Die Riesserseer Peter Gailer, Hans Konstanzer, Ferdinand Strodl und Franz Reindl bejubeln einen Treffer.
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Keine Seltenheit in der Saison 1980/1981: (v.l.) Die Riesserseer Peter Gailer, Hans Konstanzer, Ferdinand Strodl und Franz Reindl bejubeln einen Treffer. Hier war es einer beim 3:1-Sieg am 14. November 1980 über den ärgsten Konkurrenten in der Hauptrunde, den Kölner EC.

DER LETZTE DM-TITEL, TEIL I - Franz Reindl erinnert sich gerne an die Saison 1980/1981 mit dem SCR

Pass-Skandale, Playoffs und Psychospielchen

  • vonPatrick Hilmes
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40 Jahre ist es her, da wurde der SC Riessersee zum zehnten Mal Deutscher Eishockey-Meister. Das Tagblatt widmet sich mit einer vierteiligen Serie diesem bisher letzten Titel der Weiß-Blauen. In Teil eins blickt Franz Reindl auf die gesamte Saison 1980/1981 zurück, in der die drei P’s – Pass-Skandale, Playoffs und Psychospielchen – ganz entscheidende Rollen gespielt haben.

Garmisch-Partenkirchen - Die Erwartungen waren keine besonderen. Vom Titel sprach beim SC Riessersee vor der Saison niemand. Die Großen – Berliner SC, Düsseldorfer EG, Mannheimer ERC, Kölner EC – waren größer, zu groß für den SCR. „Da steckte big money hinter“, betont Franz Reindl. Die Riesserseer Buam stammten allesamt aus der Region. Plus die beiden Kontingentspieler Vladimir Dzurilla (Tschechien) und Doug Gibson (Kanada). Dann war da noch Ernst Höfner aus Augsburg, „aber den haben wir ja quasi eingebürgert“. Zudem hatte der SCR zu bedeutende Spieler nach der Vorsaison verloren. „Bob Murray, Martin Wild, Murray Heatley – da waren einige Granaten dabei“, erinnert sich Reindl. Das verbliebene Team voller Einheimischer wurde mit sieben Spielern aus dem eigenen Nachwuchs aufgestockt und peilte Platz sechs an.

Dzurilla und der Doktor

Genau in diesem Rahmen pendelten sich die Weiß-Blauen zunächst ein. Zwischen Platz fünf und sieben. Doch nach und nach entwickelte sich etwas, die Mannschaft wuchst zusammen. „Das waren einzelne Mosaiksteine, die passten dann perfekt zueinander.“ Die Basis, den Grundpfeiler bildete Dzurilla. Der Ausnahme-Goalie, der seiner Zeit voraus war. Der Inbegriff der Verzweiflung für diverse Stürmer. Reindl sagte einst über den Tschechen: „Hat er einen guten Tag, brauchst du bei Kontern nicht zurückzulaufen.“ Den Taktstock schwang an der Seite der Doktor, Jano Starsi. „Einer der besten Trainer, die ich je hatte.“ Stratege und Gentleman zugleich. „Kein Schimpfwort, er war edel.“ Starsi verfügte nicht nur über das essenzielle Eishockey-Denken. Er wusste auch, wie wichtig Regeneration war, teilte die Eiszeiten ein, genaustens auf jeden Einzelnen zugeschnitten.

Die ersten Playoffs des deutschen Eishockeys

Nach 22 Spieltagen stand der SCR plötzlich da, wo ihn keiner und er sich selbst auch nicht gesehen hatte: auf Platz eins. Das Schlüsselerlebnis für Reindl. Jetzt wusste er: Es ist mehr möglich, es ist sogar alles möglich. „Das war so ein überragender Haufen.“ Das Duell der restlichen Hauptrunde hieß: SCR gegen Köln. Am Ende siegte Garmisch-Partenkirchen – Platz eins mit neun Punkten Vorsprung. Normalerweise hätte die Meisterfeier gefolgt. Doch in dieser Saison war alles anders. Erstmals in der Geschichte des deutschen Eishockeys wurde der Deutsche Meister in Playoffs ermittelt.

