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Spiel und Spaß müssen groß geschrieben werden: Ein familiärer Umgang in Mannschaften, Vereinen oder im Sport allgemein ist laut Marcus Kerti wichtig, um die Kinder spätestens nach dem Lockdown wieder einzufangen.

Eishockey

Mit Sportsgeist und Familiensinn: Mentaltrainer Marcus Kerti regt ein Umdenken in den Vereinen an

Unter dem Motto „Handlungsideen für Höchstleistung in der Zukunft mal anders gedacht!“ hielt Mentaltrainer Marcus Kerti einen Video-Vortrag für den EV Moosburg.

Moosburg – Viele kreative Ideen, ein Umdenken in den Vereinen und mehr gemeinsam anpacken: Diese Zutaten können helfen, den Kindern im Sport wieder eine Perspektive zu geben. So sieht es jedenfalls Marcus Kerti, Mentaltrainer, Stress- und Emotionscoach mit eigener Eishockey-Vergangenheit. Unter dem Motto „Handlungsideen für Höchstleistung in der Zukunft mal anders gedacht!“ hielt der 42-jährige Ex-Eishockey-Profi einen Video-Vortrag für die Jugendabteilung des EV Moosburg.

EVM-Jugendleiterin Verena Hölzl hatte Kerti bei einer Sitzung des Bayerischen Eissport-Verbandes (BEV) gehört und sich gedacht, das könnte doch auch eine gute Sache für die eigenen Mitglieder sein. Und so verfolgten gut 30 Zuschauer per MS-Teams-Konferenz den Referenten aus Grafing bei seinen Ausführungen zur Motivation von Jugendlichen und den möglichen, zukünftigen Weichenstellungen in den Vereinen. Darunter waren auch einige EVM-Trainer und Funktionäre des BEV.

Corona: Kinder und Jugendliche müssen stehen allzu oft hintenanstehen

Marcus Kerti nahm das Publikum in seinem Vortrag mit auf die Reise in die Themenfelder seiner Erfahrungen und Erkenntnisse, die er in den vergangenen Monaten „in dieser unglaublichen, wahnsinnigen Zeit“ gemacht habe. Er zeigte auf, dass die Kinder und Jugendlichen angesichts der Pandemie-Bekämpfung allzu oft hintenanstehen müssten, einige inzwischen sogar psychische Probleme hätten. Für die Eltern, Trainer und Clubs sei es natürlich schwierig, sie in diesen Zeiten großartig zu unterstützen, weiß der Mentaltrainer. Geschlossene Sportstätten, Homeoffice, finanzielle Probleme oder eigene Ängste wirkten da häufig als Hemmschuh.

Umso wichtiger sei es, so Kerti, den Kindern in Zukunft wieder eine Perspektive zu geben. Dazu müssten Eltern, Trainer und Vereine noch enger zusammenrücken, miteinander mehr kommunizieren, neue Konzepte entwickeln – und den Breitensport wieder attraktiver machen. Engstirnigkeit, Profilneurosen, Eigensinn und ein „einfach weiter so“ hätten nach Ansicht des früheren Eishockey-Profis ausgedient. „Nicht Ego, sondern Lego“ sei gefragt, ist sich Marcus Kerti sicher, sodass alle gemeinsamen Anstrengungen und Ideen perfekt ineinandergreifen und dadurch Neues und Großes entstehen könne.

Kerti: Das ganze System im Breitensport sollte familiärer ausgerichtet sein

Alle müssten mit anpacken: Die Eltern, die ihre Unterstützung anbieten und sich selbst als Vorbilder mit einbringen. Die Trainer, die auf die geänderten Anforderungen und die Stimmungen der Kids nach dem Corona-Lockdown vorbereitet sein sollten. Die Vereine, die ihre Trainer besser fortbilden und im Dialog mit Mitgliedern und externen Beratern neue Ideen einfordern und auch umsetzen sollten. Und nicht zuletzt die Kinder, die angeregt werden sollen, ihre Wünsche und Ziele zu formulieren, und deren Engagement stärker und häufiger gewürdigt werden sollte.

