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Die erste Saison am Timmendorfer Strand: Michael Pohl durf te sein Team nur einmal coachen. Foto: Privat

Eishockey-Trainer in Coronazeiten: Wenn ein Spiel die ganze Saison war

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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Warum Michael Pohl, früherer Rosenheimer Nationalspieler, von Südtirol an die Ostsee wechselte: Lebensqualität ist wichtiger als Geld

München – Am 10. Februar um 7 Uhr morgens krachte unter der Last des Schnees das Dach der Eishalle in Sterzing in Südtirol zusammen. Fast 1100 Kilometer nördlich am Timmendorfer Strand und eine halbe Stunde später ist bei Michael Pohl „das alles schon auf dem Handy gewesen“. Pohl dachte sich: Sieben Uhr, „da habe ich oft aufgesperrt. Und manchmal bin ich erst um 21 Uhr aus der Halle rausgegangen.“

Michael „Mitch“ Pohl (53) aus Rosenheim war ein bekannter deutscher Eishockeyspieler, Meister mit den Starbulls, Nationalspieler. Danach ist er Trainer geworden. Sechs Jahre arbeitete er in Sterzing, der ersten Ortschaft überm Brenner. Er holte sieben italienische Titel, was möglich war, weil er bisweilen mehrere Nachwuchsmannschaften coachte.

„Da hast du viele Erinnerungen drin, das macht was mit dir“, sagt er zu den Nachrichten vom Einsturz der Halle. Und er erinnert sich: „Es gab Momente mit viel Schnee, die Halle hatte ein gewisses Alter und war auch mal tageweise gesperrt.“ Er hätte immer noch dort sein können, weil die Sterzing Broncos ihm 2017, nach den sechs gemeinsamen Jahren, einen „frischen Fünfjahresvertrag“ angeboten hatten, doch er war ein wenig weiter gewechselt: nach Bruneck, zum HC Pustertal. Pohl leitete den Nachwuchs und managte die erste Mannschaft, die in der AlpsHockeyLeague von Österreich und Italien spielte.

Und just als im März 2020 der HC Pustertal für die Playoffs bereitstand, kam die Ansage: Saison beendet. „Da hat das Thema Bergamo Fahrt aufgenommen.“ Corona kam über Italien, über Südtirol. Michael Pohl und seine Frau erlebten dann „zwei Monate massiven Lockdown: Es war Militär auf der Straße, für draußen brauchte man eine Bescheinigung, die Eingänge zu den Geschäften wurden kontrolliert“, auf der Pustertaler Landstraße, einer Verkehrsader der Region, habe man „alle zehn Minuten ein Auto gehört“.

Die Pohls haben vor einem Jahr viel nachgedacht. „Corona hat gezeigt, was von heute auf morgen passieren kann.“ Mitch Pohl kam sein ehemaliger Rosenheimer Mitspieler Wacki Kretschmer in den Sinn: Ein legendärer Verteidiger, Herztod mit 59. Im Mai 2020 dann noch: Peter Schiller, gegen den er oft gespielt hatte, ein langmähniger Stürmer, immer für eine Kontroverse gut: Herzversagen mit 62. Pohl sagt: „Es muss auch um Lebensqualität gehen.“ Seine Frau und er beschlossen, ans Meer zu ziehen, sie haben Verwandte an der Ostsee und auf der Insel Rügen.

Eishockey-Trainer kann man auch an der Ostsee sein. Seit 1985 gibt es den Eishockey- und Tennis-Club Timmendorfer Strand, Hawesta steckte viel Geld rein, brachte den Club bis in die 2. Liga. Einige Konkurse und Umbenennungen später gibt es den CE Timmendorfer Strand. Er spielt Regionalliga Nord, vierthöchste Klasse. Als er hörte, dass an der Ostsee ein Trainer gesucht wird, meldete sich Mitch Pohl. Timmendorf musste erst überlegen, ob es realisierbar sein würde. War es, und Pohl wollte unbedingt, „auch wenn es nicht so lukrativ ist“. Ihn reizt es, einen Verein dazu zu bringen, „komplett neu zu denken“. Alles oder nichts: Die Pohls sind komplett umgezogen nach Timmendorf. Lübeck ist die nächste größere Stadt, nach Rügen braucht man aber noch zwei Stunden.

Jedoch, wie schon in Südtirol holte die Corona-Problematik Mitch Pohl ein. „Die Vorbereitung lief normal, von Mitte September bis Oktober, im November wurde aber alles stillgelegt.“ Oberliga ist Profisport, Regionalliga nicht mehr. Im Dezember taute die Gemeinde das Eis in der Halle ab, die tatsächlich nicht weit entfernt vom Strand liegt, was immer wieder Begehrlichkeiten nach dem Grundstück schafft. „Ich denke, die Saison hat sich erledigt. Das Eis wird nicht mehr hochgefahren.“

So bestand die Saison aus einem einzigen Testspiel: in Adendorf. „Eine Rivalität wie zwischen Landshut und Rosenheim“, hat Pohl sich sagen lassen. Seine Timmendorfer gewannen, obwohl Adendorf mit sechs Ausländern auflief, 6:3. „Ein Aha-Effekt für uns, unsere Spieler waren danach wahnsinnig heiß.“ Aber es kam nichts mehr. Pohl lacht: „Wir sind diese Saison unbesiegt.“

Sie müssen nun alle warten auf die nächste Saison. In der Zwischenzeit wird die Timmendorfer Halle, Fassungsvermögen knapp 2000 Plätze, hergerichtet. Der von Bayern aus gesehen exotische Standort hat seine Eishockey-Kultur, der Rosenheimer Michael Pohl will sie ausbauen.

Er denkt aber auch oft an Sterzing. Und hofft, dass dort etwas Neues entsteht: „Das Stadion war in einem Zustand, bei dem man sich ohnehin Gedanken machen musste. Sterzings Lage ist für Mannschaften aus dem Ausland attraktiv, das ist jetzt auch eine Chance.“

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