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Das lange Haar ist sein Markenzeichen. Ebenso die Nummer 68: Superstar Jaromir Jagr, der am Mittwoch 45 wird,

Eishockey mit 45

Die ewigen Puckjäger

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Früher galt ein Sportler als alt, wenn er 30 wurde. Heute halten immer mehr bis Richtung 40 durch. Aber 45 zu werden und immer noch Weltklasse zu sein, das schafft nur einer: Eishockeystar Jaromir Jagr. Sein deutscher Berufskollege Jan Benda, nur zwei Monate jünger, erklärt das Phänomen – und warum man nicht aufhören will.

Eishockeyspieler sind unkompliziert und freundlich. Die allermeisten. Jaromir Jagr eher nicht.

Das haben Fans aus Deutschland erfahren, als sie vom Herrn Superstar mal ein Autogramm erbaten. Es blieb beim Versuch.

Die Geschichte ist schon ein wenig her, sie spielt im September 1996. Damals war der World Cup of Hockey, ein Turnier, bei dem alle Topspieler der National Hockey League (NHL) für ihre Nationalmannschaften antraten. Jagr also für Tschechien. In Garmisch-Partenkirchen fand das letzte Spiel der europäischen Vorrunde statt, Deutschland – Tschechien. Das Ergebnis war vordergründig eine Sensation: 7:1 für die Deutschen. Die Story dahinter: Die tschechischen Spieler wollten ihren Trainer Ludek Bukac loswerden, das ging am besten mit einer demonstrativ krachenden Pleite – mit der sich das stolze Eishockeyland nicht für die Endrunde des World Cup qualifizierte. Statt Tschechien reiste die deutsche Mannschaft nach Montreal.

Jaromir Jagr und Petr Nedved, ebenfalls NHL-Star, beschlossen, Garmisch-Partenkirchen noch in der Nacht zu verlassen und individuell nach Prag zu fahren, ein tschechischer Journalist sagte ihnen zu, er würde sie in seinem Mercedes mit vielen hunderttausenden Kilometern auf dem Tacho mitnehmen. Jagr und Nedved wollten im Dorint-Hotel in Partenkirchen abgeholt werden.

Dort standen ein paar deutsche Autogrammsammler. Sie hatten eigene Autogrammbücher gebastelt. Liebevoll. Mit ausgeschnittenen Jagr-Bildern seitenweise. Und endlich kam Jagr die Treppe herunter. Er warf nur einen beiläufigen Blick auf die hingehaltenen Werke und sagte resolut „No“. Und weg war er. Kollege Petr Nedved lächelte freundlich und unterschrieb professionell alles, worum er gebeten wurde.

Gut, Jaromir Jagr war damals noch jung, gerade mal 24. Aber man hat auch aus seinen späten Jahren Arroganz-Geschichten gehört. Wenn er aus der Ferne des nordamerikanischen Profi-Eishockeys zur Nationalmannschaft stieß, dann registrierte er nur die Mitspieler, die er schon kannte. Durch die anderen schaute er hindurch, ihren Gruß erwiderte er nicht.

Und trotzdem: Jaromir Jagr ist die faszinierendste, die interessanteste und berühmteste Erscheinung im gegenwärtigen Eishockey. Der Spieler, den alle bewundern und verehren. Denn Jaromir Jagr – Klub: Florida Panthers – wird kommenden Mittwoch 45 Jahre alt. Und er ist noch immer gut. Bester Scorer seines Teams. Er trägt die Haare jetzt wieder lang, die Mähne weht unterm Helm hervor, wenn er auf dem Eis Fahrt aufnimmt. Kürzlich hat er sich in der Allzeit-Scorer-Wertung der NHL auf Platz zwei vorgeballert. Der Einzige, der vor ihm steht, ist Wayne Gretzky, der Größte aller Zeiten. Alle anderen Legenden hat Jagr überholt.

Jagr ist einzigartig. Oder gibt es ein Pendant zu ihm, vielleicht sogar bei uns?

