen. Die Verletzung, die nicht näher definiert ist, wird es erfordern, dass er sich – am besten vielleicht bei seinen New York Islanders – in Behandlung begibt, um für die kommende Saison nichts zu riskieren. Er wird still abreisen und bald vergessen sein. Ganz schnell werden andere Themen bei dieser WM vorrangig sein. Es wird auch ein stilles Einverständnis herrschen, Thomas Greiss nicht mehr für die Nationalmannschaft zu nominieren, weil immer die Geschichte seiner Instagram-Ausfälle aufgerufen würde.

12. Mai: Der erste Däne überall - und Hans Zach über Spare-Ribs in Kopenhagen

Bundestrainer Marco Sturm hat über 1000 Spiele in der NHL bestritten. Klar, dass man da Details aus der kurzen DEL-Zeit vergisst. Wie dieses: Als junger Landshuter hat er gegen Heinz Ehlers gespielt, den Vater von Nikolaj Ehlers, dem jungen (21 Jahre alt) Star des heutigen Gegners Dänemark. Ehlers junior stürmt für die Winnipeg Jets, er war ein Erstrunden-Draft, hat in dieser NHL-Saison 25 Tore geschossen. Sturm sagt: „Ehlers, die schnelle Nummer 24-“

Fühlt er sich selber schon älter als seine 38, wenn er nun gegen Spieler coacht, gegen deren Väter er selbst gespielt hat? „Hab' ich das?“, fragt Sturm zurück. Ja, Mitte der 90er-Jahre war das. Sturm sagt: „Hoffentlich war der Vater auch so gut wie der Sohn.“

Das nicht, doch Papa Ehlers ist eine historische Figur im internationalen Eishockey. Der Super-Däne, immer noch.

Heinz Ehlers, Jahrgang 1966, hatte sich für diese komische Sportart entschieden, die in Dänemark kaum jemand kannte. Er ging als Junior nach Schweden, um dort zu lernen. Er war der erste Däne im schwedischen Eishockey. Er wurde so gut, dass er zum ersten Dänen wurde, den ein NHL-Verein draftete (1984 von den New York Rangers an 188. Stelle). Er war der erste Däne, der in der Schweiz Eishockey spielte. Der erste Däne, der in Österreich spielte. Und schließlich der erste Däne, der in Deutschland spielte. 1995 veränderte das Bosman-Urteil den Sport. Eine der drei offiziellen Ausländerstellen hätte kein Verein an einen Dänen vergeben, doch als EU-Spieler war er interessant. Die Augsburger Panther holten ihn, danach verbrachte er noch einige gute Jahre bei den Berlin Capitals. Heinz Ehlers war ein großartiger Spielmacher, ein Vorlagengeber. Bei Bedarf spielte er auch Verteidiger.

Sein Spätwerk wurde das erste Länderspiel, das Dänemark und Deutschland gegeneinander austrugen. Die Vorgeschichte: Die Dänen hatten in den 90er-Jahren ihren großen Nachbarn immer wieder um einen freundschaftlichen Vergleich gebeten. Der Deutsche Eishockey-Bund lehnte ab. Dänemark, doch nicht dieser Zwerg. 1998 konnte sich der DEB nicht mehr für die Weltmeisterschafts-A-Gruppe qualifizieren, Abstieg nach 23 Jahren. Man musste zur B-WM 1999 nach Dänemark. Eine kleine Halle – Oberligaformat – in einem Vorort von Kopenhagen. Endergebnis: Dänemark 6, Deutschland 1. Mittlerweile sind die Dänen ein fester Bestandteil der A-Gruppe – die Bilanz gegen Deutschland ist noch immer positiv. Ehlers ist seit 2008 Trainer in der Schweiz – und immer noch The Godfather of Danish Hockey.

