Eine Eishockey-Reise mit dem exotischsten KHL-Club

Das Eismärchen von Zagreb

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Zagreb - Vor sieben Jahren beschließen fünf Männer, Eishockey in Kroatien neu zu erfinden. Eine abenteuerliche Reise quer über den Kontinent, die in einem Café beginnt und für ihren Club, Medvescak Zagreb, in der zweitbesten Liga der Welt endet.

Mark Owuya hat Glück gehabt. Der Bus zum Flughafen ist schon abgefahren. Ohne ihn. Erst fällt es niemandem auf. Dann schlägt sein Teamkollege Sasa Martinovic Alarm. Der Bus dreht um, sammelt Owuya ein. Der hat von der ganzen Aktion gar nichts mitbekommen, in aller Ruhe vor der Arena in Sankt Petersburg (Russland) Autogramme gegeben, für Fotos posiert. Als er endlich in den Bus steigt, gibt es Applaus. Martinovic, Ex-DEL-Profi, ein waschechter Allgäuer und aktuell genau wie Owuya bei der Eishockey-Mannschaft Medvescak Zagreb unter Vertrag, schüttelt den Kopf, sagt: „Torhüter halt. Die sind überall gleich.“ Es ist Sonntag, 21.30 Uhr. Abfahrt zum Flughafen.

Check-In. Ein Schalter, 25 Eishockey- zwei Schlägertaschen, eine Schleifmaschine, sechs Metallboxen, eine Massagebank. Aufregung. Eine Dame eilt herbei, öffnet einen zweiten Schalter. 30 Minuten später ist es vollbracht, das Gepäck verstaut. Eine weitere Stunde vergeht. Dann sitzt die Mannschaft im Flieger. Chartermaschine, graue, abgenutzte Sitze. 30 vielleicht 35 Reihen, zwei Plätze links, drei rechts. Beinfreiheit ist anders. Alle da? Ja. Owuya? Ja. Abflug. Nächster Stopp: Minsk (Weißrussland).

Was abenteuerlich klingt, ist für das kroatische Eishockey-Team Routine. Vor zwei Jahren entschieden die Club-Verantwortlichen von Medvescak Zagreb, ihren Verein in der Kontinentalen Hockey Liga (KHL) an den Start zu schicken. 28 Teams, sieben Länder. Finnland, Slowakei, Kroatien, der Rest liegt in der ehemaligen Sowjetunion.

Die Reise zu einem Auswärtsspiel kann für die Kroaten daher schon mal bis zu zehn Stunden dauern – reine Flugzeit, versteht sich. Manche Orte sind so abgelegen, dass es nicht einmal ein richtiges Hotel gibt, die Spieler in umfunktionierten Wohnungen übernachten müssen. Doch für ihren Traum, Eishockey in ihrer Heimat auf ein nie dagewesenes Level zu hieven und in der besten Liga außerhalb Nordeuropas anzutreten, nehmen die Verantwortlichen diese Bürde gerne in Kauf. Sie wollten dieses Abenteuer, jetzt leben sie es.

Freiluftspiel im Amphitheater

Begonnen hat alles vor rund sieben Jahren in einem Café irgendwo in Zagreb. Ein paar ehemalige Spieler des Vereins sitzen beisammen, ratschen, schwelgen in Erinnerungen. Sie alle haben mit ihren sportlichen Karrieren längst abgeschlossen, sind in anderen Berufen erfolgreich. Trotzdem haben sie den Eishockeysport nie ganz aus den Augen verloren, beobachten die Entwicklung ihres Clubs aus der Ferne.

Medvescak spielt damals in der unbedeutenden kroatischen Liga. Es gibt vier Mannschaften, sechs Saisonspiele. Dann noch Halbfinale, Finale. Schluss. Zu den Partien verirren sich an guten Tagen 300 Zuschauer. Das war’s. Eishockey ist eine Randsportart, spielt in den Medien und der Gesellschaft kaum eine Rolle.

Die Männer wollen das ändern, ihren Club, ihren Sport groß rausbringen. Dass sie nur wenige Jahre später über Chartermaschinen und Reisen nach Russland sprechen, einen Millionenetat verwalten werden, wagen sie zu diesem Zeitpunkt nicht mal zu träumen. „Wir haben bei Null angefangen, hatten nichts. Und wir wussten auch nicht, was wir tun. Aber wir waren mit ganzem Herzen dabei, haben alle unsere Emotionen hineingesteckt. In der Nachbetrachtung ist es unglaublich, wie weit wir es in so kurzer Zeit geschafft haben“, sagt Marko Belinic heute. Er ist einer der fünf Männer, die damals am Tisch saßen, Kaffee tranken und ein Projekt starteten, das sie bis in die beste Liga Europas geführt hat.

Auf dem Weg dahin durchqueren die Kroaten zwei Ligen in zwei Ländern. Zum Auftakt geht es von der kroatischen in die slowenische Liga. Das Budget ist gering, der Erfolg groß. Das Team schafft es auf Anhieb bis ins Halbfinale der Playoffs. Eine Sensation.

Das Interesse der Zuschauer steigt, zu jeder Partie kommen mehr Fans. Belinic und Co. stellen Untersuchungen an, wollen wissen, ob sich professionelles Eishockey in Kroatien, vor allem in ihrer Heimatstadt, lohnt. Die Ergebnisse überraschen sie selbst. Die Kroaten verfolgen Eishockey. Im Internet wetten sie auf Spiele in Deutschland, Österreich, Schweden und weiteren europäischen Ligen. Der Markt ist vorhanden.