Nicht jeder konnte sich mit diesem neuen Format anfreunden, insbesondere die Fans hielten es für ungerecht. Tenor: Eigentlich ist doch der SCR schon Meister! „Doch gerecht ist es nur, wenn du am Ende gewinnst.“ Reindl und seine Teamkollegen nahmen die Playoffs als Extra-Motivation, wollten es allen einfach nochmals zeigen. Der Druck dabei war ein gänzlich anderer, K.o.-Spiele kannte ja niemand von ihnen. Das galt aber ebenso für alle Mannschaften.

Passfälschungen stellen alles auf den Kopf

Doch bevor es losging, wurde die Liga von zwei Skandalen erschüttert. In Landshut und Duisburg hatte man Pässe gefälscht. Ausländische Spieler waren als Deutsche aufgelaufen. Mehr als zwei Kontingentspieler durfte aber kein Verein aufstellen. Die Konsequenz: Landshut wurden zwei Punkte abgezogen, Duisburg gar 17. Diese Zähler wandern auf die Konten der anderen Teams. Die Tabelle schaute gänzlich anders aus. Anschließend starteten die Playoffs im Modus best-of-three. Riessersee traf auf Kaufbeuren und hatte mit den Allgäuern keinerlei Probleme – 8:3, 4:3. Alles war angerichtet für das Halbfinal-Duell mit Mannheim. Der SCR hatte Heimrecht, für das erste Spiel waren bereits 6000 Karten verkauft, in Mannheim 15 Busse für die Fahrt nach Garmisch-Partenkirchen reserviert. Doch die Motoren starteten nicht.

Auch in Köln kamen Passfälschungen ans Tageslicht. Die Rheinländer verloren 22 Punkte, flogen aus den Playoffs und sämtliche Viertelfinal-Partien wurden annulliert. Alles auf Anfang. Dabei stand der SCR doch schon im Halbfinale! Die Riesserseer mussten schlucken, verbuchen es jedoch erneut unter dem Punkt Extra-Motivation. „Wir sagten uns: Die können fälschen, was sie wollen, wir sind besser. Wir machen es auf dem Eis, die anderen im Hinterzimmer. Wir brauchen keine Tricksereien.“

Wird oft auf die Saison 80/81 angesprochen: Franz Reindl, früher Top-Scorer des SCR, heute DEB-Präsident.

Heute hat der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes solche Probleme nicht mehr. „Zum Glück. Heute arbeiten die Vereine wesentlich solider. Auch manche Zahlungsmodalitäten waren damals, sagen wir mal, nicht ganz regelkonform“, erzählt er schmunzelnd. Aber damals war eben vieles anders, die Welt, wie auch das Eishackl’n.

Dafür mussten wir die Mittel einsetzen, die Jano nicht sehen wollte, die aber bei uns Wurzeln haben.“ 

Franz Reindl

Viertelfinale Nummer zwei wurde ebenso schadlos überstanden, der EV Füssen mit 6:4 und 3:1 aus den Playoffs befördert. Im Halbfinale wartete dann der Berliner SC. Der Hauptrundenvierte, der dennoch als heißer Meisterschaftsanwärter galt. „Das war eine überragende, außergewöhnliche Mannschaft.“ Wie schlägt man so ein Team? Wie kann der kleine SCR den großen Hauptstadtklub nur bezwingen? „Dafür mussten wir die Mittel einsetzen, die Jano nicht sehen wollte, die aber bei uns Wurzeln haben.“ Heißt: Der Gentleman-Style wich, es ging schmutzig, härter zu. Wie teils im Training, wobei Training in diesem Fall nicht das richtige Wort ist. An jedem Dienstag spielten die Riesserseer ihren eigenen Stanley-Cup aus. Die einzelnen Blöcke traten gegeneinander an. Es ging um Punkte, Geld, Ehre und eben den nachgebildeten NHL-Pokal in Mini-Format. Geleitet wurden die Spiele von den klubeigenen Schiedsrichtern. Die brauchte es auch, denn „es wurde immer giftiger“. Das Prestige war beinahe genauso hoch wie in den Ligapartien. „Uns hat es gepusht und zusammengeschweißt.“

