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Die ersten Spiele auf dem Rießersee: Der Ursprung des Eishockeys in Garmisch-Partenkirchen.

Ein verrücktes GarmischerEishockey-Jahrhundert

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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Für das Winterurlaubsvergnügen der Münchner, Berliner, Leipziger und anderer Auswärtiger wure am 12. Oktober 1920 der Sport-Club Riessersee gegründet. Der SCR wurde - vor allem dank Eishockey - zur Marke, er schuf Helden, erlebte Triumphe, sorgte aber auch für deftige Skandale. Eine Reise durch seine Geschichte.

Konrad Spies wohnt in Garmisch-Partenkirchen in der Rießerseestraße. Das ist passend, weil er oft hinauffährt zum Rießersee. Der liegt auf 785 Metern, es mutet aber höher an, weil es drumherum schon sehr alpin wird. Am Rießersee endet jedenfalls die alte Bobbahn, bekannt von den Olympischen Spielen 1936, später verfallen, von Konrad Spies aber wieder hergerichtet. Herr Spies weiß alles über den Rießersee, der vielen Menschen ein Begriff ist, auch wenn sie ihn noch nie besucht haben. Doch das Gewässer, einst künstlich angelegt, gab einem der berühmtesten deutschen Sportvereine seinen Namen: dem SC Riessersee. Seine Gründung jährt sich am 12. Oktober zum 100. Mal – und Konrad Spies hat etwas, was sie nicht mal unten im Ort im Marktarchiv haben: das erste Mitglieder-Verzeichnis.

87 Leute, nur vier von ihnen aus Garmisch, zwei aus Partenkirchen. Die Mehrzahl: Auswärtige. Berliner, Hamburger, Amsterdamer, Frankfurter, Düsseldorfer, etliche Münchner. Die Berufe – ehrenwert: Arzt, Rechtsanwalt, Bankdirektor, Großkaufmann, Fabrikant, Kunsthändler, Kunstmaler, Legationsrat, Filmfabrikant, Hotelier, Tabaksmakler. Und einiges von und zu auf der Liste: Graf Colloredo-Wetzfried, Freiherr von Richthofen. Freifrau und Freiherr von Diergardt. Konrad Spies zieht aus der imposanten Liste seine Schlüsse: „Zum Rießersee kamen die Söhne der Begüterten, um dort Eishockey zu spielen. Garmisch sollte ein noch größeres St. Moritz werden.“

Der SC Riessersee sollte dazu beitragen. Im „Werdenfelser Anzeiger“ von 5. Januar 1921 ist die Hauptaufgabe des Vereins klar definiert: „Großziehung eines guten deutschen Sportes im Winter und Sommer an den klimatisch begünstigten Nordhängen des Kreuzeckmassivs und seinen Mitgliedern Unterhaltungen auf einwandfreier sportlich-gesellschaftlicher Grundlage zu bieten.“ Bob, Rodeln, Eiskunstlauf, Eishockey, Eisschnelllauf, Eisschießen, Skilauf, Skijöring, Tennis, Hockey, Golf, Schwimmen, Tontaubenschießen, Bergsport – der SCR wird ein richtig großer Club. Und durch die Erfolge im Eishockey, die Deutschen Meisterschaften, eine Marke.

Franz Reindl wurde 1954 geboren – und einer der größten Eishockeyspieler aus dem Werdenfels. Nationalspieler, Trainer, Manager, inzwischen ist er Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes. Er erinnert sich aus seiner Jugend an einen Verein, „der viel, viel größer von seiner Bedeutung war als jetzt. Die Skiclubs aus Garmisch und Partenkirchen hatten bei Weitem nicht dieses Gewicht.“

Der Andrang in der Eishockeyabteilung des SC Riessersee war so groß, dass Reindl als Kind erst einmal beim Schlittschuh-Club Garmisch-Partenkirchen spielen musste – mit Ignaz Berndaner und Max Fink, zwei weiteren späteren SCR-Legenden. Man trainierte auf der Freifläche der Bahn 2 des Eissportzentrums, das die Olympischen Spiele von 1936 gebracht hatte und das den Eissport runter vom Rießersee ins Ortszentrum verlagerte.

„Es waren glorreiche Zeiten, als ich jung war“, erinnert sich Reindl, „man eiferte den Spielern des SCR nach“. Michael Hobelsberger war so einer, Torwartstar in den 1960er-Jahren. Über ihn schrieben die Zeitungen, weil er einen interessanten Beruf hatte: Er war Groupier in der Spielbank.

Franz Wörndle ist Leiter des Marktarchivs im Rathaus von Garmisch-Partenkirchen, als junger Mann hatte er einen Job als Ordner im Stadion. In den 1970er-Jahren war der SCR noch gut im Geschäft. „Sogar die WAZ, die Westdeutsche Allgemeine Zeitung, hatte Bandenwerbung im Eisstadion.“ Verrückt, weil es die WAZ in der Gegend gar nicht zu kaufen gab. Aber die Verlegerfamilie aus Essen machte eben Urlaub in Garmisch-Partenkirchen und fand ihren Gefallen am Eishockey. Vor allem in der Ferienzeit erblühte der SCR. Wörndle: „In der Weihnachts- und Neujahrswoche fanden Freundschaftsspiele gegen internationale Mannschaften statt – und es kamen 10 000 Leute.“ Weil Eishockey ein Spektakel war. Abendunterhaltung im Urlaub.

„Im Ort war man als Eishockeyspieler anerkannt“, blickt Franz Reindl zurück. Es gab nur zwei Ausländer pro Mannschaft, sie bestand großteils aus Einheimischen – eine Idee von Eishockey, die sich mit der Professionalisierung des Sports auflöste und die Landschaft veränderte.