Zur Saison 2009/10 wechselt das Team erneut Land und Liga, tritt nun in der österreichischen Erste Bank Eishockey Liga (EBEL) an. Spätestens jetzt ist man ein professionell geführter Verein. „Die Aufnahme in die EBEL war ein großer Schritt für uns“, sagt Belinic. „Es war wieder absolutes Neuland für uns. Wir hatten wieder keinen Plan, wenig Ahnung, wollten es aber versuchen.“ Das Budget steigt, die Erwartungen auch.

Parallel treiben die Verantwortlichen die Vermarktung voran, versuchen den Verein zu einer Marke zu formen. Es funktioniert. Die Anhängerschaft innerhalb der Stadt wächst stetig, das 6000 Zuschauer fassende Stadion, ein alter Kasten aus den 1970ern, ist bei den Heimspielen regelmäßig ausverkauft. Um den Hype aufrecht zu halten, lassen sie sich immer neue Aktionen einfallen, veranstalten 2012 ein spektakuläres Freiluftspiel in einem antiken römischen Amphitheater. Eine russische Delegation reist an, ist begeistert. Im März 2013 nimmt die KHL Zagreb auf.

Die Nachricht löst einen wahren Eishockey-Boom aus. Die Umfragewerte des Vereins schießen durch die Decke. Mittlerweile sind Spiele von Medvescak die meistbesuchten Sportereignisse in ganz Zagreb, haben den Nationalsportarten Fußball und Handball den Rang abgelaufen.

Medvescak ist nun in der Beletage des europäischen Eishockeys angekommen. Die Topvereine der KHL haben Etats, von denen manche Fußball-Bundesligisten nur träumen können, zahlen ihren Spielern viel Geld. Superstar Ilja Kowalchuk (SKA Sankt Petersburg) soll fast 15 Millionen Euro im Jahr verdienen. Für die Zagreber sind solche Summen nicht zu stemmen. In der abgelaufenen Saison starteten sie mit einem Etat von 10,5 Millionen US-Dollar. Das meiste Geld fließt in die Logistik, nur vier Millionen bleiben für Spielergehälter. Aaron Fox, ehemals Zweitliga-Profi beim SC Riessersee und mittlerweile Sportdirektor bei Medvescak, stellt trotzdem eine schlagkräftige Truppe auf die Beine: „Wir sagen den Spielern, dass sie bei uns die Möglichkeit haben, sich für einen besser bezahlten Job in Russland zu empfehlen. Das ist unser Lockmittel.“

Ein Allgäuer ist die Identifikationsfigur

Dienstag, 2 Uhr. Ankunft in Minsk. Taschen holen, wieder Bus fahren, im Hotel einchecken. Türe zu. Erst mal ausschlafen. Am späten Nachmittag sitzen die Spieler in der Hotellobby, tippen auf ihren Smartphones oder Laptops herum. Das Internet ist die einzige Möglichkeit, mit ihren Familien Kontakt zu halten, wenn sie für längere Zeit unterwegs sind. Aktuell sind sie seit sieben Tagen von zuhause weg. Von Zagreb ging es nach Helsinki (Finnland), weiter nach Riga (Lettland) und Sankt Petersburg (Russland). Jetzt sind sie in Minsk, wo morgen die vierte und letzte Partie der Auswärtstour auf dem Programm steht. Nach dem Spiel geht es direkt zurück nach Zagreb.

Allein der Gedanke an die eigenen vier Wände lässt Sasa Martinovic lächeln. Der Verteidiger stammt aus Füssen und ist einer von drei Deutschen in der KHL. 2011 kommt er nach Zagreb, sucht eine neue Herausforderung. Martinovic hat kroatische Wurzeln, spricht die Sprache. Für die Fans ist er eine Identifikationsfigur. Innerhalb der Mannschaft aber ein Exot. 80 Prozent des Teams kommen aus Nordamerika. „Ich bin hier quasi der Ausländer“, sagt er und lacht.

Die Anfangszeit seiner Profi-Karriere verbringt der 30-Jährige in Deutschland, spielt für Hamburg, Wolfsburg, Ingolstadt und Krefeld in der DEL. „Damals“, sagt er, „konnte ich nach fast jedem Auswärtsspiel in meinem eigenen Bett schlafen, habe meine Familie vielleicht mal ein oder zwei Tage am Stück nicht gesehen. Das war echter Luxus.“

19 Uhr. Zeit fürs Abendessen. Danach aufs Zimmer. Schlafen, Kräfte sammeln. Morgen muss ein Sieg her, sonst wird es eng mit den Playoffs. Am Ende der Spielzeit werden die Zagreber mit leeren Händen dastehen, die Endrunde verpassen. Ein kleiner Rückschlag. Nicht mehr. In der kommenden Saison werden sie einen neuen Anlauf starten, versuchen, mit den Top-Teams der KHL mitzuhalten. Gerüchten, wonach sie einen Ausstieg planen, wieder in der EBEL antreten wollen, erteilt Belinic eine klare Absage: „Wir haben Verträge, die wir einhalten werden. Das bedeutet, dass wir noch mindestens zwei Jahre in der KHL spielen werden.“

Mittwoch, 1 Uhr. Flughafen Zagreb. Endstation. Vier Länder, vier Spiele, vier Hotels. Es reicht. Draußen wartet der Bus. Er wird die Spieler zum Stadion in Zagreb bringen. Dorthin, wo vor acht Tagen alles angefangen hat. Alle da? Ja. Owuya? Ja. Abfahrt.

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