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Aus Geretsried in die große Welt

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Von: Thomas Wenzel

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Korbinian Holzer
Nationalspieler, Profi in der NHL, KHL und DEL: Der 33-jährige Korbinian Holzer ist der erfolgreichste Spieler, der aus dem Geretsrieder Nachwuchs hervorgegangen ist. In dieser Saison verteidigt er für die Mannheimer Adler. © dpa

SERIE „60 JAHRE EISSPORT“: Das Geretsrieder Eishockey brachte einige Spieler hervor, die es weit brachten. Eine Übersicht von Korbi Holzer über Uli Liebsch bis Andrea Lanzl.

Geretsried – Auch wenn die Geretsrieder Mannschaften im Laufe der vergangenen 60 Jahre ihre Erfolge meist in einem regional überschaubaren Rahmen feierten, so fiel doch hin und wieder ein Sonnenstrahl des nationalen oder sogar internationalen Eishockeys auf die oberbayerische Kleinstadt an der Isar. So gab es mit Horst Valasek in den 1990er Jahren einen Trainer, der in seiner tschechischen Heimat etwas Einmaliges geschafft hat: Unter seiner Regie stieg der HC Vsetin aus der 2. Liga in die Extraliga auf und holte dort sofort die Meisterschaft. Eine ganze Reihe von Geretsrieder Übungsleitern waren zu aktiven Zeiten selbst Nationalspieler und Deutscher Meister, wie beispielsweise der Tölzer Hans Rothkirch (Kölner EC) und der gebürtige Füssener Mike Wanner (Berliner SC). Oder auf jeden Fall erfolgreich in der DEL beziehungsweise 1. Bundesliga (Florian Funk, Christian Ott) oder der 2. Bundesliga beziehungsweise Oberliga (Peter Holdschik, Martin Melchert, Sebastian Wanner).

Aus Geretsried in die große Welt

Auch bei den Kontingentspielern gab es ordentliche Kaliber. Der legendäre Vlado Kames zum Beispiel, beim EC Bad Tölz 1998 altersbedingt aussortiert und beim TuS Geretsried gerne genommen, hatte als Jungspund 1985 mit der Tschechoslowakei den Weltmeistertitel geholt. Reijo Mikkolainen gewann mit Finnland bei den Olympischen Spielen 1988 in Calgary die Silbermedaille – und holte nebenbei noch sieben Mal mit Tampere und Turku die Meisterschaft in der Suomi-Liga. Auf dieselbe Anzahl von Titeln ist Rostislav Vlach in der tschechischen und der slowakischen Extraliga gekommen. Sein Land bei mehreren Weltmeisterschaften vertreten hat der Lette Juris Opulskis, der sogar zweimal in Geretsried unter Vertrag stand (1996 bis 1998 und 2002 bis 2005).

Es gab auch Akteure, denen erst nach ihrem Gastspiel beim TuS der große Wurf gelang. Der schussgewaltige Kanadier Paul Beraldo beispielsweise holte später Titel in der DEL mit den Mannheimer Adlern und in Großbritannien mit den Sheffield Steelers. Tom Bissett, ein ebenfalls für die NHL gedrafteter US-Amerikaner, wurde Meister in Schweden (Gävle) und Finnland (Tampere). Immerhin zum deutschen Nationalspieler schaffte es der gebürtige Kanadier Wayne Hynes, der zudem zweimal Meister in der DEL wurde (Mannheim, München).

Abwehrkolosse und Offensiv-Trickser

Last but not least noch zwei erfolgreiche Ehemalige: Die Garmischerin Christina Fellner (geborene Oswald) führte die Geretsrieder Moskitos 1994 zur Deutschen Meisterschaft und hielt viele Jahre lang den Titel der Rekordnationalspielerin. Und Daniel Piechazcek stammt aus dem Nachwuchs des TuS und war jahrelang einer der erfolgreichsten Eishockey-Schiedsrichter Deutschlands.