Auch der Star Reindl ging weg, 1983, zwei Jahre nach der letzten Deutschen Meisterschaft, der zehnten des Vereins. Als Reindl 1988 zurückkehrte, war der SC Riessersee ein kaputter Zweitligist. Übernommen hatte ihn der Schweizer Millionär Urs Zondler, ein Sport-Showman, der in München die Schwabinger Handballer groß gemacht hatte. Reindl: „Zondler holte mich als Manager, doch der Verein ging in Konkurs, aus Geldmangel war ich dann Trainer und Manager. Nach drei Jahren konnten wir den SC Riessersee in die Rechtsfähigkeit zurückführen.“

Doch es kamen neue wilde Zeiten. Paul Karl hat sie begleitet. Der Mittenwalder begann Anfang der 1980er als Trainer im Eishockey-Nachwuchs, war in der Insolvenzzeit Reindls loyaler Assistent – und ist heute, als 74-Jähriger, auf der Geschäftsstelle noch immer unverzichtbar. Reindl nennt ihn das „wahre Gesicht des SCR“: Etlichen Generationen von Funktionären musste Paul Karl beibringen, „wie Passwesen und Lizenzierung funktionieren“.

Er hat all die vergeblich gebliebenen Versuche miterlebt, dem SC Riessersee seinen früheren Status zurückzubringen. 1995/96 spielte man noch einmal in der höchsten Liga, weil der Finanzakrobat Thomas Fahlenbach (Procunia AG) massiv investierte. „Wir haben gut gelebt – aber es war nicht Fahlenbachs eigenes Geld, sondern das, worum er die Leute beschissen hatte.“ Die Blase platzte, Fahlenbach musste in den Knast.

Anfang des Jahrtausends eine weitere skurrile Episode: Die mit einem Garmischer verheiratete österreichische Schauspielerin Sybille Johanna Danninger, die sich in Amerika Sybil Danning nannte, nach eigener Aussage „fast das Bond-Girl in ,Octopussy’ geworden wäre“, aber überwiegend in Filmen wie Schulmädchen-, Hausfrauen- und Urlaubsreport auftauchte, wirbelte die SCR-Geschäftsstelle durcheinander. Tatsächlich waren sie und ihr Mann ziemlich abgebrannt – und der Verein respektive die GmbH für die Eishockey-Vermarktung mal wieder pleite.

Neuauflage der Geschichte vor zweieinhalb Jahren: Auch die Ära des Grainauer Geschäftsmannes Udo Weisenburger, der für Vergnügungsparks kitschige Skulpturen baute, endete in einer Insolvenz. Seitdem spielt die Eishockey-Mannschaft drittklassig.

Franz Reindl hat diese Entwicklung der letzten Jahrzehnte in der Seele wehgetan. „Mit all diesen Schlagzeilen war es nicht mehr der SCR. Er kam ja öfter im Promi- als im Sportteil vor.“ Der SCR, so findet er, „hat immer noch einen Riesennamen in der Gesellschaft – aber keiner geht hin“. Das an Spieltagen über die Straßen gespannte Transparent „Heute Eishockey“ hat Magie verloren.

Reindl lobt die Nachwuchsarbeit, bedauert aber: „Es war immer alles auf Kante genäht, es ist nie etwas Langfristiges entstanden. Der SC Riessersee besitzt nichts, was einen Wert hätte. Keine Immobilie. Der Hornschlittenverein hat eine Hütte, die Ski-Clubs, sogar der TSV 1860 München, der besitzt eine Hütte auf der Partnachalm.“ Die Versäumnisse darin, etwas Nachhaltiges zu schaffen, führt Reindl bis in die 1950er- und 1960er-Jahre zurück.

Das ist vielleicht nicht einmal weit genug. Franz Wörndle vom Marktarchiv hat alte Schriftverkehrsunterlagen bereitgelegt. Schon 1925 richtete der SCR-Vorstand einen Bettelbrief an die Gemeinde (siehe unten): „Die überaus große Propaganda und Plakatierung anlässlich der Austragung der Deutschen Eishockey-Meisterschaft 1925 in Garmisch, auf dem Riessersee, hat uns in unvorhergesehene große finanzielle Schwierigkeiten gestürzt. Wir bitten Sie daher, da doch die Deutsche Eishockey-Meisterschaft nur im Interesse des Ortes Garmisch hier ausgetragen wurde, uns mit einer Unterstützung beizuspringen.“ Im gleichen Jahr wandte sich der Verein auch an die „Euer hochwohlgeboren“ Mitglieder, um von ihnen ein Darlehen von je 50 Mark für die „hochwichtige Angelegenheit“ des Baus einer Schlittenaufzuganlage zur Bobbahn zu bekommen.

Doch auch wenn er immer in Not war: Der Sport-Club Riessersee hat 100 Jahre überlebt. Und vielen eine Heimat gegeben. Wie Gerdi Sperger. Die Dame, gebürtig aus Ludwigshafen, steht im neunten Lebensjahrzehnt, sie hat sich das Verdienst erworben, die Geschichte des SCR für die ersten 80 Jahre in einem Buch aufgearbeitet zu haben. Dafür erhielt sie die Ehrenmitgliedschaft, „was den Vorteil hat, dass ich für meine Eintrittskarte nichts zahlen muss“, sagt sie und lacht.

Vom Recht auf Gratiseishockey wird sie für 2020/21 jedoch keinen Gebrauch machen. Es sind schwierige Zeiten wegen Corona, auch für einen Sportverein. „Ich werde ganz normal eine Jahreskarte kaufen.“ Man muss dem SCR doch helfen.

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