Die B-WM 1999 war das belangloseste Turnier, auf dem ich je war. Spiele wie Kasachstan – Ungarn oder Großbritannien – Polen kann man nicht ertragen. Unterhaltsam war's dennoch: Wir wenigen Journalisten lebten im Hotel auf einem Flur mit der deutschen Mannschaft, und wenn wir frühstückten, kam stets der damals neue Bundestrainer Hans Zach an unseren Tisch und erzählte vom Spare-Ribs-Essen am Abend zuvor: „Hervorragend, und ich kann das beurteilen, ich bin Metzger!“

Lustig war auch, dass die kasachische Mannschaft jeden Morgen um den See gegenüber dem Hotel laufen musste. Bei Deutschland liefen nur die Trainer, Zach sagte zu seinem kasachischen Kollegen: „In Kazazkstan the players run, in Germany the coaches run.“ Als Bild der B-WM in Dänemark blieb mir auch, wie drei breite britische Spieler sich in der Hotellobby in ein Zweiersofa quetschten – um Popcorn zu essen. Das ist die B-WM. Es gab auch Spiele in Odense. Zwei Stunden Zug- und Busfahrt. Nicht mal die Odenser konnten verlässlich sagen, wo ihr Eisstadion steht.

2018 bekommt Dänemark seine erste A-WM. Am Sonntag ist in Köln Präsentation, mit Kronnprinz Frederik. Man ist versucht , nächstes Jahr nach Kopenhagen zu fahren und zu staunen.

11. Mai: Der Star, der 50 Kilo wog - im nassen Bademantel

Früher spielten sechs Nationen jährlich um die Weltmeisterschaft, dann acht, ehe aufgestockt wurde auf zwölf und schließlich auf 16. Dann war auch Italien dabei. Doch selbst in diesem Mammutfeld (bei knapp 50 ernsthaften Mitgliedsländern des Weltverbands eine unverschämtere Version als die Fußball-WM mit 48 Teilnehmern) haben die Italiener ihren Platz nicht sicher. Die vergangenen beiden Jahre mussten sie in der Division I spielen (wie die B-Gruppe charmanterweise heißt) – und so wie es aussieht, kehren sie dorthin zurück. Es riecht nach Abstieg.

Dabei waren die Italiener mal eine Attraktion in der Gruppe A. Ein kleines Kanada. Weiß man schließlich aus jedem Mafia-Film der 90er-Jahre, dass ungefähr ein Drittel aller Nordamerikaner aus Neapel oder Palermo stammt. Das Eishockey machte sich das zunutze: Es fand die Italo-Kanadier. Sie spielten dann beim HC Bozen oder in Mailand, das waren die relevanten Klubs.

Besonders lieben musste man Bruno Zarrillo. Ein technisch beschlagenes, listiges Kerlchen, das zurecht kam, ohne die typischen Eishockey-Maße (1,90 m, 100 Kilo) zu haben. Gerne zitieren wie Franz Sinn, den langjährigen Eishockey-Schreiber der Tageszeitung „Dolomiten“ (was anderes Meinungsbildendes gibt es in Südtirol auch gar nicht). Er sagte: „Bruno Zarrillo wiegt 50 Kilo. Aber nur im nassen Bademantel.“ Mit Zarrillo, Stefano Figliuzzi und Torwart Jason Muzzatti wurde Italien ab 1994 sogar zu einem Viertelfinalanwärter. Alle drei machten Karriere in der DEL, nachdem in Folge des Bosman-Urteils alle Europäer randurften, ohne dass ein Ausländerkontngent sie aufhielt.

Leider gab es im italienischen Eishockey irgendwann fast nur noch Italo-Kanadier, trotzdem ging es nach unten. Darum versucht man es nun mit einer strategischen Wende. Die Südtiroler Burschen aus Ritten, Bozen, Wolkenstein sollen die Nationalmannschaft tragen. Schwierig, wie sich bei der WM in Köln zeigt. Trainer Stephan Mair muss einem so leid tun wie in seinem Jahr als Headcoach der Schwenninger Wild Wings in der DEL (2014/15). Er hat Niederlagen zu verkaufen,

Wenigstens einen berühmten Spieler hat er in seiner Mannschaft Italien: Simon Kostner, 26. Berühmt aber nicht wegen seiner Leistung für den HC Ritten oder vormals die Jungadler Mannheim oder den finnischen Klub Jyväskylä, wo er sich versucht hatte, sondern wegen der Familiengeschichte. Schwester Caroline Kostner war 2012 Weltmeisterin, 2014 Olympia-Dritte und einige Male Europameisterin. Im Eiskunstlauf.

Aber schön Schlittschuhlaufen konnte auch Bruno Zarrillo. Vor 20 Jahren schon. Gestern in der Straßenbahn trug ein nicht mehr ganz frischer Kölner Eishockeyaner ein Zarrillo-Italie-Trikot mit der 16. Ein Kenner!

