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Der „alte Kieß“ ist gegangen – er wurde 94

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Von: Günter Klein

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Power an der Bande: Gerhard Kießling. © Imago

München –  Gerhard Kießling, früherer Bundes- und Meistertrainer ist gestorben. Er brachte dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht das Eislaufen bei.

Im Januar 2012 starb Xaver Unsinn, der Mann, den man „Mister Eishockei“ nannte. Das Prädikat hätte auch Gerhard Kießling gebührt, dem Bundestrainer vor Unsinn. Zur Beerdigung vor fünf Jahren kam selbstverständlich auch Gerhard Kießling. „Und zwar mit dem Auto – obwohl er da selbst schon um die 90 war“, wie Lorenz Funk neulich im Interview zu seinem 70. Geburtstag erzählte. 89 war Kießling damals und topfit. Lebte zufrieden in Mittenwald. Doch ab dem 90. soll es gesundheitlich bergab gegangen sein, nach einer Blasenoperation war er angeschlagen. Lorenz Funk hat im vergangenen Sommer noch mal angerufen bei seinem ehemaligen Trainer, „doch er hat nicht mehr gewusst, wer ich bin“. Nun ist auch Gerhard Kießling gestorben, wie die Kölner Haie, einer seiner Vereine, mitteilten. Er wurde 94 Jahre alt.

„Der alte Kieß“ – so sprach man über Gerhard Kießling. Weil es auch den jungen Kieß gab: Udo, heute auch schon über 60 und mit 320 Länderspielen der unüberholbare Rekordhalter. Lange gab es Vater und Sohn nur im Paket.

Die Kießlings kamen aus dem Osten. Der Senior schlug in der DDR die klassische Sportwissenschaftlerkarriere ein, er trainierte die DDR-Auswahl, als das Eishockey in der DDR noch mehr Klubs hatte als nur die beiden großen in Berlin und Weißwasser. Die Legende besagt, er habe Walter Ulbricht, dem Staatsratsvorsitzenden, das Schlittschuhlaufen beigebracht.

1957 flüchtete Kießling aus der DDR – mit Udo im Kinderwagen. Im Westen wurde er einer der profiliertesten Eishockey-Trainer, er wirkte in Krefeld, in Düsseldorf, Berlin, Köln, auch in Augsburg, Rosenheim und Füssen. Allerdings: Der Traditionsklub stieg 1982 unter Kießling ab, die große Ära des faszinierendsten deutschen Vereins endete – und auch die beste Zeit von Kießling war vorbei. 1976 und 77 waren seine herausragenden Jahre. Die Kölner Haie und die Kießlings – eine damals perfekte Verbindung. Präsident und Investor Jochem Erlemann sorgte dafür, dass Köln der Nabel des Eishockey-Landes wurde.

Bundestrainer war Gerhard Kießling von 1966 bis 74 (mit Unterbrechungen). Es war eine andere Zeit: Bei der jährlichen A-Weltmeisterschaft spielten nur sechs Nationen (heute 16), die Deutschen, wenn sie dabei waren, konnten Platz fünf als höchstes der Gefühle ausrufen. Man fuhr Fahrstuhl zwischen A- und B-Gruppe. Lorenz Funk erinnert sich schmunzelnd an ein WM-Turnier Anfang der 70er-Jahre in der Schweiz. „Wenn wir nicht absteigen, springe ich in den Genfer See“, kündigte Funk an. Und der Trainer schloss sich an. Man spielte grandios – und es wurde gesprungen. Im frühen Mai.

Bis Anfang der 90er-Jahre hat „der alte Kieß“ noch Trainer sein wollen. In Riessersee in der 2. Liga, mal in Österreich, nach der Wende in Crimmitschau (da trieb ihn die Nostalgie), kurz bei Dynamo Berlin. Es war immer unterhaltsam mit ihm. Ein geschätzter Trainer, ein genialer PR-Arbeiter. 

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