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Die Frauen des ERC Ingolstadt dominieren vor leeren Rängen die Partie gegen Mannheim

ERC Ingolstadt gegen Mad Dogs Mannheim

Frauen-Eishockey: Darum bleiben die Stadien leer

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Ingolstadt – Fraueneishockey ist in Deutschland eine Randsportart. Zum Bundesliga-Spiel des ERC Ingolstadt kommen gerade Mal 20 Zuschauer. Wie die Spiele ausgehen, wissen die wenigsten.

Samstagnachmittag, 17 Uhr. In der Saturn-Arena stehen sich Ingolstadt und Mannheim gegenüber. Es ist Bundesliga-Zeit im Eishockey. Rund vier Kilometer entfernt laufen die letzten Minuten der Partie des FC Ingolstadt 04 gegen den Vfl Wolfsburg. Bundesliga-Zeit im Fußball. Der große Unterschied: Im Audi-Park verfolgen rund 14.000 Zuschauer das Spiel, das mit 1:1 zu Ende geht. In der Saturn-Arena hingegen: 20. Es spielt das Frauenteam des ERC Ingolstadt. Das erklärt die leeren Sitzplätze.

In der Deutschen Eishockey Frauenliga (DEFL) spielt Ingolstadt seit der Saison 2012/2013. Teammanager Günter Byszio sagt: „Viele wissen nicht, dass es hier auch eine Frauenmannschaft gibt.“ Nur wenn es gegen die Top-Teams der Liga – den ECDC Memmingen oder den ESC Planegg-Würmtal – geht, sitzen mehr Zuschauer auf den blauen Klappstühlen im Stadion. Dann können es auch mal 100 werden.

Gegen die Mad Dogs Mannheim kommt kaum wer in die Saturn-Arena. Der Leistungsunterschied zwischen den beiden Teams ist deutlich, Spannung ist von vornherein nicht angesagt. Ingolstadt dominiert die Bundesliga-Partie. Das Torschussverhältnis: 67:9. Das Ergebnis spiegelt das nicht wieder. Der ERC Ingolstadt gewinnt mit 5:0. Trainer Christian Sohlmann (31) schüttelt nach dem Spiel über die Chancenverwertung den Kopf. „Das Problem haben wir seit Saisonbeginn“, erklärt er. „Bei vielen Spielerinnen, die länger nicht getroffen haben, ist das reine Kopfsache.“ Ingolstadt schiebt sich mit dem Sieg auf Rang zwei der Tabelle, hinter Memmingen.

Checks verboten: Der Bundesliga fehlt die typische Härte

In der 12. Spielminute fällt für die Gastgeber das 1:0 (Kristin Schmid). Wenige Sekunden später hebt der Schiedsrichter die Hand, pfeift und schickt eine Mannheimer Spielerin auf die Strafbank. Zwei Minuten wegen Bodychecks. Was im Eishockey der Männer dazugehört und in keinem Spiel fehlt, ist bei den Frauen verboten. Der Grund: Bereits mit 14 Jahren dürfen Mädchen mit einer Sondergenehmigung in der Bundesliga spielen. Sohlmann sagt: „Checks funktionieren da nicht.“ Der körperliche Unterschied sei zu groß. Und ohne diese Regelung wäre der Pool an guten Spielerinnen zu klein. In Mannheim spielen beispielsweise sechs Spielerinnen, die 16 Jahre oder jünger sind.

Dem Spiel am Samstagnachmittag fehlt die für Eishockey typische Härte. Dafür gibt es aber weniger Unterbrechungen, der Spielfluss ist höher. Teammanager Bsyzio, dessen beide Töchter in Ingolstadt spielen, sagt: „Es ist nicht so brutal wie im Männereishockey.“ Schon einige Male habe er Kindergärten zum Zuschauen eingeladen. Die Eltern begrüßten für ihre Kinder die softere Variante der Sportart. Und trotzdem bleiben die Ränge leer.