10. Mai: Der Fall Hager, die langsame Disziplinarkommission und Erlebnisse mit der IIHF

Danke, IIHF, mit der Zwei-Spiele-Sperre für Patrick Hager hast Du uns den Arbeitstag versaut. Da bist Du, oh Eishockey-Weltverband, ja schon wie die Kollegen von der FIFA.

Der Reihe nach. Der Kölner hatte am Montagabend im Spiel gegen Russland eine Matchstrafe erhalten. Das bedeutete: Ein Spiel würde er automatisch gesperrt sein. Franz Reindl, Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) und oberster Organisations-Chef der WM, erzählte danach, wie es weitergehen würde: „Da tauscht sich die Disziplinar-Kommission der IIHF aus. Das sind vier ehemalige Spieler, die können beurteilen, ob bei einer Aktion wie der von Hager Absicht vorlag.“ 2014 bei den Olympischen Spielen in Sotschi war Reindl selbst Mitglied der Tugendwächter-Kommission gewesen. Er wusste auch, dass in Köln und Paris an den ersten drei Tagen 34 Szenen in diesem Gremium nachbesprochen worden waren. Die meisten Fälle werden ad acta gelegt.

Für Dienstag 13 Uhr war die Zusammenkunft der vier Disziplinatoren avisiert. Dem DEB wurde mitgeteilt, wenn es für Patrick eine längere Sperre gebe als das eine Spiel, werde man das mittteilen und auf der IIHF-Homepage veröffentlichen. Der DEB hörte bis 14 Uhr nichts von der IIHF, nicht bis 15 Uhr, nicht bis 16 Uhr, nicht bis 17 Uhr, nicht bis 18 Uhr, nicht bis 19 Uhr, nichts bis 20 Uhr, nichts bis 21 Uhr. Gut, dann kann nichts gewesen sein, denn man bespricht solch einen Fall nicht den halben Tag. Um 21.40 Uhr wurde der DEB schließlich informiert, dass Hager für zwei Spiele gesperrt würde.

Als Reporter hat man eine solche Zauderlichkeit schon einmal erlebt: Aber beim Fußball. WM 2006, im Viertelfinale war die Hand von Thorsten Frings an einer argentinischen Wange gelandet. Würde er dann im Halbfinale gegen Italien spielen dürfen? Die „Verhandlung“ (ohne den Spieler, da wird nur eine Stellungnahme eingereicht) zog sich von Mittag bis in die frühen Abendstunden hin. Wir saßen da im DFB-Medienzentrum in Berlin und warteten über Stunden auf einen Satz. Und verfluchten die FIFA.

Nun Schimpf und Tadel für die IIHF. Nicht wegen des Urteils, sondern wegen der Zeitabläufe. Von der schnellen Sorte sind sie nicht beim Eishockey-Weltverband.

Weil in diesem Blog neben den Aktualitäten auch Platz sein soll für ein paar Schmonzetten aus der Vergangenheit: zwei Geschichten über die IIHF.

Die eine von der Weltmeisterschaft 1997. Damals wurde das Turnier nicht mit einem einzigen Endspiel entschieden, sondern mit einer Best-of-Three-Serie. Man wusste also nicht mal, wie lange die Veranstaltung dauern würde. Das erste Finale hatte Schweden gewonnen. IIHF-Präsident Rene Fasel gab vor dem zweiten Finale eine Presserunde, in der er seiner Hoffnung Ausdruck verlieh, heute möge Kanada gewinnen, damit alle noch ein wundervolles drittes Endspiel sehen könnten. Aus einer Ecke des Raumes brummte eine Spur zu hörbar Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich: „Den Schmarren kannst dir aber alloa anschaun.“ Monsieur Fasel war höchst pikiert.

Ein Higlight-Erlebnis hat mir der langjährige (und 2012 verstorbene) slowakische IIHF-Präsident Miroslav Subrt beschert. Ich erlebte ihn bei der B-WM 2000 in Kopenhagen beim Auschecken aus dem Hotel. Da war Subrt leicht erbost, dass er an der Rezeption für die an der Bar konsumierten Getränke (offensichtlich nicht wenige) und die Mahlzeiten außerhalb des IIHF-Speisesaals selbst aufkommen sollte. Eine klassische Szene. Er wollte diese Kosten nur allzu gerne seinem Verband aufdrücken. Der Widerwillen, mit dem er die private Kreditkarte auf den Rezeptionstresen legte – unbezahlbar!

