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Er wusste, dass er unheilbar krank war. Trotzdem ist Robert Müller jede Situation mit Optimismus angegangen.

Erinnerung an Eishockey-Star Robert Müller

Der immer lachte

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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Die Eishockey-Weltmeisterschaft in Deutschland und Frankreich hat begonnen. Mit einer Besonderheit: Erstmals zeigt das offizielle Emblem der WM einen Spieler. Es ist Robert Müller, ehemaliger Nationaltorwart. Er starb 2009 im Alter von 28 Jahren. Das Eishockey hat ihn nicht vergessen.

Jedes Jahr gibt es eine Eishockey-Weltmeisterschaft und zu ihr ein Emblem, ein Logo, ein Erkennungswappen. Variiert wird da kaum, die Designer verwenden für so etwas Schläger, die sich kreuzen, oder Pucks, die um die Welt fliegen, auch ein Denkmal des ausrichtenden Lands kann berücksichtigt werden.

2017, für die WM, die am Freitag begonnen hat, im Hauptspielort Köln und in Paris, gilt das nicht. Dieses Logo ist anders. Es zeigt einen Spieler, konkret und erkennbar, einer Nation zuzuordnen, in typischer Pose: Robert Müller, der Nationaltorwart war. 2008 spielte er noch die WM. 2009 starb er. Er hatte einen Gehirntumor. Robert Müller wusste, dass er daran sterben würde. Sein Sterben verlief öffentlich.

Es war ein guter Gedanke, ihn auf diese Weise zu ehren: als Figur in einem Emblem. Aber man kann das nicht einfach so und ungefragt machen. „Zuerst haben wir bei Jenny, seiner Witwe, nachgefragt“, erzählt Franz Reindl, der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes und Chef des WM-Organisationskomitees, „ob es ihr recht ist.“ Sie war einverstanden, sie wird auch ein paar Tage mit den Kindern zur WM nach Köln kommen. Gewonnen werden musste für die Idee jedoch auch die IIHF, die International Ice Hockey Federation (IIHF). „Wir sind das offensiv angegangen“, sagt Reindl. Er hatte mit seinem Ansinnen Erfolg: Der Weltverband erteilte die Genehmigung.

Franz Reindl war einer der Ersten, der damals mitbekam, wie das Leben von Robert Müller sich dramatisch veränderte. Die Nationalmannschaft hatte sich im November 2006 zum Deutschland-Cup in Hannover getroffen. Robert Müller konnte nicht spielen, ihm war schwindlig. Er reiste ab und ließ sich in der Klinik Heidelberg untersuchen. Man entdeckte einen Hirntumor: bösartig. Am Sonntag war das Turnier um den Deutschland-Cup zu Ende gegangen, am Montag wurde Robert Müller operiert. Die Nachricht wurde über Tage hinweg kaum kommuniziert. Auch die Adler Mannheim, sein Verein, wussten nicht, wie man umgeht mit einem solchen Fall.

Dann musste die offizielle Meldung raus, und die Erkrankung Robert Müllers wurde zum Thema über das Eishockey hinaus. Anteilnahme und Kämpfen-Aufforderungen in allen Eisstadien, die Menschen hielten Schilder mit Müllers Nummer hoch. Der 80. Seinem Geburtsjahr. Nach einer Chemo- und Strahlentherapie hatte er dann wenig Haare, abseits des Eises trug er Kappe.

Er spielte wieder, es ging um Sport; darum, Nummer-eins-Torhüter zu sein. Müller wechselte von Mannheim über Duisburg nach Köln, für die Haie bestritt er im März 2008 das Spiel seines zu kurzen Lebens. Ein Playoff-Match gegen – ausgerechnet – Mannheim. Es wurde erst in der sechsten Verlängerung entschieden, ging über insgesamt 168 Minuten, es ist bis heute das längste Spiel, das in Deutschland stattgefunden hat. Man spielte in die Nacht hinein, Betreuer mussten an den umliegenden Tankstellen Energieriegel kaufen und in die Halle bringen, damit die Spieler durchhalten. Robert Müller parierte in diesem epischen Eishockeyspiel über hundert Schüsse. Man musste glauben, er sei wieder gesund.

Er war es nicht. Der Tumor war größer geworden, Müller entband seinen Arzt von der Schweigepflicht, gemeinsam erzählten sie im Nachrichtenmangazin „Der Spiegel“, dass man diesen Tumor Glioblastom nennt und er nicht heilbar ist. Nun bestand Klarheit: Der Eishockey-Torwart würde daran sterben. Bald.

Ihn 2009 ein letztes Mal nach Hause zu bringen, zur Familie nach Rosenheim, das war ein Freundschaftsdienst, der Franz Fritzmeier zufiel. Müller stand in Köln unter Vertrag, auf der Saisonabschlussfeier hatte er sich gezeigt, zu spielen war er nicht mehr in der Lage gewesen. Fritzmeier spielte in Krefeld, er war Robert Müllers ältester und bester Freund. Beide Jahrgang 1980, schon als Kinder waren sie auf dem Eis gestanden. Fritzmeier für Bad Tölz, Müller für Rosenheim. Zusammen spielten sie in der Bayern-Auswahl, in den Altersklassen-Nationalmannschaften. Und Franz Fritzmeier senior, der Vater, war oft der Trainer von Robert Müller gewesen.

