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Lorenz Funk: Ein Leben voller großer Geschichten

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Von: Günter Klein

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Ein markanter Kopf im deutschen Eishockey: Lorenz Funk. Der Macher, den alle mochten. © Imago

Lorenz Funk ist in der Nacht von Donnerstag auf Freitag gestorben. Der 70-Jährige war eine große Figur des Eishockeys: zeitweise Rekord-Nationalspieler, später Trainer, Manager, ein Macher durch und durch – und dabei so menschlich wie sonst niemand im Profisport. Nachruf auf einen Besonderen.

Lorenz Funk hat nie jemanden vergessen, der ihm wichtig war – und darum war es Gesetz, das er jedes Jahr zu Leonhardi seine alten Berliner Wegbegleiter zu sich nach Greiling bei Bad Tölz einlud.

Da wurde dann sich zusammengesetzt und palavert bis in die Nacht hinein, und wehe, es wäre das Bier ausgegangen oder nicht kaltgestellt gewesen. Es war auch Usus, dass andere Granden des Tölzer Eishockeys vorbeikamen wie der unverwüstliche Mike Daski, ein Kanadier, der der erste große Trainer des jungen Eishockeyspielers Lorenz Funk gewesen war und fürs Konditionstraining leere Getränketragel aufs Eis stellte: Drüberspringen, bitte, go boys!

Geschichten, Geschichten, Geschichten.

Zu seinem 70. Geburtstag haben wir Lorenz Funk besucht. Die ganze Woche über kamen die Medien. Er stand alle Termine durch, obwohl ihn das immens Kraft kostete. Er, dieser Bauernschrank von einem Kerl, war an Prostatakrebs erkannt, er hatte es spät bemerkt, aber er stieg in den Kampf gegen die Krankheit ein, stand wieder kurz vor einer neuen Therapie, weil die alte zwar geholfen, ihm an anderer Stelle aber zugesetzt hatte. Er konnte wieder gehen, langsam, aber ohne Krücken, es ging zu dieser Zeit auch ohne die Halteschlaufen, die an der Decke angebracht waren – wie im Linienbus.

Marlene, Frau Funk, hatte gebacken, es gab Kaffee. Gastfreundschaft war selbstverständlich bei Funks. Einer, der unabhängig von Geburtstagen oder irgendwelchen Anlässen kam, war Hans Zach, Tölzer Mitstreiter, ein berühmter Trainer und Freund, der Funk auch mal eine Trainerstelle (in Bayreuth) zugeschanzt hatte. „Wenn ich eine Stunde da bin“, sagte Zach über seine nahezu wöchentlichen Besuche, „reden wir fünf Minuten über dem Lenz seine Krankheit und 55 Minuten über Eishockey“.

Im Vorraum zum Wohnzimmer hatte Lorenz Funk sich eine Liege hinstellen lassen – in gutem Winkel zum Fernseher. Er schaute Sport. Was kam: Sky, Sport1, das waren seine Sender, als er sonst nichts tun konnte. Nicht mal hinaus gehen zu seinen Brieftauben. Über Jahrzehnte war er Züchter, seine Passion neben dem Eishockey. Und auch der Fußball hatte seinen Platz: Er war Fan des TSV 1860. „Der größte“, wie er bekannte.

Funk hat ja selber ein einzigartiges Kunststück vollbracht. Er ist der bis heute einzige, der an der ZDF-Torwand alle sechs Bälle versenkt hat. Der Schönheitsfehler an der Sache war: Es gelang ihm in den 70ern auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin, es gibt dazu Bilder, die es beweisen. Er wurde dann ins Sportstudio eingeladen – aber solch einen Coup wiederholt man nicht.

Lenz Funk war ein Bayer durch und durch, seinen Dialekt bewahrte er sich auch in Berlin, wo sich fast sein halbes Leben abspielte. Wenn man im Eishockey gut verdienen wollte, ging man damals, in den 70er-Jahren, zum Schlittschuh-Club, den es heute nicht mehr gibt, der aber immer noch Deutscher Rekordmeister ist. Als er merkte, dass der Klub nicht gut gemanagt war, besorgte er auch noch Sponsoren, und zwangsläufig wurde er Trainer.

Die nächste Etappe war nach der Wende sein Einstieg beim Ost-Verein, bei Dynamo, mittlerweile unter dem neuen Namen Eisbären in US-Besitz. Der Dokumentarfilmer Pepe Danquart begleitete mal ein Jahr lang den Dynamo-Macher Funk, der in den turbulenten Zeiten, als der Osten sich sortierte, ums Überleben des Klubs kämpfte. Unvergessen die Szene, wie Danquart Funk interviewte, der auf einer Eckbank im VIP-Raum des „Wellblechpalasts“ saß und verschwörerisch erzählte, dass die Widersacher im Westen, die reichen Capitals, die Dynamos fürchten würden: „Weil mir die Besser’n han.“

Funk, der unkomplizierte Bayer. Klassiker: Einen drei Stunden vor dem Spiel eingeflogenen russischen Spieler begrüßte er mit einem ernährungswissenschaftlich nicht optimierten Snackpaket, bestehend aus einer Lila Pause und einem Mars-Riegel. „Aber wir haben drei Spiele gewonnen – deswegen.“

Er hatte Berlin im Griff. Er regelte alles – und das ist auch wieder so eine Lenz-Funk-Geschichte: Die Eisbären bei einem Turnier in Russland. Sie führen, er sitzt mit zwei Reportern auf den Rängen. Da beginnt einer der beiden Journalisten zu phantasieren, nennt einen ganz anderen Spielstand und als Torschützen Spieler, die schon lange im Ruhestand waren: „Ich hab’ den in der Drittelpause von unserer Ärztin untersuchen lassen, die hat nur gesagt: ,Die Moskauer Krankheit.’“ Was eingefangen.