Sportfunktionäre. Eine Klasse für sich.

9. Mai: Was die „Kiss Cam“ anrichten kann

Ein phantastisches Spiel war das: USA – Schweden. 4:3. In einer fast vollen Kölnarena. Rauf und runter, offenes Visier. Da kann man gar nicht wegschauen.

Oder doch? Es geschah Wunderliches am Rande dieses Klassikers. Ein Fan drehte im Oberrang seine Runden mit einer Donald-Trump-Maske auf dem Kopf. Eine Dame sprintete mit Russland-Fahne durch die Ränge. Und schwedische Fans tanzten auch, wenn ihr Team in Rückstand geriet. Was ist da los?

WM halt. Sie ist immer schon ein internationales Kostümfestival gewesen. Ein Treffpunkt für Verhaltensauffällige. Für russische Zaren und finnische Blues Brothers-Verschnitte. Eishockey ist nur der Anlass, sich zu verkleiden. Die Eventisierung eines Sports. Clap your hands!

In den Ligen ist das alles noch nicht so weit fortgeschritten. Aber wir haben festgestellt, dass auch in der DEL sich eine Erscheinung breitmacht, die wir von Weltmeisterschaften schon seit langem kennen: die Kiss Cam.

Das Prinzip: Ein Kameramann schaut im Publikum Leute aus, die nebeneinander sitzen und den Anschein erwecken, ein Paar zu sein – traditionell setzen sie (gibt es ja schon seit 20 Jahren) auf die Frau-Mann-Kombination. Bei einem Spielunterbrechung werden die beiden eingeblendet, es erfolgt der Aufruf zum Austausch einer Zärtlichkeit. Es gibt dann die Pflicht-Bussler, aber auch die Mandelspüler. Jedenfalls: Ein öffentlicher Kuss scheint manchmal immer noch eine Sensation zu sein.

Als langjähriger WM-Besucher habe ich einen Lieblingskuss. Er wird auch nie mehr von Platz eins zu verdrängen sein. Er geschah 2005. WM in Österreich, Abstiegsrunde in Innsbruck, ein Montagmittagsspiel (schon der Termin ist eine Strafe). Die deutsche Mannschaft spielte gegen Slowenien, sie stand am Abgrund und war drauf und dran zu verlieren und abzusteigen. Alle waren angespannt, von Panik ergriffen – doch die Personen hinter der Kiss Cam hatten nicht das richtige Gespür für die Situation-

Es ertönte ein fröhliches „Kiss me kiss me kiss me baby“ - und auf dem Videowürfel erschien der deutsche Verbands-Generalsekretär Franz Reindl mit Gattin, die gerade aus dem nahen Garmisch-Partenkirchen angereist war. Bussi, ihr beiden! Man konnte den Konflikt in Reindls Gesicht lesen. Einerseits: Wir kämpfen hier um unser sportliches Überleben! Andererseits: Man hat ja seine Verpflichtung gegenüber dem Gesamtereignis Eishockey-WM. Und man ist nicht zufällig verheiratet!

Franz Reindl lockerte kurz die Gesichtszüge und busselte. Die Ehe hielt. Aber Deutschland stieg ab.

8. Mai: Oleg Znarok, Autotransfers nach Rotterdam und ein unmoralisches Angebot

Der nächste Gegner der Deutschen bei der WM ist Russland. Ein Eishockeyland, das sich gewandelt hat. Früher durften die Spieler gar nicht gehen oder erst weit nach dem 30. Lebensjahr, heute sind sie mit 17 weg und spielen in kanadischen Juniorenligen. So wie es in der Krutow-Larionow-Makarow-Ära war (die goldenen 80er-Jahre) oder vor ihnen bei Michailow-Petrow-Charlamow, wird es nie wieder sein. Die alte UdSSR hatte Starreihen, Starblöcke, das neue Russland hat Starspieler. Der Zauber des Kollektivs ist verloren gegangen.

