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Der Kapitän im Wandel der Zeit von 2003 bis 2019: Ein Bart musste es bei Florian Vollmer immer schon sein.

SCR-Kapitän im Interview

Florian Vollmer zu 17 Saisons beim SC Riessersee: „Es fühlt sich einfach nur richtig an“

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Florian Vollmer ist eine der letzten großen Identifikationsfiguren beim SC Riessersee, die selbst noch auf dem Eis steht. Der 35-Jährige führt das Team seit fünf Jahren als Kapitän durch Höhen und Tiefen. Vor einer Woche gab der Klub die neuerliche Vertragsverlängerung bekannt. Der Mittenwalder geht damit in Saison Nummer 17 beim SC Riessersee, hat mehr als 700 Spiele für „seinen“ Verein absolviert.

Florian Vollmer, eine Abbruchsaison ist auch mal was Neues?

(lacht) Ja. Jetzt mach’ ich Eishockey ja echt schon lang, und man meint immer, man hat schon alles erlebt. Aber offenbar gibt es doch immer noch Dinge, die es eigentlich gar nicht gibt. War in der Tat auch wieder etwas Neues für mich.

Trainer George Kink hat zuletzt gesagt, ihm hängt dieser Playoff-Ausfall immer noch nach. Wie ist es bei Ihnen?

Mittlerweile habe ich das Thema ganz gut abgehakt. Am Anfang aber hat mich die Situation schon tierisch genervt. Gerade weil es unter der Saison die Phase gab, in der die Ergebnisse nicht so gestimmt haben und das Ganze doch auch relativ kritisch von allen Seiten gesehen wurde. Da hat es mich sehr gefreut, dass es zum Schluss hin so super gelaufen ist, und diese Form hätten wir gerne bestätigt. Ich denke, dass wir wirklich gute Karten gehabt hätten, dass richtig was gegangen wäre in den Playoffs.

Corona hat alles zum Stoppen gebracht. Wie haben Sie sich selbst mit der Thematik beschäftigt, wie haben Sie die vergangenen Wochen erlebt?

Mei, wahrscheinlich wie jeder andere auch. Solche Beschränkungen und Einschnitte in seinem eigenen Leben hätte man sich ja nie vorstellen können. Wenn das einer vor einem Jahr gesagt hätte, dass du nur mit einem wichtigen Grund aus dem Haus darfst, keine Freunde treffen kannst, den hätte man ausgelacht. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas passieren kann. Gerade als Familienvater mit zwei kleinen Kindern erlebst du so etwas extrem. Den Kindern gehen die Kontakte ab, unserer Großen fehlen der Kindergarten, die Freunde, da wird es schon mal fad nur mit Mama und Papa daheim. Der Kleine kriegt das noch nicht so mit.

Hat es Sie selbst in Ihrem Ablauf als Eishockeyspieler bereits eingeschränkt?

Eishockeyspezifisch zu trainieren, ist in dieser Phase des Jahres noch nicht die Priorität Nummer eins. Was noch möglich war, habe ich getan. Ich bin auf den Berg gegangen, mit dem Rad gefahren. Ich denke, ich war so oft Mountainbiken wie die vergangenen beiden Jahre zusammen nicht. Daher, dass es noch so früh ist auf Eishockey bezogen, geht vom Training nicht viel verloren. Je länger sich die Pandemie aber rauszieht, desto mehr wird man es merken.

Haben Sie ein wenig Angst, dass sich Eishockey jetzt verändern könnte, dass Klubs nicht überleben, dass die Ligen gefährdet sind?