Das Problem mit den Brezn

Doch wie hat der Trainer auf die schmutzigere Spielweise reagiert? „Er hat drüber hinweggesehen, weil es zum Erfolg geführt hat.“ 5:3 siegte der SCR in Spiel eins daheim gegen Berlin. Es folgte ein 3:4 im stimmungsgeladenen Hauptstadt-Stadion. Ein Grund für die Pleite: „Wir haben vor lauter Rauch das gegnerische Tor nicht mehr gesehen.“ Zurück zu Hause haben sich die Spieler lieber daheim verkrochen. „Der ganze Ort war eine heiße Blase.“ In Ruhe durch die Fußgängerzone schlendern? Nicht möglich. Sich beim Bäcker eine Brezel holen? Kam auf das vorherige Spiel an. „Wenn du verloren hast, hättest du gar keine Brezn bekommen“, erzählt Reindl lachend. Nach dem dritten Halbfinal-Spiel war das kein Problem mehr. Der SCR gewann daheim 4:2 und schaltete Berlin aus.

Vorsicht vor dem Policeman

Entscheidend in all diesen K.o.-Duellen waren auch die kleinen Psychospielchen der Weiß-Blauen. Die fingen bereits vor der jeweiligen Partie an. Die Pucks wurden in Eimern den beiden Mannschaften hingestellt. Im Olympia-Eissportzentrum war der Behälter des Auswärtsteams aber nie ganz so sehr gefüllt wie der des SCR. „Peter Gailer hat die zu der Zeit immer „gerecht“ verteilt.“

Damit nicht genug. In Garmisch-Partenkirchen überquerte man als Gästeakteur besser nicht vor dem Spielbeginn die Mittellinie. Ansonsten lag man schnell auf dem Eis oder fand sich in einer Schlägerei wieder. Hintergrund: Beim SCR kontrollierte ein „Policeman“, wie ihn Reindl nennt, die rote Linie. In Saison 80/81 war das Gerhard Schaaf – Anfang 20, 1,91 Meter groß, fast 100 Kilogramm schwer. In manchen Partien hatte er sogar noch breitere Schultern als eh schon. Der Grund: Schaaf trug teils einen Football-Brustpanzer sowie einen Football-Helm. „Der hat dann dort den Mächtigen gemacht.“ Wenn einer die rote Linie überquerte – zum Beispiel, wenn keine Pucks mehr in der eigenen Hälfte waren – krallte sich Schaaf den Spieler. „Da kannst du dich nicht mehr gscheid warmmachen.“ Heute sind derartige Psychospielchen unvorstellbar. „Das ist auch gut so, das war über der Grenze. Ich bin froh, dass sich der Sport so entwickelt hat, wie er heute ist.“ Aber damals hat man alles gemacht, um sich irgendwie einen mentalen Vorteil zu verschaffen.

Der Zusammenhalt ist der Schlüssel

Doch nicht nur deshalb stand der SCR 1981 im Finale. Der Hauptgrund war der Zusammenhalt. Kein böses Wort untereinander, keine Missgunst, keine Eifersucht, kein Gemeckere, wenn mal etwas nicht funktioniert. „Jeder hat seine Rolle zu 100 Prozent ausgefüllt.“ Reindl beschreibt diese Saison als Gipfel seiner Karriere. Der Gipfel der Playoffs folgte aber noch...

So geht es weiter

In Teil zwei der Serie, der am 18. März erscheint, dreht sich alles um die erste Final-Partie des SC Riessersee gegen die Düsseldorfer EG. Max Fink, zu der Zeit zweiter Goalie des SCR, blickt zurück.

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