Was aber immer noch sowjetisch ist: die Knorrigkeit des Trainers. Da reiht sich der jetzige Coach der Sbornaja, Oleg Znarok, ein in die Tradition, die große Vorgänger geschaffen haben. Allen voran Viktor Tichonow, über den im wunderbaren Film „Red Army – Legenden auf dem Eis“ einer seiner Spieler sagte: „Wenn ich mal ein Spenderherz brauche, hätte ich gerne das von Tichonow – denn er hat seines noch nie benutzt.“

Tichonow war vor den Medien kein Mann der großen Worte, und auch Oleg Znarok, Anfang der 90er-Jahre Nationalspieler bei Tichonow, antwortet auf Fragen eher unverbindlich. Was er von Deutschland hält? „Eine gute Mannschaft.“ Können Sie das näher erläutern? „Sie ist gut, physisch stark.“

Tja, man neigt dazu zu sagen: Oleg Znarok ist halt ein typischer Russe und nie rausgekommen aus seiner Welt. Und das wäre grundfalsch. Erstens: Znarok ist eigentlich Lette, für das baltische Land hat er gespielt, nachdem die Sowjetunion zerbrochen war, er trainierte dann auch Riga und die lettische Nationalmannschaft. Zweitens: Er hat sogar die deutsche Staatsbürgerschaft, weil er nämlich drittens fast zehn Jahre in Deutschland gespielt hat. In Landsberg, Freiburg, Heilbronn. Und aus dieser Zeit gibt es viele Geschichten, die ihn als durchaus illustren Typen ausweisen.

Er betrieb nebenher einen schwunghaften Handel mit schrottreifen Autos. An trainingsfreien Montagen überführte er sie nach Rotterdam, wo sie von Vater Znarok verschifft wurden, um in Lettland Abnehmer zu finden. Wenn die Karre unterwegs ihr Leben aushauchte, musste Znaroks Mitspieler Igor Pawlow hinterher fahren und ihn abholen. Ein Zusammenspiel wie auf dem Eis.

Ein Journalistenkollege, der mit Znarok während dessen Zeit in der 2. Liga in Deutschland (in der war er wohl der beste Spieler aller Zeiten) zu tun hatte, erzählte auch davon, dass der geniale Spieler ihm mal einen Vorschlag unterbreitete, wie man verfahren solle, wenn man als Reporter Zwist mit dem Vereinsvorstand habe: Er kenne Jungs, die solche Fälle regeln. Er lachte dazu – vielleicht war es auch ein Spiel mit dem Klischee.

Seine Miene ist undurchdringlich. So sehr anders als die all der smarten, aber glatten Nordamerikaner dieser Eishockey-Welt.

Man kann Oleg Znarok allein dafür mögen.

7. Mai: Wenn man Marco Sturm schon länger kennt

Das ist die Internationalisierung: Eishockey-Weltmeisterschaft in Deutschland, deutscher Trainer, deutsche Journalisten, deutscher Pressekonferenz-Moderator – aber gesprochen werden muss im offiziellen Teil Englisch. These are the rules of the International Ice Hockey Federation.

Hört man aber wenigstens mal, wie Marco Sturm Englisch spricht. Natürlich fließend, denn er lebt hauptsächlich ja in Florida. Zwar ist er sehr heimatverbunden und hat sich vom ersten in der NHL verdienten Geld ein Haus in Niederbayern gekauft – doch seine Spielerkarriere hat er ab dem 19. Lebensjahr eben in Nordamerika verbracht. Er wollte die Kinder jetzt, nur weil er als Trainer ab und zu in Deutschland ist, nicht aus der vertrauten Umgebung und der Schule reißen.

Ich erinnere mich, wie Marco Sturm als Teenager erstmals nach Amerika reiste. Es war früh klar, dass er seinen Weg im Eishockey machen würde. Mit 16 schmiss er die Lehre bei BMW, um sich auf Trainieren und Spielen beim EV Landshut zu konzentrieren. Die Scouts aus der NHL beobachteten ihn da schon, die San Jose Sharks erwarben bei erster Draft-Gelegenheit die Rechte an Sturm, er reiste zu einem ersten Kennenlernen in die USA. Begleitet von Christian Künast, dem Landshuter Torhüter, damals Sturms Schwager in spe, heute Sturms Schwager (und bei der WM als Videocoach im deutschen Trainerstab). Der „Küni“ musste damals, vor über 20 Jahren, dolmetschen. Das Englisch von Marco Sturm war noch recht bruchstückhaft. Inzwischen spricht er natürlich wie ein Amerikaner. Als er Bundestrainer wurde 2015 und ich ihn auf diese Künast-Episode ansprach, musste er lachen: „Stimmt – aber wirklich lange her.“

Marco Sturm lernte ich kennen, als er mit 1995 mit 16 in die Profi-Mannschaft des EV Landshut kam, der damals noch ein erstklassiger Klub im deutschen Eishockey war. Wir hatten ein Projekt: Er sollte über seinen Einstieg in die Szene Tagebuch führen. Das lief so ab, dass ich ihn jeden Montag anrief und er mir erzählte, wie er die vergangene Woche erlebt hatte. Einmal war das Thema, dass er mit dem EV Landshut in die Schweiz gereist war und sein erstes Vorbereitungsturnier gespielt hatte.