Ja doch, ein deutscher Eishockeyspieler ist Jaromir Jagr in vielen Punkten ähnlich: Jan Benda. „Wir sind der gleiche Jahrgang, 1972, uns trennen nur zwei Monate, die er älter ist“, sagt Benda.

1000 Kniebeugen und nachts aufs Eis

Wo das Plus von Benda liegt: Er ist ein Vielfaches verbindlicher, nahbarer als der große Jagr, er hat die klassische Eishockeyspieler-Freundlichkeit. Was sie außer dem Alter und der Tatsache verbindet, dass sie immer noch spielen, sind die Länder, in denen sie spielten und sich oftmals begegneten: Auch Jan Benda hat tschechische Wurzeln, er hat wie Jagr in der tschechischen Liga gespielt, in der russischen, in der NHL (Benda aber nur relativ kurz), und bei Weltmeisterschaften sind sie sich oft gegenüber gestanden. Benda als feste Größe und Kapitän im deutschen Nationalteam, Jaromir Jagr bei Tschechien. Er kam immer, wenn es möglich war. Fast eine Überraschung, dass Jagr nach der Heim-WM in Prag 2015 aus der Nationalmannschaft zurückgetreten ist (als Most Valuable Player des Turniers). Unbestritten ist er Patriot, zeigt das auch mit seiner Rückennummer, der 68. Reminiszenz an den Aufstand in der CSSR gegen die Sowjetmacht 1968. Seine Großväter kamen dabei ums Leben.

Jan Benda sagt: „Ich kenne Jaromir Jagr ganz gut.“ Auch zu Legendenspielen wurden sie beide – obwohl die Karriere noch läuft – eingeladen.

Wenn jemand mit demnächst 45 noch immer Eishockey spielt, dann hat das zunächst mit dem Wollen zu tun. „Ich habe mit drei angefangen und spiele seit über 40 Jahren. Man kann da nicht von einem Tag auf den anderen loslassen.“ Benda will nicht ausbrechen aus dem Rhythmus von Erfolg und Misserfolg, die Atmosphäre, die in der Kabine vor einem Spiel herrscht, ist Teil seines Lebens. Der Ehrgeiz ist ihm auch geblieben, er findet: „Ich habe noch was zu bieten.“

Nächster Punkt: es noch drauf zu haben. Jan Benda spielt nicht mehr ganz oben. 2011/12 war die letzte Saison, in der er noch in der höchsten Liga spielte, in der DEL – dann ist er nach unten gewandert: 2. Liga, Oberliga, Bayernliga. Sein Verein im zweiten Jahr nun: der ECDC Memmingen, der aber drauf und dran ist, sich in die Oberliga zu orientieren. Benda hat eine Altersrolle eingenommen: Verteidiger. Früher war er Stürmer. „Ich mache jetzt mehr mit Routine und Übersicht. Ich muss mich nicht mehr da vorne reinschmeißen.“ Trotzdem scort er noch wie wild.

Jaromir Jagr stürmt immer noch, das Einzige, was sich bei ihm geändert hat, ist die Eiszeit. Früher war einer wie er 25 der 60 Minuten reiner Spielzeit gefordert, heute kommt Jagr im Schnitt auf 17 Minuten. Trotzdem ist er immer noch der beste Punktesammler bei den Florida Panthers und einer der besten Spieler in der NHL und somit in der Welt.

Jan Benda erklärt sich das Phänomen Jagr auch dadurch: „Für ihn gibt es ausschließlich Eishockey.“ Bei Benda war das irgendwann nicht mehr so: „Ich habe Familie und Kinder, außerdem bin ich Unternehmer.“ Vor sechs Jahren hat Jan Benda beim US-Ausrüster „Under Armour“ die Generalvertretung für Tschechien übernommen – jetzt macht er das vom Allgäu aus. Was noch dazukommt: Im Verein ist er auch dritter Vorstand.

Alles so Sachen, um die sich Jaromir Jagr nicht kümmern muss. Benda: „Jaromir hat keine Familie, er hat nur eine Freundin.“

Wer mit Jagr lebt, müsste auch einen Lebensrhythmus annehmen, der sehr speziell ist. Jan Benda weiß da Näheres.