Was machte Funk? Er sagte zum Vertreter der anderen Zeitung: „Du arbeitest jetzt für den Kollegen mit, rufst bei seiner Redaktion an und gibst den Text durch.“ So wurde das gemacht.

Und weil er so war, hatte Lorenz Funk keine Feinde.

Natürlich hat er sich gestritten – aber das waren immer nur fachliche Differenzen. Zwischen ihm und Ernst Köpf, seinem Nebenmann in Berlin und 1976 in der Nationalmannschaft beim Sensationsgewinn der olympischen Bronzemedaille in Innsbruck, hat es auf dem Eis und in der Kabine immer geknallt. Doch bei ihnen galt: Was sich mag, neckt sich.

Spaßanrufe als „Lorenzo Funkowitsch“

Auch das eine Geschichte. Mit dem superehrgeizigen Kollegen Köpf, einem Allgäuer, trieb Funk besonders gerne seinen Schabernack. In der ersten Hälfte der 70er-Jahre hatte man eine B-Weltmeisterschaft in Rumänien zu spielen. Funk versammelte die Mannschaft allabendlich auf seinem Zimmer und rief nebenan bei Ernst Köpf an, gab sich mit verstellter Stimme als Journalist aus, der das Spiel gesehen hatte und gerne ein paar Ratschläge anbringen wolle. Köpf bemerkte es nicht, die anderen gackerten sich einen ab. Nach mehreren Telefonaten meinte Köpf: „Wir unterhalten uns jeden Abend, und ich habe Sie noch nicht einmal gefragt, wie sie heißen.“ Funk fiel nichts anderes ein als mit „Lorenzo Funkowitsch“ zu antworten.

Ernst Köpf war an Funks Seite, als der erstmals nach Ausbruch seiner Krankheit sich einer kleinen Öffentlichkeit zeigte. Es war Herbst 2015. Der Bayerische Rundfunk hatte kurz zuvor einen wunderschönen Film über dieses Eishockey-Wunder von Innsbruck gedreht, der im Februar 2016 zum Jahrestag im Fernsehen laufen würde – doch in einem Münchner Kino gab es eine Vorpremiere. Lorenz junior, einer seiner beiden Söhne (der andere, Florian alias Flocko, bewohnt die andere Hälfte des Funk-Hauses), hatte ihn gebracht. Im Rollstuhl. Lenz Funk senior hatte massiv Gewicht verloren, er trug eine Kappe, nach der Chemotherapie waren die Haare weg.

Doch als die Spieler von damals nach vorne vor die Leinwand kommen sollten, da hob er sich aus seinem Stuhl und ging an Krücken den Gang nach vorne. Große Rührung, Ovationen. „Mir sengan uns im nächsten Herbst auf dem Eis“, sagte er. Aber es war eigentlich klar, dass es dazu nicht kommen würde. „Die Metastasen hatten gestreut“, wie er an seinem 70. erzählte. Er musste starke Schmerzmittel nehmen.

Funk hat sich wohl gefühlt im Kreise der alten Freunde, er nahm hin, dass sich bei einem solchen Treffen ungeahnte Unannehmlichkeiten auftaten: „Wir waren beim Essen, ich musste auf die Toilette. Doch die war im Keller, da kam ich ja nicht hin. Da musste mich der Lenze schnell in ein Einkaufszentrum in der Nähe fahren.“

Lorenz Funks Gesundheitszustand hat sich danach noch einmal sichtbar verbessert, er tauchte bei einigen Eishockeyspielen auf, hatte wieder Haare und mehr Kilos. Zuletzt hörte man dann aus seinem Freundeskreis aber, dass eine neue Therapie nicht anschlagen würde.

Als wir Funk kurz vor seinem 70. Geburtstag besuchten, ging er an die Bücherwand seines Wohnzimmers, holte einen dicken Schinken vom Regal. Zwei Tage vorher war Besuch aus Berlin dagewesen, ein Journalist, der in der Nähe zur Kur war und als Geschenk ein Buch mitbrachte, das er geschrieben hatte; Interviews mit berühmten Boxern, 800 Seiten. Das interessierte Funk brennend – und die handschriftliche Widmung rührte ihn.

Das wollte er noch alles lesen, er wollte noch einmal auf den Berg gehen oder auf dem Eis ein Training des Nachwuchses leiten. Er hat das nicht mehr schaffen können.

Leonhardi 2017 wird ein trauriger Tag sein. Oder vielleicht doch nicht, weil es ein Anlass ist, sich all die Geschichten über ihn zu erinnern.

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