Allerdings war dem ein Konflikt vorausgegangen. Der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) hatte Sturm für seine Junioren-Nationalmannschaft angefordert, Landshuts legendärer Manager Max Fedra war aber der Meinung, es bringe dem jungen Kerl mehr, wenn er mit und gegen richtige Männer spiele. Also meldete er Sturm beim DEB verletzt ab und ließ ihn in der Schweiz mitspielen. Mit dem Pass eines anderen, unter falschen Namen. Der Verband bekam davon Wind und reagierte mit einer Geldstrafe für Landshut und Fedra.

Ich wollte Sturm, dessen Tagebuch wir monatlich veröffentlichten, nicht in die Bredouille bringen. Als es wieder Montag war und ich mich bei ihm meldete, fragte ich: „Marco, dieses Turnier neulich in der Schweiz...“ Er sagte: „Ja, es ist mir eingefallen, dass ich da doch nicht gespielt habe. Ich war gar nicht mit dabei, ich war ja verletzt.“

Mit dem DEB und ihm ist es dann aber doch noch eine sehr gute Beziehung geworden.

6. Mai: Man spricht über die Eishockey-WM - im Eifel-Dorf wie vor der Allianz Arena

Kann man bei der Eishockey-WM jedes Spiel anschauen? Sagen wir es so: Man könnte. Aber man wird es nicht schaffen. Irgendwann bricht man ein. Vor allem die Wochenenden mit jeweils drei Spielen an einem Ort lassen einen ermüden: 12.15 Uhr – 16.15 Uhr – 20.15 Uhr – 12.15 Uhr – 16.15 Uhr – 20.15 Uhr. Da wird das Gehirn zu Hartgummi.

Ich muss gestehen: Aus dem Programm des Samstags, des zweiten Turniertags, habe ich die Begegnungen Lettland – Dänemark und Italien – Slowakei gestrichen. Nicht aber aus Faulheit und vorauseilender Nachlässigkeit, sondern aus Fleiß.

Mein Samstag: Deutschland schlief noch. Ich erhob mich um fünf Uhr. Nach vierdreiviertel Stunden (versuchtem Schlaf). Um 5.30 Uhr stieg ich in Köln ins Leihauto. Ziel: Illerich in der Eifel, eineinviertel Fahrstunden entfernt. Illerich ist ein 840-Einwohner-Dorf mit einem Kirchturm, einem Laden und zwei Kneipen. Hübsche Landschaft, „könnte doch auch in Oberbayern sein“, meint Wolfgang Schmitz. Mit ihm und drei seiner Verwandten/Freunde werde ich die erste Hälfte des Tags verbringen. Schmitz ist einer jener gar nicht untypischen Fans des FC Bayern, die zu Heimspielen eine etwas weitere Anreise haben: in seinem Fall fast 600 Kilometer. Die nehmen wir in einem Opel Astra, drei Mann auf den Rücksitz geklemmt, in Angriff. Daraus wird eine in Bälde erscheinende Reportage werden: wie Fans ihren Verein so sehr lieben, dass sie über die Schmerzgrenze gehen (die verorten sie bei 350 Kilometer Autofahrt) – aber auch, wie sie seine Entwicklung kritisch verfolgen. Zum Vorstandsvorsitzenden fällt der Begriff, der sei „eine Lachtaube“ - das Wort war mir neu, wird aber Eingang finden in die Story.

Natürlich haben wir auch über Eishockey gesprochen. In der Eifel gibt es nichts, Trier, Mayen, Koblenz sind die nächstgelegenen Städte. Trotzdem waren die vier Bayern-Fans bestens informiert über das, was in Köln am Vorabend bei der Eishockey-WM geschehen war. Volle Halle, Riesenstimmung, deutscher 2:1-Sieg gegen die USA. Der eine hat es am Stammtisch mitbekommen, die anderen haben es übers Internet verfolgt. Das ist fürs Eishockey eine schöne Erkenntnis: Wer sich für Sport in einem Maße interessiert, dass er die üblichen meist fußballlastigen Apps aufruft, bekommt auch mit, was im Eishockey läuft. Die vier Illericher tippen darauf, dass hun Euphorie ausbricht.

