Eishockeyspieler bejubeln ein Tor
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Ganz der Vater: Im Anschluss an Christopher Chyzowskis (2.v.l.) Premierentor nannten die Mitspieler ihn „Roni“.

Youngster musste 2018 eine Saison pausieren, nun überzeugt er im SCR-Trikot

Christopher Chyzowski: Das Herz spielt mit

  • vonPatrick Hilmes
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2018 hing die Eishockey-Karriere von Christopher Chyzowski am seidenen Faden, noch bevor sie überhaupt richtig gestartet war. Heute spielt sich der 19-Jährige beim SC Riessersee mehr und mehr in den Vordergrund.

Christopher Chyzowski zieht das Tempo über die linke Angriffsseite des SC Riessersee an. Nur einen Peitinger Spieler und den Goalie hat er noch vor sich. Auf rechts läuft Anton Radu mit. Pass oder Schuss? Chyzowski schießt. Kraftvoll aus dem Handgelenk befördert er den Puck in den rechten Winkel. Sein erstes Profitor am 8. November 2020 ist ein wunderschönes, und eines mit einer großen Geschichte dahinter. Dass Chyzowski überhaupt dieses Tor erzielen, überhaupt auf dem Eis stehen, überhaupt mit so viel Tempo den Angriff aufziehen konnte, ist etwas Besonderes. Das alles war lange Zeit unmöglich. Sein Herz hatte ihm das Eishockeyspielen verboten.

Vor zweieinhalb Jahren ging Chyzowski zum Arzt – Routineuntersuchung, Usus beim Eishockeynachwuchs. Einmal checken lassen, ob alles in Ordnung ist. Doch beim damals 16-Jährigen war nicht alles in Ordnung. Seine Herzwand war zu dick. Bei hoher Belastung konnte sein Herz nicht frei, musste mehr arbeiten. „Mir war klar, das muss ich ernst nehmen“, erinnert sich Chyzowski. Er sollte einen hohen Puls vermeiden – 150 Schläge pro Minute war die Grenze. Doch die überschreitet jeder Eishockeyspieler sofort. Raus aufs Eis, ein paar Minuten Vollgas, wieder runter. „Eishockey war also das Schlechteste, was das angeht.“

Ich habe nie den Kopf in den Sand gesteckt

Christopher Chyzowski

Damals ging er in die zwölfte Klasse, spielte für den SCR-Nachwuchs und stand kurz vor dem Sprung zu den Profis. Ein Schock. Eine Woche blieb er daheim, machte sich Gedanken, sprach mit seinen Eltern. Das Resultat: „Ich habe nie den Kopf in den Sand gesteckt.“ Familie und Freunde bauten ihn auf. Auch die Ärzte machten ihm nach und nach Hoffnung: Die Herzwand kann sich zurückentwickeln, wieder dünner werden, wenn er in puncto Training und Ernährung gewisse Dinge ändert. Diese Aussicht gab ihm Zuversicht. Er befolgte die Ratschläge. Statt intensiv an seiner Fitness zu arbeiten, feilte er an seiner Schlittschuhtechnik, statt Toastbrot gab es Quark mit Nüssen, Fleisch flog fast komplett vom Speiseplan. Er wollte wieder Eishockey spielen, seiner Leidenschaft nachgehen.

Sein Weg war vorgezeichnet, die Talente hatte man ihm in die Wiege gelegt. Vater Eishockey-Profi, Onkel Eishockey-Profi, Mutter Eiskunstläuferin. Wo hätte Chyzowski sonst landen sollen als auf dem Eis? Eine Idee hat er: auf den Bergen. „Ich bin sehr gerne dort oben.“ Im Sommer mehrmals die Woche, mal zu Fuß, mal mit dem Rad. Ist er mit Freunden unterwegs, die das Werdenfelser Land und die Gebirge nicht kennen, erklärt Chyzowski ihnen gerne, was sie da Schönes sehen. Er liebt seine Heimat. Daher hätte er auch gut und gerne Bergführer werden können. Doch natürlich ist der Mittenwalder auf dem Eis gelandet.

Im Alter von drei Jahren bereits auf dem Eis aktiv

Angefangen hat alles vor rund 16 Jahren. Vater und Mutter nahmen den dreijährigen Buben immer mit auf den rutschigen Untergrund. „Sie haben mir im Grunde keine andere Wahl gelassen“, sagt er heute schmunzelnd. Vater Ron zeigte ihm, wo er auf dem Feld beim Eishockey zu stehen hat, was man mit der Scheibe macht, wo man sie im Kasten am besten versenkt, sodass der Goalie die geringsten Chancen hat. Mutter Tanja war für die Fertigkeiten in puncto Schlittschuhlaufen zuständig. Viele DEL-Klubs beschäftigen heute Eiskunstläufer genau dafür. Chyzowski genoss demnach schon als Kleinkind Profitraining.