Ich glaube schon, dass es eine große Gefahr gibt. Man muss sich ja nur die Gesamtwirtschaft anschauen, wie doch eine extreme Rezession stattfindet, schlimmer noch als bei der letzten Finanzkrise. Und man muss ja ganz ehrlich sein: Keiner der Vereine kann sich doch selbst finanzieren, alle leben vom Zuschauer. Haben die Menschen überhaupt genug Geld zur Verfügung, dass sie sich Dauerkarten kaufen? Dass sie sich den Eintritt regelmäßig leisten können? Wie geht es mit den Sponsoren weiter? Die werden nicht unbedingt noch Ressourcen haben, um einen Sportverein zu unterstützen, wenn es ihnen selbst schlecht geht. Ich denke schon, dass es echt schwierig wird für viele Vereine. Zum Glück wird jetzt wieder ein wenig hochgefahren, dass die kleinen Betriebe in der Region ihre Existenz sichern können.

Kommen wir zurück zu Ihnen selbst. Sie werden im Mai 36 Jahre alt. Hand aufs Herz, haben Sie schon einmal ans Aufhören gedacht in dieser Situation?

In dieser Situation jetzt nicht. Ich habe eher nach der Insolvenzgeschichte vor zwei Jahren ans Aufhören gedacht. Das war für mich ein größerer Punkt, denn das war etwas, dass auf mich selbst auch einen großen Einfluss hatte. Ich hab’ mich danach neu ausrichten müssen, entschieden, dass ich Eishockey nicht mehr nur komplett professionell betreibe, mir dann das Standbein mit dem Dualen Studium neu aufgebaut. Da war ich eher an so einem Punkt. Aber jetzt? Klar, ist das nervig, aber für mich aktuell kein Grund zu sagen, dass es reicht.

Sie haben wieder unterschrieben für eine weitere Spielzeit. Das ist Saison Nummer 17 beim SC Riessersee? Was fällt Ihnen dazu ein?

Ich denke schon, dass es ungewöhnlich ist im Sport. Aber für mich fühlt es sich einfach nur richtig an. Ich habe das ja schon öfter erzählt: Ich fühle mich einfach sauwohl, ich bin mit der Region sehr verwurzelt. Ich fahre auch zweimal im Jahr gerne in den Urlaub, aber grundsätzlich können wir uns so glücklich schätzen, jeder, der in unserer Region wohnt, das zeigt die Corona-Krise wieder ganz deutlich. Ich habe zu 100 Prozent eine Wertschätzung dafür. Wenn ich mir anschaue, dass ich ohne Auto bei mir daheim aus der Tür gehe und zur Mittenwalder Hütte laufen kann, aufs Karwendel rauf, fahre mit dem Radl auf den Kranzberg, oder in Garmisch-Partenkirchen die Möglichkeiten – das ist so viel mehr Wert als vielleicht finanziell höher dotierte Verträge, die es im Sportbereich sicher mal gegeben hat. Und für mich steht das jetzt sowieso nicht mehr zur Debatte: Ich habe Familie und Kinder, mich zieht es nicht mehr weg. Ich war schon immer der Typ, der gerne daheim war. Und das Ganze hat sich mit dem höheren Alter jetzt noch mehr manifestiert.

Bei 17 Saisons SCR kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass Sie wirklich auch mal weg waren. Welche Erinnerungen gibt es an diese Zeiten?

Total gut. Die Zeit in Crimmitschau habe ich sehr genossen, auch wenn mir das viele nicht glauben wollen, wenn ich es ihnen erzähle. Die sagen dann: Was hast denn da gemacht? Da ist es doch greislig. Aber tatsächlich kann man das Umfeld fast mit Garmisch vergleichen. Alle sind dort mit Herzblut dabei, die Atmosphäre war sehr familiär, die Stadt ist nicht so groß, das war eine Supertruppe. Das Alter hat bei mir natürlich auch gepasst, ich war damals Anfang 20, allein unterwegs, da kann ich nur positive Sachen erzählen. Mich hat es als Mensch sicher auch entwickelt, dass ich mal raus war aus meiner Komfortzone. Und: Ich habe so auch die Heimat noch einmal mehr schätzen gelernt, als ich zurückgekommen bin, habe ich gemerkt: Da gehöre ich hin. Da möchte ich immer bleiben.