Jenny Müller hatte Franz Fritzmeier junior gebeten, Robert zu begleiten im März 2009. Er fuhr mit ihm im Zug von Köln nach München, er musste den todkranken Freund betreuen, darauf achten, dass dieser seine Tabletten einnimmt. Es war eine schwere Reise, weil man wusste, dass sie one-way sein würde. Am 21. Mai 2009 verstarb Robert Müller. Die Meldungen zum Todesfall enden immer mit dem Hinweis, wen er hinterlässt. In seinem Fall Frau und zwei Kinder. Sie waren vier und zwei.

Bevor die Krankheit kam, hat man Robert Müller als außergewöhnlich guten Torhüter wahrgenommen. „Er war ein freudiges Bewegungstalent“, ruft Fritzmeier senior seine ersten Eindrücke ab. Als Müller 17 war, nahm er ihn mit in die Oberliga zum EHC Klostersee, wo der junge Kerl die Chance hatte, viel Spielpraxis zu bekommen. Nach einem Jahr holte ihn Rosenheim zurück, Klostersee war vor die Frage einer adäquaten Nachfolge gestellt. Fritzmeier: „Sie waren an einem älteren erfahrenen Torhüter dran. Ich sagte zum EHC: Okay, aber dazu müsst ihr noch zwei Mittelstürmer verpflichten, die die Bullys gewinnen.“ Müller hatte seinen Stil entwickelt, er war ein Keeper, die die Scheibe meist weiterspielte und sie nicht festhielt (woraus es im eigenen Drittel Bully gibt). Müller war Deutschlands erster mitspielender Torwart.

„Einer der besten Torleute, die wir in Deutschland hatten“

Weil er es konnte. Vater Fritzmeier: „Wenn wir bei der U16- und U17-Nationalmannschaft drei Torhüter hatten, hat er im Training oft Stürmer gespielt.“ Und wie dieser hochveranlagte Robert Müller manchmal die Verteidiger ausspielte, das hat einerseits das Herz des Eishockeyliebhabers Fritzmeier lachen lassen, ihm andererseits auch Sorgen bereitet: Wie werde man in der Defensive dastehen mit manchen der Verteidiger? Aber die hatten im Ernstfall dann ja auch Robert Müller hinter sich. „Er war“, so Franz Fritzmeier junior, „sicher einer der besten Torhüter, die wir in Deutschland jemals hatten.“ Jetzt wäre er 36 – und wenn man einen wie den 40-jährigen Petri Vehanen von den Eisbären Berlin sieht, könnte man sich vorstellen, dass auch Robert Müller noch seinen Platz hätte in der Deutschen Eishockey-Liga.

Er würde vielleicht ein wenig aus dem Rahmen fallen, weil Torhüter heutzutage wieder groß und athletisch sind. Das war Müller nicht. Fritzmeier junior umschreibt es so: „Robert hat von seinem Instinkt gelebt, seinem Spielverständnis, seinen Reflexen. Aber er war nicht der Allerfitteste. Er hatte eine Vorliebe für Süßigkeiten.“ Jedoch: „Nie eine Zigarette, nie Alkohol.“ Wenn die anderen auf ein Bier weggingen, war er dabei – und trank eben Cola.

Robert Müller war kein Lautsprecher und dennoch der wichtigste Mann im Team, wie die Fritzmeiers aus ihrer Erfahrung berichten. Franz senior hatte den Spieler Müller noch 2007, nach der ersten Phase der Krankheit. In Mannheim hatte er den Stammplatz verloren, er wollte wieder mehr Einsätze haben und wechselte daher nach Duisburg, zu einem kleinen DEL-Team, bei dem sein Mentor Fritzmeier Co-Trainer war. „Das war Roberts Reha-Station“, sagt Fritzmeier – doch auch Duisburg profitierte von Müller. Weil er eine Art von natürlichem Teambuilding betrieb: Er war ein Kümmerer. „Robert war immer der good guy, nie der bad cop“, blickt Freund Franz Fritzmeier junior zurück, „seine Tür stand für jeden in der Mannschaft offen.“ Man traf sich bei Robert und Jenny. „Die beiden waren ein perfektes Team“, sagt der junge Fritzmeier.

Robert Müller war irgendwann bewusst, dass er nicht geheilt werden könne und als Eishockeyspieler sterben würde. Es hat ihn im Umgang mit den anderen nicht verändert. Fritzmeier senior berichtet von den Krankenbesuchen bis zuletzt in Rosenheim: „Robert hat nie auf Mitleid gemacht, man ist immer mit einem guten Gefühl heim.“ Er habe ihn erlebt wie den Brandner Kasper, der sich dem Tod mit unerschrockenem Humor stelle. Der immer lachte. Und er erkenne im Nachhinein auch bei Müller die Mentalität, die einen wie Lorenz Funk, der ebenfalls an Krebs erkrankte, auszeichnet: dankbar der Blick zurück, gefasst der Blick voraus.

„Jenny hat Unglaubliches geleistet“, erzählt Fritzmeier junior von den Jahren des Ausnahmezustands für die junge Familie Müller, „und Robert hat es geschafft, alles in Harmonie zu hinterlassen“ (Fritzmeier senior). Jenny Müller hat wieder einen Partner und zwei weitere Kinder.

Louis Müller, Roberts Sohn, ist gerade 10 geworden. Er spielt Eishockey bei den Kleinstschülern der Starbulls Rosenheim. Er ist Torhüter geworden.

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