Kreativität und in manchen Dingen ein Umdenken seien gefragt, erläuterte Marcus Kerti. Und die Corona-Pandemie könnte der Anlass dafür sein. Das ganze System im Breitensport sollte nach Ansicht des Mentaltrainers familiärer ausgerichtet sein. Mehr Empathie beim Umgang miteinander sei künftig auch im Sport gefragt. Kerti ist sich sicher, dass immer mit dem Faktor „größere Menschlichkeit“ gepunktet werden kann. Ein familiärer Umgang in Mannschaften, Vereinen oder im gesamten Eishockey würde dafür sorgen, dass die Jugendlichen nicht nur in Sachen Persönlichkeitsbildung und Motivation profitieren, sondern letztlich auch größere Erfolge erzielt werden.

Josef Fuchs


„Der Sport muss eine Möglichkeit sein, um die Kinder als Persönlichkeit weiterzuentwickeln“

Herr Kerti, nach Ihren Ausführungen hat man den Eindruck, dass Ihr Ansatz lautet, dass alle Gewerke gemeinsam an einem Strang ziehen müssen. 

Ja, richtig, für mich geht es nur als große Familie, das ist das Nonplusultra. Dieses große Familiengefühl, dieses „Lego statt Ego“, das ist für mich eine Lebensphilosophie. Bei jeder Mannschaft, jedem Trainerteam und jedem Athleten, mit dem ich zusammenarbeite, ist das eine grundlegende Thematik. Für mich geht es darum, dass wir alle mit einbeziehen und alle guten Ideen sammeln. Bei vielen Dingen wollen wir zu oft alles alleine lösen. Egal, ob das von Trainerseite, von Vereinen oder von Eltern bei den eigenen Kindern ist. Wir meinen oft, vieles besser zu wissen. Ich finde es wichtig, dass wir alle einbeziehen. Wir haben alle so viele gute Ideen und Erfahrungen in gewissen Bereichen gemacht. Wenn wir uns diese Masse an Wissen aneignen und miteinander kommunizieren, dann glaube ich, wird das eine ganz, ganz tolle Geschichte. 

Marcus Kerti war selbst Eishockey-Profi und arbeitet seit 2014 als Mentaltrainer sowie Berater mit Athleten, Vereinen, Verbänden und Unternehmen zusammen.

Sie sagen, die Corona-Pandemie könnte auch eine Chance sein, um in den Vereinen umzudenken. Warum sollten sie das? 

Wenn die Vereine bereit sind, neue Wege zu gehen, wenn sie die Eltern mit ins Boot holen, wenn man die Kinder im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung und mentalen Fähigkeiten weiterentwickelt, dann könnten wir vieles auffangen, was – Stand heute – ein Problem in der Zukunft darstellen könnte. Wobei ich mich da auch sträube. Wenn wir uns mit Problemen beschäftigen und wir da großes Gewicht drauflegen, dann werden die Probleme definitiv kommen. Wenn wir uns aber mit Lösungen auseinandersetzen, neue Ideen finden und auch mal mit ganz unkonventionellen Maßnahmen rangehen, würden alle davon profitieren. Der Sport muss eine Möglichkeit sein, um die Kinder als Persönlichkeit weiterzuentwickeln, um sie aufs Leben vorzubereiten und um die Schule besser zu meistern. Dafür sollte der Sport da sein – und dazu braucht es natürlich definitiv eine andere Herangehensweise als noch vor einem Jahr. 

Gerade im Jugendbereich kleinerer Clubs gibt es oft den Zwiespalt zwischen leistungsorientiert und „just for fun“. Welchen Ansatz empfehlen Sie?

Für mich beißen sich die beiden Themen nicht. Wenn ein Trainer verstanden hat, dass sich Leistungssport und Spaß nicht beißen, dann kann er noch mehr aus den Kindern oder auch den erwachsenen Sportlern herausholen. Wir müssen uns etwas davon lösen, dass wir nur „Entweder – oder“ machen. Für mich ist es etwas Gemeinsames, ein Miteinander. Sowohl Leistung als auch Spaß – das kann man gut miteinander verbinden. Denn je mehr einem Leistungssportler die Einheiten Spaß machen, desto mehr kann er bringen. Und desto mehr ist er in dieser Flow-Thematik drin und kann auch mal über seine Grenzen hinausgehen. 

Interview: Josef Fuchs

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