Und natürlich gibt es eine Vielzahl an einheimischen Spielern, die über all ihre aktiven Jahre nicht wegzudenken waren aus dem Verein. Starke Torhüter wie Manfred Heinke (der zudem besondere Verdienste um die Nachwuchsarbeit und hier insbesondere ein Gespür für Torwart-Talente hatte), Hansi Marko und Olaf Björner. Oder Führungspersönlichkeiten wie Gerhard Herrmann, Hubert Jellen und Andreas Dornbach. Dazu Abwehrkolosse wie Andreas Hölzl und Offensiv-Trickser wie Harry Petschenka. Die (subjektive) Rangliste der erfolgreichsten Geretsrieder EishockeyspielerInnen, sieht jedoch so aus:

Korbinian Holzer

Mit 13 Jahren spielte Holzer noch beim TuS, dazu auch noch Fußball in seinem Heimatort Gelting und in Waldram. Mit dem Wechsel zum EC Bad Tölz 2002 nahm seine Karriere Fahrt auf, es folgten Nominierungen für die Nachwuchs-Nationalteams von der U 16 bis zur U 18. Über die Deutsche Nachwuchsliga (DNL) rückte der 1,90 Meter große und 93 Kilogramm schwere Verteidiger schnell in den Zweitliga-Kader der Tölzer Löwen auf. Eine Saison spielte Holzer dann in Regensburg, anschließend trug er für drei Jahre das Trikot der Düsseldorfer EG in der DEL. 2006 für die Toronto Maple Leafs gedraftet, wagte der Geltinger dann 2010 den Sprung in die stärkste Eishockey-Liga der Welt. Zehn Jahre war Holzer in Nordamerika aktiv, verbuchte in dieser Zeit 206 Partien in der NHL für die Toronto Maple Leafs, die Anaheim Mighty Ducks und die Nashville Predators. Dazu kamen noch 297 Einsätze in der AHL in Toronto und San Diego. 2020/21 spielte Holzer, in der russischen Kontinental Hockey-League (KHL) für Avtomobilist Yekaterinburg. Der 33-jährige Nationalspieler (80 Einsätze), der als Sportlicher Berater beim ESC Geretsried fungiert und mit Frau und Kindern in Lenggries eine neue Heimat gefunden hat, läuft in der neuen Saison für die Mannheimer Adler in der DEL auf. Dass er es noch einmal wissen will, hat Holzer gerade erst mit einer überragenden Vorstellung bei der Weltmeisterschaft in Lettland unter Beweis gestellt.

Andreas Morczinietz

Ebenfalls auf stolze 66 Einsätze im DEB-Trikot (eine Olympia- und vier WM-Teilnahmen) kann der Linksaußen verweisen, der 2019 seine überragende Karriere beendet hat. Der heute 43-Jährige startete ebenfalls im Nachwuchs des TuS und war schon als Jugendlicher in diversen Auswahlteams bei Europa- und Weltmeisterschaften im Einsatz. 1995 rückte Morczinietz mit 17 Jahren ins Geretsrieder Oberliga-Team auf. Zwei Jahre später zog es ihn zum EC Bad Nauheim und zum GEC Nordhorn. 2001 gelang dem quirligen Stürmer der Sprung in die DEL, wo er im Laufe der Jahre viermal für das „Allstar-Game“ nominiert wurde. Erste Station waren die Augsburger Panther, nach einem Jahr ging’s weiter zu den Kölner Haien, wo er Deutscher Vizemeister wurde. 2004 wechselte Morczinietz zu den Hannover Scorpions, denen er – unterbrochen von zwei Gastspielen in Wolfsburg – auch nach ihrem Rückzug 2013 in die Oberliga Nord treu blieb. Nebenbei absolvierte der Sohn des langjährigen TuS-Trainers Robert Morczinietz und Bruder von ESC-Torhüter Martin Morczinietz sein Lehramts-Studium und arbeitet heute nach 21 Jahren als Eishockey-Profi mit 613 DEL-Partien als Englisch- und Sportlehrer an einem Gymnasium in Wedemark.

Markus Janka

Steil nach oben ging es auf der Karriereleiter mit dem Sohn des langjährigen Eissport-Abteilungsleiters Oskar Janka. Sohn Markus rückte mit 17 in den Herrenbereich auf und war ein Jahr später Torhüter Nummer eins der River Rats in der Oberliga. 2000/01 wagte er den Sprung in die DEL zu den Schwenninger Wild Wings. In den folgenden 15 Jahren wechselte der siebenfache Nationalspieler häufig zwischen der DEL und der DEL 2 hin und her, war kurzzeitig oder längerfristig in Regensburg, Kassel, Duisburg, Krefeld, Freiburg und Straubing aktiv. 2010 wechselte er zu den Ingolstadt Panthers, mit denen er vier Jahre später mit dem Gewinn des Deutschen Meistertitels seinen größten Erfolg feierte. Nach 170 Partien in der DEL und 113 in der 2. Bundesliga kam Janka zurück ins Oberland und heuerte bei den Tölzer Löwen an. Zweimal wurde er zum „Torhüter des Jahres“ in der Oberliga ernannt und führte den Altmeister zurück in die DEL 2. Nach seinem Karriereende trat er in Fußstapfen seines Vaters und wurde Vorsitzender des ESC Geretsried.