Vom Onkel Dave hätte er sich am meisten abschauen können, ist er doch der erfolgreichste der Chyzowskis mit 126 Einsätzen in der NHL. Doch er sah ihn immer nur einmal im Jahr. „Und früher gab es ja noch nicht so viele Videos von den Spielern.“ So musste Vater Ron herhalten, der ebenfalls kein Schlechter war. Das bewies er unter anderem beim SCR, für den er in zwei DEL2-Spielzeiten (1990/1991 und 91/92) auf 58 Tore und 60 Assists kam. 20 Jahre später gehört sein Sohnemann erstmals fest zum Oberliga-Kader der Riesserseer. Wie lange der Junior noch benötigt, um den Senior im weiß-blauen Trikot zu überflügeln: „Ein paar Spiele brauch’ ich wohl noch“, gibt er angesichts seiner Statistik von zwei Treffern und einem Assist lachend zu Protokoll.

Eishockey ist das Thema Nummer eins bei den Chyzowskis

Ron Chyzowski hat sich nicht nur bei den Weiß-Blauen einen Namen gemacht, er lief auch in der American Hockey League (AHL) – zweite Liga Amerikas – sowie für diverse bayerische Vereine von der dritten bis zur ersten Spielklasse auf. Eine Bürde für den Junior? Mitnichten. „Das ist ein Pluspunkt. Man kennt ihn an vielen Orten. Das macht mich stolz.“ Druck spüre er dadurch nicht. Er saugt gerne alles von seinem Vater auf. Im Hause Chyzowski dreht sich viel um Eishockey. „Das ist das Thema Nummer eins.“ Vater und Sohn sprechen immer nach den Spielen über die Leistung Christophers, durchaus kritisch. „Mein Vater ist schon streng, aber es ist immer konstruktiv.“ Und der Junior will hören, was er besser machen kann.

Thema ist dabei auch immer wieder die Gesundheit. Mittlerweile kann der 19-Jährige sagen: „Alles entwickelt sich positiv. Ich befinde mich auf einem guten Weg.“ Die Trainings- und Ernährungsumstellung haben gefruchtet. Im Endeffekt sei ihm die Umstellung nicht schwergefallen. Es hat etwas gedauert, aber nun zieht er ausschließlich positive Schlüsse daraus. „Mein Körper regeneriert jetzt nach Spielen viel schneller.“ Das spürt er und überprüft es auch. Wenn er auf dem Eis steht, trägt er unter dem Trikot einen Pulsgurt. Die dazugehörige Uhr liegt auf der Bank. Nach den Partien und Trainingseinheiten schaut er sich die Daten an. „Dann weiß ich, ob ich noch etwas Krafttraining machen kann oder Regeneration brauche.“ Einen Marathon wird Chyzowski aber wohl nie laufen. Dauerbelastung soll er vermeiden. Daher ist Eishockey nun wieder die perfekte Sportart für ihn. Und genau das wollte er.

Das war seltsam. Ich habe nie etwas gemerkt, wusste aber, dass es da war.“

Christopher Chyzowski

Nachdem er die Saison 2018/2019 komplett ausgesetzt hatte, erhielt er von den Ärzten die schönste Nachricht überhaupt. Er durfte wieder spielen. „Das hat mir unglaublich viel bedeutet.“ Jedoch konnte er in der Spielzeit 19/20 für die U20 des SCR nur Halbgas geben. Er musste sich langsam herantasten. „Das ist ein langer Prozess.“ Das Schwierigste daran: Chyzowski hatte im Grunde nie Probleme. „Das war seltsam. Ich habe nie etwas gemerkt, wusste aber, dass es da war.“ Seit der Diagnose arbeitet er mit Physiotherapeuten, Fitnesstrainern, Heilpraktikern, Chiropraktiker und seinen Ärzten zusammen. Das will er beibehalten.

Coach George Kink traut dem Youngster einiges zu

Sein Traum ist die DEL. Das Zeug dazu hat er, sagt sein Coach. „Die Ansätze sind vorhanden. Er hat gute Hände, ist ein cleverer Spieler und ein sehr guter Skater. Zudem ist sein Eishockey-Verständnis enorm. Alles Weitere hängt von ihm selbst ab“, beschreibt ihn George Kink. Zunächst will sich Chyzowski beim SCR etablieren, als Führungsspieler. Nicht umsonst ist bei den Riesserseern der Kapitän sein Vorbild. „Wie Florian Vollmer die Mannschaft führt, ist schon stark. Jeder hört auf ihn.“ Das will auch Chyzowski, er will die Scheiben verteilen, die bestmöglichen Situationen für seine Mitspieler schaffen, sie führen. Dabei ist er nicht der Lautsprecher, weder auf noch neben dem Eis. Er beobachtet, analysiert und lernt von seinen Mannschaftskameraden.

Er will sich selbst einen Namen machen, wie einst sein Vater. Der ist noch immer allgegenwärtig beim SCR. Christopher hört auf die Spitznamen Chris, Chyzie oder Chyzer. Bei seinem Premierentor am 8. November wurde er von seinen Mitspielern anders gerufen. Da schallte „Roni“ übers Eis im Peitinger Stadion. Nach 20 Jahren hatte wieder ein Chyzowski im Trikot der Garmisch-Partenkirchner getroffen.

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