Saturn-Arena in Ingolstadt: 5000 Zuschauer passen rein, 20 sind da

Auf dem Eis kämpft sich Sybille Kretzschmar durch die locker stehende Mannheimer Defensive. Sie hat die Möglichkeit abzuspielen, entscheidet sich aber, es selbst zu versuchen. Schuss. Tor. Für den ERC steht es 4:0 (53. Minute). Auf den Sitzplätzen jubelt eine Frau, kurze graue Haare, lila Jacke. Es ist die Mama, Sabine Kretzschmar . „Ich bin bei allen Heimspielen“, erzählt sie. Sie weiß, dass sie damit fast allein ist. „Viele sagen, es interessiert sie nicht und dass Eishockey kein Frauensport ist.“ Sabine Kretzschmar kann das nicht verstehen. Enttäuscht schüttelt sie den Kopf. „Die Stimmung fehlt.“ Recht hat sie. Die leere Arena, in der knapp 5000 Zuschauer Platz haben, macht einen trostlosen Eindruck.

In die Trainingshalle nebenan passen nur ein Zehntel der Zuschauer. Viel lieber würde Trainer Sohlmann dort spielen. Doch die Zeiten der Spiele wurden nach hinten verschoben, gleichzeitig findet jetzt auf der anderen Eisfläche der Publikumslauf statt. Und wer nicht weiß, was er an einem Samstagnachmittag mit sich anfangen soll, der geht lieber zum Fußball. Sohlmann zuckt die Schultern. „Ein bisschen Aufmerksamkeit wäre schon schön.“ Er glaubt nicht daran, dass Fraueneishockey irgendwann aus dem Nischen-Dasein ausbrechen wird.

Bundesliga-Spielerinnen verdienen im Eishockey keinen Cent

Der 31-jährige Bänker stand früher selbst auf dem Eis. Als junger Spieler war er im Düsseldorfer Kader der Junioren-Bundesliga, musste dann nach einer Verletzung die Profikarriere aber aufgeben. Die Frauen in Ingolstadt trainiert er jetzt die vierte Saison. Sohlmann freut sich auf die Auswärtsfahrt in zwei Wochen nach Berlin. Weil die Herren an dem Wochenende zuhause spielen, bekommen die Damen den ERC-Bus. „Ich will es für die Spielerinnen so professionell wie möglich machen“, sagt der Trainer. Denn: Die Bundesliga-Spielerinnen bekommen für ihren Einsatz keinen Cent.

Im Gegenteil. In Ingolstadt sind pro Saison 400 Euro Beitrag fällig. Dafür gibt es dann ein wenig Ausrüstung und bei den Auswärts-Fahrten Unterkunft und Verpflegung. Mehr nicht. Die Bundesliga hat noch immer Amateur-Status, obwohl es sie in Deutschland seit 1989 gibt. Der OSC Berlin hat das in der vergangenen Saison zu spüren bekommen. „In Schweden wird minimal gezahlt“, sagt Sohlmann. Vier der besten Berliner Spielerinnen wechselten ins Nachbarland.

Sohlmann und Byszio erinnern sich an ein Spiel der Ingolstädterinnen im vergangenen Jahr. Die Frauen spielten direkt vor den Männern, rund 1000 Zuschauer waren schon zu ihrem Spiel in die Arena gekommen. „Das hat die Mädchen gepusht“, erzählt der Teammanager. Jetzt ist das nicht mehr möglich. Aufgrund der weltweiten Terrorlage muss das Stadion einige Stunden vor dem Spiel leer sein, damit es auf mögliche Sprengsätze abgesucht werden kann.

Das Rückspiel am Sonntag geht wieder klar an die Ingolstadt-Damen. Mit 11:2 schicken sie Mannheim nach Hause. Das Herrenteam verliert hingegen in Berlin 0:3. Und während in Ingolstadt die Eishockeyfans die Niederlage analysieren, freuen sich die Damen über ihre sechs Punkte an diesem Wochenende. Dann fahren sie alle nach Hause, nach Würzburg, Regensburg und bis nach Duisburg. Das Eishockey ist trotz Bundesliga für sie alle ein Hobby. Und glaubt man den Worten des Trainers, wird sich daran auch nichts ändern.

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