Ist sicher selten, dass ein solcher Plan dann auch so perfekt aufgeht.

Ja, das stimmt schon. Ich hatte sicher Glück, dass die sportliche und meine Situation immer so gut zusammengepasst haben.

Haben Sie auch mal gegen den SCR gespielt in dieser Zeit?

Ja, als ich in München war, habe ich in der Oberliga beim SCR gespielt, und dann auch mit Crimmitschau in der Zweiten Liga.

Gibt es besondere Erinnerungen an ein Spiel?

Ja, in der Tat (lacht). Ich habe wirklich mal unberechtigterweise in Garmisch eine Matchstrafe bekommen, weil der Schiedsrichter die Situation falsch gesehen hat. Er wollte eigentlich einen anderen Spieler bestrafen, hat aber ein bisschen den Überblick verloren, und dann hab’ ich die Strafe gekriegt, musste runter. Das ist nachträglich sogar berichtigt worden, ich bin auch nicht gesperrt worden. Aber es war natürlich damals kurios, denn meine Eltern waren im Stadion, wollten mich sehen, und ich war nach zehn Minuten raus.

Sie haben es vorher schon einmal angesprochen: Sie sind nicht mehr nur Eishockeyprofi, sie studieren und arbeiten nebenher. Wie funktioniert die Doppelbelastung?

Von der gesamten Belastung ist es schon ein bisschen mehr, aber da kommt mir Axel Hof im Fitnessstudio schon entgegen. Wir haben den Aufwand während der Saison auf das von der Uni geforderte Minimum von 21 Wochenstunden reduziert. Die mache ich während der Saison. Axel koordiniert alles ideal für mich, dass es mit den Trainings- und Spielzeiten zusammenpasst. Sonst wäre es sicher nicht möglich.

Sie arbeiten dann auch als Trainer im Studio?

Ja genau. Unter anderem. Ich bin im Studio und mache alles, was anfällt. Ich erledige auch Verwaltungsarbeiten im Büro, bin aber auch auf der Trainingsfläche und arbeite mit den Kunden. Alle vier bis sechs Wochen habe ich zudem Präsenzveranstaltungen an der Hochschule in München. Dort bin ich drei bis vier Tage am Stück. Da kommt mir dann George Kink wieder entgegen. Ich bekomme mal einen Block von Montag bis Mittwoch frei. Dafür trainiere ich eigenverantwortlich, beispielsweise auf dem Rad.

Das heißt: Da könnte sich der SCR-Fan also vom SCR-Kapitän knechten lassen?

Könnte er, wenn er wollte, ja (lacht).

Zurück zum SCR: Haben Sie eine Vorstellung davon, wie lange Sie noch spielen wollen? Gibt es einen Plan?

Das Gute bei mir ist, dass ich nur noch so lange spiele, wie ich noch Spaß habe. Ich muss es nicht mehr machen, aus welchen Gründen auch immer. Sondern ich will spielen, so lange ich Spaß dran habe. So ist auch der Deal mit dem SCR: Wenn ich merke, dass es aus gesundheitlichen oder anderen Gründen nicht mehr passt, dann soll mir keiner böse sein, wenn ich sage: Das war es für mich.

Sie hatten in den vergangenen Jahren immer mal wieder Probleme mit Verletzungen, vor allem in der Leistengegend? Wie ist da die Situation, ist da alles bestens, können Sie sich schützen?

Im Großen und Ganzen habe ich die Situation im Griff. Das Problem ist schnell erklärt: Meine Hüfte ist ein wenig vorgeschädigt, aber schon seit ich 28 Jahre bin. Damals wurde ich operiert, seither funktioniert sie nicht mehr 100-prozentig, wie sie sollte. Seitdem ist es so, dass ich manchmal ein wenig anfälliger bin. Die Verletzungen betreffen meistens die Leistengegend. Das sind dann Auswirkungen von der Hüftgeschichte, die ich habe.