Uli Liebsch

Er war gemeinsam mit Rudi Sternkopf der erste Geretsrieder, der es nach ganz oben schaffte. Liebsch, Jahrgang 1966, kam schon als 17-Jähriger beim TuS in der 2. Bundesliga Süd zum Einsatz. Nach dem Abstieg der Geretsrieder wechselte der variable Stürmer zum EHC Freiburg, mit dem er zweimal Zweitliga-Meister wurde und auch in die 1. Bundesliga aufstieg. 1990 ging der elffache Nationalspieler zum Kölner EC, mit dem er einmal Deutscher Vizemeister wurde. Wegen einer beruflichen Ausbildung kam Liebsch für die Saison 1994/95 zurück nach Geretsried, ehe es ihn noch einmal für drei Jahre zurück in die DEL zog (Berlin Capitals). Abschließend war der heute 54-Jährige noch für drei Spielzeiten für den SC Bietigheim-Bissingen in der 2. Bundesliga aktiv. Liebsch wechselte dann hinter die Bande und war als Coach in Bietigheim, Iserlohn und Ravensburg sowie bei drei Nachwuchs-Nationalteams (U 16, U 17, U 20) tätig. Auch seine beiden Söhne spielten erfolgreich Eishockey – Milan war aktiv in der 2. Bundesliga und Oberliga (Bietigheim, Freiburg, München, Ravensburg).

Rudi Sternkopf

Die Zeit des TuS Geretsried in der 2. Bundesliga von 1983 bis 1985 war auch das Sprungbrett für den damaligen U 20-Nationalspieler. Die Scouts des EHC Freiburg wurden auf den trickreichen Stürmer aufmerksam. Sternkopf wechselte gemeinsam mit Uli Liebsch zum Zweitligisten in den Breisgau, trug 1987 unter Trainer Jaromir Frycer mit 47 Scorerpunkten zum Titelgewinn bei und ging doch für eine Saison zum von Vaclav Nedomansky trainierten Bundesliga-Verein Schwenningen. Nach einem Jahr kehrte er nach Freiburg zurück, nun mit Josef Capla als Coach. Weitere Stationen des Angreifers in der 2. Bundesliga und Oberliga waren der ESV Kaufbeuren, Heilbronner EC, ECD Sauerland, SC Riessersee und TEV Miesbach. Nach dem Ende seiner Profikarriere schlug Sternkopf die Trainerlaufbahn ein. Er arbeitete erfolgreich in Erding und Peißenberg, war zudem in Fürstenfeldbruck und Deggendorf tätig. Seit 2020 trainiert er wieder seinen Heimatverein Geretsried.

Christian Urban

Sympathisch, auf dem Eis eher unauffällig, aber bienenfleißig – diese Beschreibung trifft wohl am besten auf den heute 38 Jahre alten Mittelstürmer zu. 1998 rückte das Geretsrieder Eigengewächs ins Regionalliga-Team des TuS auf und erkämpfte sich schnell einen Stammplatz. 2002 wechselte der U 18- und U 20-Nationalspieler zu den Tölzer Löwen in die 2. Bundesliga. Elf Jahren hielt Urban dem ECT die Treue, war lange Zeit der unumstrittene Mannschaftskapitän. Größter Erfolg war die Deutsche Oberliga-Meisterschaft 2012. Am Ende schlugen für ihn 267 Partien in der DEL 2 und 414 in der Oberliga zu Buche, ehe er seine Karriere beendete.

