1. Startseite
  2. Sport
  3. Eishockey

„Das Halbfinale ist für uns Pflicht“: Deutscher Star erläutert Eishockey-Plan bei Olympia

Erstellt:

Von: Günter Klein

Kommentare

Jonas Müller bei seinem 3:2 im Olympia-Finale gegen Russland: „Ich habe das schnell abgehakt, aber jetzt, vor Olympia, denke ich dran“
Jonas Müller bei seinem 3:2 im Olympia-Finale gegen Russland: „Ich habe das schnell abgehakt, aber jetzt, vor Olympia, denke ich dran“. © Laci Perenyi/Imago

Jonas Müller wäre beinahe Gold-Torschütze der Olympischen Winterspiele gewesen. Der Eishockey-Profi erklärt, wie oft er daran denkt - und warum es 2022 klappen könnte.

München – Olympisches Eishockey-Finale 2018, Deutschland gegen die Russen. In der 57. Minute trifft der Berliner Verteidiger Jonas Müller, damals 22 Jahre alt, zur 3:2-Führung, eine Geschichte steht kurz vor ihrer Vergoldung. Es kommt anders: Ausgleich Russland, deutsche 3:4-Niederlage in der Verlängerung, Silber, immer noch überragend. Vier Jahre später gehört Jonas Müller von den Eisbären Berlin wieder zum deutschen Olympia-Team.

Jonas Müller, vor vier Jahren waren Sie kurz davor, einen unvergänglichen Platz in der deutschen Sportgeschichte einzunehmen. Reisen Sie gedanklich öfter in diese Minuten zurück?

Jonas Müller: In vielen Interviews nach Pyeongchang wurde ich nach meinen Gefühlen bei dem Tor gefragt, man hat es mir dann immer vorgespielt. Ich habe das schnell abgehakt, aber jetzt, wo es wieder auf Olympische Spiele zugeht, denke ich daran, wie knapp das damals alles war. Und dass wir dieses Jahr eine Chance haben werden, dass es klappt.

Olympia 2022: Kann deutsches Eishockey-Team die Erfolgsstory wiederholen?

2018 ist sehr präsent, wenn man über den Zustand des deutschen Eishockeys spricht. Viele Spieler bezeichnen es als Geburtsstunde eines neuen Selbstbewusstseins.

Müller: Ja, 2018 hat es angefangen, dass wir den Glauben an uns entwickelt haben. Wenn ich ans Halbfinale gegen die Kanadier denke: Das waren Spieler, die aus besseren Ligen kamen als wir, doch wir haben gezeigt, dass wir als gesamte Mannschaft mitspielen können. Und wenn ich jetzt die letzte WM in Riga nehme ...

... wo Deutschland das Halbfinale erreichte und den späteren Weltmeister Kanada niederrang...

Müller: ... da waren wir teilweise sogar spielerisch besser als die Nationen, zu denen wir früher aufgeblickt haben.

In Pyeongchang entwickelte sich binnen zwei Wochen eine besondere Teamdynamik. Was war das Geheimnis dahinter?

Müller: Das Geheimnis war und ist: Wenn einer Frust hat, dass ein anderer kommt und einen aufbaut. Daraus entwickelt sich Zusammenhalt. Und es gibt wegweisende Spiele. Gegen die Schweiz (Qualifikation fürs Viertelfinale, d. Red.) haben wir gemerkt: Da geht was. Und als wir dann auf die Schweden trafen, gegen die wir in der Vorrunde nur 0:1 verloren hatten, sagten wir uns: Warum nicht?

Eishockey bei Olympia 2022: Müller über WhatsApp und warum sein NHL-Traum platzte

Sind die 2018-Spieler Kumpels für immer? Kurz nach Olympia kam es in der DEL zur hochemotionalen Halbfinalserie zwischen München und Mannheim, die zusammen die Hälfte des Olympia-Teams gestellt hatten. Es krachte – aber nie zwischen den Silber-Helden, die behandelten sich respektvoll.

Müller: Also, die berühmte Whats-App-Gruppe („Mission Gold“, d. Red.) gibt es immer noch, da wird heute noch reingeschrieben. Das ist für jeden eine riesige Erinnerung. Und wir Spieler waren uns ja nie fremd, wir kannten uns zuvor auch schon ganz gut. Was Freundschaft im Spiel gegeneinander angeht: Wenn ich einen Check fahre, dann ziehe ich den durch und nehme keine Wucht raus, nur weil er jemanden trifft, mit dem ich eine geile Geschichte erlebt habe. Doch wenn zwei sich bei einer Rangelei in den Haaren haben, würde ich nicht hinfahren, um draufzuhauen, wenn ich weiß, dass der andere, der da steht, das auch nicht machen würde.

Nach Ihrem fulminanten Olympia-Turnier prognostizierte man Ihnen einen baldigen Wechsel nach Nordamerika, Ihr Club in Berlin hat einen US-Eigner und einen kurzen Draht nach drüben - warum sind Sie immer noch da?

Müller: Es hat halt nicht gereicht. Wäre die Chance da gewesen, hätte ich es probiert. Drüben gibt es eine Riesenauswahl an Superspielern, Glück braucht man auch. Die Saison nach Olympia war auch nicht meine beste. Ich freue mich jedenfalls, in Berlin, meiner Stadt, spielen zu können.

Eishockey bei den olympischen Winterspielen in Peking: Gruppen, Zeitplan, Favoriten

Olympia 2022: Viertelfinale für deutsches Eishockey-Team zu wenig

Mit den Eisbären wurden Sie 2021 Meister. Torhüter Mathias Niederberger sagt, er habe das Gefühl, einen Schlüssel zu weiteren Erfolgen entdeckt zu haben. Sie auch?

Müller: Viele sagen, dass ein Titel was verändert. Dass man weiß, wie man gewinnt und darum weniger nervös ist im nächsten Finale.

Bundestrainer Toni Söderholm hat überwiegend Spieler mit Meistererfahrung berufen. Dadurch steigen auch die öffentlichen Erwartungen. Ansporn oder Bürde?

Müller: Ansporn. Meist war das Erreichen des Viertelfinales unser Ziel, und wenn es darüber hinaus hing, hat man das als Bonus gesehen. Ins Viertelfinale zu kommen, ist eigentlich schon Pflicht, und es zu gewinnen, ist kein Bonus mehr, sondern das, was wir wollen. Man kann auch sagen: Das Halbfinale ist Pflicht.

Noch einmal zurück nach Südkorea: Wäre der Olympiasieg vielleicht nicht zu groß gewesen für das deutsche Eishockey mit seinen überschaubaren internationalen Erfolgen?

Müller: In dem Turnier hat alles gepasst, Gold wäre wirklich drin gewesen. Wir hätten es in dem Moment und danach wahrscheinlich selbst nicht geglaubt, wären emotional aber schon damit fertig geworden.

Die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking sind längst ein Politikum geworden. In der Europäischen Union herrscht Uneinigkeit bei der Frage nach einem Boykott.

Auch interessant

Kommentare