Spielen mit Hund Benny: Sepp Lehner vertreibt sich die Zeit mit Spaziergängen am Philosophenweg.

Der geborene Kapitän

Garmisch-Partenkirchen - Große Eishockey-Spieler hat der SC Riessersee vieler hervorgebracht. Zu denen muss sicherlich Sepp Lehner gezählt werden, der nach dem Gewinn der Oberligameisterschaft seine Karriere beendet hat. Einer wie er, der immer den geraden Weg gegangen ist, wird fehlen.

von Peter Reinbold

Garmisch-Partenkirchen - So entspannt hat man Sepp Lehner selten erlebt. Der Mann ist mit sich im Reinen, weil er „weiß, dass ich alles richtig gemacht habe - im Leben und im Sport“. Und weil er eine Last losgeworden ist, die für ihn bis zuletzt eine Lust war. Vor fünf Tagen hat der 39-jährige Kapitän des SC Riessersee während der Skispitzen in der Bayernhalle öffentlich gemacht, was er wenige Stunden zuvor SCR-Manager Ralph Bader mitgeteilt hatte. Der Eishockeyspieler Lehner ist Geschichte. „Ich höre auf. Mit dem Gewinn der Oberliga-Meisterschaft hatte ich den perfekten Abschluss.“ Der Entschluss, die 22 Jahre dauernde Profi-Laufbahn zu beenden - er kam nicht plötzlich und passierte auch nicht aus dem Bauch heraus, er ist das Ergebnis eines Prozesses, das reiflich überlegt ist. „Mir war seit dem Ende der Oberliga-Zwischenrunde klar, dass diese Saison meine letzte sein wird.“

Der SCR hat viele große Spieler hervorgebracht. Mit Lehner verlässt der Mister SC Riessersee der vergangenen 15 Jahre die Eishockey-Bühne. Trainer charakterisieren ihn als Musterprofi, der für seinen Sport lebte, immer großen Wert auf seine Fitness legte, Mitspieler orientierten sich an ihm, er war in jedem Team, in dem er stand, der Leitwolf. Ihn zeichnet eine natürliche Autorität aus, die ihn dazu befähigte, in jeder Mannschaft zum Kapitän aufzusteigen. „Ich habe immer ehrlich meine Meinung geäußert. Ich habe Trainern und Vorständen gesagt, was ich denke. Vielleicht bin ich Kapitän geworden, weil wir Partenkirchner das zwiderne Gen in uns tragen“, scherzt er.

Partenkirchner ist Lehner mit Leib und Seele, dort besitzt er ein Haus, dorthin wollte er immer wieder zurück - auch als er bei den Berlin Capitals oder in Straubing spielte. Die Zeit in Berlin hat ihn reifen lassen - als Sportler und als Menschen. Als 20-Jähriger hatte er sich aus dem beschaulichen Garmisch-Partenkirchen in die pulsierende Vereinigungs-Hauptstadt Berlin aufgemacht. Der junge Mann, für den die „Mama alles erledigt hatte“, musste plötzlich selbstständig sein, auf eigenen Füßen stehen. Nach den ersten Wochen wollte er wieder heim und ist heute froh, „dass Berlin damals so weit weg war von Zuhause“.

Der Spieler Lehner nahm eine Entwicklung, die ihn in die erste Garde der deutschen Verteidigergilde katapultierte. In seiner zweiten Saison erzielte er 14 Tore und schaffte den Sprung in die Nationalmannschaft, und er erhielt einen besser dotierten Vertrag. Damals legte er den Grundstein für seinen Ruf, ein gefürchteter Scharfschütze zu sein. „Zu der Zeit konnte man als deutscher Spieler richtig gut Geld verdienen“, räumt er ein. Das Bosman-Urteil bereitete den sportlichen und finanziellen Höhenflügen ein jähes Ende. Die Flut ausländischer Profis halbierte die Jobs und die Gehälter der Deutschen. Den damals 25-Jährigen hielt 1997 nichts mehr in Berlin, es zog ihn zurück zum SC Riessersee. Dort wollte er bleiben - für immer. Ein dunkles Kapitel in der SCR-Geschichte machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Die dubiosen Machenschaften von Ludwig Nominikat und Joachim Kress trieben den SCR in die Insolvenz, Lehner versuchte für das Team zu retten, was nicht zu retten war. „Ich bin mehr am Telefon gesessen als auf dem Eis gestanden. Es war nicht förderlich, dass wir auf der Fahrt zu einem Spiel erfahren hatten, dass unsere Autos abgeholt worden waren“, erinnert er sich.

Alles Dinge, die ihm damals die Lust am Eishockey vergällt hatten. „Ich wollte aufhören.“ Auf Bitten seines Agenten Stefan Metz tat er’s nicht - was sich für ihn als Glücksfall erwies. Lehner wechselte nach Straubing, wo er 2005 seine Frau Ramona kennenlernte, 2006 Zweitligameister wurde und in die Deutsche Eishockey-Liga aufstieg. „Eine schöne Zeit mit großen Erfolgen. Straubing ist ein ausgezeichnet geführter Verein.“ Jedoch war für ihn immer klar, dass er in Partenkirchen leben möchte. Das hatte er seiner damaligen Freundin, als sicher war, dass man zusammenbleibe wolle, schnell klar gemacht. „Da hat sich die Rückkehr zum SCR angeboten.“

Jetzt war es Zeit, auch bei seinem Heimatclub auf Wiedersehen zu sagen. Für ihn beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Am 1. August tritt er eine Stelle beim Kaffeautomaten-Hersteller Macchiavalley an. Eishockey rangiert deshalb - zunächst einmal - an zweiter Stelle. „Der Job hat absoluten Vorrang.“ Deshalb hat er auch SCR-Manager Bader einen Korb gegeben, der seine Fähigkeiten nutzen wollte. „Ich brauche Abstand. Wie’s in zwei Jahren ausschaut, ist ein anderes Thema.“ Auch ein Abschiedsspiel, das ihm Bader angeboten hat, lehnt er ab. „Aber ich werde versuchen, ihn umzustimmen“, sagt Bader, der auch weiterhin Lehners Rat einholen möchte.

Und das geplante Vorhaben Baders, seine Nummer, die 19, nicht mehr zu vergeben, sieht er skeptisch. „Spieler brauchen Vorbilder. Ich habe die 19 genommen, weil damals Ignaz Berndaner mein Vorbild war.“ Dem Wunsch will Bader entsprechen, allerdings mit Auflagen für den, dessen Trikot mit der Nummer beflockt werden soll. „Die kriegt nicht jeder, die muss man sich verdienen.“

Zugeflogen ist auch einem Sepp Lehner nichts. Er musste sich alles hart erarbeiten. Als Florian Storf, den er zu Jugendzeiten als einen „Tick besser als ich“ beschreibt, im ersten Profijahr mehr Einsatzzeit erhielt, war „ich fix und fertig“. Erst ein Gespräch mit dem damaligen Trainer Franz Reindl brachte ihn auf den richtigen Weg. „Ich habe begonnen, Krafttraining zu machen. Das hat sich ausgezahlt.“ Was zur ganz großen Karriere gefehlt hat? Lehner weiß sich und seine Fähigkeiten einzuschätzen. „Ich war auf den ersten Metern zu langsam. Das war meine große Schwäche. Hätte das gestimmt, hätte ich eine Karriere wie Mirko Lüdemann machen können.“ Die, die Lehner hingelegt hat, kann sich ebenfalls sehen lassen.

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