Martin Morczinietz

Von Geretsried aus rauf bis in die DEL und zurück – so lässt sich die Karriere des Torhüters am besten beschreiben. Im Schlepptau seines älteren Bruders Andreas hatte der kleine Martin einst in der Eishockeyschule des TuS begonnen. Sein Talent als Torhüter blieb dem legendären Nachwuchscoach Manfred Heinke natürlich nicht verborgen, und so ging es für Morczinietz Schritt für Schritt nach oben auf der Erfolgsleiter. Der heute 37-Jährige spielte in allen bayerischen Auswahlteams und bis zur U 17 auch in der Nationalmannschaft. Auf Vermittlung von Bruder Andreas gelang ihm 2004 der Sprung in die DEL beziehungsweise 2. Bundesliga. Er spielte in Bremerhaven, Hannover, Augsburg und Bietigheim, wo er einmal Meister und einmal Vizemeister der DEL 2 wurde. Parallel zu seiner Tätigkeit als Eishockeyprofi absolvierte er ein Fernstudium in „Internationalem Management“. Nach einigen Jahren in der Oberliga (Klostersee, Sonthofen) kehrte der Keeper 2017 zu den River Rats zurück, wo er sich weiterhin als souveräner Rückhalt bewährt.

Sabrina Kruck

Keine Schlagschüsse, keine Checks – Frauen-Eishockey wird von vielen Männern immer noch etwas geringschätzig behandelt. Dabei bieten die Damen nicht selten das läuferisch und technisch bessere Eishockey. In Geretsried durfte man sich Anfang bis Mitte der 1990er Jahre daran erfreuen, inklusive des Gewinns der Deutschen Meisterschaft im Jahr 1993. Ehe die erfolgreichen Moskitos schließlich in Richtung Garmisch abwanderten, verbuchte auch Sabrina Kruck ihre ersten Einsätze. Ihre Erfolge feierte die gebürtige Geretsriederin später in Kornwestheim und Planegg, wo sie jeweils Deutsche Meisterin wurde. In ihrer Karriere kam die Verteidigerin auf 162 Länderspiele (7 Tore, 23 Vorlagen, 124 Strafminuten) und nahm an den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City und 2006 in Turin teil. Auch Kruck hatte ein Fernstudium, und zwar als Sport-Fachwirtin, absolviert. Nach ihrem Karriereende 2010 kehrte sie nach Geretsried zurück. Hier schnürt die zweifache Mutter wieder für das Geretsrieder Frauenteam die Schlittschuhe. Außerdem leitet die heute 39-Jährige die Geschäftsstelle des ESC.

Michaela und Andrea Lanzl

Nach dem Aus der Geretsrieder Moskitos im Jahr 2001 blieb auch den Schwestern Lanzl nichts anderes übrig, als sich eine neue sportliche Heimat zu suchen. Michaela (Jahrgang 1983) war in den folgenden Jahren in Riessersee, Germering und Planegg aktiv. Zwei Jahre spielte sie für das Team der Universität von Minnesota in Duluth/USA. Ehe sie 2010 ihre Schlittschuhe an den Nagel hängte, kam sie auf 136 Länderspiele für Deutschland (59 Tore, 35 Assists, 68 Strafminuten). Noch erfolgreicher verlief die Laufbahn ihrer vier Jahre jüngere Schwester. Andrea spielte viele Jahre in der Bundesliga für Bergkamen und feierte zwei Deutsche Meisterschaften; später kam noch ein Titel in Planegg dazu. Weitere Stationen waren Ingolstadt, Linköpings/Schweden und Memmingen. Mittlerweile ist sie auch Rekordnationalspielerin, kommt auf 316 Einsätze für Deutschland (55 Tore, 81 Vorlagen, 122 Strafminuten).

Andrea Lanzl
Immer noch am Puck ist Andrea Lanzl, die mit 316 DEB-Einsätzen mittlerweile Rekord-Nationalspielerin ist. © deb
Andreas Morczinietz
66 Mal trug Andreas Morczinietz das Trikot der Nationalmannschaft, war einmal bei Olympia und bei vier WM-Turnieren dabei. © deb
Markus Janka (re., mit seinem Torwartkollegen Timo Pielmeier
Freude pur: Markus Janka (re., mit seinem Torwartkollegen Timo Pielmeier), heute Vorsitzender des ESC, wurde 2014 Deutscher Meister mit Ingolstadt. © dpa
Uli Liebsch (re.)
Nach seiner aktiven Laufbahn arbeitete der langjährige Profi Uli Liebsch (re.) auch erfolgreich als Trainer in der DEL und im Nachwuchsbereich des DEB. © Archiv

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