Bei der 1c-Mannschaft des TEV Miesbach hilft David Keckeis (r.) gerne aus, wenn mal Not am Mann sein sollte – neben seinem Studium und der Arbeit in der Geschäftsstelle.
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Bei der 1c-Mannschaft des TEV Miesbach hilft David Keckeis (r.) gerne aus, wenn mal Not am Mann sein sollte – neben seinem Studium und der Arbeit in der Geschäftsstelle.

EISHOCKEY - David Keckeis zu den Problemen und Chancen des deutschen Eishockeys

„Die Kluft wird größer“

  • vonThomas Spiesl
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Seit 2019 sitzt David Keckeis in der Geschäftsstelle des TEV Miesbach. Der 26-Jährige legte kürzlich seinen Master in Sportmanagement ab und schrieb in seiner Master-Arbeit über „Die Struktur des deutschen Eishockey-Nachwuchses“.

Miesbach – Im Gespräch mit der Heimatzeitung blickt Keckeis über die Vereinsgrenzen hinaus und schildert die Erkenntnisse seiner wissenschaftlichen Analyse. Zudem spiegelt er diese auf den TEV wider, für den er auch in den nächsten beiden Jahren das Bayernliga-Team managen und verschiedene Projekte in der Geschäftsstelle leiten wird.

Herr Keckeis, können Sie die Inhalte und Ergebnisse Ihrer Arbeit in ein paar Sätzen zusammenfassen?

Der Ansatz war es, den Ist-Zustand des deutschen Nachwuchs-Eishockeys abzubilden und im internationalen Vergleich einzuordnen, welchen Stellenwert das Eishockey in Deutschland hat. Ich habe mir die Struktur vom Profi- über das Amateur- bis zum Hobby-Eishockey angeschaut und mit anderen Systemen, zum Beispiel dem Eishockey in der Schweiz oder dem deutschen Fußball-Nachwuchs verglichen. Die Arbeit besteht aus vier Säulen: dem Ist-Zustand, dem Stellenwert, der Struktur und den Maßnahmen. Das Ganze habe ich dann eingeordnet. Zum Beispiel hat sich das deutsche Olympia-Silber 2018 schnell relativiert, da die Top-Spieler vieler Nationen zu dieser Zeit in der NHL aktiv waren und die Qualität des olympischen Turniers daher nicht so hoch war. Im Rahmen der Arbeit habe ich Interviews mit Experten wie Rene Rudorisch, dem Geschäftsführer der DEL2, Frank Butz, dem Eishockeyobmann des BEV, Rick Böhm, der im Rosenheimer Nachwuchs tätig ist, und den Verantwortlichen des TEV geführt.

Gehen wir etwas ins Detail. Wie ist der aktuelle Zustand des deutschen Nachwuchs-Eishockeys?

Seit 2015 das Projekt ‚Powerplay 26’ vom Deutschen Eishockey-Bund (DEB) eingeführt wurde, hat sich die Nachwuchsarbeit verbessert. Es gibt mehr Nachwuchs-Spieler und mehr Aktive im Senioren-Bereich. Deutschland hat in der Spitze zu den Top-Nationen aufgeholt. Allerdings fehlt es immer noch an der Breite. Zum Beispiel haben es heuer drei deutsche Spieler in den NHL-Entry-Draft geschafft. Jedoch sind aus Schweden oder Finnland deutlich mehr Spieler in den Top-Ligen.

Wie ist der aktuelle Stellenwert des Eishockeys in Deutschland?

David Keckeis

Die mediale Präsenz fehlt fast vollständig, da es kein Free-TV-Angebot mehr gibt. Wer Eishockey sehen möchte, der muss dafür bezahlen. Und wenn im Free-TV über Eishockey berichtet wird, dann zumeist negativ. Schuld daran sind zum Beispiel die ständigen Insolvenzen – oder die Probleme mit alten Eisstadien. Das führt im Mix nicht unbedingt zu einem positiven Image des Eishockeys in Deutschland. Vor zehn Jahren war Eishockey hinter König Fußball noch die Nummer zwei. Inzwischen ist man hinter Randsportarten wie Basketball oder Handball zurückgefallen.

Was sind in Ihren Augen die Gründe dafür?

Neben dem negativen Image fehlen dem deutschen Eishockey Identifikationsfiguren wie Uwe Krupp. In der DEL und der DEL2 gibt es keine echte Ausländerbeschränkung, wie zum Beispiel in der Schweiz. Dadurch haben es einheimische Spieler meist schwer, es in die Profi-Ligen zu schaffen. Und wenn sie es schaffen, dann zumeist nur als Auffüll-Spieler in der vierten Reihe. Bei vier Ausländern weniger wäre die Qualität der Liga zwar etwas schlechter, dafür gäbe es mehr deutsche Spieler in den Top-Ligen, ohne dass es die Zuschauer wirklich merken würden.

Gehen die Maßnahmen und Konzepte des DEB denn wenigstens in die richtige Richtung?

Die Aktionen wie ,Powerplay 26’, das Fünf-Sterne-Konzept oder der ,Womens Hockey Day’ sind im Grundsatz gut, werden aber nicht flächendeckend vermarktet. In den Profi-Ligen sind diese Konzepte gut und wirkungsvoll, in der Breite werden die Vereine weiter unten jedoch vernachlässigt. Am TEV geht das ,Powerplay 26’ zum Beispiel fast komplett vorbei. Durch das Fünf-Sterne-Konzept hat der DEB etwas an Richtlinienkompetenz zurückgewonnen, die Kommunikation bis in die Landesligen ist besser geworden. Für Vereine wie den TEV ist das aber schwer umsetzbar.