Da ist die 1000-Kniebeugen-Marotte von Jagr. Schon als Kind hat er mit Kräftigungsübungen angefangen – und sie beibehalten. „Wenn Jaromir zuhause ist und fernsieht, kann es sein, dass er plötzlich aufsteht und 200 Kniebeugen macht. Später dann noch ein paar Mal das gleiche Programm.“ Bis er auf 1000 ist. „Und“, auch da ist Benda informiert, „Jaromir schläft schlecht in letzter Zeit. Darum hat er sich den Schlüssel für die Eishalle geben lassen. Es kann sein, dass er da um ein Uhr nachts auftaucht und eine halbe Stunde lang skatet.“ Möglich, dass er dies mit Gewichten an den Beinen oder einer 15 Kilo schweren Weste tut.

Als Jagr bei den Florida Panthers unterschrieb, ließ er gleich Fitnesstrainer Tommy Powers antreten. „Ich brauche dich an sieben Tagen die Woche, jeweils 24 Stunden.“ Jagr zwang Powers dazu, ihn bei Auswärtsfahrten in Hotelgängen am Gummiseil sprinten oder Schusstraining mit Medizinbällen statt Pucks machen zu lassen. Die Athletik-Trainingszeiten der Mannschaft nimmt Jagr als unverbindlich hin. Er trainiert, wenn er den Drang dazu verspürt. Er verspürt ihn eh öfter als die anderen. Auf dem Eis fehlt er nie.

Er ist so lange dabei, dass er einige Streiks und Aussperrungen in der NHL schon miterlebt hat. Spielt er halt in dieser Zeit woanders. Am kuriosesten war sein eines Spiel für einen deutschen Verein, die Schalker Haie, 1995. Bei dem Oberligisten (drittklassig!) spielte sein Freund Vladimir Kames. Er bat Jagr, beim Derby gegen Herne aufzulaufen. Gage: ein Jägerschnitzel mit Pommes und Mayonnaise. Sein NHL-Vertrag musste halt versichert werden, von 20 bis 23 Uhr, für 7000 US-Dollar. Jagr erzielte das 1:0 und legte in der Emscher-Lippe-Halle in Gelsenkirchen Buer-Erle zehn weitere Tore auf. Er sagte, wegen einer leichten Zerrung habe er leider nur mit halber Kraft spielen können.

Zähne raus – das macht schneller

Dritter Punkt, damit laut Jan Benda eine Karriere so lange dauern kann wie seine oder die noch viel größere des Jaromir Jagr: „Du musst das Gefühl haben, gewollt zu werden. Der Verein darf dir nicht vermitteln, dass du nur noch das fünfte Rad am Wagen bist.“ Durchgezogen wegen des Namens. Aus Marketinggründen. Bloß das bitte nicht.

Wobei Jaromir Jagr ja längst zur Marke geworden ist. Anfangs definierte er sich über die sportliche Klasse, nun sieht man in ihm auch einen Typen.

Vor etwas mehr als einem Jahr checkte ihn ein Gegenspieler so heftig, dass dem Superstar vier Schneidezähne verloren gingen. Die nächste Aktion war ein Kontertor von Jagr. Er sagte: „Der Verlust von vier Zähnen hat meine Geschwindigkeit noch erhöht.“ Er ist cool.

Und noch cooler, so finden seine Fans, verhielt er sich bei dieser Geschichte daheim in Tschechien.

Eine 18-Jährige, Model natürlich, hatte ihn abgeschleppt, ins Hotel. Nach dem Akt fertigte sie ein Beweis-Selfie an: Sie und der in den Federn schlummernde Jaromir Jagr. Damit wollte sie den Eishockey-Star erpressen. Um 2000 Dollar.

Beleidigend wenig. „Dann stelle es halt online, mir egal“, sagte Jaromir Jagr.

Die kleinen Erpresser können ihn so wenig fassen wie die großen bösen Eishockey-Verteidiger.

Günter Klein

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