Sind das dann hauptsächlich Überlastungserscheinungen?

Ja. In den vergangenen Saisons habe ich mich immer verletzt, wenn die Belastung zu groß wurde. Da reicht dann eine blöde Bewegung, die meine Hüfte eigentlich nicht mehr zulassen möchte, plötzlich rumpelt dir dann einer rein, schon passiert es doch. Aber das weiß ich und habe es halbwegs vernünftig im Griff.

Sie sind jetzt Kapitän einer doch recht jungen Mannschaft. War das ein Traum, der sich vielleicht über die Jahre entwickelt hat, diese Funktion irgendwann mal auszuführen?

Mir macht das schon Spaß. Und ich finde auch den Weg, den der SCR mit George Kink geht, sehr gut. Ich bin auch bereit, alles, was ich weiß, an die Jungen weiterzugeben. Die nehmen das super an. Unser Ziel muss sein: Wenn der Uli (Maurer, Anm.d.Red.) oder ich aufhören, müssen andere das Ruder übernehmen.

Der SCR in der Oberliga, ist das eine Konstellation, die in Ihren Augen passt. Oder denken Sie, der Klub gehört doch eine Liga höher?

Für die momentane Situation ist die Liga genau richtig für den SCR. Mittel- bis langfristig sehe ich den Klub wieder in der Zweiten Liga. Das wäre sicher auch möglich, aber mit Blick auf die Entwicklung der Spieler sind wir in der Oberliga richtig aufgehoben.

Es gibt viele Möglichkeiten, wie eine nächste Saison aussehen könnte. Man weiß bisher nicht, was kommt. Wenn das Ganze sich lang hinauszögert, wie wäre das für die Spieler? Sie sind ja in diesem Fachbereich jetzt auch ein bisschen drin.

Das Problem ist einfach, dass wir saulang vom Eis weg sind. Das Fit-Halten ist kein Problem, das kann jeder privat machen. Da geht’s eigentlich nur um die Eigenmotivation. Anders ist es mit den Bewegungen auf dem Eis: Wenn die fehlen, wenn du mal ein halbes oder dreiviertel Jahr vom Eis weg bist, dauert das umso länger.

Das könnte vor allem für die jüngeren Spieler schwierig sein.

Das denke ich auch. Aber das Gute ist, dass die meisten schon seit zwei, drei Jahren mit Axel trainieren. Er hat sie schon so gut geimpft, dass sie wissen, was sie machen können.

Stephan Wilhelm hat, als er sich verabschiedete, ja noch einmal in Mittenwald gespielt, weil er das seinem besten Spezl versprochen hatte. Haben Sie auch so eine Absprache für ihr mögliches Karriereende?

(lacht) Oh, nein, da hab’ ich gar nichts ausgemacht. Mittenwald ist immer noch mein Heimatverein, und dort habe ich Eishockeyspielen gelernt. Aber Stand jetzt, wenn ich beim SCR aufhöre, dann ist Schluss. Dann komme ich vielleicht noch zu den Alten Herren beim EVM, einmal in der Woche, das macht sicher riesig Spaß. Aber Auswärtsspiele und solche Geschichten, die brauche ich dann nicht mehr.

Wenn Sie einen Wunsch für die nähere Zukunft äußern dürften, welcher wäre es?

Mein größter Wunsch wäre, dass sich die Geschichte mit der Pandemie so beruhigt, dass es für die Leute in der Region soweit passt, dass keiner in eine Notlage gerät, aus der er nicht mehr herauskommt. Dass sich das Geschäfts- und Privatleben so normalisiert, wie es halt geht. Weil das im Umkehrschluss heißen würde, dass eine Eishockeysaison vielleicht wieder im normalen Rahmen beginnen könnte. Das hätte für alle einen Nutzen.

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