Woran liegt das?

Die Konzepte sind universell und nicht individuell angepasst. Nicht jeder Verein kann eine zweite Eisfläche bauen oder vier hauptamtliche Nachwuchstrainer beschäftigen. Finanzielle Mittel aus dem Nachwuchsförderfonds werden zudem nur bis zur Oberliga ausgezahlt. Der DEB hat jetzt aber bereits damit angefangen, Experten in die Vereine zu schicken, um gemeinsam zu versuchen, eine bessere Infrastruktur für den Nachwuchs aufzubauen.

Das schlechte Image liegt sicher auch an den komplizierten Strukturen und Regularien, oder?

Das stimmt. Die Struktur ist in Deutschland einfach nicht einheitlich. Oft sitzen zu viele Interessen an einem Tisch, wodurch Konflikte entstehen. Der DEB ist zuständig für die DNL und die Oberligen, die DEL und DEL 2 sind in eigenständigen Betriebssportgesellschaften organisiert. Für alles darunter fühlt sich der DEB nicht zuständig und überlässt es den Landesverbänden. Hinzu kommen undurchsichtige Regelungen für Auf- und Abstieg und ein ständig wechselnder Modus. Das wirkt sich negativ auf das Image aus. Wenn man in die Schweiz blickt, gibt es ein einheitliches Konzept vom Profi- bis zum Breitensport. Schon im Nachwuchs wird in drei Stufen aufgeteilt: die Elite, die Top-Liga und die Hobby-Ligen. Eine solch klare Struktur hat der DEB leider nicht.

Was hat sich denn beim TEV in Sachen Nachwuchs-Arbeit in den vergangenen Jahren getan?

Vor zehn Jahren gab es noch gar keinen hauptamtlichen Nachwuchs-Trainer. Als ich nach Miesbach gekommen bin, war es einer. Inzwischen sind es bereits zwei. Das ist ein wichtiger Schritt, denn diese Trainer leiten nicht nur die Trainings auf dem Eis, sondern entwickeln auch eine Struktur für die Zukunft. Neben Trainersitzungen und Trainingsplänen geht es darum, eine Grundidee vom Eishockey zu entwickeln, die man im Verein spielen möchte. Wir sind davon noch ein Stück weg, weil man brutal viel Geld in den Nachwuchs investieren muss.

Warum?

Das liegt daran, dass Eishockey ein teurer Sport ist. Beim Fußball kaufe ich meinem Kind Fußballschuhe, und es geht los. Beim Eishockey braucht man Schlittschuhe und eine Ausrüstung. Außerdem sind die Eiszeiten teuer. Grundsätzlich ist der TEV aber gut aufgestellt. In der U17 gibt es ein kleines Loch mit zwei schwächeren Jahrgängen, aber darunter schaut es ganz gut aus. In der U7 wurde in letzter Zeit viel Akquise geleistet – das zahlt sich auch aus. Für die Zukunft ist der TEV in der Breite gut aufgestellt, aber der Standort mit Bad Tölz und Rosenheim als Nachbarn spielt uns nicht unbedingt in die Karten. Ein Talent wechselt da schnell den Verein, um es beispielsweise in die DNL zu schaffen. Beim TEV sollten wir uns auf die Basis und die Grundlagen besinnen und Strukturen aufbauen, um gute Eishockey-Spieler für die eigene Erste Mannschaft auszubilden. Ausreißer nach oben wie die Eder-Brüder, die jetzt in der DEL spielen, wird es immer geben. Aber das Ziel muss es sein, eine einheitliche Struktur zu finden, die man für den gesamten Verein nutzen kann.

Was hat sich durch Corona an der Nachwuchs-Arbeit verändert?

Die aktuellen Auflagen sind eher ein Vorteil für die großen Klubs, die viele DEB- und Landeskader-Spieler haben, da diese auch jetzt weitertrainieren dürfen. Die Spieler, die noch nicht soweit sind, haben Pause und können nichts machen. Ich befürchte, dass Kinder aufhören könnten, weil sie den Anschluss verlieren. In Tölz trainieren zum Beispiel etwa 30 Kader-Spieler. Bei uns sind es momentan acht. Die Kluft zwischen Spitze und Breite wird eher größer, vor allem wenn sich die Pandemie über diesen Winter hinaus ziehen sollte.

Beim TEV hat sich trotz der Einschränkungen zuletzt viel getan. Hat Corona so vielleicht sogar seine guten Seiten?

Nicht nur beim TEV, sondern auch in der Gastronomie und in anderen Branchen gibt es jetzt vermehrt Digitalisierungslösungen. Ideen, die man schon länger in der Schublade hatte, wurden durch die Pandemie angestoßen. So haben wir beim TEV heuer ein Online-Ticketing und die Übertragung unserer Heimspiele per Stream über Sprade TV eingeführt. Wie so oft macht die Not erfinderisch. Die Pandemie hat bewirkt, dass wir uns beim TEV im digitalen Bereich deutlich verbessert haben und Projekte angehen konnten, die sonst parallel zum Spielbetrieb untergegangen wären.

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