+
Eine unglaubliche (Entwicklungs-)Geschichte: Das Team des ERC Ingolstadt war in den Playoffs eine starke Einheit – der Titel ist die Belohnung.

Ingolstadt jubelt

Das achte Spiel der Best-of-Seven-Serie

Ingolstadt - Für Eishockey-Meister ERC Ingolstadt geht's noch weiter: Die Feierlichkeiten werden am Samstag fortgesetzt. An Trainer Niklas Sundblad hat der EHC München Interesse.

Wer Meister wird in einer Mannschaftssportart, sieht sich vor die Balkon-Frage gestellt. Hat das Rathaus der Stadt überhaupt so einen repräsentativen Anbau, auf den man hinaustreten und sich dem Volk zeigen kann? Claus Gröbner ist noch relativ neu in Ingolstadt, der industriell (Autos, Erdölraffinerien) geprägten 130 000-Einwohner-Stadt an der Donau, erst zum 1. Februar 2014 hat er als Geschäftsführer beim Eishockeyklub, dem ERC, angefangen – doch die Balkonsituation hat er abgeklärt: „Das Rathaus ist neu, auf den Balkon passt die ganze Mannschaft.“ Das sind im Fall einer Eishockeytruppe um die 30 raumgreifende und nicht ganz leichte Männer. Sie werden am Samstag groß abgefeiert: Cabrio-Korso, Empfang, das ganze Meisterprogramm. „Ingolstadt“, sagt Gröbner, „wird kopf stehen“. Die Fete wird das achte Spiel der Best-of-Seven-Serie im Finale der Deutschen Eishockey-Liga (DEL).

Am Dienstagabend hatte der ERC Ingolstadt mit dem 2:0-Sieg bei den Kölner Haien seine unglaubliche Geschichte vollendet: Vor wenigen Wochen noch eine zerrissene Truppe, die drauf und dran war, gegen ihren Trainer Niklas Sundblad wegen seiner ausufernden und harten Übungseinheiten zu rebellieren, zeigte sie sich in den Playoffs als Einheit, in der einer für den anderen bei den Konflikten mit den Gegnern auch mal die Faust ausfuhr. Die Fans, die kürzlich bei der 1:7-Niederlage in Augsburg im Mitteldrittel der hämischen Empfehlung der Gegenseite, „Ihr könnt nach Hause fahr’n“, einfach gefolgt waren und ihr Team mit einem Boykott straften, sangen nun „Schanzer Panther, Oberbayern, wir sind immer für euch da“. Als der neue Deutsche Meister in der Nacht zum Mittwoch kurz vor zwei Uhr am Flughafen Manching landete, warteten die Anhänger schon. Ausnahmezustand.

Servus TV, der österreichische Sender, der die DEL im zweiten Jahr im Programm hat, jubelte über einen Spitzenwert von 470 000 Zuschauern im siebten Finale (obwohl das zeitweise gegen den FC Bayern und Real Madrid im ZDF antreten musste). „Für das Eishockey sind das schon tolle Werte“, findet Claus Gröbner, der früher bei Eurosport gearbeitet hat, „überhaupt war diese Finalserie, auch dank Köln, beste Werbung“. Ob sie dem Überraschungs-Meister Ingolstadt dauerhaft mehr als regionales Gewicht verleiht, kann Gröbner noch nicht absehen. Zunächst sieht er die Chance, „Eishockey in Ingolstadt noch stärker zu verwurzeln“. Das Konzept des sportlichen Leiters Jiri Ehrenberger, der wie Gröbner erst vor drei Monaten anfing, sieht vor, dass der ERC auf „junge Spieler aus der Region“ setzt.

Der ERC Ingolstadt wird Spieler verlieren, wichtige wie Stürmer Travis Turnbull, der nach Düsseldorf wechselt, oder Kapitän Tyler Bouck, der seine Karriere beendet. Gröbner denkt aber, „dass wir ein Gerüst schon haben. Die Gespräche gehen wir jetzt dann in Ruhe an.“ Auch mit Niklas Sundblad, dem Trainer, muss man sich zusammensetzen. Der Schwede gab sich bislang reserviert, weil ihm lediglich ein Einjahresvertrag angeboten worden war. Auch der EHC München hat an ihm Interesse. Gröbner: „Wir wissen von Niklas, dass er sich bei uns wohlfühlt – und wir wollen ihn auch behalten.“ Arbeitstier Sundblad hat diese Saison 73 Punkt- und Playoffspiele des ERC Ingolstadt gecoacht, macht aber noch keinen Urlaub. Ab kommender Woche ist er Co-Trainer bei der Nationalmannschaft bei der WM in Weißrussland.

Dort wird er Claus Gröbner und Jiri Ehrenberger treffen. Sie reisen zur Gruppenauslosung der Champions League an. Ingolstadt gehört neben Mannheim, Berlin und Krefeld zu den deutschen Gründungsmitgliedern des Formats, an dem sich auch Teams aus Finnland, Schweden, Tschechien, Schweiz und Österreich beteiligen. „Da spielen die Besten in Europa“, sagt Gröbner. Der ERC will gut aussehen – so wie auch morgen aufm Rathausbalkon.

Günter Klein

Auch interessant

Kommentare