Um 13.12 Uhr fuhren wir ins Parkhaus an der Allianz Arena ein, und oben auf der Esplanade trennten sich dann unsere Wege. Die Leute azs der Eifel strebten ins Stadion, ich zur U-Bahn gegen den Strom von Tausenden von Fans – aber ich wollte ja auch zurück nach Köln (bzw. Montabaur, wo ich den Mietwagen zwischengelagert habe).

„Herr Klein“, wurde ich überraschend angesprochen, als ich mein U-Bahn-Ticket aus dem Automaten zog. Man wird als Zeitungsjournalist für gewöhnlich nicht erkannt, dafür reichen unsere Minipassfotos unter den Kommentaren nicht aus. Der Mann, der mich ansprach, folgte mir sogar auf Twitter (aber anonym), es war ein Anwalt aus Holzkirchen, gerade auf dem Weg zum Bayern-Spiel gegen Darmstadt. Und er sagte etwas sehr Nettes: „Vielen Dank, dass Sie in der heutigen Ausgabe an Robert Müller erinnert haben.“ Den Nationaltorwart, der 2009 an einem unheilbaren Hirntumor verstarb. Bei der WM nun ist er aber sehr präsent, ein Bild von ihm wurde für das offizielle Emblem verwendet. Man sieht es auf den Bussen, Plakaten, Fahnen. Das ist ein Anlass, seine Geschichte aufzurollen. Mit Distanz, ohne das Sensationsgeheische, das Müllers öffentliches Sterben bisweilen umgab.

Müller wäre jetzt 36, er könnte bei dieser WM noch dabei sein. Ebenso Robert Dietrich, Verteidiger im Heim-WM-2010-Team. Er kam bei einem Flugzeugabsturz 2011 ums Leben. Ihn darf man nicht vergessen, wenn man an Müller erinnert. „In der Mannschaft ist Robert Dietrich mit Bildern und auf Armbändern präsent“, erzählt DEB-Präsident und WM-Organisations-Chef Franz Reindl. Die Eltern von Dietrich, die in Kaufbeuren leben, lädt der DEB immer zu Länderspielen ein, auch bei der WM werden sie Ehrengäste sein.

Erkenntnis des Tages ist: Eishockey hat eine schöne Erinnerungskultur – und man spricht auch im Fußball-Umfeld über die Eishockey-WM.

So, und jetzt wartet Schweden - Deutschland. Dieses eine Spiel ist natürlich Pflicht. Der Zug zurück aus München sollte pünktlich sein.

5. Mai: Marcel Reif, Reiseschreibmaschine und der Reporter in Handschellen

Eishockey-WM ist jedes Jahr. Die jetzt ist die 16., die ich als Reporter miterlebe. Das klingt nach Routine. Jedoch, ich kann es versichern: Jedes Turnier ist anders. Und man kann anhand der Eishockey-Weltmeisterschaften miterleben, wie sich auch die Welt verändert.

Ich denke zurück an 1991. Finnland war dran, Turku der Hauptspielort. Meine erste WM. Ich war jung und glaubte an die Ansagen der Spieler. „Da fahr ma jetzt hin und putzen die Schweden“, hatte Axel Kammerer, der heute von Beruf Trainer ist, angekündigt. Ich schrieb meinen Vorbericht mit dem optimistischen Unterton des Eingeweihten. Deutschland verlor 1:8. Ich wurde kritischer.

Schon lange spielen bei der WM 16 Nationen mit. 1991 waren es acht, und weil 1992 auf zwölf Teilnehmer aufgestockt werden sollte, stieg keiner ab. Deutschland konnte beruhigt Letzter werden, der Starspieler Gerd Truntschka war wie viele andere gleich daheimgeblieben. Er lieferte als schöne Begründung noch, dass, was er in drei Wochen WM verdienen würde, unter dem Einkommen eines Hilfsarbeiters liege.

Es war eine lustige WM, die Spieler, die angereist waren, traf man abends in den diversen Lokalitäten. Zum Beispiel in der „Casa Nova Bar“.

Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen war diese Völlig-egal-Eishockey-WM aber eine große Nummer. ARD und ZDF wechselten sich bei den Übertragungen ab. Das ZDF hatte Marcel Reif und Günter-Peter Ploog geschickt, als Experte war Hans Zach im Einsatz. Und mit dem Miesbacher Uli Nett war sogar noch ein Redakteur für die bunten Filme mit dabei.

Mit Marcel Reif fuhr ich bei der Eishockey-WM 1991 U-Boot. Ja, tatsächlich: Finnland ist das Land der tausend Seen, es gab ein touristisches Rahmenprogramm für Journalisten, wir tauchten in einem Gewässer ab. Man sah dabei eigentlich nichts, aber jeder Platz hatte einen Bildschirm, auf dem ein Unterwasserfilm aus der Südsee lief. Mit prächtig bunten Fischen.

Was mir noch in Erinnerung blieb von der WM vor 26 Jahren: Ich hatte eine Reiseschreibmaschine dabei. Auf ihr schrieb ich die Texte, anschließend faxte ich sie an die Redaktion. Ich musste unglaublich viel schreiben; auch die Statistik von jedem Spiel hatte ich zu übermitteln. Ich haute oft nachts in die Tasten meiner Olympia. Es klapperte so sehr, dass ich mir wünschte, es würde eines Tages eine Schreibmaschine mit lautlosem Anschlag erfunden, damit man niemanden stört. Eine Reiseschreibmaschine konnte mit ihrem Sound Wände durchdringen. Ich habe die Erfindung des Laptops vorausgesehen.

Die Welt hat sich in technischer Hinsicht gut entwickelt. Dank Internet muss ich keine Statistiken mehr abschreiben – und auch am Ende der WM nicht einen zwei Kilo schweren Ordner mit „Game Sheets“ und „Team Rosters“ mit nach Hause nehmen.

Die Technik macht es möglich, dass ich mehr Zeit und Freiräume habe. Und darum schreibe ich jetzt – zusätzlich zu den Zeitungsartikeln – diesen Blog.

Ich werde erzählen, was mir bei der WM 2017 auffällt. Und vielleicht ab und zu einen Ausflug in die Vergangenheit unternehmen. Zum Beispiel noch einmal ins Jahr 1991, als mich im Eisstadion von Turku plötzlich Polizisten niederrangen, mir Handschellen anlegten und mich in einen vergitterten Wagen schleuderten, der mich zum Ausnüchterungsknast von Turku fuhr. Obwohl ich nüchtern war.

Das könnte ich erzählen. Verpassen Sie es nicht. Bleiben Sie dran an diesem Blog!

Folgen Sie dem Autor auf Twitter

Alle Infos zur Eishockey-WM 2017 in Köln und Paris

Wir berichten aktuell über Spiele und alle Themen rund um die WM. Auch über die Stars des EHC München, die bei dieser Weltmeisterschaft im DEB-Kader stehen. Sie suchen den Spielplan, die Gruppen oder hätten gern Tickets? Hier finden Sie alle Informationen für die Eishockey-WM 2017

 

Rubriklistenbild: © dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

SCR: Verfolgerduell mit Happy-End
Der SC Riessersee ringt die Kassel Huskies in einem knappen Duell mit 5:3 nieder - Erfolgsgarant für die Garmisch-Partenkirchner war einmal mehr Torhüter Matthias Nemec
SCR: Verfolgerduell mit Happy-End
Schlagers Hattrick lässt Löwen jubeln
Die Länderspielpause hat zumindest Löwen-Stürmer Philipp Schlager gutgetan: Er brachte Tölz gegen Freiburg auf die Siegerstraße und leitete mit drei Treffern im zweiten …
Schlagers Hattrick lässt Löwen jubeln
Ein großer Kampf und viele Tore
Dorfen - Der Bayernliga-Gipfel bot mit jeder Menge Treffern, umstrittenen Schiedsrichter-Entscheidungen und ausflippenden Fans wirklich alles. Für die Dorfener …
Ein großer Kampf und viele Tore
3:2 – Gladiators müssen nachsitzen
Erding – Nichts geworden ist es mit dem Dreier, den sich die Erding Gladiators am Freitagabend gegen die Wanderers Germering vorgenommen hatten. 2:2 stand es nach 60 …
3:2 – Gladiators müssen nachsitzen

Kommentare