+
Thomas Fahlenbach (l.) und Sybil Danning

Eishockey

Von Eisprinz bis Hollywood-Queen: Die Pleiten des SC Riessersee

  • schließen

 Der SC Riessersee hat Tradition. Mehr als die meisten Eishockey-Vereine dieses Landes. Er feierte zehn Titel, fiel aber danach tief. Wir erinnern an die bittersten Stunden.

1987: Erst der sportliche Sturz, dann der finanzielle

Vielleicht hätte sich Udo Weisenburger die Geschichte von Ernst Kraus anhören sollen, die seiner eigenen gleicht. 1983 steigt der Hausbau-Unternehmer und ehemalige Rennfahrer als SCR-Boss ein. Schon damals belasten hohe Schulden die Abteilung. Mit seinem Geld finanziert Kraus den Bundesligisten, hält ihn am Leben. Vier Jahre später steigt der Verein als letzter der drei großen bayerischen Traditions-Klubs aus der Ersten Liga ab. Nach dem sportlichen Fiasko folgt das finanzielle. Auf rund 720 000 Mark beziffert der SCR die Ausstände 1987. Kraus sagt damals: „Der SCR ist aufgrund seiner Umfeldbedingungen, das heißt kleiner Ort, kein Hinterland, keine Industrie, nicht in der Lage, eine Bundesliga-Mannschaft in der heutigen Struktur des deutschen Eishockeys zu finanzieren.“ Bei der Jahresversammlung tritt Kraus ab. Ihm folgt Urs Zondler, ein Schweizer Millionär mit markigen Sprüchen. Ein Jahr später wird das Konkursverfahren eröffnet. Drei Jahre tritt der SCR unter Konkursverwaltung und dem Zusatz i.K. im Vereinsnamen in Liga zwei an. Retter damals: Franz Reindl, der als Trainer und Manager ein Team aus lauter Einheimischen zusammenstellt und coacht. 1993 steigt der SC Riessersee in die Oberliga ab – mit immerhin einer positiven Nachricht: Das Gericht hebt das Konkursverfahren auf.

1996: Der Eisprinz und seine ergaunerten Millionen

Manche sagen, Thomas Fahlenbach habe das Blaue vom Himmel herunter versprochen. In Wirklichkeit war es noch viel mehr. Sagenhafte 36 Prozent Zinsen stellte er seinen Geldanlegern in Aussicht. Über 1000 Gutgläubige vertrauten ihm ihr Geld an. Gesamtsumme: über 70 Millionen Mark. Fahlenbach finanzierte sich ein Leben im Luxus mit Villa, Jacht, 21 Nobelautos – und einem Eishockey-Team in der DEL. 1994 stieg er mit seiner Procunia AG beim SC Riessersee ein. Als Hauptrundenmeister der 1. Liga Süd scheiterte die Mannschaft erst im Halbfinale. Dennoch ergatterte Fahlenbach mit den erschlichenen Millionen eine DEL-Lizenz, stellte ein viel zu teures Team zusammen, das sich sogar auf einem Playoff-Platz hielt. Doch vor der Meisterrunde stieg Fahlenbach im März 1996 aus. Sein Kartenhaus an Lügen war zusammengebrochen. 100 Millionen Mark Schulden soll seine Firma angehäuft haben. 1998 wurde der „Eisprinz von Garmisch-Partenkirchen“, wie sie ihn in der Gegend nannten, zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Obwohl kein Profi mehr sein Gehalt erhielt, trat der SCR weiterhin an. Nach dem Playoff-Aus gegen Düsseldorf folgte der finanzielle Kollaps. Erstmals in seiner Geschichte meldete der Verein Insolvenz an. Im Sommer 1996 entschied der Vorstand um Karl Ostler, den wirtschaftlichen Betrieb vom Verein abzutrennen und eine GmbH zu gründen.

2003: Die Hollywood-Queen und ihre dubiosen Mitstreiter

Horst Lasse (r.) und Ludwig Nominikat

Aus dem SC Riessersee wird der SC Hollywood: Die österreichische Schauspielerin Sybil Danning und ihr Mann Horst Lasse, ein Garmisch-Partenkirchner, der in den USA lebt, steigen 2002 als Gesellschafter ein. Der neue Geschäftsführer Ludwig Nominikat hatte sie angeworben. Das Trio setzt sich ein Ziel: Zurück zu alten Glanzzeiten. Nach einer Saison, die mit dem Vize-Titel endet, möchte Lasse in die DEL. Er darf aber nicht und steigt aus. Hinterher stellt sich heraus: Der Unternehmer – angeblich Multi-Millionär – war gar nicht solvent. Auf ihn folgt Jochen Kress. Von dem weiß man, dass er einmal in einer weißen Villa am Starnberger See gelebt hat und 2001 wegen Steuerbetrugs verurteilt worden ist. Er verkündet, den SCR zum „Real Madrid des Eishockeys“ zu machen. Das Duo Infernale stellt ein sündhaft teures Team zusammen. Ende Oktober protestieren die Fans. Kress fliegt raus, Nominikat sperrt zu, nachdem Mitte November 2003 die AOK Insolvenzantrag gestellt hatte. Der SCR soll Verbindlichkeiten in Höhe von 700 000 Euro haben.

2010: Rückzug und Sanierung in der Oberliga

Ralph Bader

Alles träumt 2010 vom großen Derby. SC Riessersee gegen EHC München – dieses Duell winkt im Viertelfinale. Dafür müssen die Werdenfelser aber in den Pre-Playoffs den ESV Kaufbeuren schlagen. Sie verlieren. Gleich nach dem Aus legt Ralph Bader die Schieflage offen. Etwa 200 000 Euro Verbindlichkeiten nennt der Geschäftsführer. Die Personalkosten waren einfach zu hoch. Bader arbeitet an einer Rettungsaktion, an der sich unter anderem Olympiasiegerin Maria Riesch und viele SCR-Legenden beteiligen. Allerdings reicht die Summe bei Weitem nicht aus, um die Ausstände zu begleichen. Der SC Riessersee bewirbt sich zwar für eine Zweitliga-Lizenz – allerdings im Wissen, keine zu erhalten. Für den Traditionsklub geht es in der Oberliga weiter. Bader überredet die Fan-Lieblinge wie Tim Regan, Hardi Wild oder Josef Lehner weiterzuspielen. Mit ihnen stürmt der SCR an die Spitze der Oberliga und baut seine Schulden in dieser Spielzeit ab.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Miguez und Ehliz bleiben dem SCR treu
Nach der Saison ist vor der Saison beim SC Riessersee. Die Kaderplanung für die kommende Oberliga-Spielzeit ist in vollem Gange. Nach Uli Maurer und Silvan Heiß haben …
Miguez und Ehliz bleiben dem SCR treu

Kommentare